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Christine Keeler auf dem Weg ins Gericht. Bild: AP/AP

Ein 19-jähriges Callgirl wird im Kalten Krieg für eine Spionin gehalten

Christine Keeler brachte mit ihrer britisch-russischen Doppelaffäre Minister zu Fall. Jetzt ist die Frau aus dem Herzen des Profumo-Skandals gestorben.

06.12.17, 12:13 07.12.17, 05:45

Ihr junges Leben war ein Drama. Weil sie schön war und ausser ihrer Schönheit keine Perspektive kannte. Zur Welt kam Christine Keeler 1942 in Uxbridge, der Vater liess Mutter und Tochter bald sitzen, die beiden zogen zusammen mit dem neuen Partner der Mutter in einen umgebauten Eisenbahnwagen neben einer Kiesgrube am Rand von Uxbridge.

Mit 15 wird Christine Mannequin. Mit 16 wird sie zum ersten Mal schwanger. Mit 17 bringt sie einen Sohn zur Welt, der nach sechs Tagen stirbt. Sie wird Stripperin in einem Nachtclub für die britische Oberschicht in Soho. Ihre damals beste Freundin, Mandy Rice-Davis, kennt einen Arzt namens Stephen Ward, der in Wirklichkeit ein Zuhälter ist und mit Mandy zusammen eine Art Prostitutionsring für Aristokraten und Politiker betreibt. Zu Vermittlungszwecken benutzt er die Villa eines Lords.

Dieses Bild von Lewis Morley machte Keeler Anfang der 60er-Jahre zur Celebrity. Bild: WikiCommons

Eines Tages im Juli 1961 badet die mittlerweile 19-jährige Christine im Pool des Lords und hat ihren Badeanzug «verloren», als zufälligerweise der britische Kriegsminister John Profumo samt Gattin vorbeikommt. Wie von Ward geplant beginnen Profumo und Keeler eine «Affäre». Allerdings unterhält sie damals auch noch eine Parallellaffäre mit Jewgeni Iwanow, dem Marineattaché der sowjetischen Botschaft. 

Ein Jahr vor dem Fall: John Profumo tanzt mit seiner Frau, der Schauspielerin Valerie Hobson. Bild: KEYSTONE

Die Frage liegt nahe: Spioniert Keeler Profumo im Auftrag der Sowjets aus? Ist sie eine neue Mata Hari? Publik wird die ganze Geschichte, weil Keeler unterdessen zwei neue Beziehungen mit Kleinkriminellen führt, die ihretwegen mehrfach mit Messern und Schusswaffen aufeinander losgehen. Keeler wird wegen Beihilfe zu Verbrechen und Meineid verhaftet, sie versucht, sich mit Geschichten über Profumo und Iwanow aus der Strafverfolgung herauszureden, geht an die Presse, muss aber für ein halbes Jahr ins Gefängnis. 

Dies ist die Originallegende von Keystone im Juli 1963: «Callgirl müsste man sein. Das schlecht erzogene und verdorbene ‹Tüpfi› Christine Keeler, das in der britischen Öffentlichkeit den Skandal des Jahrhunderts verursacht hat, ist bereits unsterblich geworden, denn es ist soeben in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett aufgenommen worden. Unser Bild hält den Einzug Christinchens fest. Anthony Eden, Winston Churchill, Mac Millan, Butlec, Attlee, Miss Summerskill und Bevan, alle in Wachs, sind die indignierten Zuschauer.» Bild: KEYSTONE

Während die Gerüchte sich zum Skandal verdichten, bestreitet Profumo zuerst, in irgendeiner Beziehung zu Keeler zu stehen. Am 5. Juni 1963, gesteht er, gelogen zu haben und tritt zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 arbeitet er für eine Wohltätigkeitsorganisation. Ward wird verurteilt und vergiftet sich im August 1963. Der Lord mit der Zuhältervilla wird geächtet. Im Oktober muss der britische Premier Harold Macmillan zurücktreten. Die Profumo-Affäre ist mit dafür verantwortlich.

Christine Keeler ist 21. Ihr Ruf besteht nur noch aus den hämischen Schlagzeilen der Boulevard-Presse. Einzig Mandy Rice-Davies hat weiterhin ihren Spass, sie zieht nach Tel Aviv und eröffnet Nachtclubs mit Namen wie Mandy's Candies und Mandy's Singing Bamboo.

Mandy Rice-Davies im Januar 1964, die Laune ist blendend. Bild: AP/AP

Christine Keeler lebte seither unter dem Namen Sloane. Sie arbeitete im Telemarketing und in einer chemischen Reinigung. Und immer wenn das Geld knapp wurde, versuchte sie, die Christine Keeler von einst mit einer neuen Story wieder aufleben zu lassen. 2001 veröffentlichte sie unter dem Titel «The Truth at Last» ihre erste Autobiografie: Sie sei von Profumo schwanger gewesen und er habe sie zur Abtreibung gezwungen, schrieb sie, und Stephen Ward sei ein sowjetischer Agent gewesen.

Stephen Ward (Mitte) am 24. Juli 1963 vor einem Gerichtstermin. Bild: KEYSTONE

Doch die einzigen Fans, die sie da noch hatte, waren ein paar Verschwörungstheoretiker. Die Geschichten, die sie regelmässig an die Presse zu verkaufen versuchte, widersprachen einander auf bizarre Art.

Jetzt ist sie einer schweren Lungenkrankheit erlegen. Sie hinterlässt zwei Söhne aus zwei kurzen Ehen. Geheimnisse hat sie keine an Iwanow verraten, so viel wird über die Jahre immerhin klar. «Ich war nur ein 19-jähriges Mädchen, das eine gute Zeit hatte. Ich habe jede Minute davon geliebt», sagte sie einmal. Aus der guten Zeit wurde eine bitterböse.

Sie alle haben uns 2017 schon verlassen

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Brikne, 20.7.2017
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