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Frankreich stellt für viele Flüchtlinge keine Lösung dar. Bild: Thibault Camus/AP/KEYSTONE

Warum so viele Flüchtlinge am Eurotunnel ihr Leben riskieren: 6 Antworten auf die wichtigsten Fragen

Die Flucht durch den Eurotunnel nach Grossbritannien ist sehr gefährlich: Allein seit Anfang Juni starben dabei mindestens zehn Menschen. Was zieht dennoch Tausende Menschen hierher? Ein Überblick.

31.07.15, 22:44 03.08.15, 17:22

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1. Was zieht die Flüchtlinge von Frankreich nach Grossbritannien?

Viele Flüchtlinge erhoffen sich in Grossbritannien ein besseres Leben und die Aussicht auf einen Job. Die wirtschaftliche Lage ist dort deutlich besser (Arbeitslosenquote: 5.4 Prozent/Februar) als in Frankreich (Arbeitslosenquote: 10.5 Prozent/Februar). Hinzu kommt das abschreckende Asylsystem in Frankreich: Für viele Flüchtlinge gibt es dort wegen chronischer Überfüllung der Unterkünfte kein Dach über dem Kopf, etliche leben auf der Strasse, die Bearbeitungszeiten für Asylanträge sind vergleichsweise lang.

In Grossbritannien fällt zudem die Anerkennungsquote für Asylbewerber höher aus als in Frankreich, allerdings ist dort auch die Zahl der Anträge geringer. Auch die Sprache dürfte eine Rolle spielen: Englisch ist unter den Migranten deutlich stärker verbreitet als Französisch – viele von ihnen sind deshalb überzeugt, dass für sie ein Leben im Vereinigten Königreich leichter wäre als in Frankreich.

2. Wie viele Menschen warten in Calais auf einen geeigneten Zeitpunkt für die Flucht?

Dazu gibt es keine offiziellen Zahlen, lediglich Schätzungen: Demnach warten zwischen 3000 und 5000 Migranten auf eine solche Gelegenheit. Der Betreiber Eurotunnel hat in diesem Jahr auf der französischen Seite bereits mehr als 37'000 Versuche gezählt, die Grenze illegal zu überqueren. Bislang soll 150 Migranten die Flucht durch den Eurotunnel gelungen sein.

Wer scheitert, nimmt danach oft einen erneuten Anlauf. Geschätzt 3000 Migranten, viele von ihnen aus Eritrea, Sudan oder Afghanistan, harren im Flüchtlingslager von Calais aus, das dort von allen «Neuer Dschungel» genannt wird: In dem slumähnlichen Camp auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie stehen Zelte, viele Flüchtlinge haben sich notdürftigen Schutz aus Plastikplanen und Ästen gebaut. Die hygienischen Bedingungen gelten als katastrophal: Es gebe dort lediglich 20 Toiletten und 30 Wasserstellen, hatten die Hilfsorganisationen «Médecins du Monde», «Solidarités International», «Secours Catholique» und «Secours Islamique» im Juni erklärt. Die dortigen Lebensbedingungen seien nicht mit den Normen der Vereinten Nationen in Einklang zu bringen: «Sind wir noch in Frankreich?», fragten die Hilfsorganisationen.

3. Wie laufen die Fluchtversuche ab?

Nacht für Nacht versuchen Migranten, zum Eurotunnel vorzudringen. Sie klettern über Absperrungen und versuchen auf Lastwagen und Züge zu springen, die unter dem Ärmelkanal nach Grossbritannien fahren. Das Gelände vor dem Tunneleingang ist mit 650 Hektar sehr gross und dadurch nur schwer zu sichern. Die Polizei ist mit Suchscheinwerfern und Wärmebildkameras im Einsatz. Sicherheitsteams reparieren rund um die Uhr die Zäune, die sich über eine Länge von 28 Kilometern erstrecken – undichte Stellen gibt es aber immer wieder.

Manche Flüchtlinge brechen die Hecktüren der Lastwagen auf, um sich hinter der Fracht zu verstecken, andere springen von Brücken auf die Dächer der Fahrzeuge. Viele Migranten verletzen sich bei den halsbrecherischen Aktionen, immer wieder endet der riskante Fluchtversuch tödlich: Allein seit Anfang Juni kamen mindestens zehn Migranten bei ihrem Versuch, durch den Eurotunnel nach Grossbritannien zu gelangen, ums Leben.

4. Was tun Frankreich und Grossbritannien gegen das Flüchtlingsdrama?

Beide Länder setzen auf eine Verschärfung der Sicherheitsmassnahmen. Die Regierung in London will mit mehr Zäunen und Spürhunden auf den Andrang von Flüchtlingen auf der französischen Seite des Tunnels reagieren. «Die Situation ist inakzeptabel», sagte Premier David Cameron am Freitag nach einer Dringlichkeitssitzung von Ministern und Sicherheitsvertretern. «Menschen versuchen illegal in unser Land zu kommen, und hier gibt es Behinderungen für Fernfahrer und Urlauber. Wir werden mehr Zäune, mehr Mittel, mehr Spürhunde-Staffeln schicken.» Die Flüchtlingskrise werde «den gesamten Sommer über ein schwieriges Thema» bleiben. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve kündigte kürzlich an, zusätzlich 120 Polizisten nach Calais zu schicken.

5. Was unternimmt der Betreiber des Eurotunnels?

Eurotunnel hat inzwischen die Zahl der privaten Sicherheitsleute erhöht, jüngsten Berichten zufolge liegt sie jetzt bei 200. Sie unterstützen die Polizisten. Nach eigenen Angaben hat der Betreiber seit Jahresbeginn rund 13 Millionen Euro für Sicherheitsmassnahmen ausgegeben, so viel wie im gesamten Vorjahr. Frankreichs Innenminister Cazeneuve hatte der Unternehmensleitung zuletzt vorgeworfen, angesichts der «sich verschlimmernden Situation» nicht die notwendigen Massnahmen ergriffen zu haben.

6. Welche Folgen hat das Fluchtdrama für die Lkw-Fahrer und Transportunternehmen?

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung ist seit Wochen alarmiert: Flüchtlinge würden in Gruppen versuchen, «einzelne Lkw regelrecht zu entern», Schlösser und Plomben der Fahrzeuge würden aufgebrochen, die Ladung teilweise aus dem Lkw herausgeworfen, hiess es bereits Mitte Mai. Kunden in Grossbritannien würden immer häufiger die Annahme von Waren verweigern, wenn sie «unvollständig, beschädigt oder durch Exkremente beschmutzt» ihr Ziel erreiche.

Zudem seien Fahrer mit Gewaltanwendung bedroht worden, wenn sie sich gegen das Eindringen von Migranten auf die Ladefläche wehrten. Als besonders problematisch gilt dem Verband zufolge auch, dass Fahrer und Unternehmen «rechtlich wegen Menschenschmuggels wie gemeine Schlepperbanden belangt» werden, wenn britische Beamte Flüchtlinge auf den Fahrzeugen finden. Die britische Gesetzgebung sehe eine Unschuldsvermutung nicht vor.

hen/dpa/AFP/Reuters

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 01.08.2015 10:32
    Highlight Da kommen noch viele viele mehr und eine Hundestaffel wird das Problem nicht lösen. Es wird sich zeigen wie die verschiedenen Staatsoberhäupter eine zunehmend vergraulte Wählerschaft bei Laune halten. Man kann es sich in etwa so vorstellen wie bei Hochwasser. Dein Keller läuft immer voller, die geeignete Massnahme, ein Schutzwald im Einzugsgebiet, löst dein Problem erst in der (fernen) Zukunft. Wie begeistert bist du nun wenn dir ein Eimer zum Abschöpfen vor die Türe gestellt wird?
    3 0 Melden
  • Gaucho78 01.08.2015 09:28
    Highlight Endlich wird auch über die LKW Fahrer berichtet die unter den Flüchtlingen zu leiden haben. Pro Flüchtling der erst auf dem Staatsgebiet von Grossbritanien entdeckt wird, wird eine Strafe von mehrern 1000€ fällig, welche dem Fahrer aufgebrummt wird, dies obwohl die Behörden ganz genau wissen dass der Fahrer in den allermeisten fällen nichts dafür kann.
    18 0 Melden
  • Alnothur 01.08.2015 08:32
    Highlight Waffentraglizenz für die LKW-Fahrer würde Problem 6 zienlich effizient bakämpfen.
    15 19 Melden
    • _kokolorix 01.08.2015 11:06
      Highlight das ist sicher der dümmste und ineffizienteste kommentar, ganz abgesehen von der rechtschreibung
      8 4 Melden
  • rodman 01.08.2015 08:25
    Highlight Danke für diesen objektiven und neutralen Artikel. Nicht selbstverständlich in diesen Tagen.
    13 2 Melden
  • Max Heiri 01.08.2015 00:03
    Highlight Eigentlich ist es doof von ihnen dort es hinüberzuschaffen. Versucht es doch an tausend anderen Stellen mit dem Boot...
    4 7 Melden
    • _kokolorix 01.08.2015 10:58
      Highlight nach der erfahrung im mittelmeer sind wohl die boote nicht gerade der renner.
      als mittelloser flüchtling dürfte es auch nicht gerade leicht sein ein boot zu kriegen. vermutlich sind die flüchtlinge wenn sie dort angelangt sind derart abgebrannt, dass es sich für schlepper einfach nicht lohnt
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