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Der «Islamische Staat» geht unter, aber was folgt danach?

Der Kampf gegen den «Islamischen Staat» macht Fortschritte – aber was kommt nach dem «IS»? In den Hochburgen der Dschihadisten fürchten die Menschen die nahenden Befreier.

Christoph Sydow



Ein Artikel von

Spiegel Online

Der US-Präsident gab sich so siegesgewiss wie noch nie: «Sogar die ‹IS›-Anführer wissen, dass sie weiter verlieren werden. In ihren Botschaften an ihre Anhänger geben sie selbst zu, dass sie Mossul und Rakka verlieren könnten. Und der ‹IS› hat recht: Sie werden verlieren», sagte Barack Obama Ende vergangener Woche nach einem Treffen mit seinem Nationalen Sicherheitsrat im Pentagon.

Diese Zuversicht hat gute Gründe: Im Irak hat die Terrormiliz seit Jahresanfang die Kontrolle über die Städte Hit, Rutba und Falludscha verloren. In Syrien wurde der «IS» zunächst aus Palmyra vertrieben, in Manbidsch halten die Terroristen nur noch einige Strassenzüge.

Die irakische Armee sowie kurdische und schiitische Milizen bereiten nun die Rückeroberung von Mossul vor. Die Metropole im Nordirak ist die grösste Stadt, die vom «IS» beherrscht wird. Bevor die Dschihadisten Mossul im Sommer 2014 im Handstreich eroberten, lebten dort mehr als zwei Millionen Menschen.

Image

Verluste des «IS» im Irak und in Syrien

In Syrien stehen die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), ein Zusammenschluss kurdischer und arabischer Milizen, nur noch rund 60 Kilometer vor Rakka, der zweiten «IS»-Hochburg. Sowohl im Irak als auch in Syrien werden die «IS»-Gegner von US-Spezialkräften als auch von Luftangriffen der US-Armee unterstützt.

Nach Einschätzung der US-Regierung und zahlreicher Informanten aus dem Herrschaftsgebiet des «IS» ist der Untergang des selbsternannten Kalifats nur noch eine Frage der Zeit. (Lesen Sie hier eine ausführliche Analyse zum Niedergang des «IS»)

Doch wer rückt an die Stelle der Dschihadisten?

Obama erweckte bei seinem Termin im Pentagon den Eindruck, als gebe es einen Plan für «den Tag danach». Bei einer Geberkonferenz in Washington sicherten 24 Staaten der irakischen Regierung zwei Milliarden US-Dollar zu. Die Gelder sollten Bagdad dabei helfen, das Land zu stabilisieren. Nach der Befreiung Mossuls müsse es humanitäre Hilfe für die Menschen dort geben. Politische Anstrengungen sollten unternommen werden, um Zivilisten zu schützen und die irakischen Sunniten angemessen in der Regierung zu vertreten, forderte der US-Präsident, «damit der ‹IS› nicht zurückkehren kann, indem er die Spaltungen und neues Leid ausnutzt.»

Doch der bisherige Verlauf des Feldzugs gegen den «IS» im Irak macht wenig Hoffnung, dass Obamas Plan aufgeht. Schiitische Milizen bilden das militärische Rückgrat der Militärkoalition. Sie haben bei ihrem Vormarsch auf Ramadi und Falludscha in den vergangenen Monaten Hunderte männliche Flüchtlinge festgenommen. Sie töteten Dutzende Jungen und Männer kaltblütig, weil sie angeblich dem «IS» angehört haben sollen.

Die von Obama angemahnte Einbindung der sunnitischen Minderheit in die irakische Politik ist auch nicht in Sicht. Unter dem sunnitischen Diktator Saddam Hussein wurden sie protegiert, seit 2003 hat die schiitische Mehrheit sie immer weiter an den Rand gedrängt. Deshalb warnen sunnitische Politiker auch davor, das Geld für den Wiederaufbau der sunnitischen Gebiete an die Regierung in Bagdad zu überweisen. Sie fürchten, dass die Finanzmittel zweckentfremdet werden und nicht dort ankommen, wo sie benötigt werden.

Militante islamistische Gruppen

Doch auch die sunnitische Minderheit im Irak selbst ist tief gespalten. Ein Teil der Stämme hatte sich in den vergangenen Jahren mit dem «IS» arrangiert, andere kämpfen an der Seite der irakischen Armee gegen die Terrormiliz. Die Aussöhnung beider Lager droht schon jetzt das Land zu überfordern. Es fehlt eine Identifikationsfigur, die das Format hätte, die irakischen Sunniten zu einen.

Die Folgen zeigen sich am Beispiel von Ramadi

Im Dezember 2015 wurde der «IS» aus Ramadi vertrieben, doch bislang sind nach offiziellen Angaben nur rund 50'000 von 250'000 Einwohnern zurückgekehrt. Das liegt nicht nur am schleppenden Wiederaufbau, sondern auch daran, dass sich die Flüchtlinge scheuen, in den Ort zurückzukehren, in dem noch immer Menschen leben, die durch Verrat überhaupt erst den Einmarsch der Dschihadisten ermöglichten.

Immerhin gibt es im Irak eine Regierung, mit der die USA und Europa im Kampf gegen den «IS» zusammenarbeiten können. In Syrien ist der Westen komplett auf nichtstaatliche Akteure angewiesen. Die SDF, die von Norden auf Rakka vorrücken, werden noch dazu von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten angeführt. Damit könnten schon bald arabische Orte unter kurdische Kontrolle geraten. Das birgt erhebliche Risiken, denn die Kurden haben in den vergangenen Monaten bereits versucht, Araber aus den Gebieten zwischen ihren kurdischen Hochburgen zu vertreiben.

Eine Perspektive hat Syrien ohnehin erst nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad. So lange er die Sunniten mit Unterstützung aus Russland bekämpft und vertreibt, existiert auch der Nährboden, der den «IS» überhaupt erst wachsen liess.

Zusammengefasst: Der Zusammenbruch des «Islamischen Staats» scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch bislang gibt es keinen Plan für die Zeit danach. Die Sunniten im Irak fürchten den Vormarsch der schiitischen Milizen, in Syrien ist es bislang nicht gelungen sunnitische Kampfverbände in die Anti-«IS»-Koalition einzubinden. Das sind keine guten Voraussetzungen für den Wiederaufbau.

«IS»-Hauptstadt Raqqa

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    Alle Leser-Kommentare
  • pamayer 09.08.2016 16:38
    Highlight Highlight Großbaustelle
    Flughafen Berlin nix dagegen.

    Und der Terrorismus entschlüpft unter dem Radar. Denn wer nichts zu verlieren hat und den eigenen Tod in kauf nimmt, trickst sämtliche Nachrichtendienste und Sicherheitsmaßnahmen aus.
  • Schläfer 09.08.2016 09:16
    Highlight Highlight Der IS geht unter? Wunschdenken! Der Westen wird noch Jahrzehnte die Auswirkungen des IS spüren, ob in Form von Krieg oder in Form von Terroranschlägen. Den IS wollte man von Anfang an nicht wirklich besiegen sonst wäre er schon lange weg. Und jetzt ist es zu spät dafür. Punkt.
  • rodolofo 09.08.2016 08:31
    Highlight Highlight Ich sehe als Lösung nur noch eine Aufteilung der Staaten Syrien und Irak, die als künstliche Kolonialgebilde den lokalen Gegebenheiten und den "Stammeskulturen" der Leute dort nicht entsprochen haben.
    Ausserdem sollten die "Stellvertreter-Kriege" für den Iran, Türkei, Russland, USA, und EU aufhören!
    Aber da das fromme Wünsche sind, sehe ich als Kompromiss die Aufteilung des Territoriums in Kleinstaaten, die jeweils von einer Grossmacht protegiert werden: Kurdistan (USA/EU), Alewitisches Rest-Syrien (Russland), Schiitischer Irak (Iran), Sunnitischer Irak (?), Islamistisches Syrien (Türkei).
    • Tierra Y Libertad 09.08.2016 10:50
      Highlight Highlight Die Türkei wird leider kein Kurdistan an ihrer Grenze dulden.
      Das wissen auch die Kurden, deshalb kämpfen die SDF für ein einheitliches, demokratisches Syrien. Finde deine Überlegung schön, im Irak könnte es sogar funktionieren. In Syrien leider kaum möglich: Die meisten Rohstoffe gibt es im heutigen Rojava, die anderen Kleinstaaten (und v.a. ihre Unterstützer) werden sich betrogen fühlen.
    • Sunking_Randy_XIV. 09.08.2016 13:57
      Highlight Highlight Im Irak würde diese Idee wohl zu einem neuen Bürgerkrieg führen; die Schiiten wären kaum bereit, grosse Teile des Landes abzutreten. Es gäbe kaum Einigkeit über die ölreiche Grenzregion zwischen den schiitischen und den kurdischen Gebieten. In Kirkuk etwa ist die Lage zwischen schiitischen Milizen und kurdischen Truppen bereits jetzt sehr angespannt und entlädt sich gelegentlich in Schiessereien. Die Sunniten wiederum würden wohl die ganze Provinz Anbar beanspruchen, inklusive Ramadi und Falludscha. Es gibt in Anbar aber auch bagdadtreue Sunniten. Das ganze würde einmal mehr im Chaos enden.
    • Fabio74 09.08.2016 21:58
      Highlight Highlight nun man hat den Fehler vor 100 Jahren gemacht, so einfach lässt sich das nicht mehr aus der Welt schaffen
  • Knächbläch 08.08.2016 22:09
    Highlight Highlight Ich empfehle "Wer den Wind sät" von Michael Lüders. Das Buch hat mir einen "guten" Einblick zum Thema gegeben... Es zeigt auf wie der Nährboden für die Terrormilizen geschaffen wurde sowie wer und wie darin verstrikt ist.
    • Rabbi Jussuf 09.08.2016 19:12
      Highlight Highlight nicht schlecht!
      Auch ich würde das Buch weiter empfehlen.

      Nur - Lüders sieht den Einfluss des Islams nicht. Seine Analysen sind zu einseitig auf den Einfluss des Westens gerichtet.

      Er ist im Bezug auf die Wirkung von Religion, hier dem Islam, eindeutig zu naiv. Erstaunlich, da er doch Islamwissenschaftler sein soll.
  • Beobachter24 08.08.2016 21:36
    Highlight Highlight Über was genau reden wir?

    Über wahhabitische Extremisten welche Takfīr (wikipedia, https://goo.gl/8bFk5U) mit Säbel und Feuerwaffen durchsetzen.

    Wahhabitische Takfīris sind lebensbedrohlich für alle nicht-wahhabitischen Moslems und für alle nicht-Moslems.
    Ihre (unvollständige) Ahnenreihe sieht wie folgt aus:
    Mudschahedin in Afghanistan, Taliban, Al-Qaida, Al-Nusra, IS, …, xyz

    Wahhabitische Takfīris werden traditionell durch Saudi-Arabien finanziell unterstützt und von der CIA ausgebildet.
    • Beobachter24 08.08.2016 22:00
      Highlight Highlight P.S. 1

      Der US-Präsident kann sich noch lange siegesgewiss geben, der IS ist noch lange nicht besiegt.
      Traditionell will der US-Präsident Takfiris auch nicht besiegen. Sie sind ihm Mittel zum Zweck.

      Die USA bekämpft die Takfiris im Irak (halbherzig) und unterstützt sie in Syrien.
    • Tierra Y Libertad 09.08.2016 11:09
      Highlight Highlight Dass die USA die Taliban und andere Islamisten zur Bekämpfung der Soviets bzw. Russland unterstützt hat ist mir bekannt. Ich zweifle auch nicht daran, dass die Türkei und Saudi Arabien al-nusra, al-sham, den IS etc. unterstützen oder es zumindest mal getan haben. Aber dass der IS und al-nusra direkt von den USA unterstützt werden und diese in Syrien nicht bekämpfen (Luftangriffe?) finde ich jetzt etwas weit hergeholt.
  • Sunking_Randy_XIV. 08.08.2016 20:04
    Highlight Highlight Der Artikel ist etwas undifferenziert; die PMU - die Dachorganisation der Milizen - bestehen nicht nur aus schiitischen Gruppen, sondern auch aus sunnitischen und christlichen und yezidischen. Verteidigungsminister al-Obeidi ist Sunnit, genauso wie der Parlamentspräsident. In al-Abadis Kabinett sind auch Kurd_innen vertreten. Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten im Irak ist komplexer, als es hiesige Medien oft schreiben; in Tikrit etwa gab es zwar Vergeltungsaktionen nach der Rückeroberung, aber von Sunniten gegen andere Sunniten. Kann die Beiträge von Hayder al-Khoei dazu empfehlen.
  • Stichling 08.08.2016 18:58
    Highlight Highlight Die drängenste Frage ist hier gar nicht, was in Syrien und Irak als nächstes kommt, sondern sehr viel mehr wohin die Tausenden von IS-Kämpfern als nächstes hingehen werden. Ich tippe auf Nord- und Westafrika. Allerdings wird ihnen dort die Unterstützung aus Kathar fehlen und damit viele der schweren Waffen.
    • Echo der Zeit 08.08.2016 20:06
      Highlight Highlight Ich glaube sie werden nach Seelisberg kommen - Vieleicht wird ihnen Katar auch den Neu Renovierten Bürgerstock als Tranings Zentrum zur verfügung stellen.
  • Fafnir 08.08.2016 17:13
    Highlight Highlight "Eine Perspektive hat Syrien ohnehin erst nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad. So lange er die Sunniten mit Unterstützung aus Russland bekämpft und vertreibt, existiert auch der Nährboden, der den «IS» überhaupt erst wachsen liess."
    Unglaublich wieviel Naivität/Halbwahrheit in zwei Sätzen Platz hat.
    • LaPaillade #BringBackHansi 08.08.2016 20:32
      Highlight Highlight Gibt sicher auch Beispiele aus der Geschichte, die zeigen, dass es geht ;)

      Zudem: *Libyen
  • EvilBetty 08.08.2016 16:07
    Highlight Highlight Man kann eine Idee nicht töten.
    • ConcernedCitizen 08.08.2016 16:47
      Highlight Highlight Man kann sie aber unschädlich machen. Siehe Nazi-Deutschland.
    • EvilBetty 08.08.2016 18:38
      Highlight Highlight Hat wohl nicht geklappt, siehe jetziges Deutschland.

      Der riesen Unterschied: Deutschland ist eine Nation, mit klar umrissenen Grenzen, so etwas kann man bombardieren und im Extremfall komplett auslöschen. Der IS exisitert nur in den Köpfen...
    • Stichling 08.08.2016 18:50
      Highlight Highlight Mann kann eine Idee töten, indem man jeden sofort tötet, der an sie glaubt. Hat sich immer wieder bewährt. Ist halt nicht ganz Menschenrechtskonform.
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  • winglet55 08.08.2016 15:54
    Highlight Highlight Die ganze Region wird in Anarchie und Chaos versinken, herzlichen Dank an George W. Bush und seine Helfer, respektive seine Chefs,Donald Rumsfeld & Dick Cheeney
    • äti 08.08.2016 17:33
      Highlight Highlight Sie können ruhig die Namen aller Menschen aufführen. Ist doch die ganze Erde irgendwie untereinander verbandelt, verlinkt und abhängig.
    • Maragia 08.08.2016 18:58
      Highlight Highlight Nein, es sind klar die Amerikaner schuld, welche versucht haben Assad loszuwerden (wegen den Öl-Pipelines, ja es hat halt mal wieder mit Öl zu tun...)
    • Echo der Zeit 08.08.2016 19:59
      Highlight Highlight @Maragia - Die USA/Kanada Produziert Ol wie nie zuvor (Olsand) - Venezuela und auch andere vom Ol abhängige Staaten haben mächtig Probleme bekommen. Das die Usa, Assad loszuwerden wollen wegen dem Ol - Ist ja das grösste ammenmärchen das ich je gehört habe.
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