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Hooliganismus war nie tot, nur in der Verborgenheit – die Analyse zu den Krawallen in Frankreich

In Frankreich prügeln sich Fussballanhänger auf öffentlichen Plätzen und im Stadion. Warum ausgerechnet jetzt? Die Analyse des Hooligan-Verhaltens.

12.06.16, 18:20

Rafael Buschmann / spiegel online

Ein Artikel von

Die Bilder aus Marseille bekommt man nur schwer aus dem Kopf: Blutüberströmte Hooligans werfen mit Stühlen und Flaschen um sich, Menschen liegen auf dem Asphalt und werden trotzdem noch getreten. Ein Mann ringt seit Stunden mit dem Tod, die Ärzte konnten noch keine Entwarnung geben.

Kaum jemand wollte sich vorstellen, dass es bei dieser Europameisterschaft solche Bilder geben könnte. Hooliganismus, so erklären es Funktionäre gerne gebetsmühlenartig, sei ein Phänomen der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Betrieben von zahnlosen, tätowierten, dickbäuchigen Männern, die sonst nichts im Leben hätten.

All dies war schon immer falsch.

Und wird auch nicht besser, wenn es Fussballfunktionäre, die mit wohlfeiler Rhetorik ihr Glanzprodukt «Fussball» retten wollen, immer wieder wiederholen. Der Hooliganismus lebt, vielleicht sogar mehr denn je. Er hat sich nur immer mehr vom Stadion in die Peripherie zurückgezogen, weil die neuen Arenen mit hochauflösenden Sicherheitskameras ausgestattet sind und weil vor und während des Spiels zig TV-Übertragungen eingesetzt werden. Jetzt lebt der Hooliganismus in Wäldern, auf Äckern und Wiesen.

Russische Anhänger stürmen den englischen Fanblock

Kommunikation unter Hool-Gruppen: Kaum zu überwachen

Heute gibt es im Internet einschlägige Hool-Plattformen, wo jede Woche aufs Neue dutzendfach Videos gepostet werden. Durchtrainierte Kampfmaschinen, meistens zwischen 20 und 30 Jahren, treten dort gegeneinander an, bis der Gegner bewegungslos auf dem Boden zurückbleibt. Oft sind es Anhänger von Fussballmannschaften, die im Schatten des Sports ihre eigene Vorstellung von Sport ausüben. Sie verabreden sich zu ihren Schlägereien oft über verschlüsselte Plattformen, aber auch über Facebook oder Instagram. Eine ganze Zeit lang nutzten mehrere deutsche Hool-Gruppen sogar den längst in Vergessenheit geratenen Dienst StudiVZ, um ungestört zu kommunizieren.

Wer so klandestin agiert, entzieht sich dem Zugriffsbereich der Polizei. Und wer nicht gegen das Gesetz verstösst, darf auch nicht daran gehindert werden, ins Ausland zu reisen. Auch nicht zu einer Europameisterschaft nach Frankreich.

«Sie sehen in Frankreich für viele Jahre das letzte Mal die Chance, sich einer grossen Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch mal richtig auf den Putz zu hauen, bevor es in den kommenden Jahren dazu keine Chance mehr geben wird»

Deutscher Hooliganexperte

Ein deutscher Polizist, viele Jahre mit der Aufklärung von Fussballgewalt in einem Landeskriminalamt betraut, sagt, er habe bereits weit vor dem Turnier Hinweise darauf bekommen, dass die EM eine Art «Abschiedsparty» für viele Hooligans Europas werden würde.

Jagdszenen in den Gassen von Marseille

YouTube/kribstavros

«Sie sehen in Frankreich für viele Jahre das letzte Mal die Chance, sich einer grossen Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch mal richtig auf den Putz zu hauen, bevor es in den kommenden Jahren dazu keine Chance mehr geben wird», sagt der Ermittler. Er meint damit: Bei der WM 2018 in Russland wird es – aus seiner Sicht – kaum Zusammenstösse von Hooligans geben. Dafür seien die russischen Sicherheitsbehörden zu rigide und die harten Gesetze im Land zu abschreckend.

«Alle Spielorte sind eng beieinander, viele Städte sind sehr verschachtelt, haben kleine Gassen. Zudem sind die Grenzen offen und selbst wenn mal einer verhaftet wird, bekommt er am Ende in Europa nur geringe Strafen für Prügeleien auf der Strasse»

Zwei Jahre später findet die EM über ganz Europa verteilt statt, da gibt es kaum eine Möglichkeit, sich wirklich mit anderen Hooligans zu treffen und zu messen. Die WM in Katar wird wohl das massivste Sicherheitsereignis der Neuzeit, der Staat und der katarische Verband werden alles daran setzen, dass dieses umstrittene Turnier zu einem medialen Freudenereignis wird.

Auch deutsche Hooligans sind in Frankreich

«Deshalb ist Frankreich ein perfektes Turnier für die Hooligans. Alle Spielorte sind eng beieinander, viele Städte sind sehr verschachtelt, haben kleine Gassen. Zudem sind die Grenzen offen und selbst wenn mal einer verhaftet wird, bekommt er am Ende in Europa nur geringe Strafen für Prügeleien auf der Strasse», sagt der deutsche LKA-Mann, der die französischen Sicherheitsprobleme noch von der WM 1998 sehr gut kennt. Damals haben deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel ins Koma geprügelt.

1998: Deutsche Hooligans prügeln den französischen Polizisten Daniel Nivel ins Koma. Bild: AP/HANDOUT

«Was den Kollegen aktuell die Arbeit zudem erschwert: Die Hooligans nutzen die Terror-Problematik massiv aus», sagt der Polizist. In vielen Spielorten konzentriert sich die Polizei tatsächlich primär auf Bahnhöfe, Flughäfen, auf grosse öffentliche Plätze wie die Fan-Zonen. Selbst das 11. Arrondissement, wo im November die Anschläge von Paris stattfanden, wurde am Tag des Eröffnungsspiels von der Polizei unbewacht zurückgelassen. Auf diese Weise werden Orte wie der Hafen oder Marktplatz von Marseille leicht zu Kampfschauplätzen verfeindeter Gruppen. So lässt sich möglicherweise auch erklären, warum die russischen Hooligans so lange auf die englischen Fans im Marseiller Stadion einschlagen konnten, bevor die Polizeikräfte endlich dort eintrafen.

«Jetzt schauen wir mal, was die Deutschen machen», sagt der Polizist. Er weiss, dass viele deutsche Hooligans auch in Frankreich unterwegs sind. Tatsächlich hat die Bundespolizei am Sonntag in der Nähe von Trier 18 Hooligans gestoppt und an der Ausreise gehindert. Wie ein Sprecher sagte, handelte es sich um einschlägig bekannte Gewalttäter aus Dresden. Sie seien in drei Kleinbussen unterwegs gewesen, bei ihnen seien Sturmhauben und Mundschutze gefunden worden.

In Lille kann man sie fast an jeder Ecke sehen: Männer aus Chemnitz, Dresden, Duisburg, Pforzheim oder Braunschweig. Männer, die man eher selten im Stadion sieht. Männer, die im vergangenen Jahr aber an beinahe jeder Demonstration der «Hooligans gegen Salafismus» (Hogesa) teilgenommen haben.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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26
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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • falang 13.06.2016 13:43
    Highlight hahahaha hahahaha keine zusammenstösse in russland!!! der war gut!
    das nenn ich ja mal einen miserablen experten
    3 0 Melden
  • whatthepuck 13.06.2016 11:29
    Highlight Oha. Man ist machtlos? Die Russen scheinen dann ja doch eine Lösung für das Problem gefunden zu haben. Wer hätte gedacht dass man mit strengen Gesetzen und Sicherheitsbehörden ein Sicherheitsproblem lösen kann?

    Die Spinnen doch, die Russen.

    Wenn sich eine Gesellschaft nicht mit entsprechenden Massnahmen gegen solche Zustände wehrt, bekommt sie, was sie verdient. Solche Auswüchse sind nur möglich, weil man diesen Idioten Spielraum lässt. Diese Typen amüsieren sich auf Kosten der Allgemeinheit und alle schauen zu, weil harte Strafen ja "unverhältnismässig" wären.
    1 2 Melden
    • Snowy 13.06.2016 16:42
      Highlight Nach Indonesien nimmst Du auch kein Gras mit, weil Du weisst, dass Dich da die Todesstrafe erwartet… Ist dieses Gesetz deswegen nun gerechtfertigt? Nein.
      Wer schon mal in Russland war, weiss dass es v.a. einen Grundsatz gibt (wie eigentlich in jeder Bananrepublik und/oder Drittweltstaat): Mach einen grossen Bogen um die Polizei!
      Die Polizei in Russland prügelt bei Demonstrationen jeweils schlicht alle Umstehenden halb tot – nach Deiner Ansicht wäre damit dann das Problem gelöst…

      4 0 Melden
    • Snowy 13.06.2016 16:42
      Highlight Wer sich mit einem anderen prügelt, soll wegen Raufhandel verzeigt werden. Wer einen anderen mutwillig schwer verletzt, soll wegen schwerer Körperverletzung verzeigt werden.
      Das ganze nennt sich Rechtsstaat!
      0 0 Melden
  • Yes. 12.06.2016 21:56
    Highlight "Der Hooliganismus lebt, vielleicht sogar mehr denn je." Wer das schreibt weiss nicht viel über Fussballgeschichte.
    23 68 Melden
    • Beckham 13.06.2016 08:05
      Highlight Dann klär uns doch bitte auf?!
      22 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.06.2016 10:00
      Highlight Ja, bitte! Ich bin auch ganz gespannt!

      Ich frag mich nur was für Volldeppen, Riesenidiote, Hirnlose Kinder des Hasses zu so abscheulichem Zeug fähig sind!
      Ich merke Richtig wie ich mich bemühen muss hier nicht rumzutrollen! 😡

      Der Gedanke, dass so ein Schläger mein Kind sein könnte.... Pfffff....

      Verabredet in Wäldern sich gegenseitig zu Brei schlagen... Von mir aus. Gründet einen 'Fight Club'! Mir egal.

      Aber nicht wo haufenweise 10-15 Jährige Kids ihren Traum von einem internationalen Match erfüllt sehen wollen! Publicviewing ist für viele ein Familienevent! Und da hört der Spass auf!
      12 7 Melden
  • niklausb 12.06.2016 21:00
    Highlight Also die frühen 90er gingen bis 1998 oder wann war das mit dem Deutschen Hool und der Eisenstange welcher einen Polizisten zum Schwerstbehinderten prügelte?
    34 1 Melden
  • Sloping 12.06.2016 19:54
    Highlight Während in den grossen Ligen (Deutschland, England etc.) sicherheitstechnisch immer rigoroser durchgegriffen wird, wächst das Hooliganproblem in den Ostblockstaaten und den unteren Ligen der erstgenannten Länder massiv an. Großveranstaltungen, die auf diese massive Gewalt schlecht vorbereitet sind, werden als Schaufenster missbraucht. Von dem viel zitierten Ehrenkodex der früheren Hooligans ist nichts mehr zu sehen: Am Boden liegende werden in den Kopf getreten, bis diese halb Tod sind.
    79 4 Melden
  • indubioproreto 12.06.2016 19:44
    Highlight Gute Analyse. Kommt doch überraschend, finde ich, hätte eigentlich gedacht, dass dies an dieser EM aufgrund des Sicherheitsaufgebots das Ganze schwierig wird.
    39 3 Melden
    • Marco Cenapipolo 13.06.2016 10:31
      Highlight Dass die französische Polizei nicht wirklich fähig ist und hauptsächlich durch martialisches und lautes Auftreten auffällt, weiss jeder, der in den letzten Monaten mal in Frankreich war.
      5 1 Melden
  • John_Doe 12.06.2016 18:52
    Highlight Aber ausser in Basel gibt es doch nirgends Gewalt beim Fussball 😳
    47 50 Melden
    • The fine Laird 13.06.2016 07:07
      Highlight Richtig. Die Schweiz hat ein Hooliganproblem!
      23 7 Melden
  • Plöder 12.06.2016 18:52
    Highlight Danke für den Artikel.

    Für mich haben diese Leute gar nichts überhaupt nix mit Fussball zu tun. Das ist Gewalt, wie im Mittelalter. um sich zu erkennen haben sie andere Shirts an und haben sogar z.T. Nationalistische Gedanken.
    Das traurige daran ist das es solche Menschen gibt die sich mit solcher Gewalt messen. Das hat auch nichts mit Ehre zu tun...
    Man sollte trotzdem die Gefahr von diesen Gruppen nicht unterschätzen....
    24 12 Melden
  • Coach Cpt. Blaze 12.06.2016 18:51
    Highlight Danke für die neutrale und differenzierte Berichterstattung Watson! ❤
    25 27 Melden
    • phreko 12.06.2016 21:48
      Highlight Wie gross muss das "Spiegel"-Logo für dich noch sein?
      102 2 Melden
    • Coach Cpt. Blaze 13.06.2016 00:11
      Highlight Ups nicht gesehn 🙈😅 trotzdem; viele andere medien würden solche artikel nicht einbauen. Wenigstens danke für das watson 😄
      9 8 Melden
  • DinoW 12.06.2016 18:48
    Highlight Wenn sich Hools im Wald verhauen, lasst sie doch - wofür eine Horde Kampfmaschinen zurückhalten, die sich gegenseitig an den Kragen wollen? Aber wenn wie in Marseille Unbeteiligte ins Fadenkreuz geraten, darf das einfach nicht sein. Ein derart einseitig auf Terror ausgerichtetes Sicherheitskonzept ist einfach ein schlechtes Konzept.
    91 0 Melden
  • maxi 12.06.2016 18:30
    Highlight Ob es in russland wirklich so friedlich wird wie er behauptet glaube ich nicht!
    60 16 Melden
    • Toerpe Zwerg 12.06.2016 20:09
      Highlight Kommt drauf an, was man unter friedlich versteht ...
      26 3 Melden
    • Amboss 12.06.2016 21:17
      Highlight Wie friedlich es wirklich sein wird, weiss niemand.
      Aber wenn Putin will, dass es friedlich aussieht, dann wird es das auch.

      Und auch Hooligans wollen nicht unbedingt in einem russischen Gefängnis sitzen.

      49 2 Melden
    • maxi 12.06.2016 21:17
      Highlight Wenn man sich ein bisschen mit den fanszenen aus russland und ihrem auftreten, auch im europapokal befasst, mag man ihm kaum glauben schenken
      18 6 Melden
    • DerGrund 12.06.2016 21:43
      Highlight Die OMOH wird in Russland dann warscheinlich munter mitmischen und den ganzen europäischen Hobbyhools den Spass gänzlich verderben. ;)
      22 1 Melden
    • maxi 12.06.2016 21:58
      Highlight An die blitzer, fragt doch mal bei fans vom bvb, bayern, levk, sevilla nach wie es ihnen auf den europacup reisen in russland so ergangen ist... Dann merkt ihr villeicht das diese wm wohl kein gewaltfreier anlass wird
      27 3 Melden
    • Hayek1902 13.06.2016 00:33
      Highlight @ maxi: du vergisst aber etwas: Das ist Putins Prestige Projekt, sein Hafenkran, nicht irgend eine EL/CL Spiels eines Clubs.. Er wird dafür sorgen, dass nichts und niemand dumm rummuckt, seien es demonstranten, terroristen oder halt hooligans. Weiter kann ich mir vorstelle, dass die russenhools durchaus mit Putin sympathisieren und sich deshalb zurückhalten.
      14 6 Melden
    • maxi 13.06.2016 05:31
      Highlight Nir weils prestige ist heisst es nicht das es nicht knallen wird, es wird halt villeicht wie beim sommermärchen 06 verschwiegen;)
      20 2 Melden

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