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Cameron-Nachfolge: Ein Aufsteiger, eine eiserne Lady – und eine Überraschung

Wer den Job gewinnt, darf Grossbritannien aus der EU führen: Diese Tory-Politiker wollen David Cameron als Parteichef und Premierminister beerben.

30.06.16, 16:30 30.06.16, 17:00

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Eine Woche ist das Brexit-Votum her, und noch immer ist unklar, wer die Verhandlungen über den EU-Austritt des Landes führen wird. Immerhin kommt bei den britischen Konservativen jetzt Bewegung in die Nachfolgerfrage: Bis Donnerstagmittag sollen die Anwärter auf das Amt des Parteivorsitzenden feststehen. Mehrere Tory-Grössen wollen Premier und Parteichef David Cameron nachfolgen, der nach dem Referendum seinen Rücktritt angekündigt hatte.

Rücktritt nach dem Brexit: Premier Cameron.
Bild: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA/KEYSTONE

Cameron will es seinem Nachfolger überlassen, in Brüssel offiziell den Antrag Grossbritanniens auf Austritt aus der EU zu stellen und die Verhandlungen darüber zu führen. Die Personalie wird den Post-Brexit-Prozess also entscheidend prägen. Ein neuer Parteichef würde gleichzeitig auch den Posten des Premierministers übernehmen.

Doch keine Kandidatur: Johnson. Bild: TOBY MELVILLE/REUTERS

Brexit-Wortführer Boris Johnson hat sich in letzter Minute überraschend gegen eine Kandidatur entschieden. Zuvor hatte ebenso überraschend sein Mitstreiter, Justizminister Michael Gove, sich selbst ins Rennen geschickt. Als Favoritin aber gilt bislang die britische Innenministerin Theresa May.

Was unterscheidet die Bewerber? Alle Anwärter auf den Tory-Vorsitz im Überblick:

Theresa May: die Eiserne Lady

Innenministerin May.
Bild: DYLAN MARTINEZ/REUTERS

Wer ist sie? Die Innenministerin gilt als aussichtsreichste Anwärterin auf die Spitzenposten in Partei und Regierung. Die 59-Jährige ist wie die meisten Tories eine EU-Skeptikerin, sprach sich im Brexit-Wahlkampf aber für einen Verbleib Grossbritanniens in der EU aus. In zwei Cameron-Kabinetten profilierte sich May mit einer harten Linie zu den Themen Einwanderung, Terrorabwehr, Überwachung, Polizei, Kampf gegen Kindesmissbrauch. Kaum jemand hielt sich bisher so lange an der Spitze des Innenressorts.

Was kann sie? Der «Daily Telegraph» nannte die Innenministerin schon 2010 einen «aufgehenden Stern», als «Eiserne Lady im Wartestand» betitelte sie der «Independent» drei Jahre später. Mitarbeiter beschreiben sie als diszipliniert und kompetent, freundlich, aber nicht unbedingt zum Smalltalk neigend. Sie studierte in Oxford (wie die frühere Premierministerin Margaret Thatcher und Noch-Premier Cameron), arbeitete für die englische Notenbank und stieg in die Lokalpolitik ein, noch bevor sie 30 wurde.

Was will sie? Als Innenministerin vertrat sie eine kompromisslose Law-and-Order-Politik. Im Anlauf zum Brexit-Referendum schlug sie sich auf die Seite von Camerons Pro-EU-Lager, hielt sich aber im Wahlkampf zurück. Das könnte ihr jetzt nützen: In der gespaltenen konservativen Partei sehnen sich viele nach Versöhnung der beiden Lager. May würde den Ausstieg Grossbritanniens bei der EU frühestens Ende 2016 beantragen, Neuwahlen vor 2020 lehnt sie ab.

Michael Gove: der Ideologe

Justizminister Gove. Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE

Wer ist er? Justizminister Michael Gove war einer der Chefideologen der Brexit-Kampagne. Der frühere «Times»-Journalist sitzt seit 2005 im britischen Parlament. Unter Cameron war er zunächst Bildungsminister und stiess eine grosse Schulreform an. Gerade steht er im Fokus der Schlagzeilen, weil eine E-Mail seiner Ehefrau Sarah Vine nach aussen drang: Darin wurde deutlich, dass sich das Brexit-Duo Gove und Johnson sehr voneinander entfernt hat.

Was kann er? Gove gilt als strammer Konservativer, ist aber kein Reaktionär: Er hat die Partei massgeblich mit modernisiert. Viele in der Partei schätzen ihn als intellektuellen Kopf, er hat Unterstützer in beiden Lagern. Er selbst hatte jahrelang gesagt, seine Haut sei nicht dick genug, um Premierminister zu sein.

Was will er? Offenbar wollte er vor allem Boris Johnson als Premier verhindern. Wenige Stunden vor Ablauf der Frist verkündete Gove überraschend seine eigene Kandidatur – und entzog Johnson öffentlich das Vertrauen. Dieser habe nicht genug «Führungskraft», um die Herausforderungen eines Brexit zu bewältigen, und sei nicht in der Lage, ein geeignetes Team zu bilden. Kurz darauf erklärte Johnson, nicht antreten zu wollen. Inhaltlich hat Gove sehr klare Vorstellungen: Unter anderem will er Grossbritannien möglichst weit vom EU-Binnenmarkt abkoppeln und den Handel weltweit neu ausrichten.

Liam Fox: der rechte Hardliner

Ex-Verteidigungsminister Fox. Bild: WILL OLIVER/EPA/KEYSTONE

Wer ist er? Liam Fox war im ersten Kabinett Cameron Verteidigungsminister. Er ist seit Jahren ein klarer EU-Gegner und eine Galionsfigur der Parteirechten. Der Brexit ist aus seiner Sicht der einzig richtige Weg.

Was kann er? Der 54-Jährige war vor seinem Politiker-Leben Mediziner. 2005 verlor er die Wahl zum Parteivorsitz gegen Cameron. 2011 musste er als Verteidigungsminister zurücktreten, weil er einen Freund und Rüstungslobbyisten mehrfach auf Dienstreisen mitgenommen hatte.

Was will er? Fox ist ein Kritiker der Modernisierung, die die Tories unter Cameron erlebt haben. Nach dem Brexit-Streit hat er betont, dass er die Konservativen wieder einen, die Flügel wieder versöhnen möchte. Das könnte ein erklärtes Ziel seiner Kandidatur werden.

Stephen Crabb: der Aufsteiger

Renten- und Arbeitsminister Crabb. Bild: PAUL HACKETT/REUTERS

Wer ist er? Der Renten- und Arbeitsminister Stephen Crabb ist weitgehend unbekannt. Der 43-Jährige demonstriert gerade eine ordentliche Portion Ehrgeiz: Minister ist er erst seit wenigen Monaten, trotzdem greift er nach dem wichtigsten Posten.

Was kann er? Anders als Cameron oder May gehört Crabb nicht zum politischen Establishment. Er wuchs mit zwei Brüdern und seiner alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung auf, jobbte als Student auf Baustellen und machte später den Abschluss an der London Business School. Seine Karriereschritte: Wahl ins Parlament, die Ernennung zum Minister für Wales, der Weg ins Kabinett Cameron – das alles binnen weniger Jahre.

Was will er? Crabb sagt, als Regierungschef werde er enge Beziehungen zur EU suchen – auch ausserhalb der Gemeinschaft. Das Brexit-Referendum habe ein klares Resultat ergeben, eine zweite Volksbefragung werde es nicht geben. Vorgezogenen Wahlen in Grossbritannien steht Crabb skeptisch gegenüber. «Die Antwort auf Instabilität ist nicht die Schaffung neuer Unsicherheit».

Weitere Kandidaten:

Auch Energieministerin Andrea Leadsom will Cameron als Parteichefin beerben, wie sie auf Twitter mitteilte. Leadsom hatte sich für einen Brexit ausgesprochen.

Energieministerin Leadsome. 
Bild: HANDOUT/REUTERS

So geht es jetzt weiter:

Das Bewerberfeld wird am kommenden Montag per Abstimmung der Tory-Abgeordneten auf zwei Kandidaten verkleinert. Dabei gelten Michael Gove und Theresa May als Favoriten. Über die verbleibenden Kandidaten sollen dann die rund 150'000 Parteimitglieder per Briefwahl entscheiden. Das Ergebnis wird für den 9. September erwartet. (amz/dpa/AFP/Reuters)

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Beobachter24 02.07.2016 14:06
    Highlight Hier mal ein sehr britisches Statement zum Thema.
    Aufgezeichnet von RT UK.
    Wer nun gleich die Krätze kriegt, wen er RT liest, der verpasst ein amüsante anzuschauende aber imho sehr treffende Analyse im schönsten britischen Akzent. :-)

    "What's that coming over the hill? The Tories" - Jonathan Pie
    RT UK
    1 0 Melden
  • Don Alejandro 30.06.2016 21:53
    Highlight Johnson bringt sich in Position. Als populistischer Rattenfänger weiss er nur zu gut, dass die erste Regierung nach BRexit nichts gewinnen kann. Er kommt dann als Retter in Not mit dem ritterlichen Bonus sich bei der Erstwahl nicht aufgedrängt zu haben. Alles Kalkül pur.
    5 0 Melden
    • Beobachter24 02.07.2016 14:11
      Highlight Werter Don Alejandro

      Die Sache mit Boris Johnson ist gegessen. Er hat sich zurückgezogen. Vielleicht lernt er Fliegen fischen.

      Aber die Kommentare zeigen, wie gut die Community informiert ist - dank unserer Qualitätsmedien ;-)
      1 0 Melden
  • purzelifyable 30.06.2016 19:28
    Highlight Na ja. Was Schlechteres kann ja kaum nachkommen.
    5 2 Melden
  • Howard271 30.06.2016 19:24
    Highlight Man merke: Jede Frau, welche als Politikerin eine einigermassen harte Linie fährt, ist eine "eiserne Lady". Bei einem männlichen Politiker mit ähnlichen Attributen käme wohl kaum jemand auf die Idee, ihn "eiserner Gentlemen" zu nennen...
    21 3 Melden
    • wonderwhy 30.06.2016 20:24
      Highlight sexism?
      2 8 Melden
  • flyingdutch18 30.06.2016 19:22
    Highlight Boris Johnson ist seinem Regierungschef David Cameron in den Rücken gefallen, als er im Februar in das Leave-Camp gewechselt hat. Jetzt wird er selbst von seinem Mitstreiter Michael Gove verraten. Recht geschieht's diesem Populisten, Lügner und Rassisten. Über den Zustand in der Konservativen Partei sagt dieses Gerangel nichts Gutes aus.
    18 9 Melden
  • Fly Boy Tschoko 30.06.2016 18:29
    Highlight Ach Johnson. Klassischer populist. Zuerst eine Kackinitiative zum Erfolg führen, eine goldene Zukunft versprechen, dann aber möglichst keine Verantwortung übernehmen.
    24 9 Melden

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