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Bild: pd

#fishballrevolution: Eineinhalb Jahre nach der «Umbrella Revolution» brodelt es wieder in Hongkong – nicht nur in der Fischbällchen-Friteuse

Am Montagabend kam es in Hongkong zu Strassenschlachten zwischen mehreren Hundert Demonstranten und Einheiten der Bereitschaftspolizei. Der Konflikt entzündete sich vordergründig an Plänen der Behörden, illegale Strassenhändler zu büssen. Dahinter aber liegen unüberbrückbare Differenzen zwischen einer demokratiehungrigen, jungen Bevölkerung und einer Regierung, die das Schiff immer mehr ins Fahrwasser Festlandchinas steuert.

10.02.16, 20:03 11.02.16, 13:59

william stern, hongkong

Die Boston-Tea-Party, Marie Antoinettes spöttische Kuchen-Rede oder der tunesische Früchtehändler Mohammed Bouazizi, der sich selber verbrannte und damit – wortwörtlich – den arabischen Frühling befeuerte: Wenn es stimmt, dass am Anfang einer Revolution oftmals Lebensmittel stehen, dann stehen die Chancen für Hongkong nicht schlecht. Das passende Chiffre – Social Media sei Dank – existiert jedenfalls bereits: #fishballrevolution. Und auch wenn es eher nach einer bizarren japanischen Spieleshow als nach einem revolutionären Schlachtruf tönt: Seine Wirkung verfehlte #fishballrevolution nicht.

Auf Twitter trendete der Hashtag bereits am Dienstagnachmittag, wenige Stunden nach den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten, internationale Medien übernahmen die Wortschöpfung, auf den von Wolkenkratzern eingeschatteten Strassen der 7-Millionen-Metropole ist sie Gesprächsthema Nummer 1.

Dabei hat die ganze Sache mit Fischbällchen etwa so viel zu tun, wie die französische Revolution mit der Lust des nach demokratischer Partizipation hungernden Bürgertums auf Süssspeisen.

Zwar flogen am Montag die ersten Pflastersteine, nachdem sich junge Erwachsene mit den von der Lebensmittelbehörde drangsalierten Esswarenhändlern solidarisch erklärt hatten. Aber die Proteste, die am Montagabend in Mongkok, dem ehemaligen Rotlichtviertel, in Gewalt umschlugen und 124 Verletzte forderten, sind Ausdruck eines tief eingesessenen Misstrauens der Bürger gegenüber einer Regierung, die in ihren Augen immer mehr den Schulterschluss zum grossen Bruder auf dem Festland sucht – mit angeblich verheerenden Folgen für die Identität Hongkongs.

Tag 1 nach den Ausschreitungen

Am Dienstagnachmittag, Tag 1 nach den Protesten, ist die Spannung in Mongkok mit den Händen greifbar. Auf der Sai Yen Chou Street, wo sich die Demonstranten ein stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei geliefert haben, ist nur scheinbar Normalität eingekehrt. Überall klaffen Lücken im Pflastersteinboden, nur behelfsmässig von einem Trupp Strassenarbeitern mit Sand aufgefüllt.

Ein ätzender Geruch nach verbranntem Plastik liegt in der Luft. Am Strassenrand sind die hastig zusammengekehrten Überreste der brennenden Mülltonnen zu sehen: Abstrakten Kunstwerken ähnlich schmiegen sie sich an den Randstein. Seite an Seite mit Touristen, fliegenden Händlern und Strassenkünstlern patrouillieren Hunderte Polizisten, alle in Vollmontur, mit Schlagstöcken und Schildern ausgerüstet, Pistole im Halfter und Helm am Hüftgurt. An jeder Strassenecke im Umkreis von einem Kilometer stehen Polizeiautos und dunkelblaue Kastenwagen.

Polizeieinheiten in Mongkok am Dienstagabend: Das Hongkonger-Viertel ist im Ausnahmezustand.
bild: watson

Eine Eskalation wie am Montagabend soll es nicht wieder geben, die Bilder, die den Weg in die internationalen Medien gefunden haben, werfen kein gutes Licht auf die Beteiligten – weder auf die Demonstranten, noch auf die Polizisten: Vermummte Demonstranten, die Pflastersteine werfen, in Kung-Fu-Manier Polizisten attackieren und Mülltonnen in Brand setzen, auf der anderen Seite der Front-Polizisten, die mit schussbereiten Revolvern in die Menschenmenge zielen, Warnschüsse in die Luft abgeben, Demonstranten und einen Journalisten erbarmungslos niederknüppeln – und offenbar ebenfalls von Pflastersteinen Gebrauch machen.

Die Schussabgabe eines Polizisten hat für Debatten gesorgt: Laut den Behörden handelte der Polizist in Notwehr – man werde den Fall aber untersuchen.
bild: screenshot/twitter

Für Leung Chun-Ying, den Regierungschef der Hong Kong Special Administrative Region (SAR), ist dennoch klar: Die Verantwortung für die Ausschreitungen liegt bei den Demonstranten. «Die Regierung Hongkongs verurteilt diese gewalttätigen Handlungen aufs Schärfste». Jedes Verständnis gegenüber den Krawallmachern käme einer Rechtfertigung gleich. Leung kündigte ein hartes Durchgreifen an: «Die Polizei wird die Beteiligten ergreifen und sie zur Rechenschaft bringen». Den Worten folgten Taten: Insgesamt 64 Personen wurden bislang verhaftet, einige noch in der ersten Nacht der Fishballrevolution, andere am Tag danach. Der jüngste ist 14 Jahre alt, die Älteste 70. Auch der Schusswaffengebrauch zweier Polizisten soll untersucht werden.

Leung Chun-Ying, Hongkongs Regierungschef, verurteilte die Krawalle auf Schärfste.
Bild: Tsering Topgyal/AP/KEYSTONE

Hongkong und der grosse Bruder

Hongkong habe sich von einem Hort der Freiheit, zu einem Ort der Furcht entwickelt, hört man auf der Strasse und im Netz immer wieder. Seit der Übergabe von britischem Besitz in die Hände Pekings 1997 sei die persönliche Freiheit immer weiter beschnitten worden, habe sich die Regierung immer näher an den grossen, kommunistischen Bruder herangeschmiegt. Weg von «One country, two systems», hin zu «one country, one system.»

bild: screenshot/twitter

Das Gefühl der Eingezwängtheit, der Gängelung und der Marginalisierung in der Bevölkerung hat sich schon einmal entzündet. Im Herbst 2014, als, ausgehend von einem Studentenprotest, das Zentrum der Wirtschaftsmetropole während Wochen lahmgelegt wurde. Hunderttausende Bewohner protestierten gegen die Ankündigung Pekings, die Kandidaten für die Regierungswahl 2017 im Vornherein zu filtern. Sie hatten nicht vergessen, dass ihnen 1997 bei der Übergabe innerhalb von 20 Jahren freie Wahlen versprochen worden waren. Hong Kongs Jugend durchlebte während den chaotischen Tagen der Umbrella-Revolution ihr politisches Coming-Out.

Die Umbrella Revolution fand schliesslich nach 79 Tagen ein Ende, als die Polizei die Demonstrationscamps räumte. Die Demonstranten zogen müde und mit leeren Händen ab – kein einziges Zugeständnis konnten sie der Regierung abringen. Auf Gewalt verzichteten sie, die Umbrella Revolution war immer eine friedliche Bewegung – nicht umsonst hiess eine der federführenden Gruppen Occupy Central with Love and Peace.

Umbrella Revolution in Hongkong 2014: 79 Tage Hoffnung auf mehr Demokratie.
Bild: ALEX HOFFORD/EPA/KEYSTONE

Jetzt geht also wieder die Angst um. Auf Twitter warnen Aktivisten am Dienstag, keinen Gebrauch von der populären Octopus-Karte zu machen – die Behörden würden die Tracking-Spuren der multifunktionalem ÖV-Kreditkarte auswerten, um die Identität der Demonstranten zu ermitteln.

Auf der Strasse, unter den roten Neujahrslampions, wird man am Dienstagabend das Gefühl nicht los, es braue sich etwas zusammen. Immer wieder eilen einzelne Polizeihundertschaften durch die Menge, Funkgeräte am Ohr, nervös Befehle sich zubellend.

Strassenschlachten in Hong Kong am Neujahrstag

Und tatsächlich: Gegen 20 Uhr kommen die Strassenhändler, die Hawkers, aus ihren Löchern gekrochen und formieren sich an der Portland-Street. Mobile Garküchen werden installiert, Öl wird in Metallschüsseln gefüllt, mit Bunsenbrennern werden die improvisierten Fritteusen erhitzt. Fischbällchen, Tofu-Würfel und Würstchen werden ins kochende Öl getaucht. Rauchschwaden ziehen die Portland-Street hinunter, hinauf kommen Hunderte Spaziergänger, Schaulustige und Journalisten. Angelockt von der Aussicht auf Essen, Aufregung und Schlagzeilen.

Es sollte ruhig bleiben in Mongkok an diesem Dienstagabend. Die Hawkers verkaufen ihre Esswaren wie jedes Jahr, eine Neujahrstradition, die sich hält, illegal zwar, aber bisher von den Behörden geduldet. Die Polizisten, immer zu zehnt oder mehr unterwegs, beobachten das Geschehen aus sicherer Distanz.

Die Party findet derweil an anderer Stelle statt: In Tuen Mun Leung King, wo eine Gruppe vermummter Männer – offenbar von lokalen Geschäftsleuten angeheuerte Triaden-Gangmitlieder – ein Handgemenge mit illegalen Strassenhändlern provozieren. Die Polizei, so die Feststellung einer Aktivistin, sei daneben gestanden, ohne einzugreifen. Ob ein Zusammenhang mit den Ausschreitungen vom Montag besteht, ist unklar.

Informationskrieg im Netz

Ohnehin sind die Social-Media-Kanäle voll von Falschmeldungen und die Mund-zu-Mund-Propaganda mit nicht verifizierbaren Gerüchten durchsetzt: Einmal heisst es, ein Demonstrant sei an der Folge einer Verletzung gestorben, wenig später entlarvt die Schwester des Betroffenen das Ganze als – reichlich makabre – Ente.

Ein GIF, das auf Facebook die Runde macht, soll zeigen, dass ein Polizist seine Waffe nicht nur auf die Menge richtete, sondern auch abdrückte. Umgehend finden sich in den Kommentarspalten Einträge, die die Echtheit bezweifeln – ein solcher Rückstoss, wie er in dem Bild zu sehen ist, sei physikalisch unmöglich. 

Auch darüber, wer für die Eskalation verantwortlich ist, herrscht Unklarheit. Einmal heisst es, die Polizei habe zuerst auf die – anfangs friedlichen – Demonstranten eingeprügelt, in einer anderen Version sind die Demonstranten die Aggressoren. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte und der Krieg findet nicht nur auf der Strasse, sondern auch im Netz statt.

Zurück an der Portland-Street: «Wir haben gewonnen», erklären die Aktivisten am Dienstagabend stolz. «Die Polizei hat sich nicht mehr getraut, die Strassenhändler zu belangen.» Es könnte ein Pyrrhussieg sein. Falls die Bewegung wieder verebbt, die Regierung hart bleibt und die Aktivisten für ihr Vorgehen am Neujahrstag keine Sympathien aus der breiten Bevölkerung erfahren. 

Befragung eines jungen Hongkongers am Dienstagabend.
Bild: ALEX HOFFORD/EPA/KEYSTONE

Aber das ist wenig wahrscheinlich: Eine Journalistin der «South China Morning Post» spricht von einem trigger point, einem Auslöser. Es sei am Montag extrem viel zusammengekommen: Wut über fehlende politische Mitbestimmungsrechte, exorbitante Mietpreise, hohe Lebenshaltungskosten, die die Gesellschaft immer mehr in eine kleine, reiche Elite und eine grosse, abgehängte Unterschicht teilt, über die Annäherung der Regierung an China, die schleichende Marginalisierung des lokalen Kantonesisch zugunsten von Mandarin, der Sprache der Han-Chinesen, die Verschleppung eines Buchhändlers nach Festlandchina.

Diese Wut, das könne nicht einfach wieder heruntergeschluckt werden. «There's more to follow» – da kommt noch was. Auf die Frage, warum zwischen der Umbrella Revolution, die ähnliche Missstände beklagte und dem jetzigen Aufflammen des Protestes eine derart lange Zeit verstrich, antwortet sie kurz und knapp: «Sie waren wahrscheinlich müde, abgekämpft».

Klar ist, der Graben zwischen der Regierung und einem – vor allem jungen – Teil der Bevölkerung ist mittlerweile dermassen gross, dass es mehr braucht, als einen Trupp Bauarbeiter, um ihn zuzuschütten.

Was kommt als nächstes?

Noch aber sind es nur einzelne, mehrheitlich nationalistisch orientierte Gruppierungen, die die Proteste unterstützen. Aus der breiten Bevölkerungsschicht erfahren die Demonstranten eher Ablehnung, nicht zuletzt wegen der als exzessiv empfunden Gewalt. Das könnte sich mit den erwarteten Gerichtsurteilen gegen drei am Dienstag inhaftierte Studenten, darunter den kommenden Chefredakteur einer Uni-Zeitung, ändern.

Laut Berichten von Aktivisten soll ihnen wegen Teilnahme an einem Krawall der Prozess gemacht werden: Die Höchststrafe des Tatbestands liegt bei zehn Jahren. Eine einflussreiche Studentenorganisation, die Hongkong Students Union, hat sich am Mittwoch auf Facebook in einer Kampfschrift solidarisch mit den Protesten vom Neujahrstag erklärt.

Falls sich die nationalistischen Gruppierungen an die Spitze einer solchen Protestbewegung stellen, dürften die Demonstranten nicht mehr mit erhobenen Händen vor den Polizeikordons stehen, wie noch bei der Umbrella Revolution.

Als ich am frühen Dienstagmorgen nach Hause komme, begrüsst mich der Nachtwächter zum dritten Mal hintereinander mit einem freudigen «Happy New Year.» Ich frage ihn, was er von den Protesten halte. Was die Fishball-Revolution für ihn, einen wohl knapp 60-jährigen Nachtwächter in blütenweisser Uniform, mit einem Akzent breit wie ein amerikanischer Strassenkreuzer und dabei so unverständlich wie Chewbacca, bedeute. «Ohhhh», seine Augen öffnen sich weit, die Miene verdüstert sich. Er beginnt, umständlich mit seinen Händen zu gestikulieren. Es sieht aus, als ob er jemanden den Hals umdrehen würde. Ob er dabei an die Polizisten denkt, oder an die Demonstranten, bleibt unklar.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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