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So sah das Flüchtlingslager, in dem Adrian* gearbeitet hat, vor dem Brand aus. Bild: facebook

«Irgendwann musste es soweit kommen» – Schweizer Helfer erzählt aus abgebranntem Lager

12.04.17, 18:24 12.04.17, 18:36


In der Nacht auf Dienstag ist in Frankreich bei Dünkirchen ein Flüchtlingslager fast vollständig abgebrannt. Die Behörden gehen von Brandstiftung aus. Dem Brand vorausgegangen waren Zusammenstösse zwischen kurdischen und afghanischen Flüchtlingen. Einige der Bewohner wurden durch Messerstiche verletzt. 

Watson hat mit Adrian* gesprochen, der bis letzte Woche noch in dem Camp als freiwilliger Helfer gearbeitet hat. Mittlerweile ist er zurück in der Schweiz. Er erzählt von der Schmugglermafia, der Hilflosigkeit unter den Bewohnern und der schwierigen Position der Helfer.

Adrian*, Sie haben gestern erfahren, dass das Flüchtlingscamp bei Dünkirchen abgebrannt ist. Hat Sie diese Nachricht überrascht?
Adrian*:
 Natürlich war ich schockiert. Doch jeder im Flüchtlingslager wusste von den Spannungen, die in den letzten Wochen und Monaten immer stärker aufgekommen sind. Irgendwann musste es so kommen.

Am Dienstagmorgen brannte das Flüchtlingslager nach Zusammenstössen ab. Bild: facebook

Was waren das für Spannungen?
Seit letztes Jahr das Flüchtlingscamp in Calais geschlossen worden war, kam eine grosse Gruppe von afghanischen Flüchtlingen in unser Camp. Vorher waren hier eigentlich nur kurdische Flüchtlinge stationiert. In der Vergangenheit gab es auch an anderen Orten immer wieder Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen. Gefährlich wird das besonders dann, wenn zwei Schmugglerorganisationen aufeinandertreffen. Ich habe in meinen zwei Monaten sogar eine Schiesserei zwischen zwei solchen Banden miterlebt.

Schmugglerorganisationen?
Es gibt vermutlich in jedem Flüchtlingslager solche Gruppen. Bei uns war dieses Geschäft in den Händen der Kurden. Diese haben Kontakte zu Lastwagenfahrern und Containerschiffen, die die Flüchtlinge nach England bringen sollen. Diese Kontakte bieten sie den Flüchtlingen für viel Geld an. Sie bringen aber auch Alkohol, Drogen und Waffen ins Camp.

Habt ihr diese Geschäfte denn nicht unterbunden?
Das ist fast unmöglich. Dafür haben wir viel zu wenig Personal und Ressourcen. Das müsste schon die Polizei machen, doch denen scheinen diese Geschäfte wenig zu stören. Ausserdem helfen diese organisierten Gruppen uns bei der Kommunikation mit den anderen Flüchtlingen und auch bei den vielen Arbeiten, die im Camp anfallen. Reparaturen zum Beispiel, manche helfen auch in der Küche aus. 

Wie viel verlangen diese Schmuggler für eine Überfahrt?
Es gibt drei Pakete. Das günstigste kostet etwa 4000 Euro. Dafür erhält man einen Tipp, wo die Lastwagen halten. Hier ist aber kein sicherer Platz enthalten. Das zweite kostet bis zu 8000 Euro. Dafür wird der Lastwagenfahrer informiert, dass er Flüchtlinge transportieren wird. Aber auch hier hat man noch keinen sicheren Platz. Für 12'000 Euro kann man schliesslich einen Platz auf einem Containerschiff nach England buchen. Dieser ist etwa zu 90 Prozent sicher.

Adrians* Arbeitsplatz vor dem Brand: Eine Community-Kitchen. Bild: facebook

Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Bild: facebook

Wer macht von diesen Angeboten gebrauch?
Alle wollen nach England. Sie wollen raus aus dem Camp. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Man kommt nicht vorwärts und viele langweilen sich. Die meisten probieren die Überfahrt auf eigene Faust. Am Abend sieht man dann, wie Hunderte mit Rucksack und Koffern das Camp verlassen. Sie werden aber in den meisten Fällen an den Häfen oder in den Zügen von der Polizei abgefangen und zurück geschickt. Zu Fuss. Die Menschen, zum Teil Familien mit Kindern, kehren dann am Morgen völlig erschöpft ins Camp zurück.

Kommt die Polizei auch in das Camp?
Im Dezember wollte die Polizei eine Razzia durchführen, die Bewohner haben aber Widerstand geleistet, bis die Polizisten wieder abgezogen sind. Im Camp selber gibt es keine Polizei, sondern einen Sicherheitsdienst, der ab und zu patrouilliert. An den Eingängen kontrolliert die «Compagnies Républicaines de Sécurité» (CRS). Diese rücken auch an, wenn es Auseinandersetzungen im Camp gibt oder einen Aufstand.

Ist das oft der Fall?
Eher nicht. Grundsätzlich kontrollieren sich die Flüchtlinge selbst. Kurden und Afghanen gehen einander aus dem Weg, sie bewohnen sogar verschiedene Teile des Lagers. Manchmal können wir Helfer Auseinandersetzungen vorbeugen, in dem wir aufkommende Konflikte direkt vor Ort klären. Einmal haben aber einige der Flüchtlinge das Tor von Aussen gestürmt und die CRS haben mit Tränengas geantwortet. Am Schluss stand das ganze Lager vor den Toren und hat die Polizei mit Steinen beworfen. Solche Ausschreitungen gilt es möglichst zu verhindern.

In diese Hütten kehrten die Flüchtlinge nach ihrer gescheiterten Flucht zurück. Am Eingang ist eine Kurdistan-Flagge ausgemalt. Bild: facebook

Kommt es auch zu Übergriffen auf Helfer?
Gewalttätig gegenüber Helfern werden die Flüchtlinge eigentlich nie. Manchmal sind sie frustriert oder betrunken. Dann können sie schon einmal ausfällig werden. Sie werden aber in den allermeisten Fällen von anderen Flüchtlingen beruhigt. 

Was sind denn die grössten Probleme in solchen Lagern?
Die vielen Menschen hier haben einfach nichts zu tun. Es sind viele junge Männer zwischen 15 und 25, also in meinem Alter, die einfach den ganzen Tag zum Herumhängen verdammt sind. Hinzu kommt noch der Alkohol. Die Flüchtlinge, meistens stammen sie aus muslimischen Ländern, haben keine Erfahrungen mit Alkohol gemacht und sind weniger sensibilisiert. Weiter müsste die Organisation Afeji, die für die Instandhaltung des Camps vom Staat bezahlt wird, mehr Ressourcen in die Instandhaltung des Geländes stecken. 

Beschäftigung würde also helfen?
Sehr. Es gibt zum Beispiel ein Womens-Center oder ein Children-Center, wo Frauen und Kinde den Tag unter sich verbringen können. Das es solche Zentren gibt, ist super. Doch für den Grossteil des Camps, der wie gesagt aus jungen Männern besteht, gibt es so etwas nicht. Das ist ein echtes Problem.

Trotzdem würdest du wieder gehen?
Ja. Leider kann ich jetzt nicht mehr in das Camp zurück, da es in der näheren Zukunft wohl kaum wieder aufgebaut wird. Ich werde aber in ein anderes Flüchtlingslager gehen oder vielleicht an die italienische Grenze. Es war trotz den vielen traurigen Schicksalen und arbeitsintensiven Wochen eine sehr gute Erfahrung. Diese möchte ich gerne fortsetzen.

Bild: facebook

Wohin gehen die Flüchtlinge, die im abgebrannten Lager untergebracht waren?
Viele wurden provisorisch in Turnhallen untergebracht. Andere direkt in andere Lager verlegt. Vermutlich wird das schlussendlich allen so ergehen.

*Name der Redaktion bekannt

Die Flucht übers Mittelmeer:

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16
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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 13.04.2017 01:19
    Highlight Was genau ist ein freiwilliger Helfer?
    Wieviel verdient er?
    Von wem wird er bezahlt?
    5 1 Melden
    • Lami23 13.04.2017 10:58
      Highlight Oftmals macht man das einfach für Essen und Unterkunft. Geld verdienen ist ja normalerweise eher nicht die Motivation...
      3 3 Melden
    • Spooky 13.04.2017 23:46
      Highlight @Lami23
      Anscheinend weisst du nicht besonders gut Bescheid.
      1 1 Melden
    • Lami23 14.04.2017 11:10
      Highlight Ich kenne einige, aber wenn du meinst 😉 wobei sicher nicht von einigen auf alle geschlossen werden kann...
      1 0 Melden
  • Büetzer 12.04.2017 22:39
    Highlight Respekt Adrian .und vielen dank dafür , dass es einen ganzen haufen Leute gibt ; die nicht einfach nur hier aus der comfort-zone heraus auf schwächere "schiessen",sondern auch etwas für andere machen.
    10 16 Melden
  • Maria B. 12.04.2017 22:31
    Highlight Alkohol, Drogen und Waffen, dazu Messerstechereien und Brandanschläge im Camp :-(

    Dazu wohl auch Brutstätten für künftigen Terror in Europa, wenn sich die Ansprüche und Hoffnungen der muslimischen Migranten nicht erfüllen lassen, Ausschaffungen eh illusorisch sind...

    Da braucht man sich nicht zu fragen, was dem gebeutelten Kontinent und den uneinigen EU-Staaten noch alles bevorstehen mag...
    21 3 Melden
    • Neruda 13.04.2017 03:40
      Highlight Falls Sie mit "gebeutelten Kontinent" Europa meinen, muss ich Sie leider enttäuschen. Uns geht es sehr gut momentan, auch in den europäischen "Krisenländern".
      1 5 Melden
  • Ruffy 12.04.2017 21:39
    Highlight Ich rekapituliere, die flüchtlinge könne sich nicht benehmen, vertragen sich untereinander nicht und schleuser und schmuggler gehören dazu und werden geduldet. Notabene in frankreich. Da muss knallhart durchgegriffen werden, sonnst wird die ablehnung gegenüber den flüchtlingen immer grösser werden..
    29 5 Melden
  • Roterriese 12.04.2017 21:32
    14 6 Melden
  • gas_wookie 12.04.2017 19:27
    Highlight Aber Hauptsache alle andern sind schuld.
    48 13 Melden
  • Posersalami 12.04.2017 19:25
    Highlight Danke für das interessante Interview und danke Adrian* für den Einsatz!

    Man liest aber eigentlich nichts, was nicht schon Jahre bekannt wäre. Es ist eine Schande, dass die Politik noch nicht einmal im Ansatz eine Lösung hat. Das Problem wird sich nämlich nicht in Luft auflösen sondern immer akuter und sich nicht mit Mauern und Verboten lösen lassen. Diese Strategie scheitert ja seit Jahren phänomenal.
    23 36 Melden
    • Jol Bear 12.04.2017 20:24
      Highlight "Lösung von der Politik"? Fragt sich nur wie. In erster Linie ist die Politik in den Herkunftsländern gefragt, dort liegt das Hauptproblem. Und wie die Politiker aus Europa, usw. dort Einfluss nehmen können und wollen, ist ein Riesenproblem. Hier wahrnehmbar ist vor allem, dass viele Ankömmlinge ihre Probleme, konservativ-patriarchalische Lebensweise inkl. ihre Konflikte mitbringen, hier weiter austragen, ihr Asylland selber auswählen wollen usw. Das wird logischerweise als Arroganz ausgelegt und ist mit hiesigen Vorstellungen über Schutz suchende Flüchtlinge nicht vereinbar.
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