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International Monetary Fund Managing Director Christine Lagarde arrives at a Eurozone finance ministers meeting in Brussels, Belgium June 27, 2015. Euro zone finance ministers meet as planned today for an emergency meeting on Greece despite Greek Prime Minister Alexis Tsipras' decision to call a referendum, an EU official said. REUTERS/Philippe Wojazer

IWF-Chefin Christine Lagarde steht in der Kritik. Bild: PHILIPPE WOJAZER/REUTERS

Die unheilvolle Rolle des IWF

Nach aussen reagiert der Internationale Währungsfonds gelassen auf das griechische Nein beim Referendum. Doch auch der IWF muss nun um Milliarden fürchten - und Chefin Christine Lagarde um ihren Job.

Marc Pitzke, New York



Ein Artikel von

Spiegel Online

Referendum? Welches Referendum? Das ist der irritierte Tenor, fragt man beim Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Griechenland.

Viele IWF-Mitarbeiter sind spürbar übernächtigt, klagen intern über die Kritik und die aktuelle Arbeitslast. Nach aussen hin tun sie aber so, als rüttele das griechische Reform-Nein nicht an ihrem Terminkalender für diese Woche: Verhandlungen mit Tansania, ein Bericht zur US-Wirtschaft, eine Pressekonferenz zur Weltkonjunkturaussicht - business as usual.

Selbst IWF-Chefin Christine Lagarde stellt betonte Distanz zur Schau. «Der IWF hat das gestrige Referendum in Griechenland zur Kenntnis genommen», erklärte sie am Montag lakonisch - 18 Stunden, nachdem das Ergebnis feststand, und ohne sich selbst sehen zu lassen. Man sei «bereit, Griechenland zu unterstützen, so wir darum gebeten werden».

Lagardes zynische Sätze

Zwei Sätze nur. Zynische Sätze - denn statt sich als Griechenlands Retterin zu beweisen, hat Lagarde nun das Gegenteil erreicht. Sie steht vor den Trümmern einer gescheiterten Politik, die dem IWF lange nachgesehen wurde, da sie bisher nur machtlose Entwicklungsländer beutelte. Doch jetzt trifft diese Politik Europa - kein Wunder, dass nun nicht mehr nur die altbewährten IWF-Kritiker von Lagarde fordern, sie möge ihren Job abgeben.

«Grexit»ist in Brüssel kein Tabu mehr

Angesichts der Szenarien einer drohenden Staatspleite ist bei einigen Partnern ein Austritt Griechenlands aus dem Euro-Gebiet kein Tabu mehr. Mehrere Euro-Finanzminister nennen den «Grexit» als einen Weg: «Das ist eine realistische Möglichkeit», meint der maltesische Finanzminister Edward Scicluna. Das G-Wort wird in den Mund genommen - noch vor kurzem war in der Runde etwas verschämt von sogenannten Plan B die Rede gewesen. (sda)

Unter Lagarde sei der IWF zum Teil des Problems geworden, indem er die Krise nur verschlimmert habe, schreibt der Harvard-Politologe David Singh Grewal in der «Huffington Post». Er fordert eine «Ablösung an der Spitze»: Mit ihrer kompromisslosen Haltung habe Lagarde als «Dienstmagd von Berlin und Brüssel» einen Regimewechsel in Athen provozieren wollen - und damit ihre Qualifikation endgültig verspielt.

«IWF versucht, eine Regierung zu stürzen»

«Der IWF tut in Griechenland jetzt das, was er in Afrika seit den Achtzigerjahren tut», kritisierte der Analyst Robert Naiman vom progressiven Thinktank Just Foreign Policy. Hinter der Kreditpolitik des Fonds stecke auch diesmal der Versuch, eine Regierung zu stürzen.

Schon werden in den sozialen Netzwerken alte Berichte über Lagarde wiedergekäut. Sie zahle für ihr 467'940-Dollar-Jahresgehalt keine Steuern. Sie habe als französische Finanzministerin auf einem Porträtfoto Schmuck wegretuschieren lassen. Und dann ist da auch noch dieser Finanzskandal in ihrer Heimat um den Geschäftsmann Bernard Tapie, in den sie verwickelt ist. Die Kritiker rüsten sich.

Ähnliche Sorgen gibt es innerhalb des Fonds schon lange. Wie zerrissen der IWF ist, zeigte seine jüngste Griechenlandanalyse vorige Woche. Demnach wird Athen seine Schulden nie abzahlen können oder nur nach «bedeutsam verlängerten» Fälligkeitsdaten oder sogar einem Schuldenschnitt - bisher ein Tabu in Brüssel, da Europa dann Milliarden abschreiben müsste. Die düstere Prognose - die trotzdem nichts änderte an der IWF-Kreditvergabe - sorgte für grossen Wirbel, wurde prompt politisiert und dürfte mit für das Ochi gesorgt haben.

Zeit für eine Reform der IWF-Personalpolitik

Allein die Veröffentlichung des Berichts drei Tage vor dem Referendum war intern so kontrovers, dass der Streit zur Presse durchsickerte. Nach Reuters-Informationen sperrten sich die europäischen IWF-Partner dagegen, weil sie einen Einfluss auf das griechische Votum befürchteten, wurden aber «schwer überstimmt» - darunter auch von den USA.

Damit liegt ein Schuldenschnitt auf dem Tisch - auch für den IWF, der ebenfalls um viele Milliarden fürchten muss. Als Griechenland seine letzte IWF-Rate verpasste, als erstes Industrieland überhaupt in der Geschichte, trat ein ungetesteter Mechanismus in Kraft: Parallel zu den Gesprächen in Brüssel muss der IWF nun mit Athen die Zukunft der offenen IWF-Schulden aushandeln. Das ist Neuland für den Fonds, der solche Probleme zuvor nur mit Entwicklungsländern hatte.

Lagardes Amtszeit endet Mitte 2016. «Als Geschäftsführerin wird von Ihnen erwartet, dass Sie den höchsten ethischen Verhaltensnormen genügen», schrieb ihr der IWF 2011 in den Vertrag. Diese Benimmpassage war eine Reaktion auf die Sexaffären ihres Vorgängers Dominique Strauss-Kahn - könnte aber nun auch ihr zum Verhängnis werden, wenn es nächstes Jahr um ihre Vertragsverlängerung geht.

Sollte sie gehen, vorzeitig oder nicht, wäre das ein guter Anlass für eine Reform der IWF-Personalpolitik. Per Tradition geht der Spitzenjob an einen Europäer und der Chefposten der Weltbank, der IWF-Schwesterinstitution nebenan, an einen Amerikaner. Schon länger fordern Afrika, Asien und Lateinamerika eine Änderung. Ein Lagarde-Nachfolger aus Europa scheint nun eine immer schlechtere Idee.

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Luuu 08.07.2015 07:45
    Highlight Highlight da die usa einen knapp 17% stimmanteil am iwf hgaben, ist auch er, genauso wie die EU/NATO nur eine marionette dieses terroristischen imperiums.
    2 2 Melden
  • Luuu 08.07.2015 07:44
    Highlight Highlight warum wird den hier nicht die wahrheit geschrieben? sie ist nicht die dienstmagd von berlin und brüssel, sondern einzig und allein von den usa. die ganze sache, dass griechenland in der heutigen situation ist, wurde von langer hand geplant. und zwar von den usa, die marionette EU macht schön was die amis wollen und schaufelt sich so auch gleich das eigene grab.
    Die USA sind die einzigen die vom Eurozerfall profitieren, so erhoffen sie sich, ihrem seit langem künstlich hochgehaltenen dollar wieder aufwind zu verschaffen.
    1 1 Melden
  • buco 07.07.2015 21:03
    Highlight Highlight Für Griechenland fordern alle Solidarität, aber nie von vermögenden Griechen im In- und Ausland.
    3 0 Melden

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