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Wahlen in Grossbritannien: Vorsprung von Theresa May schmilzt – Ausgang offener denn je

06.06.17, 15:48 06.06.17, 16:23

Theresa May pokerte hoch, als sie im April überraschend Neuwahlen ausrief – drei Jahre vor dem eigentlich fälligen Termin. Für die EU-Austrittsverhandlungen brauche das Land eine starke Führung, begründete die britische Premierministerin ihren Schritt. Es müsse verhindert werden, dass die Opposition die Brexit-Arbeit der Regierung gefährde.

Mays Chancen standen gut: Umfragen sahen ihre Tories mehr als 20 Punkte vor der Konkurrenz von Labour. Sechs Wochen später sieht das Bild anders aus: Zwar liegen die Tories in den meisten Umfragen noch vorn – aber nur hauchdünn.

Die Tories von Theresa May liegen zwar in den meisten Umfragen noch vorn – aber nur hauchdünn. Bild: EPA/BLOOMBERG POOL

Wirkung des Anschlags noch unklar

Und die Wirkung des jüngsten Anschlags an Pfingsten ist unklar. Labour verweist auf Mays langjährige Rolle als Innenministerin, wo sie Tausende Stellen bei der Polizei gestrichen habe. Andererseits könnten sich die Briten angesichts der Bedrohung auch erst recht hinter der Regierung sammeln.

Kurz vor dem Wahltermin am Donnerstag ist jedenfalls von einem Erdrutschsieg für Mays konservative Tories keine Rede mehr. Selbst die aktuelle Zwölf-Sitze-Mehrheit im Parlament ist nach einer am Dienstag veröffentlichten YouGov-Modellrechnung in Gefahr, die nach dem Anschlag am Samstag erhoben wurde.

Diese Berechnungen, eine Mischung aus Wählerbefragung kombiniert mit Erfahrungswerten, gelten zwar als unzuverlässig. Sollte die Mehrheit der Konservativen aber schmelzen oder sollten sie gar nicht mehr alleine regieren können, wäre die Premierministerin genau zu Beginn der Brexit-Verhandlungen geschwächt.

«Demenzsteuer» kostet May Punkte

Der Absturz in den Umfragen hatte zuletzt jedoch nichts mit der Brexit-Debatte zu tun. Sowohl die Tories als auch Labour haben angekündigt, sich an den Ausgang des Referendums zu halten und das Land aus der EU zu führen.

Der Wahlflopp kam aus der Sozialpolitik. May sah sich gezwungen, einen Rückzieher bei einer ihrer zentralen Wahlkampfaussagen zu machen, die Alten an ihren Pflegekosten stärker zu beteiligen.

Kritiker bezeichneten das Vorhaben als «Demenzsteuer». Rentner befürchteten, sie müssten ihre Häuser verkaufen, anstatt sie an ihre Kinder vererben zu können. Auch die Zusicherung Mays, es werde eine Obergrenze geben, konnte den Schaden nicht mehr gutmachen.

Labour-Chef Jeremy Corbyn kommt immer besser ins Rennen. Bild: AP/PA

Corbyn will Steuern für Reiche erhöhen

Zugleich kam ihr Kontrahent, Labour-Chef Jeremy Corbyn, immer besser ins Rennen. Er will die Privatisierung staatlicher Unternehmen zurückdrehen und Reiche höher besteuern.

Gestartet als hoffnungsloser Fall entwickelte sich der 68-jährige Veteran der Friedensbewegung zu einem ernstzunehmenden Kontrahenten, der bei Wahlkampfkundgebungen grossen Zulauf erhält. «Er ist ein ganz normaler Mensch, was wohl gut ankommt», beschreibt die Teilnehmerin einer Corbyn-Veranstaltung in Reading, Trish Whitham, den Labour-Chef.

Anschläge als Wahlkampfthema

Der versucht jedoch angesichts von drei Anschlägen binnen zehn Wochen jetzt mit dem Thema innerer Sicherheit zu punkten und sein Image als verträumter Friedensbewegter abzulegen. Er attackiert May, weil sie in ihrer Amtszeit als Innenministerin 20'000 Stellen abgebaut habe.

Die Wirkung des jüngsten Anschlags an Pfingsten auf die Wahlen am Donnerstag ist unklar. Bild: WILL OLIVER/EPA/KEYSTONE

Hatten Corbyn und Labour lange Widerstand gegen zu weitgehende Befugnisse der Polizei geleistet, will er den Sicherheitskräften jetzt weitgehend freie Hand geben. Inwieweit Labour am Donnerstag damit punkten kann, bleibt eine entscheidende Frage: Labour hatte in seinen Hochburgen im Norden Englands eine tolerante Politik gegen Einwanderer verfochten.

May wirft ihnen das mit Blick auf den Anschlag von Manchester jetzt vor und sagt, dass es zu den abgeschlossenen, islamischen Gesellschaften innerhalb des Landes geführt habe. Damit müsse Schluss sein. (whr/sda/reu)

Terrorangriff in London

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Waedliman 06.06.2017 20:25
    Highlight Eigentlich wollte ich, dass die EU dieser kaltschnäuzigen Tante so richtig aufs Maul haut, aber nun machen es vielleicht sogar die eigenen Wähler. Schon interessant, wie irritiert die Briten zu sein scheinen.
    11 4 Melden
  • äti 06.06.2017 18:55
    Highlight Die Dame ist nicht auf meiner Fan-Liste.
    9 4 Melden
  • Pana 06.06.2017 17:30
    Highlight May, or may not :D
    10 2 Melden
    • nilson80 06.06.2017 19:07
      Highlight June marks the end of may 🤗
      8 2 Melden
    • Radiochopf 06.06.2017 19:39
      Highlight May not hoffentlich! Es wäre schon mehr über Corbyn zu erfahren als May.. was wissen wir hier schon über Corbyn? Bei May wird jeder Furz mit einem Artikel belohnt.. wenn Corbyn was zu Manchester oder Londok sagt ist das nirgends zu lesen oder zu sehen...
      5 1 Melden
    • nilson80 07.06.2017 06:34
      Highlight Das stimmt so nicht. Corbyn steht seit langem im massiven Kreuzfeuer der britischen Presse. Dass er hier weniger aufgetaucht ist, lag an der Schwäche von Labour und damit der fehlenden Relevanz. Ich bin übrigens kein Corbyrn Fan da er mir zu wenig pragmatisch und zu retrolinks ist. May hat sich aber so dermassen als unwählbar gezeigt, dass mir Corbyrn als bessere Wahl erscheint. Persönlich würde ich in GB wahrscheinlich eher die Liberaldemokraten (in Koalition mit Labour) bevorzugen.
      1 0 Melden
  • satyros 06.06.2017 17:27
    Highlight Auch wenn ich auf einen Sieg Corbyns hoffe, ist das Ausschlachten des Terrors für politische Zwecke unterste Schublade. Gilt natürlich auch für die Tories.
    13 3 Melden
    • phreko 06.06.2017 19:53
      Highlight Wie soll man drum herum kommen?
      1 1 Melden
    • satyros 06.06.2017 21:24
      Highlight Man kann einfach pietätvoll sein und sagen, dass man das Andenken an die Toten nicht mit Politik entehren will.
      1 4 Melden
    • phreko 06.06.2017 21:57
      Highlight Ich kann mit der Einstellung sehr sehr wenig anfangen. Falls ich eines widernatürlichen Todes sterbe hoffe ich ja sehr, dass es in Zukunft nicht auch noch andere Trifft. Das heisst es muss darüber diskutiert werden. Und wenn dann halt kurz darauf Parlamentswahlen sind, dann ist es besonders wichtig, da es einen Richtungsentscheid gibt. Mag unangenehm sein für gewisse, aber finde blindlings in die Zukunft gehen einen totalen Irrsinn.
      4 0 Melden
    • satyros 06.06.2017 23:38
      Highlight Als ob man eine halbe Woche vor den Wahlen einen sinnvollen Dialog darüber führen könnte, wie solche Anschläge in Zukunft verhindert werden können. Ich gehe aber mit Dir einig, dass es die Aufgabe der Politik ist - egal welche Partei übermorgen gewinnt - ihr Möglichstes zu tun, um die Bürger zu schützen. Schuldzuweisungen nützen da aber wenig. Genau so wenig wie ein "Vierpunkteplan", der offenbar innerhalb von einigen wenigen Tagen entwickelt wurde. Es ist doch einfach vermessen, zu behaupten: Wenn ihr uns wählt, lösen wir ein Problem, das Europa jetzt schon mehr als ein Jahrzehnt plagt.
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