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Ein Modeklub für Männer und das mitten im Irak.  bild: instagram/mr.erbil

Hipster im Irak: Bart in der Menge

14 Jahre lebte er in Ludwigshafen, jetzt ist Ahmed Nauza zurück im Irak – und hat dort einen Modeklub für Männer gegründet. Hier erzählt er, was er sich davon erhofft.

Verena Töpper



Ein Artikel von

Spiegel Online

SPIEGEL ONLINE: Herr Nauzad, Sie sind vor drei Jahren zurück in Ihre Heimat, um Ihre Landsleute im Kampf gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» zu unterstützen. Ist ein Modeklub dafür das richtige Mittel?

Ahmed Nauzad: Der Westen hat ein ganz falsches Bild vom Irak. Das ist einer der Gründe, warum wir «Mister Erbil» gestartet haben. Wir wollen der Welt zeigen, dass hier nicht alles schlecht ist. In Arbil spürt man nichts vom Krieg. Die Leute gehen abends aus, haben Spass. Es gibt grosse Einkaufszentren, Kneipen, Bars – alles, was es in Deutschland auch gibt. Na ja, das Brot hier ist nicht ganz so gut.

SPIEGEL ONLINE: Wenige Dutzend Kilometer von Arbil entfernt beschiessen sich Kämpfer der Peschmerga und des IS ...

Nauzad: Wenn unsere Hilfe gebraucht würde, würden wir auch zu den Waffen greifen. Aber an der Front gibt es schon genug Kämpfer.

SPIEGEL ONLINE: Putzen Sie sich denn jeden Tag so heraus wie auf den Fotos?

Nauzad: Ja, auf uns lastet mittlerweile auch ein gewisser Erwartungsdruck. Aber Omer, Goran und ich haben uns auch früher schick angezogen, so hat das ja alles angefangen. Wir haben Anzüge getauscht, uns eigene Hemden schneidern lassen. Um den Klub zu gründen, haben wir gezielt Freunde angesprochen und in den sozialen Medien nach Männern gesucht, die unser Interesse teilen. Mittlerweile wollen so viele mitmachen, dass wir den meisten absagen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Mitglieder hat Mister Erbil denn?

Nauzad: Aktuell 40. Viel mehr sollen es auch nicht werden. Mit hundert Leuten kriegt man ja keinen persönlichen Austausch mehr hin. Aber in einigen anderen Städten in Kurdistan gibt es jetzt schon Ableger von unserem Klub, darüber freuen wir uns riesig.

SPIEGEL ONLINE: Und wie oft treffen Sie sich?

Nauzad: Viermal im Jahr veranstalten wir Modeshootings, jeweils zum Start der neuen Saison. Im kleineren Kreis treffen wir uns jede Woche. Dann sitzen wir zusammen, trinken Tee und schreiben Businesspläne, oft bis ein Uhr morgens.

SPIEGEL ONLINE: Was denn für Businesspläne?

Nauzad: Wir haben gerade unsere eigene Bartpflegeserie gestartet, verkaufen Kämme und Öl aus der Region. Und wir würden gern ein Modelabel gründen.

SPIEGEL ONLINE: Womit verdienen Sie jetzt den Lebensunterhalt?

Nauzad: Ich arbeite in einem Unternehmen als Manager. In unserem Klub sind eigentlich alle Berufe vertreten, wir haben Studenten dabei, Ingenieure, Omer arbeitet an der Börse. Unser Traum ist ein eigenes Vereinshaus, mit Barbier, Schneider und Café. Und mit strikter Kleiderordnung. Hinein dürfte nur, wer entsprechend angezogen ist.

SPIEGEL ONLINE: Auch Frauen?

Nauzad: Natürlich! Unser Klub gibt uns sogar die Möglichkeit, Frauen ins Rampenlicht zu rücken. Mit unseren «Mister-Erbil»–Fotos haben wir uns eine grosse Fangemeinde erarbeitet, auf Facebook und Instagram folgen uns fast 100'000 Menschen. Denen stellen wir jeden Donnerstag eine Kurdin vor, die Besonderes leistet, letzte Woche zum Beispiel eine Doktorandin, die sich für ein besseres Schulsystem einsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Und warum dürfen Frauen bei «Mister Erbil» nicht mitmachen?

Nauzad: Wenn es nach uns ginge, würden wir Frauen in den Klub aufnehmen. Aber so weit ist die Gesellschaft hier noch nicht. Als wir vor einem Jahr die ersten Fotos gemacht haben, gab es viele positive, aber auch viele negative Reaktionen. Würden wir Fotos von Frauen posten, würden die wohl noch heftiger ausfallen. Wir wollen niemanden in Schwierigkeiten bringen. Was wir aber schon fest geplant haben, ist ein Fotoshooting, bei dem uns Frauen fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Was gefällt den Kritikern an Ihrem Klub denn nicht?

Nauzad: Sie haben Angst vor Veränderung, sie wollen keinen Fortschritt. Manche werfen uns zum Beispiel vor, dass wir uns zu sehr am Westen orientieren. Aber das stimmt nicht, im Gegenteil: Uns geht es darum, die Produktion in Kurdistan zu fördern. Wir lassen unsere Outfits hier schneidern, nach eigenen Entwürfen und mit Stoffen, die aus der Gegend kommen und die es zum Teil woanders gar nicht gibt. Meine Krawatte ist zu hundert Prozent aus Ziegenhaar! Unsere Ziegen werden im Sommer geschoren, weil es so heiss wird. Aber bislang hatte noch niemand die Idee, daraus Krawatten zu machen. Jetzt haben wir sogar schon Anfragen aus Italien.

SPIEGEL ONLINE: Sie steigen in die Krawattenproduktion in Italien ein?

Nauzad: Naja, ganz so einfach ist es leider nicht. Mit einem irakischen Pass kann man ohne Visum nirgendwo hinreisen. Für die Türkei, China oder die Arabischen Emirate bekommt man relativ leicht ein Visum, aber für Europa ist es schwierig. Wir würden sehr gern mit Designern aus anderen Ländern zusammenarbeiten, aber sie müssten wohl zu uns kommen.

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 06.03.2017 18:48
    Highlight Highlight "Wenn unsere Hilfe gebraucht würde, würden wir auch zu den Waffen greifen."

    Kaum.

  • who cares? 06.03.2017 16:12
    Highlight Highlight Hübsch 😍
  • Michael L. 06.03.2017 15:23
    Highlight Highlight Gefällt 👍🏼
  • Maett 06.03.2017 14:58
    Highlight Highlight Eine schöne Geschichte. Allgemein hat man von den schiitisch geprägten Staaten (Irak und Iran) ein falsches Bild der dortigen Gesellschaft, sie könnten durchaus die Zukunft des modernen nahen Osten darstellen, wenn man nur mit den ständigen Einmischungen aufhörte.

    Afghanistan als ebenfalls schiitischer Staat hat ein längerer Weg vor sich, da er seit Jahrzehnten mit Krieg überschüttet wird, aber auch da ist Potenzial vorhanden, dass ich bei sunnitisch geprägten Staaten eher nicht sehe, solange der von Saudi Arabien ausgehende Wahhabismus vom Westen weiter geduldet wird.
    • Hoppla! 06.03.2017 18:01
      Highlight Highlight Das ist vermutlich allgemein ein Problem bei fremden Kulturen. In der Schweiz trägt man ja auch stets die Heidi-Tracht.

      So am Rande erwähnt: Afghanistan ist zu 80% sunnitisch. Insofern würde ich den Strich zwischen "modernen" und "mittelalterlichen" Islam nicht anhand der Glaubensausprägungen ziehen.
    • Maett 06.03.2017 19:26
      Highlight Highlight @Hoppla!: Sie haben Recht, ich habe die Sunniten und Schiiten in Afghanistan schlichtweg verwechselt.

      Erfreulicherweise spielt die Religionsangehörigkeit in Afghanistan aber nicht so eine grosse Rolle (es sei denn, man ist kein Muslim), weshalb es kaum Konflikte zwischen den verschiedenen Ethnien gibt, z.B. im Vergleich zum Irak.

      Es sind ja meist die Sunniten (Irak, Syrien, IS, etc.), die die Schiiten auszulöschen versuchen (gerade deshalb verstehe ich nicht, weshalb man den Iran sanktioniert, und nicht die sunnitischen Staaten).

      Die Intention Ihres zweiten Satzes verstehe ich leider nicht.

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