International

Shop-Plakat im Norden Irans – Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur wenig Haut zeigen. Viele schminken sich besonders auffällig, was Ärger mit der Polizei bringen kann. Bild: Stephan Orth

Alkohol, Marihuana und eine Bikini-Party – Couchsurfing im Mullah-Staat Iran 

Wer junge Iraner zu Hause besucht, lernt viel über ihre heimlichen Gesetzesbrüche. Alkohol, Sex, Drogen – eine ganze Generation lebt ihre Sehnsüchte im Verborgenen aus.

09.03.15, 10:40 09.03.15, 12:07

Stephan Orth / spiegel online

Ein Artikel von

Die Bikiniparty steigt ausserhalb der heiligen Stadt Maschhad. Wir fahren mit Kaymans* Oldtimer-Jeep hin: ein Cabrio, Baujahr 1983, keine Windschutzscheibe, Motorengeräusch wie ein Traktor. Ein auffälligeres Gefährt könnte man kaum auswählen für die Anreise zu einer verbotenen Geheimveranstaltung, da hilft auch die Militärfarben-Lackierung nichts.

«Hast du Weed dabei? Hast du Wodka?»

Er hält vor einem metallenen Eingangstor, das nach «Passwort, bitte» und Preisboxer-Türsteher aussieht, aber sofort aufschwingt, um uns reinzulassen. Im dahinter verborgenen Garten wachsen Maulbeerbäume, das Tor schlägt hinter uns zu.

Kennst du schon die watson-App?

Über 100'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wird von Apple als «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Wir parken hinter zwei anderen Autos auf einem Schotterweg. Trancemusik wummert aus einem Peugeot 206. «Hast du Weed dabei? Hast du Wodka?», fragt ein Mann. Er wirkt zu füllig für einen Preisboxer, würde aber mit seinen vielen Tattoos als Gangster-HipHopper keine schlechte Figur machen.

Iran also. Islamische Republik, Mullah-Staat, Bastion konservativer Schiiten. Ein Land, in dem Alkoholgenuss mit 80 Peitschenhieben bestraft wird und Wiederholungstätern gar der Tod durch den Strick droht. Doch wo überstrenge Regeln gelten, steigt der Anreiz, sie zu brechen. Ich war zwei Monate unterwegs und wohnte als Couchsurfer bei Einheimischen, um herauszufinden, wie ihr Leben aussieht, wenn der Staat nicht zuguckt.

Offiziell ist es Iranern verboten, Fremde bei sich aufzunehmen, wenn diese sich nicht innerhalb von 24 Stunden bei der örtlichen Polizei melden. Der Staat befürchtet, dass Spione auf diese Art unerkannt durchs Land reisen könnten. Laut Auswärtigem Amt wurden schon Deutsche des Landes verwiesen, weil sie sich per Internet Privatunterkünfte organisierten.

Reisereportage Iran

Die Nachbarn dürfen nichts hören

«Ich fühle mich einsam, wenn mal drei Tage niemand zu Besuch ist.»

Saeed, Grafikdesigner

«Ich rechne jeden Tag damit, dass die Polizei vor meiner Tür steht», sagt der Grafikdesigner Saeed aus Shiraz, 700 Kilometer südlich von Teheran. «Aber bis dahin werde ich so viele Gäste haben, wie ich will. Ich fühle mich einsam, wenn mal drei Tage niemand zu Besuch ist.»

Der 20-Jährige hat buschige Augenbrauen und wirre Haare und lächelt fast ununterbrochen. Er ist absoluter Couchsurfing-Junkie, allein in den vergangenen drei Monaten hatte er 45 Gäste. «Sei leise und sprich kein Englisch auf der Strasse, sonst hören das die Nachbarn», sagt er, als wir mit dem Auto eines Freundes vor seiner Wohnungstür halten.

Saeed macht in einem Samowar schwarzen Tee. Eine enge Küchenzelle trennt die beiden Zimmer der schlauchartigen Wohnung. Auf Regalen liegen Muscheln aus dem Persischen Golf, ein Zauberwürfel, Jonglierbälle und eine beträchtliche Sammlung ausländischer Münzen. Cents, Pence, Lire, Rupien, Pesos. Saeed träumt davon, selbst einmal per Anhalter durch Europa zu reisen. Doch dafür muss er erst den Militärdienst absolvieren, vorher bekommt er keinen Reisepass.

Die gläserne Haustür ist mit Alufolie blickdicht verklebt. Nach hinten raus hat die Wohnung ein Fenster, das mit Pappe abgedeckt ist, und eine Tür zu einem Innenhof, verborgen hinter einem dunkelroten Vorhang. Ein typisches iranisches Apartment, komplett vor neugierigen Blicken von draussen geschützt. Denn was zu Hause passiert, widerspricht oft dem, was der totalitäre Staat per Gesetz von seinen Bürgern verlangt.

«Wenn ich erwischt werde, bekomme ich ein Jahr Gefängnis für jeden Liter»

Ehsan

Wassermelone am Pool

Manche machen im Internet ihre Grenzüberschreitungen öffentlich, etwa auf der Facebook-Seite «My Stealthy Freedom», wo sich Frauen ohne Schleier präsentieren, oder mit dem berühmt gewordenen «Happy»-Tanzvideo aus Teheran. Das ist nur die Spitze des Eisbergs: Mehr als 60 Prozent der Iraner sind unter 30, und viele von ihnen haben ein paar Geheimnisse.

Zum Beispiel Ehsan aus Marivan in Kurdistan, nicht weit von der Grenze zum Irak. Ehsan produziert Rotwein, 600 Liter pro Jahr. «Wenn ich erwischt werde, bekomme ich ein Jahr Gefängnis für jeden Liter», sagt er. Sein Wein schmeckt hervorragend. Trocken, fruchtig, leichte Brombeernote. Zum Abschied füllt er mir eine Wasserflasche mit seinem Rebensaft auf, ein nicht ganz ungefährliches Gepäckstück.

«Happy» – We are from Teheran

video: youtube/ah t

Zum Beispiel die Domina Yasmin aus Teheran. Sie hat es in der iranischen Sadomaso-Szene zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, weil sie im Internet Bilder von verbotenen Spielen mit ihrem Sklaven in den Wäldern Nordirans veröffentlichte. Ich habe vier Nächte bei ihr gewohnt und hatte einige Mühe, die Angebote eines Freundes auszuschlagen, mich doch einmal als Sklave zu versuchen.

Zum Beispiel Shahin aus Hamedan, der privat zugibt, den gesamten Islam für grossen Unsinn zu halten. Laut Scharia werden Muslime, die sich vom Glauben lossagen, mit dem Tod bestraft.

Und natürlich die jungen Leute in Mashhad auf ihrer Gartenparty. Die Mädels springen in Bikinis in den Pool, die Jungs machen Fotos von ihnen, es wird viel gelacht. Würde ein Staatsbeamter sie so erwischen, kämen alle ins Gefängnis.

Das Gras hat Kayman übrigens vergessen, Alkohol hat auch keiner dabei. Wir planschten herum, essen Wassermelone und rauchen Bahman-Zigaretten. Es ist die unschuldigste Party der Welt, umgeben von einem vier Meter hohen Betonzaun.

(*sämtliche Namen wurden geändert)

Mehr über die Iran-Reise von Stephan Orth erfahren Sie in seinem Buch «Couchsurfing im Iran» (Piper-Verlag).

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Raphael Bühlmann 09.03.2015 15:24
    Highlight Genau in dem Shisha-Café in Isfahan war ich auch, der gute Wirt hat mir klargemacht, dass mich ein Händler übers Ohr gehauen hatte.
    Ich war letzten Sommer drei Wochen im Iran und es war der Hammer! Ein Visum zu bekommen, ist ein wenig mühsam, aber es lohnt sich.
    Die Heimlichtuerei bei ausländischen Gästen habe ich überhaupt nicht erlebt. Wir haben uns locker überall auf Englisch unterhalten, am Flughafen auch mit den Revolutionsgardisten, und unser iranischer Gastgeber machte kein Geheimnis daraus. Beim Kiosk des Nachbarn offerierte man uns Glace, die Gastfreundschaft ist tatsächlich nicht von dieser Welt. Mit der Zeit nervt es zwar ein wenig, wenn man überall angestarrt wird und für Fotos posieren muss, sogar in Teheran.
    Das Essen ist unglaublich gut und auch gute Restaurants und Hotels kosten lächerlich wenig.
    10 0 Melden

«Neuer Hitler im Nahen Osten»: Saudischer Kronprinz bin Salman schlägt harsche Töne an

Mohammed bin Salman verschärft massiv seine Rhetorik gegen die iranische Führung. In der «New York Times» warnt der saudische Kronprinz vor einer «Appeasement-Politik» - und nennt Europa als mahnendes Beispiel.

Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran spitzt sich zu. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman bezeichnete den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei als «neuen Hitler des Nahen Ostens».

In Saudi-Arabien herrscht Furcht vor einem Erstarken der Islamischen Republik Iran. Es gibt die Sorge, dass Iran versucht, die Kontrolle im Nahen Osten zu übernehmen und einen schiitischen Halbmond vom Libanon bis nach Iran und vom Persischen Golf bis zum Roten Meer zu schaffen.

Eine …

Artikel lesen