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Bernard Cazeneuve alias «le couteau suisse». Bild: VINCENT KESSLER/REUTERS

Darum wird Frankreichs neuer Premierminister «Schweizer Taschenmesser» genannt

06.12.16, 14:12 06.12.16, 14:30

Wieder einmal füllt Bernard Cazeneuve eine Lücke. Der 53-jährige Sozialist war immer dann zur Stelle, wenn Frankreichs Staatschef François Hollande einen plötzlich vakant gewordenen Posten neu besetzen musste.

So hat der diskrete Cazeneuve einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt: Begann er 2012 in Hollandes Kabinett als beigeordneter Europaminister, wurde er nacheinander Budgetminister, Innenminister und jetzt Premierminister. Als «Schweizer Taschenmesser» («le couteau suisse») wird der kleingewachsene Politiker wegen seiner universellen Einsatzfähigkeit halb spöttisch, halb bewundernd bezeichnet.

Kürzeste Amtszeit

Cazeneuve, der den zurückgetretenen Premier Manuel Valls ersetzt, wird wohl nur rund ein halbes Jahr im Amt sein, bis zur Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr. Es wäre die kürzeste Amtszeit eines Premierministers in Frankreichs jüngerer Geschichte.

Doch den Hollande-Vertrauten dürfte das wenig interessieren. In allen Ministerämtern arbeitete er geräuschlos und loyal. Ein grosses Aufheben um seine Person hat er nie gemacht.

Sachlich und resolut

Die Franzosen beeindruckte Cazeneuve während der blutigen Anschlagsserie, die Frankreich ab Anfang 2015 traf, mit seiner unerschütterlicher Ruhe. Nüchtern, sachlich, präzise wandte sich der Innenminister an die Öffentlichkeit. Der etwas altmodisch wirkende Politiker, der gerne Anzüge mit Einstecktuch trägt, wurde als unaufgeregter Krisenmanager gepriesen.

Dabei kann der Hobby-Rosenzüchter hinter verschlossenen Türen auch laut werden. Seine Wutanfälle sind legendär. Als nach dem Pariser Anschlag vom 13. November 2015 mit 130 Toten Streitereien zwischen verschiedenen Polizeieinheiten ausbrachen – die Presse sprach gar von einem «Krieg der Polizei» - schlug Cazeneuve auf den Tisch: «Damit das allen klar ist: Wenn es um die Sicherheit der Franzosen geht, entscheide ich!»

«Man zieht sich nicht aus dem Kampf gegen den Terrorismus und für die Republik zurück – man führt ihn bis zum Ende.»

Bernard Cazeneuve

Zu harten Worten griff der sonst so ruhige Cazeneuve auch in diesem Sommer: Nach dem Blutbad von Nizza am 14. Juli brach ein erbitterter Streit über die Sicherheitsvorkehrungen am Anschlagstag aus.

Den Behörden wurden falsche Angaben und Vertuschungsversuche vorgeworfen, in der Opposition wurden Rücktrittsforderungen gegen den Minister laut. Cazeneuve sprach von einer «niederträchtigen Kampagne» gegen ihn, von «Lügen» und «niederen politischen Manövern».

Einen Rücktritt lehnte der gelernte Anwalt vehement ab: «Man zieht sich nicht aus dem Kampf gegen den Terrorismus und für die Republik zurück – man führt ihn bis zum Ende.»

Wieder Platz von Valls übernommen

Doch nicht nur der Anti-Terror-Kampf hielt den 1963 in Senlis nördlich von Paris geborenen Lehrersohn als Innenminister in Atem: Cazeneuve war auch zuständig für den Umgang mit der Flüchtlingskrise. Zudem bekam er es zuletzt mit wütenden Polizisten zu tun, die nach einer Molotow-Cocktail-Attacke gegen Kollegen bessere Ausrüstung und Arbeitsbedingungen forderten.

«Er hat geballt das abbekommen, was seine Vorgänger über 50 Jahre zusammen hinnehmen mussten», sagt ein Polizeigewerkschafter anerkennend. Als Innenminister sei Cazeneuve stets «hart in der Sache, aber fair» gewesen.

Wenn der langjährige Abgeordnete und Stadtpräsident der nordfranzösischen Stadt Cherbourg jetzt Valls als Premierminister nachfolgt, dann wiederholt sich ein altes Muster: Schon im Frühjahr 2014 hatte er Valls ersetzt, als dieser vom Innenminister zum Regierungschef aufstieg.

Für einen reibungslosen Ausklang

Nur ein Jahr vorher hatte er eine andere grosse Lücke gefüllt: Als Budgetminister Jérôme Cahuzac wegen eines heimlichen Schwarzgeldkontos zurücktreten musste, übernahm Cazeneuve das schwierige Amt.

Jetzt also Premierminister. Mit Cazeneuve hat Hollande einen engen Vertrauten zum Regierungschef gemacht, auf den er sich stets verlassen konnte – und der jetzt die Aufgabe hat, die letzten Amtsmonate des glücklosen Präsidenten möglichst reibungslos über die Bühne zu bringen. (whr/sda/afp)

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