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So wild, wie es im TV aussah, wurde bei Marine Le Pen nicht gefeiert.  Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Patriotismus, Macron-Hate und alte Chansons – so erlebte ich die Party von Marine Le Pen

Hénin-Beaumont war gestern der Ort «wo das Volk ist», wie es Marine Le Pen sagen würde. Es war der Ort, wo sich Le Pens rechtsnationalistische Freunde trafen. Eine Reportage aus dem Norden Frankreichs.

24.04.17, 05:38 24.04.17, 16:50

camille kündig, hénin-beaumont

«Aux armes, citoyens!» – schon von weitem hört man die Marseillaise vor dem Centre François Mitterand. Die Anhänger von Marine sind bereits hier, angereist sind sie aus ganz Frankreich. Lilly zum Beispiel hat über 900 Kilometer zurückgelegt, um ihr Idol in der nordfranzösischen Kleinstadt Hénin-Beaumont zu treffen.

Hénin-Beaumont

Hénin-Beaumont ist eine französische Stadt im Département Pas-de-Calais in der Region Hauts-de-France. Sie zählt knapp 27'000 Einwohner. In der ehemaligen Kohlenminenstadt liegt die Arbeitslosenquote bei 19 Prozent, das ist viel höher als im Rest des Landes. Der Anteil der armen Haushalte liegt bei 24 Prozent. Die Stadt wird seit 2014 vom FN-Mann Steeve Briois regiert. Davor wurde in Hénin-Baumont immer sozialistisch, gar kommunistisch gewählt. Auslöser für die politische Kehrtwende der Stadt war Gérard Dalongville. Der Sozialist regierte ab 2001. Im Jahr 2009 wurde er verhaftet, in der Stadtkasse klaffte dann ein Loch von 12 Millionen Euro und Dalongville wurde wegen Unterschlagung von öffentlichen Geldern zu vier Jahren Haft verurteilt. 



Sie und die weiteren Frontistes schwingen mit ihren Fahnen auf und ab, hie und da erdröhnt ein donnerndes «On est chez nous!» (Wir sind hier bei uns). Ich spüre, wie ich Gänsehaut kriege. Ob das am aufmüpfigen Patriotismus liegt, den ich in gewissem Masse durchaus zu schätzen weiss, oder ob mir das Ganze gruselig ist? Ich weiss es nicht. Angst habe ich aber nicht. Mit meinen blonden Haaren und meiner schnewittchenweisser Haut sehe ich ja aus wie eine echte Française de souche (eine «echte» Französin).

Medienschaffende dürfen als erstes durch die Security. Bei der Wahlveranstaltung von Emmanuel Macron, die ich am Nachmittag besucht habe, wurden mein Rucksack und ich ganze viermal kontrolliert, bis ich endlich in die Halle treten durfte.

Journalisten warten vor der Halle auf die Türöffnung. 

Hier, beim rechtsextremen Front National, muss ich mein Säckli nur einmal kurz öffnen – das erstaunt mich. Rund eine halbe Stunde später füllt sich die Halle. Man erkennt von weitem, wer ein Journalist ist, wer ein Anhänger: Die FN-Männer tragen Hemd und Anzug, die Frauen schicke Kleider mit Stöckelschuhen – oft in Pastellfarben, oder sie haben sich in FN-Kleidung gehüllt. Ansonsten sehen sie unscheinbar aus, wie die zig Franzosen, die ich durch den Tag gesehen habe.

So sah es in der Halle aus. 

Man isst, trinkt, und spekuliert über den Wahlausgang. Je näher das Nachrichtenjournal von 20 Uhr rückt, desto aufgeregter sind die Menschen. Um Punkt 20 Uhr beginnt die Sendung. Alle halten den Atem an, es ist ganz still. Der Moderator eröffnet: Marine Le Pen kommt mit  21,7 Prozent der Stimmen in die Stichwahl. 

Es bricht Jubel aus. Die Leute rufen «Marine présidente, Marine présidente» und fallen sich in die Arme. Dann singen sie wieder: die Marseillaise und Klassiker der Musique française. Ich will mir etwas zu trinken hohlen und mir wird Champagner angeboten. Als ich dankend ablehne, werde ich als Spielverderberin betitelt.

Stimmen aus dem FN-Lager

Rund eine Stunde später tritt Marine auf die Bühne. Ich kann sie kaum sehen, hören tue ich ihre Rede aber gut. Sie spricht vom «System», das «mit allen Mitteln» versucht habe, die grosse politische Debatte, die diese Wahl darstellen sollte, zu ersticken. Sie warnt vor Macron und seinem «Weg zur totalen Deregulierung, der Massen-Einwanderung und der freien Zirkulation von Terroristen.» Und sie wirbt für sich als «neues Gesicht» der Politik.

Die Menschenmenge ist ausser sich. Sie schreien wieder: «Marine présidente!» Jedes Mal wenn Le Pen den Namen «Macron» ausspricht, ertönen laute Buhrufe. Dann strahlt die Politikerin jeweils auf die Menge herab. Nur Minuten später verlässt sie die Bühne des François Mitterand wieder und verschwindet durch den Hinterausgang.

FN-Grösse Gilbert Collard zum Resultat

Video: watson

Marine Le Pen werde Frankreich wieder zu dem machen, was es einst war, «Elle va rendre sa grandeur à la France», versuchen mir etwas alkoholisierte Anhänger nach Le Pens Rede zu erklären. Trump lässt grüssen. In der Halle wird gleichzeitig ein Lied von Johnny Hallyday gespielt, die Anhänger fangen zaghaft an zu tanzen. «Allumez le feu», singt der alternde Chansonnier.

Doch richtig in Feststimmung kommen die FN-Fans nicht. Nur eine halbe Stunde nachdem Le Pen die Bühne verlassen hat, ist die Hälfte der Besucher auch weg. Es tänzeln und feiern nur noch vereinzelte Gruppen. Und diese werden von den Medien belagert. (s. Video).

Lauer Gänsemarsch und Show für die Kameras – so feierten die FN-Wähler

Video: watson

FN-Bürgermeister Steve Briois erklärt, warum Le Pen laut ihm am 7. Mai gewinnen wird.

Video: watson

Um elf Uhr bleiben im Hauptraum der Halle dann noch höchstens  60-70 Menschen. Mindestens die Hälfte davon sind aber Journalisten aus der ganzen Welt. Ich versuche, ein letztes Quote zu erhalten und rufe mir ein Taxi.

Auf dem Weg zum Hotel fragt mich der Chauffeur, wie der Abend denn verlaufen sei. Diskussion eröffnet. Ich frage ihn, ob er auch ein Fan vom Front National ist, wie so viele in der Region. Der Mann verneint und erzählt, er habe für Fillon gestimmt. Nun sei er nicht nur enttäuscht sondern auch ahnungslos. Ahnungslos, weil er nun nicht wisse, was er am 7. Mai tun soll: sich seiner Stimme enthalten oder sein Zetteli in die Urne von Marine Le Pen legen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • R. Peter 05.05.2017 23:34
    Highlight Neue Wortschöpfung "Macron-Hate"? Wie nennt ihr den watsonschen Le Pen-Hate, oder den SVP-Hate, oder den Putin-Hate?
    1 0 Melden
  • Chrigi-B 24.04.2017 14:53
    Highlight #7 kann ich nur beipflichten!
    7 9 Melden
    • manhunt 24.04.2017 15:07
      Highlight das haben die algerier den franzosen damals bestimmt auch gesagt. hat sie franzosen damals aber nicht interessiert. sie sind geblieben und haben algerien weiter terrorisiert. und wollen bis heute partout nicht wahrhaben, dass ihr damaliges handeln heute noch konsequenzen hat.
      19 8 Melden
  • Sanduuh 24.04.2017 09:19
    Highlight Zu Bild Nummer 5 aus der Bildstrecke «FN wählen oder die Scharia akzeptieren». Da kam mir gleich Obi-Wan Kenobi in den Sinn: «Nur ein Sith kennt nichts als Extreme!»
    17 7 Melden
  • LU90 24.04.2017 08:38
    Highlight Zu Bild 5 aus der Bildstrecke: Sie will kein "du sexy Blondine" mehr hören. Ich musste bitzeli lachen ;)
    72 2 Melden
    • Barracuda 24.04.2017 09:14
      Highlight Ich musste mehr als nur "es bitzeli" lachen bei den Videos (vor allem beim zweiten:)) Das hat den Charme und die Qualität von einer Schülerzeitung. "Voll so d'mega Partyhengste und so..."
      10 2 Melden
    • Lezzelentius 24.04.2017 09:47
      Highlight Ihre Aussage, dass man entweder FN wählt oder Sharia akzeptiert spricht immerhin umso mehr für die "Blondine".
      14 4 Melden
    • manhunt 24.04.2017 13:16
      Highlight bitzeli lachen? wircklich nur bitzeli? also ich lache immer noch😂
      9 6 Melden

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