International

Ohrfeige für Brexit-Plan von Theresa May:
EU-Botschafter tritt zornig zurück

Ivan Rogers tritt ab. Der EU-Botschafter für Grossbritannien wirft verärgert das Handtuch. Bild: FRANCOIS LENOIR/REUTERS

Für die britische Premierministerin ist der zornige Abschied ihres EU-Botschafters Ivan Rogers doppelt peinlich. Er zeigt: Regierung und Beamtenapparat sind nicht auf einer Linie – und Theresa May fehlt ein Brexit-Plan.

04.01.17, 20:47 05.01.17, 10:41

Christoph Scheuermann, London

Ein Artikel von

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.

Ivan Rogers hat die besondere Gabe, eines dieser Allerweltsgesichter zu besitzen, die man drei Sekunden nach einem Treffen wieder vergessen hat. Ihm macht das nichts aus, er ist sogar stolz darauf. Rogers' natürliches Habitat als britischer EU-Botschafter waren die dunklen Flure und die Hinterzimmer von Brüssel, wo es auf Expertise und Verhandlungsgeschick ankommt, nicht auf ein kamerataugliches Äusseres. Rogers war ohne Zweifel der unauffälligste Mann in einer Stadt, die an unauffälligen mittelalten Männern nicht gerade arm ist.

Rogers' Nachfolge steht bereits fest

Nun hat er sich vorzeitig als britischer Chefdiplomat aus Brüssel verabschiedet, wegen der katastrophalen, chaotischen Brexit-Politik der Regierung und wegen Meinungsverschiedenheiten mit Theresa May. Seinen Leuten trug er in einer Abschiedsmail auf, sie sollten weiterhin «schlecht begründete Standpunkte und wirres Denken» aus London entlarven und auch künftig Politikern die Wahrheit ins Gesicht sagen, auch wenn sie unbequem ist. Das war eine donnernde Breitseite gegen all jene Brexit-Enthusiasten auf der Insel, die noch immer glauben, die EU werde ihnen ein Freihandelsabkommen auf Knien servieren.

Theresa Mays Brexit-Kurs steht in der Kritik des ehemaligen EU-Botschafters Ivan Rogers. Bild: NEIL HALL/REUTERS

Man kann die Folgen dieser Entscheidung gar nicht überschätzen. Theresa May will Ende März die Brexit-Verhandlungen beginnen. Sie ist auf clevere, loyale Mitarbeiter angewiesen wie nie zuvor. Mit seinem Abgang hat Rogers die Zerwürfnisse zwischen Teilen des Beamtenapparats von Westminster und der Regierung offenbart. Zudem hinterlässt er eine riesige Lücke im britischen Verhandlungsteam in Brüssel.

Abgang mit Trommeln und Trompeten

Seine Kündigung stellt Theresa May auf peinliche Weise bloss. Schliesslich hatte May noch vor drei Tagen in ihrer Neujahrsrede einen sanfteren Ton angeschlagen und versucht, die Brexit-Gegner auf ihre Seite zu ziehen. Sie wollte davon ablenken, dass ihre Regierung noch immer keine Ideen für die Verhandlungen vorgelegt hat. Diese Strategie ist nun empfindlich torpediert worden. Dazu kommt, dass May von der Nachricht genauso überrumpelt wurde wie alle anderen, und sich nicht vorab schützen konnte.

Seit über sechs Monaten sucht ihre Regierung nach einem Plan, die EU zu verlassen ohne das Land politisch, wirtschaftlich und kulturell noch mehr vom Rest Europas zu isolieren. May braucht jeden schlauen Kopf, den sie bekommen kann. In den Verhandlungen mit der Europäischen Kommission und den 27 Mitgliedstaaten sind die Briten zahlenmässig ohnehin unterlegen. Einen Mann zu verlieren, der seit sechs Jahren die britische Europapolitik gestaltet hat und die europäischen Partner kennt wie kein Zweiter, ist eine Katastrophe.

Es ist klar, dass Ivan Rogers nicht leise verschwinden wollte. Er hat mit Trommeln und Trompeten hingeworfen, schon das ist erstaunlich für einen Diplomaten, der bei Pressekonferenzen und anderen offiziellen Auftritten am liebsten mit der Tapete verschmolzen wäre. Rogers besitzt eine unschätzbare Erfahrung als Europaexperte, erst als EU-Berater unter David Cameron, dann als britischer Botschafter in Brüssel. Eigentlich hätte er den Beginn der Brexit-Verhandlungen begleiten sollen. May wird es nicht einfach haben, für ihn einen Ersatz zu finden.

Rogers hatte viele Feinde, vor allem im Brexit-Lager. Er sei viel zu pessimistisch und zu vorsichtig gewesen, heisst es. Ausserdem war er schon deshalb verdächtig, weil er dem Europafan Kenneth Clarke, einem alten Tory-Haudegen, als Berater diente. Im Dezember wurde seine Warnung an Theresa May an die Öffentlichkeit gespielt, ein britisch-europäisches Freihandelsabkommen zu verhandeln, könnte zehn Jahre dauern – weitaus länger als die Brexit-Kämpfer versprochen hatten.

Frühere Berater von David Cameron sagen, Rogers habe den britischen Interessen vor dem EU-Referendum geschadet, indem er stets den kleinsten gemeinsamen Nenner mit dem Rest Europas gesucht habe. Er hätte besser Maximalforderungen stellen sollen, anstatt darauf hinzuweisen, was alles nicht möglich sei. Nigel Farage twitterte gestern, er hoffe, dass nach Rogers noch mehr Beamte das Aussenministerium verlassen, das sich aus seiner Sicht der EU seit Jahren anbiedert.

Für May werden die nächsten Wochen alles andere als einfach. Noch Anfang Januar wird ein Urteil des Supreme Court erwartet, der über eine stärkere Einbindung des Parlaments im Vorfeld der EU-Verhandlungen entscheiden soll. Wenn die Regierung unterliegt, wäre das eine weitere Blamage für die Premierministerin. Ausserdem haben Brexit-Gegner gerade ein weiteres Gerichtsverfahren gestartet.

Theresa May darf sich auf einen kalten Januar einstellen.

Zusammengefasst: Mit Ivan Rogers verliert Premierministerin Theresa May einen wichtigen Diplomaten; sechs Jahre lang hatte er die britische Europapolitik gestaltet, er kannte die europäischen Partner wie kein Zweiter. Der Rücktritt des EU-Botschafters zeigt, dass die britische Regierung und ihr Beamtenapparat nicht auf einer Linie sind.

Brexit

Der Brexit wird zum Zug-Unglück

Jetzt wird's hart: Grossbritannien verzichtet auf den soften Brexit

Ohrfeige für Brexit-Plan von Theresa May: EU-Botschafter tritt zornig zurück

Nach Brexit soll Grossbritannien (fast) nichts mehr mit der EU am Hut haben

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sophia 04.04.2017 00:34
    Highlight Diese Frau May lebt in einer Scheinwelt. Gibralta, wo britische Banken die europäischen Staaten bescheissen und deswegen in der EU verbleiben möchten (über 90% Der Stimmen gegen Brexit) will sie notfalls mit Waffengewalt im Königreich halten. Ist die noch bei Trost?
    Wenn Gibraltas Grenzen zu Spanien zugehen, kann der Felsen gar nicht mehr ohne Milliardenhilfe aus England überleben!
    Spanien hat beschlossen, den Schottenaustritt aus dem Königreich zu akzeptieren, damit ist die letzte Bastion gegen den Austritt gefallen. Es wird langsam sehr bitter für die May! Und für die Träumer hierzulande?
    2 0 Melden
  • Intellektueller 04.01.2017 23:29
    Highlight Der Pulverdampf lichtet sich. Es wird erkennbar, wo Freund und Feind stehen.
    Der EU-Stiefelknecht Ivan Rogers meinte, er sei der richtige Mann am richtigen Ort, aber mit dem falschen Auftraggeber. Welche Verblendung! Der Auftraggeber ist nie der Falsche. Rogers wurde zum falschen Mann am falschen Ort und sah es nicht ein. Sein Abgang war offensichtlich unausweichlich. Schade um ihn, dass er es nicht einsehen konnte und einen sehr garstigen Abschied aufführte.
    22 41 Melden
    • FrancoL 05.01.2017 01:14
      Highlight Und nun, nach Deinen 10 Zeilen persönlicher Hasstiraden, zur Realität:
      In weniger als 3 Monaten wollen die Briten das Austrittsgesuch einreichen und mit welchem Plan genau, ausser zu meinen dass die EU ihnen für eine Handelsunion einen Roten Teppich auslegt? Erhelle uns Intellektueller!
      39 21 Melden
    • exeswiss 05.01.2017 01:19
      Highlight naja es ist besser jemanden zu haben der den verhandlungspartner kennt, wenn man am kürzeren hebel ist.
      32 9 Melden
    • Jonasn 05.01.2017 01:30
      Highlight Haha, sorry, aber das ist so falsch und ebenfalls verblendet. England lebt derzeit innenpolitisch in einer großen Blase, in der sich keiner traut zu sagen, wie es wirklich ist nach dem Referendum. Man spielt die harte Verhandlungsfront ohne gute Karten in der Hand zu haben. Mit dem Unterschied zu Poker, dass in diesem Fall jeder der Verhandlungspartner die Karten sehen kann, nur dem eigenen Volk erzählt man, nur Asse zu haben.
      20 10 Melden
    • poga 05.01.2017 05:20
      Highlight @Jonasn trotzdem ist der hohe Poker mit schwacher Hand immer noch besser als gar kein Poker in Anbetracht des von der Bevölkerung geforderten Brexit. Es ist das gleiche Problem wie bei der MEI. Das Volk hätte wohl eher verstanden wenn man hart gepokert hätte, und am Schluss nichts gekommen wäre, wue wenn gar keine Forderung gemacht wird und am Schluss auch kein Mehrwert entsteht. Hätte die Schweizer Regierung die EU unter Druck gesetzt, und zwar massiv, dann wäre am Schluss die EU die Böse gewesen. Nicht die CH Regierung. In meinen Aufen due bessere Taktik.
      7 12 Melden
    • Wilhelm Dingo 05.01.2017 06:06
      Highlight FrancoL: wo siehst denn Du Hasstiraden? Diese Verblendung ist Symptomatisch. Ein Kommentar der nicht ins eigene Weltbild passt ist rassistisch, Hetze oder eben eine Hasstirade.
      8 13 Melden
    • exeswiss 05.01.2017 06:34
      Highlight @poga das problem bei poker ist, dass man auch schnell alles VERLIEREN kann.
      11 0 Melden
    • poga 05.01.2017 07:34
      Highlight @exeswiss das ist richtig. Darum ist es auch wichtig dass der Einsatz nicht zu hoch ist. Klar ist aber auch, man kann nichts gewinnen wenn man nicht spielt. Was in meinen Augen passiert ist bei der Umsetzung der MEI.
      2 8 Melden
    • Intellektueller 05.01.2017 08:49
      Highlight @exeswiss: Nein, man braucht nie einen Verhandler, der den Verhandlungspartner gut kennt und mit ihm womöglich noch in dasselbe Bett steigt. Die Verhandlungen werden ja gerade mit dem Zweck geführt, die Positionen, Angebote und Begehren einander bekanntzugeben. Man muss sich dazu nicht vorher kennen. In Verhandlungen sind persönliche Sympathien oder Animositäten der Unterhändler hinderlich für ein Verhandlungsergebnis, das die Auftraggeber zufriedenstellt.
      Was es immer braucht, ist ein Verhandler, dem man zutrauen kann, dass er die Interessen des Auftraggebers zäh vertritt.
      0 10 Melden
    • FrancoL 05.01.2017 09:26
      Highlight @Wilhelm Dingo; Ein Kommentar von "Intellektueller" der eine Person zum Ziel hat, deren Handlung zu diskreditieren und dabei mit KEINEM Wort erwähnt, dass der Mann ja nicht Unrecht hat; Es gibt offensichtlich noch keinen Plan, ist für mich unterirdisch.
      Aber, da Du den besagten Post ja nicht fehl am Platz findest, kannst Du ja gerne darlegen wie der UK-Plan für den Ausstieg aussieht. Ich bin für jede Info dankbar.
      Deine Annahme zum Weltbild ist zudem eine übliche Anmassung eines Kommentatoren, der offensichtlich mit einfachen Fragen seine Mühe zu haben scheint.
      Kläre mich auf.
      7 2 Melden
    • Intellektueller 05.01.2017 11:42
      Highlight @Franco: Ob Rogers in der Sache Recht hat, ist unerheblich. Seine Haltung ist inkompatibel zu seinem neuen Herren. Das ist, was zählt.
      Darum ist es richtig, dass er geht. Doch die ganzen Anschuldigungen gegenüber seinem und die Herabwürdigungen seines Auftraggeber entlarven ihn als schlechten Verlierer und als neurotischen, selbstherrlichen Rechthaber.
      Das wiederum ist eine nüchterne Feststellung meinerseits und kein diffamierender Angriff.
      2 7 Melden
    • FrancoL 05.01.2017 17:11
      Highlight @Intellektueller; Bist Du sicher dass Rogers Haltung plötzlich eine andere ist, denn sonst müsste man ja feststellen dass die "neuen Herren" sehr lange gebraucht haben um diese abweichende Haltung zu bemerken.
      Ich vermute eher dass Rogers nicht unrecht hat dass kein Plan besteht und sich daran stösst, so wie viele andere dies auch tun. Habe heute vermehrt Bloomberg geschaut und da ist man ähnlicher Meinung. Auch die Hast mit der May den neuen Mann Barrow eingesetzt hat zeigt dass man in UK gerne vom nicht vorhandenen Plan ablenken will.
      6 1 Melden
    • Sophia 04.04.2017 00:44
      Highlight Richtig Francol, die May hat keinen Plan, hatte noch nie einen und auf diese Weise kam sie auch ins Amt. Jetzt spiel sie starke Frau und glaubt wohl, sie sei eine neue Thatcher. Die hatte aber Pläne!
      Beste Beispiele: Gibralta! Schottland. Sie hat keine Ahnung von deren Problematik. Heute hat sie angetönt, Gibralta notfalls mit Waffengewalt im UK zu behalten. Niemand will ihr den Felsen wegnehmen, aber die Thatcher nachäffen kommt bei einigen Idioten gut an.!
      3 0 Melden
    • FrancoL 04.04.2017 01:58
      Highlight @Sophia; Gehe mit Dir völlig einig. Befürchte auch dass May eher einen Schlammassel anstellt anstelle einen geordneten Rückzug zu verfolgen. Die Not bleibt dann wie üblich beim Volk liegen.
      3 1 Melden
  • Pano 04.01.2017 22:18
    Highlight Lieber BR in Bern, für einmal würde sich ein externer Berater wirklich auszahlen! Es dürfte doch nicht allzu schwer sein, die Telefon-Nummer von Ivan Rogers herauszufinden.
    18 12 Melden

Terroristen planten Anschlag auf Theresa May ++ Polizei meldet mehrere Festnahmen 

Die Sicherheitsbehörden in Grossbritannien haben in den vergangenen zwölf Monaten eine Reihe von Terroranschlägen verhindert, darunter nach einem Medienbericht möglicherweise auch ein Attentat gegen Premierministerin Theresa May.

Das berichteten der Sender Sky News in der Nacht zum Mittwoch unter Berufung auf Eigenrecherche. Auch die Times berichtete. Der Plan hat nach diesen Berichten den Einsatz von Sprengstoff vor der Downing Street und einen anschliessenden gezielten Angriff gegen May in dem …

Artikel lesen