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Turkish President Recep Tayyip Erdogan listens to Pope Francis during a meeting at the Presidential palace in Ankara, Turkey, Friday, Nov. 28, 2014. Under heavy security measures Pope Francis arrived in Turkey for a three-day visit and he met with Erdogan at his huge new palace on once-protected farm land and forest in Ankara, becoming the first foreign dignitary to be hosted at the lavish, 1000-room complex. (AP Photo/Burhan Ozbilici)

Erdogan: Ein anonymer Informant veröffentlichte mehrmals korrekte Voraussagen über bevorstehende Razzien. Bild: Burhan Ozbilici/AP/KEYSTONE

Türkische Regierungsgegner

Anonymer Informant twittert Erdogans Pläne

Ein geheimnisvoller Twitter-Nutzer bringt den türkischen Präsidenten Erdogan in Bedrängnis: Er verrät bevorstehende Festnahmen von Regierungskritikern. Jetzt soll die Polizei ihm zufolge gegen 150 Journalisten vorgehen.

Hasnain Kazim, Spiegel Online, Istanbul

Ein Artikel von

Spiegel Online

Wer ist Fuat Avni? So nennt sich ein Twitter-Nutzer, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan immer wieder in Erklärungsnot bringt, indem er detailliert über geplante Festnahmen von Regierungskritikern berichtet. 

Derzeit machen Tweets von ihm Schlagzeilen, in denen er ankündigt, Erdogan, Innenminister Efkan Ala, Justizminister Bekir Bozdag und Geheimdienstchef Hakan Fidan hätten eine «Aktion» gegen rund 400 Regierungskritiker beschlossen. Darunter seien etwa 150 namhafte Journalisten und Dutzende Polizisten, die im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen gegen Erdogan und seine Regierung ermittelt hätten. 

Erstmals erwähnte Fuat Avni diesen Plan am Donnerstag. Demnach sollten Razzien in mehreren türkischen Provinzen gleichzeitig stattfinden. Unter anderem sollten die Chefredakteure der Zeitungen «Zaman», «Today's Zaman», «Bugün» und «Taraf» festgenommen werden, allesamt regierungskritische Blätter. In weiteren Schritten würden kritische Geschäftsleute, Besitzer von Medienhäusern und andere Kritiker festgesetzt werden. 

Die ersten Durchsuchungen von Redaktionen und Geschäftsräumen hätten Fuat Avni zufolge am Freitag stattfinden sollen, seien aber abgeblasen worden, nachdem das Vorhaben bekannt geworden sei, schrieb er später auf Twitter. Vor dem Gebäude der «Zaman» in Istanbul versammelten sich einige Dutzend Journalisten, um gegen die vermeintlich geplanten Festnahmen zu demonstrieren. 

Der Informant schreibt, er gehöre zum inneren Zirkel um Erdogan

Waren das also haltlose Vorwürfe eines unbekannten Twitter-Nutzers? Wohl kaum, denn Fuat Avni hat in Vergangenheit mehrere zutreffende Voraussagen gemacht.  

Im August twitterte er zum Beispiel, es werde in Istanbul und anderen Teilen des Landes eine «Operation» gegen Polizisten geben. Insgesamt 32 Polizisten würden aufgrund «fingierter Anschuldigungen» festgenommen werden. Tatsächlich wurden am nächsten Tag 33 Beamte unter dem Vorwurf der Spionage von ihren Kollegen abgeführt. 

Vizepremierminister Bülent Arinc sagte jetzt, man müsse die Tweets von Avni ernst nehmen, auch wenn er selbst nichts von geplanten Festnahmen wisse. 

Wer also ist dieser geheimnisvolle Informant? Ein hoher Polizeioffizier, der über die bevorstehenden Aktionen informiert ist, aber auf der Seite der geschassten Polizisten steht und deshalb Erdogan schaden möchte? Oder gar eine Gruppe interner Kritiker? 

Avni schreibt über sich selbst, er gehöre zum «inneren Zirkel» um Erdogan. Den Präsidenten nennt er dabei nie beim Namen, sondern benutzt den Begriff «Tyrann». Immer wieder verbreitet er in dem Kurznachrichtendienst Sätze wie «Ich sah in deine Augen», die darauf hindeuten, dass es sich um jemanden aus dem direkten Umfeld von Erdogan handeln muss. Manche vermuten, es könnten mehrere Kritiker aus den eigenen Reihen hinter Fuat Avni stecken. 

Schon im Frühjahr, im Vorfeld der Kommunalwahl in der Türkei, bei der Erdogans AKP überlegen gewann, hatten anonyme Informanten immer wieder Telefonmitschnitte auf YouTube veröffentlicht, die Erdogan, damals noch Ministerpräsident, und seine Minister und Freunde als korrupte Bande dastehen liessen. Erdogan nannte einen Teil der Bänder eine «Montage» und vermutete dahinter ein «Komplott» und einen «zivilen Coup» seines einstigen Weggefährten Fethullah Gülen

Ein undurchsichtiges, aus den USA gesteuertes Netz

Der islamische Prediger Gülen steuert aus dem selbst auferlegten Exil in Pennsylvania, USA, ein undurchsichtiges Netzwerk, das sich nach eigenen Angaben der Verbreitung eines gemässigten Islam verschrieben hat. Erdogan wirft ihm vor, Polizei und Justiz unterwandert zu haben und parallele staatliche Strukturen aufbauen zu wollen, um ihn, Erdogan, zu stürzen.  

Die Zeitungen «Zaman» und «Today's Zaman» gelten als der Gülen-Bewegung zugehörig. Tatsächlich liess Erdogan im Laufe dieses Jahres Tausende Polizisten, Staatsanwälte und Richter, die er in der Nähe der Gülen-Bewegung verortete, strafversetzen oder entlassen. Zudem mussten von Gülen betriebene Schulen schliessen. 

Gülen selbst sagte im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung», das Vorgehen der türkischen Behörden gegen Andersdenkende sei eine «Hexenjagd». «Das bestehende politische System stempelt nicht nur Menschen als schädliche Elemente ab, die unsere Bewegung unterstützen, sondern fast alle, die nicht der Macht nahestehen oder Geschäfte mit ihr machen wollen», sagte er. Unter Erdogan sei die Türkei zu einem «Parteienstaat und eigentlich sogar Ein-Mann-Staat» geworden. Dadurch verliere die Türkei im Ausland «jeden Tag an Ansehen». 

Fuat Avni hingegen gewinnt immer neue Anhänger. In der Türkei wurde sein alter Account geblockt. Kurz darauf eröffnete er einen neuen unter @fuatavnifuat. Am Samstagnachmittag hatte er immerhin 596'000 Follower.



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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 14.12.2014 12:30
    Highlight Highlight Das Problem in der Türkei ist ganz einfach: Es gibt keine ernsthaft wählbare Alternative zu R. Erdogan. Was R. Erdogan kann, das können die anderen noch weitaus besser. Und die meisten nehmen lieber zähneknirschend weniger Menschenrechte in Kauf als gar keine Rechte unter der Opposition und vor allem kein Geld, wenn der Staat wieder pleite sein sollte.

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