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Terroranschlag in Istanbul: Das perfide Kalkül des «IS»

Die türkische Regierung legt sich fest: Der «Islamische Staat» hat das Attentat auf deutsche Urlauber in Istanbul begangen. Die Terrororganisation schweigt. Doch der Anschlag passt genau in die Strategie der Dschihadisten.

13.01.16, 14:31 13.01.16, 16:09

Christoph Sydow

Anschlag in Istanbul

Ein Artikel von

Mehr als 24 Stunden nach dem Selbstmordanschlag gegen eine deutsche Touristengruppe in Istanbul hat sich noch immer niemand zu dem Attentat bekannt. Weder kurdische Separatisten, noch militante Linke, noch islamistische Terroristen.

Die türkische Regierung war da deutlich schneller: Schon wenige Stunden nach der Explosion auf dem Sultanahmet-Platz teilte Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit, der Selbstmordattentäter stamme aus Syrien. Man habe den Mann anhand von Leichenteilen identifizieren können. Am 5. Januar soll er sich als Flüchtling in Istanbul registriert haben.

Der Sprecher des Innenministeriums in Riad sagte der in London erscheinenden arabischen Tageszeitung «al-Hayat», dass der Terrorist namens Nabil Fadli 1988 in Saudi-Arabien geboren worden sei. Er habe das Königreich aber bereits im Alter von acht Jahren verlassen und die syrische Staatsbürgerschaft besessen.

Mittlerweile hat die türkische Polizei drei Russen im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen. Sie sollen Verbindungen zur Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) haben. Zuvor hatte sich bereits Ministerpräsident Ahmet Davutoglu auf den «IS» als Tätergruppe festgelegt. Das ist bemerkenswert, weil Ankara zuvor häufig die kurdische PKK mit Anschlägen in Verbindung gebracht hatte, um damit die Militäroperationen gegen kurdische Separatisten zu rechtfertigen.

Das Attentat von Istanbul wäre der dritte schwere Anschlag in der Türkei binnen eines halben Jahres, der dem «IS» zugeschrieben wird:

Zu keinem dieser Attentate hat sich der «IS» selbst bekannt. Das ist auffällig, weil die Terrororganisation in anderen Fällen sehr zügig die Verantwortung übernahm. Nach dem Absturz des russischen Passagierflugzeugs über der ägyptischen Sinai-Halbinsel dauerte es nur wenige Stunden, bis der IS ein Bekennerschreiben veröffentlichte. Nach den Anschlägen von Paris am 13. November vergingen etwa zwölf Stunden, bis sich die Dschihadisten mit den Morden brüsteten.

Deutsche Opfer passen ins Kalkül des «IS»

Offenkundig will der «IS» die Türken bewusst im Unklaren darüber lassen, ob er die Anschläge im Land begangen hat, möglicherweise um Sympathien im Volk nicht zu verspielen. Aufschlussreich ist auch die Auswahl der Terrorziele. Abgesehen von Rachemorden an syrischen «IS»-Gegnern und vereinzelten Angriffen auf türkische Soldaten im Grenzgebiet hat der «IS» bislang immer Regierungsgegner attackiert: Die Opfer in Suruc waren linke Aktivisten und kurdische Oppositionelle.

Nun also Touristen, mitten in Istanbul zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee, an einem der beliebtesten und symbolreichsten Plätze des Landes. Unklar ist, ob der Attentäter gezielt deutsche Urlauber mit in den Tod riss, Bundesinnenminister Thomas de Maizière geht bislang nicht davon aus.

Jedenfalls passen deutsche Opfer den Terroristen aus mehreren Gründen ins Kalkül:

Seit Freitag unterstützen zwei «Tornado»-Jets der Bundeswehr die Luftangriffe gegen den «IS» in Syrien und dem Irak. Der Einsatz ist in Deutschland umstritten, das wissen auch die Dschihadisten. Der Anschlag von Istanbul wird jenen Auftrieb geben, die dafür sind, dass sich die Bundesrepublik aus dem Konflikt mit dem «IS» heraushält.

Zudem droht das Attentat die anti-islamische Stimmung in Deutschland anzuheizen: ein Syrer, der deutsche Urlauber tötet, nachdem die Bundesrepublik Hunderttausende Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat. Das ist Wasser auf die Mühlen von Pegida, AfD und Co. Es gehört zu den Zielen des «IS», Zwietracht zwischen den europäischen Gesellschaften und den islamischen Minderheiten zu säen. Wenn sich die Muslime in Europa ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen, sind sie für den radikalen Islam der Dschihadisten empfänglich, so das Kalkül. Wenn das gesellschaftliche Klima in Deutschland feindseliger wird, spielt das den Radikalen in die Karten.

Mit dem Anschlag fordert der «IS» auch die türkische Regierung offen heraus. Nach den Anschlägen von Suruc und Ankara beschränkte sich die Reaktion der Regierung auf symbolische Militärschläge gegen die Dschihadisten. Priorität hatte bei den Militärs seit Monaten der Kampf gegen kurdische Separatisten im Südosten der Türkei.

Nun haben die Dschihadisten im Herzen der grössten türkischen Metropole zugeschlagen und die Tourismusbranche ins Visier genommen, eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes. Es ist ein weiterer Weckruf für die türkische Regierung.

Zusammengefasst:
Viel deutet darauf hin, dass die Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) für den Anschlag in Istanbul verantwortlich ist. Das Attentat auf deutsche Touristen erfolgt wenige Tage nach Beginn des Bundeswehr-Einsatzes gegen den «IS». Nicht nur deshalb passt das Attentat ins Kalkül der Dschihadisten: Der Mord an deutschen Urlaubern durch einen mutmasslich syrischen Terroristen stärkt anti-islamische Ressentiments in der Bundesrepublik und dürfte die Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge aus Syrien sinken lassen.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie woof 13.01.2016 14:51
    Highlight Diese ganze Entwicklung wird von Tag zu Tag Perverser!
    8 1 Melden
    • Sille 13.01.2016 15:11
      Highlight zombie ... ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen.. aber ich befürchte, das dies nur der Anfang ist ...
      11 2 Melden

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