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Hat Grund zur Freude: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. 
Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Türkei wählt: Erdogans AKP gewinnt deutlich +++ Polizei setzt bei Ausschreitungen Tränengas gegen Kurden ein +++ Türken in der Schweiz stimmen für HDP

Die Regierungspartei AKP von Präsident Erdogan hat bei der Parlamentswahl in der Türkei die absolute Mehrheit erreicht. Die Partei kann künftig wieder allein regieren. Die pro-kurdische HDP schaffte offenbar knapp den Einzug ins Parlament.

01.11.15, 17:04 02.11.15, 10:57

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Es ist ein klarer Sieg für Präsident Recep Tayyip Erdogan: Bei der Neuwahl zum Parlament in der Türkei hat die islamisch-konservative AKP die absolute Mehrheit zurückerobert.

Das meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntagabend nach Auszählung von mehr als 95 Prozent der Stimmen. Die AKP kann demnach künftig wieder alleine regieren. Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu sagte zu dem Ergebnis: «Heute ist ein Sieg für unsere Demokratie und für unser Volk.»

Die prokurdische HDP musste dagegen um ihren Wiedereinzug ins Parlament bangen. Sie schaffte offenbar knapp die Zehnprozenthürde und zieht damit erneut ins Parlament in Ankara ein.

316 von 550 Sitzen

Die AKP kommt nach den vorläufigen Ergebnissen auf fast 50 Prozent der Stimmen – nach 40,9 Prozent bei der Wahl im Juni, als sie ihre absolute Mehrheit verlor. Damit gewinnt sie 316 der 550 Sitze in der Nationalversammlung in Ankara. Auf den zweiten Rang kommt die Mitte-links-Partei CHP mit rund 25 Prozent der Stimmen, gefolgt von der ultrarechten MHP mit rund zwölf und der HDP mit knapp über zehn Prozent.

Die MHP hätte damit im Vergleich zum Juni (16,3 Prozent) am meisten Wähler verloren. Die AKP hatte die ihr ideologisch oft nahestehenden MHP-Wähler massiv umworben.

Bei der Wahl im Juni hatte die AKP ihre absolute Mehrheit erstmals seit Übernahme der Regierung im Jahr 2002 verloren. Nachdem Koalitionsgespräche gescheitert waren, rief Erdogan Neuwahlen aus. Die Opposition warf dem Präsidenten vor, eine Koalition mit der CHP verhindert zu haben, um Neuwahlen zu erzwingen.

Schwere Ausschreitungen in Kurdenmetropole

Brennende Autoreifen in der Kurdenmetropole Diyarbakir.
Bild: STRINGER/TURKEY/REUTERS

Erdogan herrscht seit einigen Jahren zunehmend autoritär über das Land, zunächst als Ministerpräsident, mittlerweile als Staatspräsident. Sein erklärtes Ziel ist es, ein Präsidialsystem zu installieren und sich damit grössere Macht zu verschaffen.

Nach dem deutlichen Vorsprung der islamisch-konservativen AKP bei der Parlamentswahl ist es in der Kurdenmetropole Diyarbakir zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Die Polizei setzte Tränengas gegen eine Gruppe ein, die sich vor der Zentrale der pro-kurdischen Partei HDP versammelt hatte, um gegen die vorläufigen Ergebnisse der Wahl zu protestieren. Einige Demonstranten warfen Steine und zündeten Reifen an.

Bild: Lefteris Pitarakis/AP/KEYSTONE

Türken in der Schweiz mehrheitlich für HDP

Eine knappe Mehrheit der in der Schweiz lebenden türkischen Staatsangehörige hat für die kurdische HDP gestimmt. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Anatolien am Sonntagabend.

50,52 Prozent stimmten gemäss den provisorischen Zahlen für die Partei, die in der Türkei knapp über 10 Prozent erhielt und damit ins Parlament in Ankara einzieht. Nur gerade 27 Prozent stimmten für die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan. 17,28 Prozent legten ihre Stimme für die kemalistische Oppositionspartei CHP ein, 3,94 Prozent für die ultranationalistische MHP.

Ganz anders das Votum in Deutschland. Dort votierten 59,3 Prozent der dort lebenden Türken für die AKP. Die HDP kam auf 16,72 und die CHP auf 15,13 Prozent. 7,17 Prozent gaben den MHP ihre Stimme.

In Österreich war es noch deutlicher. 69 Prozent votierten für die Erdogan-Partei. Die CHP erhielt laut Anatolien in Österreich 10,42 Prozent der Stimmen. Die MHP holte 6,73 Prozent. 12,36 Prozent gaben der prokurdischen HDP ihre Stimme.

Die 2,9 Millionen wahlberechtigten Türken mit Wohnsitz im Ausland konnten dort bereits zuvor ihre Stimme in Botschaften und Konsulaten abgeben. 40 Prozent machten davon Gebrauch.

(stk/lgr/dpa/AP/AFP/Reuters/sda)

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • BeatBox 01.11.2015 20:26
    Highlight Das schreit doch laut zum Himmel "wahlbetrug"!
    15 4 Melden
  • Teslaner 01.11.2015 19:58
    Highlight Ferien in der Türkei werde ich ab jetzt wohl nicht mehr machen.
    22 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 01.11.2015 19:56
    Highlight Mein Heimatland geht unter...
    Welch ein trauriger Tag :(
    33 0 Melden
  • Angelo C. 01.11.2015 19:46
    Highlight Kemal Atatürk wird wohl im Grab rotieren, denn nun wird das Rad der türkischen Geschichte zurückgedreht, hin zum konservativen Islam und auf der Suche nach dem Traum osmanischer Grösse. Arme aufgeschlossene Grossstädter in Istanbul, Izmir und Ankara, sie werden die Zeche bezahlen.
    45 4 Melden
  • gjonkastrioti 01.11.2015 19:05
    Highlight Wenigstens sind wir uns hier alle einig. Das ist das schlimmste, was der Türkei passieren konnte.
    64 4 Melden
  • breeaakdancc 01.11.2015 19:00
    Highlight Wahlen kann man dies nicht nennen. AKP Wahlbeobachter bedrohten die der HDP mit einer Waffe, ettliche HDP Mitglieder wurden verhaftet, vor den Wahlen konnte die HDP fast keine Medienpresenz geniessen, weil alle grossen TV Sender unter dem Druck der AKP Regierung Sendungen ausstrahlten. Wahlen ohne Pressefreiheit sind keine Wahlen
    57 2 Melden
  • Luca Dietiker 01.11.2015 18:56
    Highlight Erdogan gewinnt, die Türkei verliert. 😣
    61 2 Melden
  • Alex23 01.11.2015 18:03
    Highlight Na dann, gut Nacht!
    56 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 01.11.2015 18:02
    Highlight Bleibt nur noch zu hoffen, dass die HDP nicht unter 10% fällt. Im Moment sieht esschlecht aus.
    39 2 Melden
    • breeaakdancc 01.11.2015 19:06
      Highlight Das erste Mal sind wir einer Meinung Infonaut. Die Frage nun ist, ob es unsere Abneigung gegen die AKP oder die Nähe zur HDP ist.
      13 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 01.11.2015 20:34
      Highlight Ersteres trifft eher zu. HDP muss sich noch beweisen. Dennoch war es sehr wichtig dass sie im Parlament bleiben.
      7 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 01.11.2015 21:12
      Highlight @breeaakdancc
      Wie erklären Sie dass die AKP in den Kurdengebieten
      12-15 Prozent zugelegt hat?
      5 0 Melden
  • efe1905 01.11.2015 18:01
    Highlight Trauriger Tag...

    Dies sind wohl die letzten Tage einer laizistischen Türkei! Eine Schande wie viele Menschen damals ihr Leben gaben, um Staat von Religion zu trennen. Atatürk würde sich im Grab umdrehen...
    48 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 01.11.2015 18:21
      Highlight Wenn HDP die Zehnprozenthürde nicht schafft, kann sich Erdogan zum Sultan küren.
      34 2 Melden
  • Kfj 01.11.2015 17:46
    Highlight Jetzt ist die Türkei verloren.Es gibt einen totalitären Gottesstaat nicht gut!🤔
    56 2 Melden

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