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Endlich! «Sie bitten um gleiche Achtung vor dem Gesetz. Die Verfassung gewährt ihnen dieses Recht.» Bild: JIM LO SCALZO/EPA/KEYSTONE

Homo-Ehe in den USA: Nur die Liebe zählt – und gewinnt

Mit einem historischen Urteil hat das Oberste US-Gericht Schwulen und Lesben nun in ganz Amerika erlaubt, zu heiraten - die Freude darüber ist gross. Ihr Kampf um gleiche Rechte ist aber längst nicht beendet.

26.06.15, 20:30 26.06.15, 21:32

Marc Pitzke, New York

Ein Artikel von

Jim Obergefell kann und will die Tränen nicht zurückhalten. «Am meisten möchte ich John danken», sagt er. «Dafür, dass er mich zu einem besseren Mann gemacht hat. Dafür, dass er mir etwas gab, für das es sich zu kämpfen lohnte. Ich liebe dich. Dies ist für dich, John.»

Obamas Rede zum grossen Homo-Ehen-Tag

YouTube/The White House

Obergefell, 48, steht auf den Stufen des Obersten US-Gerichtshofs. Ringsum drängen sich Hunderte Menschen, sie schwenken Sternenbanner und Regenbogenfahnen, singen die Nationalhymne, skandieren: «USA! USA!» Obergefell hält ein Foto John Arthurs hoch, seines Ehemanns.

Arthur starb 2013, drei Monate, nachdem sie geheiratet hatten. Ihr Heimatstaat Ohio erkannte die Ehe jedoch nicht an, weshalb Obergefell klagte, bis vor den Supreme Court zog. Der sprach sein Urteil schliesslich an diesem Freitag. Ein Urteil mit «Donnerschlag», wie es Präsident Barack Obama ausdrückte, hörbar in ganz Amerika - und weltweit.

Jim Obergefell ist einfach nur glücklich. Bild: JIM LO SCALZO/EPA/KEYSTONE

Denn mit einem historischen Federstrich haben die Verfassungsrichter die gleichgeschlechtliche Ehe nicht nur in Ohio und in drei weiteren Bundesstaaten (Kentucky, Michigan, Tennessee) legalisiert, gegen die geklagt wurde - sondern landesweit. Damit rücken die USA an die Spitze der ein Dutzend Länder, die die Homo-Ehe jetzt anerkennen.

In einer seiner bedeutendsten Entscheidungen sprach der Supreme Court homosexuellen Paaren dasselbe Verfassungsrecht auf Ehe zu wie heterosexuellen. «Ihre Hoffnung ist es, nicht verdammt zu werden, in Einsamkeit zu leben, ausgeschlossen von einer der ältesten Institutionen der Zivilisation», schrieb Richter Anthony Kennedy in dem ausserordentlich emotional formulierten Urteil. «Sie bitten um gleiche Achtung vor dem Gesetz. Die Verfassung gewährt ihnen dieses Recht.»

Dafür stimmten die vier als linksliberal geltenden Richter und Kennedy, der wie so oft das Zünglein an der Waage spielte. Dagegen stimmten ihre vier konservativen Kollegen, allen voran Chefrichter John Roberts. Doch selbst er formulierte seine Entscheidung so respektvoll wie möglich. Sein Widerspruch sei rein verfassungsrechtlich, er habe nichts gegen Homosexuelle: «Feiern Sie die heutige Entscheidung unbedingt.»

Die Richter zeigen viel Sinn für Symbolik - oder verblüffendes Timing. Das Urteil kam am 26. Juni, dem Jahrestag früherer Grundsatzurteile, mit denen der Supreme Court den Weg für gleichgeschlechtliche Rechte gebahnt hatte. Am 26. Juni 2003 beseitigte er die letzten anachronistischen Verbote der Homosexualität in US-Bundesstaaten wie Texas. Am 26. Juni 2013 legalisierte er die Homo-Ehe auf Bundesebene.

«Dieses Urteil ist ein Sieg für Amerika»

Und jetzt: auch in allen 50 Staaten - und nicht nur in den 37 und der Hauptstadt Washington, die gleichgeschlechtliche Ehen bereits im Alleingang erlaubt hatten. Zwar könnte es ein paar Wochen dauern, bis das durch die Instanzen sickert. Doch das Ergebnis wird überall identisch sein - per höchstrichterlichem Beschluss von oben verordnet.

Auch Obama, der sich der LGBT-Bewegung anfangs nur zögerlich angeschlossen hatte, zeigte sich sichtlich bewegt, als er im Rosengarten des Weissen Hauses vor die Kameras trat. «Dieses Urteil ist ein Sieg für Amerika», sagte er. «Amerika kann sehr stolz sein.»

Nur Minuten zuvor hatte der Präsident Obergefell auf seinem Handy angerufen, um ihm zu gratulieren, und seine eigene Freude getwittert - mit dem allgegenwärtigen Hashtag #LoveWins. Das Foto des Weissen Hauses auf Twitter und Facebook prangte in den Regenbogenfarben.

Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton färbte ihr Wahlkampf-Logo ebenfalls ein, um diesen «historischen Sieg» und «die Courage» der LGBT-Aktivisten zu bejubeln. Schon tags zuvor hatte sie ein tränenrührendes Video für die Schwulenrechte veröffentlicht.

Hillary Clintons emotionale Kampagne für Gay-Rechte

YouTube/Hillary Clinton

Die Republikaner reagierten wie erwartet. Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee sprach von «juristischer Tyrannei». Die meisten aber kleideten ihren Protest in gemässigtere Worte - sie wissen, dass sie diesen Kulturkrieg verloren haben und das Reizthema abgehakt ist.

Doch Schwule, Lesben und Transsexuelle haben ihren Kampf noch längst nicht gewonnen. So können sie wegen ihrer sexuellen Orientierung weiterhin gefeuert wegen. Restaurants und Läden dürfen ihnen den Service verweigern, Hotels die Unterkunft. Selbst in den Flitterwochen.

Zurich Pride 2015

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 27.06.2015 07:03
    Highlight Und wie beim Canabis sind es (ausgerechnet) die Amis die es vormachen. Wo wir uns doch so gerne als weltoffen und fortschritlich und die USA als hinterwäldlerisch und zurückgeblieben sehen...
    2 0 Melden

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