International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die Instant-Terroristen des «IS» – der einsame Wolf von nebenan

Die Attentäter von Orlando und Magnanville bekannten sich zum «IS», handelten aber auf eigene Faust. Diese Instant-Terroristen spielen eine immer wichtigere Rolle in der Strategie der Dschihadisten.

15.06.16, 22:43 16.06.16, 08:45

Jörg Diehl und Christoph Sydow



Ein Artikel von

Omar Mateen wählte den Notruf, Larossi Abballa streamte ein Live-Video bei Facebook. Die beiden Männer haben in Orlando und Magnanville bei Paris Menschen getötet und sich erst während der Tat zur Terrororganisation «Islamischer Staat» («IS») bekannt.

FILE -- This undated file image shows Omar Mateen, who authorities say killed dozens of people inside the Pulse nightclub in Orlando, Fla., on Sunday, June 12, 2016. U.S. authorities say Omar Mateen, the man who carried out the worst mass shooting in modern U.S. history, had touted support not just for the Islamic State but also other radical factions that are enemies of the Sunni militant group. He not only professed allegiance to IS but also expressed solidarity with a suicide bomber from the Syrian branch of al-Qaida, which is known as the Nusra Front and which is Islamic State’s top rival. (MySpace via AP, File)

Attentäter Omar Mateen.
Bild: AP/MySpace

Beide Attentäter hatten nach allem, was bislang bekannt ist, keine Verbindung zur Führungsebene des «IS» in Syrien und dem Irak. Mateen war in keine islamistischen Strukturen eingebunden, Abballa unterhielt Kontakte zu anderen französischen Islamisten und sass wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung auch schon im Gefängnis. Zur Tat, einem Mord an einem Polizisten und dessen Lebensgefährtin, schritt er aber allein.

Mateen und Abballa haben keine Terrorausbildung in Syrien oder im Irak durchlaufen, sie sind nicht durch Kriegserfahrungen radikalisiert und verroht worden. Sie haben ihr ganzes Leben in ihren westlichen Heimatländern USA und Frankreich verbracht.

Radikalisierung in der Heimat

Die Sicherheitsbehörden sprechen bei diesem Tätertypus von «selbstradikalisierten Personen» oder «einsamen Wölfen». Von ihnen gehe «eine hohe Bedrohung» aus, heisst es in einer vertraulichen Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden. «Gerade bei diesem Tätertypus fehlen den Sicherheitsbehörden die Erfolg versprechenden Ermittlungs- und Präventionsansätze ‹Kommunikation› und ‹Reisebewegungen›».

Schiesserei in Gay-Nachtclub in Orlando

Diese Täter werden nämlich durch Propaganda im Netz und in Einzelfällen durch radikale Prediger in Moscheen in ihren Heimatländern radikalisiert und zu ihren Taten angestiftet. Die Anleitung zur Beschaffung ihrer Tatmittel finden sie ebenfalls im Internet.

Mateen und Abballa nutzten freizugängliche Waffen: Abballa ermordete seine Opfer mit einem Messer, Mateen tötete mit automatischen Schusswaffen, die er legal in Florida gekauft hatte.

epa05363950 Police officers patrol a security perimeter near a house where a French police officer and his wife have been murdered by an assailant allegedly claimed as a ISIS fighter, in Magnanville, near Paris, France, 14 June 2016. The police officer was stabbed outside his house and his partner was killed by the hostage taker, late 13 June 2016. The attacker was killed during the police raid.  EPA/CHRISTOPHE PETIT TESSON

Tatort in Magnanville.
Bild: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA/KEYSTONE

Selbstradikalisierte Islamisten handeln meist allein, so auch die Terroristen in den USA und Frankreich. Mateen soll seine Frau in die Anschlagspläne eingeweiht haben, die französische Polizei befragt derzeit drei Personen, die möglicherweise von Abballas Vorhaben wussten.

Andere Dschihadisten haben in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Personen aus ihrem engsten Umfeld Terroranschläge begangen. Syed Farook tötete im Dezember 2015 gemeinsam mit seiner Ehefrau Tashfeen Malik 14 Menschen an seiner ehemaligen Arbeitsstelle im kalifornischen San Bernardino.

Die Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew planten das Attentat auf den Boston-Marathon 2013, bei dem am 15. April 2013 drei Menschen getötet und mehr als 250 weitere verletzt wurden.

Terror in Boston

Auch der Terroranschlag auf die Redaktionsräume der Satirezeitung «Charlie Hebdo», die Terrorserie vom 13. November 2015 in Paris und der Doppelanschlag von Brüssel am 22. März dieses Jahres wurden massgeblich von Brüderpaaren geplant. In diesen Fällen waren die Geschwister aber jeweils Teil einer grösseren Terrorzelle.

08.01.2015: So berichteten die Zeitungen über die Attacke auf «Charlie Hebdo»

«Effektiver für uns und schmerzvoller für sie»

Häufig greifen die sogenannten einsamen Wölfe Ziele in ihrer nahen Umgebung an. Der Nachtclub Pulse in Orlando lag gut zwei Autostunden von Mateens Wohnort Port St. Lucie entfernt, er selbst soll den bei Schwulen und Lesben beliebten Treff mehrfach besucht haben. Abballa wohnte nur sechs Kilometer von dem Ehepaar entfernt, das er am Montagabend ermordete.

Dem IS sind diese Anschläge der einsamen Wölfe hochwillkommen. Sie sind im Vorfeld kaum zu verhindern, sie kosten die Terrororganisation nichts und sie schüren Angst im Westen. Denn es sind eben keine Flüchtlinge oder Einwanderer, die diese Attentate begehen, sondern Männer, die im Westen geboren und aufgewachsen sind.

IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani rief in seiner jüngsten Audiobotschaft seine Anhänger im Westen ausdrücklich auf, nicht nach Syrien und in den Irak zu kommen, sondern stattdessen Anschläge in der Heimat zu verüben.

«Die kleinste Tat, die ihr in ihren Ländern begeht, lieben wir mehr als die grösste Tat hier. Es ist effektiver für uns und schmerzvoller für sie», sagte Adnani. IS-Anhänger in den USA und in Europa sollten ihre Länder «so lange terrorisieren, bis jeder Nachbar seinen Nachbarn fürchtet.»

Der IS in Irak und in Syrien ist in die Planung und Durchführung dieser Anschläge nicht eingebunden, seine Propagandisten geben den Taten lediglich im Nachhinein durch Erklärungen und Bilder in sozialen Netzwerken das Label «IS-Anschlag».

Zusammengefasst: Die Anschläge von Orlando und Magnanville wurden von Einzeltätern begangen, die sich während ihrer Attentate zum IS bekannten. Sicherheitsbehörden können die Angriffe dieser selbstradikalisierten Männer kaum verhindern. Genau deshalb sind sie für die Terrororganisation besonders effektiv.

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

Friedensnobelpreis – die «IS»-Sklavin und der Mann, der Frauen repariert

Nadia Murad hatte mit ihrer Familie ein friedliches Leben am Rande des Sindschar-Gebirges geführt, bevor die Dschihadisten kamen. Doch als die gefürchtete Miliz «Islamischer Staat» («IS») im August 2014 Murads Dorf im Nordirak erstürmte, wurde sie wie tausende andere jesidische Frauen als Sexsklavin verschleppt.

Erst nach Monaten gelang ihr die Flucht. Seitdem setzt sie sich unermüdlich für die Rechte der Jesidinnen und gegen sexuelle Gewalt weltweit ein – ein Engagement, das nun mit dem …

Artikel lesen