International

Die niederländische Islamkennerin und Autorin Bette Dam schreibt gerade ein Buch über Mullah Omar. bild: twitter.com/@BetteDam

Taliban-Kennerin über Todesmeldung zu Mullah Omar: «Das Timing ist kein Zufall»

Kurz nach der Todesnachricht von Mullah Omar ist die Lage in Afghanistan chaotisch. Die Niederländerin Bette Dam schreibt gerade ein Buch über den Taliban-Führer – und beantwortet die Frage, welche Rolle er noch spielte. 

31.07.15, 02:15 31.07.15, 11:25

samiha Shafy / spiegel online

Ein Artikel von

Bette Dam, die jüngsten Berichte, wonach Mullah Omar bereits vor Jahren gestorben ist, sind jetzt von den Taliban bestätigt worden. Die Nachricht kommt kurz nachdem die afghanische Regierung einen Friedensprozess mit den Taliban gestartet hat. Gibt es da einen Zusammenhang?
Dam: Ich glaube nicht, dass das Timing auf Zufall beruht. Der Druck auf beide Seiten für Friedensverhandlungen, ist grösser als jemals zuvor. Aber es steht eine Menge auf dem Spiel. Die Nachricht von Mullah Omars Tod wurde zuerst von pakistanischen Quellen lanciert. Es ist möglich, dass Pakistan die Taliban zwingen wollte, einen neuen Anführer zu ernennen, da Mullah Omar seit 2009 nicht mehr gesehen wurde. Auf Seiten der Taliban haben die Mitglieder um ein Statement Mullah Omars zu den Verhandlungen gebeten. Am Ende hat die Taliban-Führung nun wohl beschlossen, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, seinen Tod zu bestätigen – um in der Lage zu sein, die Verhandlungen fortzuführen.

«Die Bewegung blieb auch ohne seine Führung aktiv. Und er wurde auch vielen seiner eigenen Leute fremd.»

Die CIA war hinter Omar her, die US-Regierung hatte eine Belohnung von zehn Millionen Dollar ausgesetzt, wie konnte sein Tod so lange geheim bleiben?
Mullah Omar war vermutlich der mysteriöseste politische Führer der Welt. Ich denke, seine Rolle in der Taliban-Bewegung wurde von der US-Armee und den Medien überschätzt. Er wurde als der grosse Feind dargestellt. Aber nach meinen Recherchen war von ihm schon seit 2001 nichts mehr zu hören gewesen. Er soll bis 2009 in der Region hin und wieder gesehen worden sein und es gab manchmal Berichte, wonach er in einer Moschee oder sonst wo aufgetaucht sein sollte. Manche sagen zwar, er habe die Taliban nach wie vor kommandiert. Aber dafür gab es keine Beweise. Er hatte keinen grossen politischen oder militärischen Einfluss mehr. Die Bewegung blieb auch ohne seine Führung aktiv. Und er wurde auch vielen seiner eigenen Leute fremd.

Fahndungsbild der US-Regierung. Bild: AP/FBI

«Ich glaube, der Westen hat seine Stellung als Anführer des Feindes übertrieben. Wir haben den Feind nie wirklich verstanden. Die Amerikaner (...) haben sein Handeln von Anfang an missinterpretiert.»

Erst letzte Woche wurde auf der Webseite der Taliban ein Statement veröffentlicht, das von Mullah Omar stammen sollte. Er bezeichnete die Friedensverhandlungen darin als legitim. Wie bewerten Sie das?
Offensichtlich wurde die Nachricht nicht von Mullah Omar geschrieben. Für meine Recherchen habe ich mit Vertretern der Taliban gesprochen, die solche Statements in der Vergangenheit für ihn geschrieben haben. Es herrschte Einvernehmen darüber, dass Mullah Omar auf diesem Level nicht in die Gespräche involviert war. Ich glaube, der Westen hat seine Stellung als Anführer des Feindes übertrieben. Wir haben den Feind nie wirklich verstanden. Die Amerikaner kannten Mullah Omar gar nicht, sie haben sein Handeln von Anfang an missinterpretiert.

Über die Person Mullah Omar ist allgemein nur sehr wenig bekannt. Was hat Sie dazu gebracht, ein Buch über ihn zu schreiben?
Ich habe erkannt, dass die USA ein falsches Verständnis davon haben, wer der wahre Feind in Afghanistan war. Die korrupte afghanische Regierung, mit ihren Warlords, die gegeneinander kämpfen, war auch ein Feind – und zwar ein schlimmerer, als man denkt. Ich finde es wichtig, die Taliban und ihren Anführer zu portraitieren, um zu erklären, wer sie wirklich sind und warum der Westen den Krieg in Afghanistan verliert.

Ein Mann zeigt einen Kalender mit den Regenten Afghanistans – inklusive Mullah Omar. Bild: Barialai Khoshhal/AP/KEYSTONE

Wie kamen Sie an die Informationen für Ihr Buch?
Als ich in der Hauptstadt Kabul gelebt habe, empfand ich die Taliban immer als sehr furchteinflössend. Nachdem ich jedoch mehrfach in den Süden Afghanistans gereist bin, wo viele der Taliban herkommen, hat sich mein Bild verändert. Anfangs musste ich natürlich erst einmal ihr Vertrauen gewinnen. Doch nach einer Weile waren sie viel zugänglicher, als ich erwartet hatte.

«Mullah Omar war ein Mensch, der sich sehr für den Westen interessiert hat.»

Welchen Eindruck haben Sie während Ihrer Recherche von den Taliban gewonnen?
Mullah Omar war ein Mensch, der sich sehr für den Westen interessiert hat. Er vertraute den Amerikanern zunächst, weil sie ihn im Dschihad gegen die Sowjets unterstützt hatten. Als er dann 1996 der Anführer der Taliban wurde, dachte er, dass die USA nun eine Botschaft in Afghanistan eröffnen würden. Doch grosse, kulturelle Missverständnisse erschwerten eine Annäherung. Die westliche Welt sah den Umgang der Taliban mit Frauen, die Steinigungen. Aber so furchtbar diese Taten auch waren, man muss sie vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Afghanistan sehen: Da wurden Frauen auf der Strasse überfallen, von mehreren Männern vergewaltigt und ermordet. Man hat sie in Taschen verpackt und ins Wasser geschmissen. Viele Stämme haben sich blutig bekämpft. Das passiert auch heute noch.

«Sie [die Taliban] haben die Religion als Werkzeug genutzt, um so etwas wie Recht und Gerechtigkeit in das Land zurückzubringen.»

Inwiefern haben die Taliban Ordnung in dieses Chaos gebracht?
Sie haben die Religion als Werkzeug genutzt, um so etwas wie Recht und Gerechtigkeit in das Land zurückzubringen. Viele Afghanen haben diesen Weg unterstützt und unterstützen ihn heute noch. So ein Szenario könnte sich also auch in Zukunft wiederholen. Die Taliban könnten wieder stärker werden. Denn sie erhalten viel Unterstützung, vor allem, wenn sich die Sicherheitslage verschlechtert.

Nachdem sein Tod nun bestätigt wurde – was ist von seiner Herrschaft übrig geblieben?
Viele Afghanen beschreiben ihn als einen aus einfachen Verhältnissen stammenden Mann – einen simplen Mullah. Der ehrlich war und sich gegen Korruption einsetzte. Einige respektieren ihn auch dafür, dass er den ersten islamischen Staat in Afghanistan gegründet hat. Natürlich hat er auch Feinde, die anders denken. Was die Menschen mir jedoch am häufigsten sagten, war, dass Afghanistan bis 2001 zu 90 Prozent sicher war und in weniger als 10 Prozent des Landes Korruption herrschte.

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 31.07.2015 09:10
    Highlight In den Augen der USA ist sowieso jeder gleich schlecht, sobald er nicht die Ansichten der USA teilt. Sicher sind Steinigungen und die Unterdrückung von Frauen eine schlimme sache. Doch da sieht man wieder, dass vielfach die Bevölkerung hinter diesen Leuten gestanden ist oder heute noch steht, weil sie ja Afghanistan sicherer machen und die Korruption bekämpft haben. Zudem muss gesagt werden seit der US Invasion ist auch der Mohnanbau um über 80% gestiegen. Immer von beiden Blickwinkeln die Lage betrachten!
    3 2 Melden
  • Rukfash 31.07.2015 04:24
    Highlight Also ich persönlich frage mich wieso Westliche Personen sich als Islam Kenner bezeichnen respektiv Islamwissenschaftler ob wohl sie ja nichts mit dem Islam zu tun haben :)..
    4 14 Melden

Verschwörungstheorie? «Jeder mit einer anderen Analyse wird mit Spinnern, Pädophilen und Antisemiten in eine Ecke gestellt»

Ein neuer Dokumentarfilm (siehe Video unten) beleuchtet am Beispiel des umstrittenen Schweizer Historikers Daniele Ganser, welch erbitterte Auseinandersetzungen bei Wikipedia-Artikeln zu kontroversen Themen oder Personen im Hintergrund ablaufen. Gansers Spezialgebiet ist verdeckte Kriegsführung und er erforscht in diesem Zusammenhang auch Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001. Seine Versuche, den Wikipedia-Artikel zu seiner eigenen Person abzuändern, …

Artikel lesen