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Bild: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA/KEYSTONE

Warum Jeremy Corbyns Labour-Partei die Wahl-Sensation gelang

Noch verblüffender als Theresa Mays Schlappe ist die Wiederauferstehung von Labour. Dabei hatte Jeremy Corbyns Partei eigentlich alles dafür getan, vernichtend geschlagen zu werden.

09.06.17, 22:52 10.06.17, 15:53

Jörg Schindler, London

Ein Artikel von

Als dann klar war, dass nicht er, sondern die britische Premierministerin gedemütigt aus dieser Wahl hervorgegangen war, gönnte sich Jeremy Corbyn einen Hauch von Genugtuung. «Ich würde denken, das Ergebnis reicht aus, um zu gehen und Platz zu machen für eine Regierung, die das Volk wirklich vertritt», sagte der Labour-Chef vor seinem Haus im Londoner Stadtteil Islington. Dann reckte der 68-Jährige beide Daumen in die Kameras, für seine Verhältnisse ein fast schon unkontrollierter Gefühlsausbruch.

Theresa May erlitt bei den Wahlen eine Niederlage. Dennoch will sie nun eine neue Regierung bilden. Bild: WILL OLIVER/EPA/KEYSTONE

Niemand, ausser vielleicht ihm selbst, hätte noch zwölf Stunden zuvor zu prophezeien gewagt, dass die Labour-Partei landesweit rund 40 Prozent der Stimmen einheimsen würde. Statt, wie von vielen orakelt, das schlechteste Labour-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte zu holen, erzielte Corbyn das beste seit 2005, als ein gewisser Tony Blair mit absoluter Mehrheit gewann. Das ist bereits für sich genommen bemerkenswert - gemessen an den Umständen ist es sensationell.

Seit der Sozialist Corbyn vor zwei Jahren durch eine Verkettung von Zufällen an die Labour-Spitze gelangte, führte er einen einsamen Kampf. Während der achtwöchigen Wahlkampagne liess die Konkurrenz keine Gelegenheit aus, den Pazifisten und Atomkraftgegner als tattrigen Polit-Opi zu verhöhnen. Aussenminister Boris Johnson attackierte Corbyn zur allgemeinen Belustigung als «mutton-headed mugwump», was sich frei mit hammelköpfiger Wirrgeist übersetzen lässt.

Manager beschworen den Kollaps der britischen Wirtschaft, sollte Corbyn mit seinen Ideen an die Macht gelangen, Bahn, Post, Elektrizitätswerke wieder zu verstaatlichen, Steuern für Reiche zu erhöhen und Studiengebühren zu streichen. Fast die gesamte Presse des Landes porträtierte den Labour-Chef als Sicherheitsrisiko, da er niemals Atomwaffen einsetzen will und angeblich mit Terrorgruppen auf dem halben Planeten auf gutem Fuss steht.

Wahlkämpfer Jeremy Corbyn tourte unermüdlich durchs Land

Vor allem aber liess die Mehrheit der Labour-Abgeordneten im britischen Unterhaus nie Zweifel daran, was sie von ihrem Chef hält: nichts. Dessen linke Agenda passte von Anfang nicht zu der unter Blair nach rechts gerückten Labourpartei. Etliche Parlamentarier warben in ihren Wahlkreisen dafür, nicht wegen, sondern trotz Corbyn für die Sozialdemokraten zu stimmen.

Und weil der Chef sich umgekehrt stur weigerte, auch nur einen Schritt auf seine parteiinternen Rivalen zuzugehen, zogen praktisch zwei sich in tiefer Abneigung verbundene Labour-Parteien in den Wahlkampf. Ein im Grunde genommen aussichtsloses Unterfangen.

Corbyn aber – der sich selbst als «Monsieur Zen» bezeichnet –, liess sich davon nicht verdriessen und tat, was er schon während seiner Kampagne für die Labour-Führung getan hatte: Er umging die ihm feindlich gesonnenen Medien, indem er seine grösste Fangemeinde, die jungen Briten, gezielt in den sozialen Netzwerken umwarb. Und er tourte unermüdlich durchs Land, um seine Politik so vielen Menschen wie möglich persönlich zu erklären. Ein entscheidender Unterschied zu Regierungschefin May, die zumeist vor ausgewählten Jubel-Briten Binsen aneinanderreihte.

Corbyn dagegen verurteilte landauf, landab eine gnadenlose Sparpolitik, die etwa dafür gesorgt hat, dass die Briten selbst auf dringende medizinische Behandlung zum Teil monatelang warten müssen. Er beschrieb die Folgen der Millionenkürzungen in Schulen, Kindergärten und im Pflegesystem. Er versprach bezahlbaren Wohnraum für junge Familien und höhere Unternehmenssteuern. Wie genau die Abermilliarden, die sein sozialistisches Programm kosten würde, gegenfinanziert werden könnten, blieb an vielen Stellen offen. Zwei von fünf Briten war das egal. Corbyn sprach ihre Sprache.

Ganz offensichtlich hat der Anti-Politiker auch in Grossbritannien wieder einen Geist geweckt, von dem man lange dachte, er liege fest verkorkt und endgelagert in einem weit entfernten Flaschenkeller. Wie Bernie Sanders in den USA oder zuletzt Jean-Luc Mélenchon in Frankreich hat er dem Marktradikalismus die Utopie von einer solidarischen Gesellschaft entgegengesetzt. Man kann das nostalgische Fantasterei nennen. Oder Populismus.

Aber wenn 40 Prozent der Wähler sich davon angesprochen fühlen, sollte das den darbenden sozialdemokratischen Parteien im restlichen Europa zumindest zu denken geben.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 12.06.2017 06:51
    Highlight Oh je, schon wieder ein neuer Heiland!

    Es wird langsam langweilig.
    0 0 Melden
  • Phrosch 11.06.2017 17:48
    Highlight Nach meinen britische Informanten unterschiedlichen Alters war diese Wahl vor allem strategisch: May um jeden Oreis verhindern. Das bedeutet überhaupt nicht, dass Corbyn überzeugt hätte.
    0 0 Melden
  • rodolofo 10.06.2017 07:36
    Highlight Corbyn erinnert mich an Niklaus Scherr von der Alternativen Liste.
    Der diskutierte auch immer sehr sachlich und genau, was jeweils in den Arena-Diskussionen der eitlen Politgockel und der besserwisserischen Primadonnen eine richtige Wohltat war!
    Corbyn ist halt ein richtiger Arbeiter, der sich die Lage zuerst anschaut, dann sein Werkzeug zusammenstellt und sich daran macht, die gröbsten Schäden zu beheben und neue Baustellen zu eröffnen, wo dies nötig ist.
    In diesem Sinne erinnert er mich auch etwas an den SP'ler Nordmann.
    Jedenfalls ist Labor so sicher auf einem vielversprechenden Weg!
    15 4 Melden
  • The Origin Gra 10.06.2017 00:42
    Highlight Der Neoliberale Sparkurs zeigt Wirkung ☹
    Hoffentlich kommen die Menschen zur Vernunft und Begreifen das der Staat nicht nur Handlanger der Konzerne sein darf
    30 1 Melden
  • blueberry muffin 09.06.2017 23:37
    Highlight tyt hat das schon vor Jahren prognoziert. Übrigens auch der Ex Watson Chefredakteur.
    11 2 Melden
  • phreko 09.06.2017 23:34
    Highlight Das mit der fehlenden Finanzierung ist wieder mal so ein anti-Sozialdemokraten-Märchen. Sie wird ja im Grossen un Ganzen schon im Text beschrieben.

    Sie in der Schweiz: auch die Sozialdemokratischen Städte haben ausgeglichene Haushalte. Vergleicht man diese mit den Zentralschweizer Kantonen sieht man wer rechnen kann.
    27 3 Melden

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