International

Nationalsozialisten auf der Akropolis: Wie geht Deutschland mit der Schuld um? bild: wiki commons

NS-Verbrechen: Deutsche Politiker wollen Griechenland entschädigen

Bisher stellt sich die Bundesregierung stur – doch nun drängen Politiker von SPD und Grünen darauf, Griechenland für die Folgen der Nazi-Besatzung zu entschädigen. Es könnte um Milliardensummen gehen. 

17.03.15, 10:26 17.03.15, 10:58

Florian Gathmann und Veit Medick / spiegel online

Ein Artikel von

Sie massakrierten Frauen und Kinder, sie deportierten Zehntausende Juden nach Auschwitz, sie saugten das Land wirtschaftlich aus: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs rücken die Gräueltaten der Nazis in Griechenland während der Besatzungszeit 1941 bis 1944 plötzlich wieder in den Fokus. Athen ruft nach Reparationen. Wie geht Deutschland mit der historischen Schuld um?

«Wir sollten die Frage der Entschädigungen nicht mit der aktuellen Debatte über die Eurokrise verknüpfen.»

Stv. SPD-Chef Ralf Stegner

Erstmals sprechen sich jetzt namhafte Vertreter von Sozialdemokraten und Grünen dafür aus, Griechenland für die Folgen der Nazi-Besatzung zu entschädigen. «Politisch ist der Fall aus meiner Sicht eindeutig: Wir sollten auf die Opfer und deren Angehörige finanziell zugehen», sagt Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission und zweimalige Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten. «Ich glaube, es wäre von deutscher Seite gut, wenn wir in Sachen Vergangenheit vor unserer eigenen Tür kehren. Es geht darum anzuerkennen, dass wir in Griechenland schlimmes Unrecht begangen haben.»

«Wir sollten die Frage der Entschädigungen nicht mit der aktuellen Debatte über die Eurokrise verknüpfen. Aber unabhängig davon bin ich der Meinung, dass wir die Entschädigungs-Diskussion führen müssen», sagt auch der stellvertretende SPD-Chef Ralf Stegner: «Das gehört zum Umgang mit unserer eigenen Geschichte. Ich bin gegen Schlussstrichdebatten. Es gibt auch nach Jahrzehnten noch zu lösende völkerrechtliche Fragen.»

Auch für Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ist jenseits der Eurokrisen-Problematik klar: «Deutschland kann die Forderungen aus Griechenland nicht einfach vom Tisch wischen.» Er sagt: «Weder moralisch noch juristisch ist dieses Kapitel eindeutig abgeschlossen.» Die Bundesregierung wäre aus Hofreiters Sicht «gut beraten, mit Griechenland Gespräche über die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen in Griechenland und eine gütliche Lösung zu suchen». Bislang hatte sich nur die Linkspartei offen für Entschädigungen gezeigt.

Bundesregierung blockt die Wünsche aus Athen ab

Damit erhält eine hochsensible Debatte neue Nahrung. Seit Jahrzehnten schon streiten Deutschland und Griechenland über die Frage der Reparationen, die Syriza-Regierung um Alexis Tsipras hatte das Thema der Entschädigungen zuletzt auf vielen Kanälen in den Vordergrund gerückt und im Schuldenstreit gar mit der Beschlagnahme deutschen Eigentums gedroht.

Die Bundesregierung blockte die Wünsche aus Athen ab. Sie vertritt den Standpunkt, dass Entschädigungs-Forderungen spätestens nach der Wiedervereinigung mit dem sogenannten Zwei-Plus-Vier-Vertrag ihre Berechtigung verloren haben. So sieht es auch der Völkerrechtler Frank Schorkopf, der im Interview mit dem «Spiegel» jedoch einräumt: «Der Verweis auf formale rechtliche Standpunkte befriedet die Diskussion gegenüber Griechenland nicht mehr. Man sollte breiter argumentieren.»

Juristen des Wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag haben sogar ihre Zweifel, ob die Bundesregierung ihre Position halten kann. Es könnte um Milliardensummen gehen.

Der Streit zwischen Berlin und Athen hat zwei unterschiedliche Ebenen:

Griechenland

Schwan hat Verständnis für Athen

Das Entschädigungs-Thema hatte schon den Staatsbesuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Athen vor einem Jahr dominiert. Mehrfach konfrontierte das damalige Staatsoberhaupt Karolos Papoulias Gauck öffentlich mit entsprechenden Forderungen. Und obwohl dieser durchaus Sympathien für den griechischen Wunsch nach Entschädigungs-Zahlungen erkennen liess, musste er die harte Linie der Bundesregierung vertreten.

Gesine Schwan sieht Deutschland nun grundsätzlich in der Pflicht. «Das Leid der Griechen unter den Nationalsozialisten ist möglicherweise nicht so sehr im Bewusstsein von uns Deutschen. Aber die Opfer und deren Nachfahren haben das längere Gedächtnis als die Täter und deren Nachfahren», sagt sie. Der Zwangskredit müsse «selbstverständlich zurückgezahlt» werden. «Den Vorschlag, weitere Entschädigungen in eine Stiftung zur Aufarbeitung und Versöhnung fliessen zu lassen, halte ich für sinnvoll.»

Auch Stegner und Hofreiter plädieren dafür, auf Athen zuzugehen, warnen aber davor, das Thema vor der Schablone der Schuldenkrise zu sehen. Fragen der Entschädigungen verlangten «viel Sorgfalt und einen richtigen Rahmen», sagt Stegner. «Das muss jenseits des Tagesgeschäfts passieren.» Kollege Hofreiter nennt es «inakzeptabel, wenn diese hochsensible und schwierige Frage mit den Verhandlungen um finanzielle Hilfe in der Eurokrise vermischt wird».

Schwan sieht das explizit anders. «Psychologisch», sagt sie, «ist aus meiner Sicht sehr gut zu verstehen, dass Griechenland in der aktuellen Situation auch umgekehrt fragt, ob wir Deutschen uns immer so redlich verhalten haben.»

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
6
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Angelo C. 19.03.2015 07:58
    Highlight Da zahlt sich Deutschland im Rahmen der EU-Finanzspritzen an Griechenland an vorderster Front dumm und dämlich und wenn es auf Vertragserfüllung des maroden Staates pocht, wird Angela Merkel mit Hitler-Schnauz abgebildet und man versucht die späte Erpressung wegen den Nazis, um die Deutschen mundtot zu machen und "zur Räson zu bringen". Nun erblöden sich die Sozis und die Grünen (wer denn sonst?) auf weitere hohe Reparationszahlungen eintreten zu wollen, was Griechenland weitere Staatsmilliarden für ihr korruptes System garantieren könnte. Dass man damit die Begehrlichkeiten weiterer europäischer Staaten wecken wird, immer vorausgesetzt, dass die BRD darauf eintritt, könnte finanziell selbst den Nettozahler NR. 1 der EU, durch den sich schon andere finanzschwache Südeuropäer über Wasser halten, mittelfristig in Schieflage bringen.
    2 1 Melden
    • Adonis 23.03.2015 11:02
      Highlight Lieber Angelo, du kannst sicher sein, dass die Kapitalisten, in Deutschland und der Schweiz während der Zeit nach dem 2ten Weltkrieg die "dummen" Griechen eh wie eine Gans ausgenommen haben.. Schäbig, dass es erst einen Eklat braucht bis bezahlt wird. Die Deutschen wissen sicher ganz genau, wieso sie plötzlich entgegenkommen... Die wissen von ihren vergessenen und versteckten Leichen im Keller. Zudem, als das neue Deutschland eingerichtet wurde strecktendie Nazi Lumpensöhne einfach ein anderes Fähnchen raus und gingen rein ins neue Parlament.
      3 0 Melden
  • July 17.03.2015 12:30
    Highlight als hätte Deutschland diese Schuld nicht schon lange abbezahlt...
    7 6 Melden
  • Wandtafel 17.03.2015 10:47
    Highlight Bald kommen die Italiener und wollen Reparationen von den Deutschen für den Niedergang des Römischen Reichs durch die Germanen. Ich glaube die Spinnen, Griechen und Deutsche im gleichen Ausmass!
    16 9 Melden
    • tom99 17.03.2015 11:06
      Highlight genau..erinnert mich an die erpressungen unserer banken durch den WJC vor 20 jahren. Und das geld liegt immernoch auf deren Konten. Nett....
      10 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 12:50
      Highlight @tom99. Ich vermute eher, das Geld liegt auf dem Honorarkonto von Ed Fagan. Nicht immernoch, sondern für immer.
      6 0 Melden

«Wer hat uns verraten? Die Bild-Metadaten!» FDP in Erklärungsnot nach Social-Media-Panne

Kurz nach Mitternacht in der Nacht auf Montag trat FDP-Chef Christian Lindner vor die Medien. Seine Worte sandten Schockwellen durch Deutschland. Er verkündete, dass seine Partei nicht mehr länger an den Sondierungsgesprächen für eine neue Regierung aus CDU, CSU, Grünen und FDP bereitstehe. Die «Jamaika»-Koalition war gescheitert, bevor sie überhaupt das Licht der Welt erblickt hatte.

Praktisch zeitgleich mit Lindners Ankündigung startete die FDP damit, auf den sozialen Medien ein Spruchbild zu …

Artikel lesen