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Kuriose Ermittlungen in Italien: Wie die Deutsche Bank Silvio Berlusconi gestürzt haben soll

Weisst du, wo Trani liegt? Die Deutsche Bank musste es lernen. Denn die Staatsanwaltschaft der süditalienischen Kleinstadt will ein Komplott der Finanzwelt gegen Ex-Premier Berlusconi beweisen.

10.05.16, 13:57 10.05.16, 14:20

Hans-Jürgen Schlamp, Rom

Sind die Deutschen Schuld?
Bild: Antonio Calanni/AP/KEYSTONE

Ein Artikel von

Irgendwann kommt alles ans Licht. Auch die Wahrheit. Und manchmal sogar mehr als die Wahrheit. Wie jetzt, dank der ebenso rührigen wie mutigen Staatsanwaltschaft in einer sehr schönen und sehr unbedeutenden südostitalienischen Kleinstadt namens Trani.

Dort hat die lokale Justiz offenbar Hinweise darauf gefunden, dass Silvio Berlusconi 2011 nicht zurücktreten musste, weil sein Land in einer schlimmen Krise und er mit seinem Latein und seiner Popularität am Ende war, wie man weithin glaubte. Nein, Berlusconi, der Medienmogul, der Milliardär, der ganz besondere Frauenversteher, ist einem Komplott der internationalen Finanzwelt zum Opfer gefallen.

Davon geht man jedenfalls im Justizpalast von Trani aus. Deshalb ermittelt man schon eine Weile gegen die grossen Rating-Agenturen Fitch sowie Standard & Poor's. Nun ziehen die Tranesi auch gegen die Deutsche Bank zu Felde.

Die italienische Dependance der Frankfurter Grossbank wurde untersucht, ihr Statthalter Flavio Valeri als Zeuge vernommen, Akten wurden beschlagnahmt. Italiens früherer Regierungschef Romano Prodi steht auf der Liste der zu Befragenden, ebenso Ex-Finanzminister Giulio Tremonti. Unter Verdacht steht der damalige Vorstand, zu dem Josef Ackermann, Jürgen Fitschen und Anshu Jain sowie zwei weitere Führungskräfte der Bank gehörten.

«Klares Signal von Misstrauen»

Mittlerweile trauen viele der Deutschen Bank ja so einiges zu. Nur: Die Beweislage für ein Komplott gegen Berlusconi scheint bislang nicht gerade erdrückend. Weder im Fall der Rating-Agenturen noch in dem der Frankfurter Banker.

Die Deutsche Bank, so die Trani-Version dessen, was im Krisenjahr 2011 abgelaufen ist, habe im Frühjahr damals in mehreren Publikationen ihrer Research-Abteilung die italienischen Staatsschulden als beherrschbar beschrieben. Selbst habe sie dann aber plötzlich fast alle Italo-Anleihen aus ihrem Acht-Milliarden-Euro Bestand verkauft. So habe sie den «Markt manipulieren» wollen. Und der habe die Aktion als «klares Signal von Misstrauen» verstanden. So seien Zweifel daran entstanden, dass die italienische Regierung ihre in den Himmel gewachsenen Schulden bei explosionsartig gestiegenen Zinsen auf Dauer bedienen könne.

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Bei der Deutschen Bank versuchte man schon damals, die Sache zu erklären. Man habe nach dem Kauf der Postbank, Ende 2010, die durch den Zusammenschluss sprunghaft angestiegenen Aussenpositionen in der eigenen Bilanz reduzieren wollen und deshalb Staatsanleihen verkauft – italienische und solche aus anderen Ländern. Auch heute betont die Bank, dass sie ja gerne umfassende Auskünfte an die Staatsanwaltschaft gebe, aber «keine rechtliche Grundlage» für die Ermittlungen sehe und darüber hinaus überzeugt sei, korrekt gehandelt zu haben.

Aber das nehmen ihnen die misstrauischen Trani-Juristen natürlich nicht ab.

Zu genau passt das Verhalten der Frankfurter zu dem, was die Jungs von Fitch und Standard & Poor's zu ungefähr gleicher Zeit anstellten. Sie senkten das Rating für Italien, erklärten damit die römischen Schulden für tendenziell unsicher. Italien musste immer höhere Zinsen versprechen, damit sie für ihre Anleihen noch risikofreudige Käufer fand. Das hochverschuldete Land schlitterte immer näher an den Abgrund.

Schliesslich warf Regierungschef Berlusconi das Handtuch, machte den Weg frei für Mario Monti. Und das, so die Trani-Theorie, war das Ziel: Monti, der Ex-EU-Kommissar, Berater von Goldman Sachs und Coca Cola, Ex-Mitglied der Bilderberg-Konferenz, der Mann der globalen Finanzbranche, sollte an die Macht.

Nun ja, die Beweise. Die sind noch immer eher dürftig. Als es den Anwälten einiger Beschuldigter aus dem Rating-Komplex gelang, das Verfahren zuständigkeitshalber nach Mailand zu verlegen, war die Sache für jene schnell zu Ende. Das Gericht dort fand «keinerlei Hinweis» für irgendeinen Komplott oder andersgeartete Verfehlungen.

Davon unbeeindruckt ermitteln die tapferen Justizkollegen in Trani weiter gegen den verbliebenen Rest der Rating-Verdächtigen und die neu hinzugefügten Bösewichte aus der Deutschen Bank. Dafür haben sie andere Verfahren gegen prominente Verdächtige erst einmal eingestellt. Die betrafen den internationalen Hochfrequenzhandel und Betrügereien grosser Impfstoffhersteller. Aber man soll sich ja nicht verzetteln.

«Rechtsrisiko Trani»

Als die Amtspost aus Trani bei den Global Players der Finanzwelt ankam, rieben sich auch deren hoch bezahlte Anwälte erst einmal erstaunt die Augen. Wo bitte liegt Trani und warum bitte ist es zuständig? Da war noch nie einer unserer Klienten. Schon gar nicht zur Begehung einer Straftat. Dort gibt es keine Task Force der Justiz für Wirtschaftsstraftaten, keine Sonderermittler mit profunden Bankkenntnissen. Nicht einmal eine Börse.

Aber es gibt den Artikel 10 der Strafprozessordnung und den Artikel 182 des Finanzgesetzes (Tuf). Letzterer besagt, dass ein Verstoss gegen das italienische Finanzrecht, egal wo in der Welt, in Italien bestraft werden kann, wenn Italiener geschädigt werden. Und der andere Artikel sagt, dass die Staatsanwaltschaft, die eine solche Straftat im Ausland als erste entdeckt, dafür zuständig ist. Voilà, das ist die Lex Trani, der Zugang zur Glitzerwelt der internationalen Justiz. So kommt die kleine Adria-Hafenstadt an ihre grossen Prozesse und regelmässig prominent in die Medien. Wie jetzt beim Coup gegen die Deutsche Bank.

Aber irgendwie kommt das auch Italienern etwas merkwürdig vor. «Von allen Schandtaten, mit denen sich die Deutsche Bank befleckt haben könnte», kommentiert die römische Tageszeitung «La Repubblica» den Vorgang, sei «der Sturz der Regierung Berlusconi wohl die unwahrscheinlichste.»

Und ganz Verzagte sprechen schon vom «Rechtsrisiko Trani». Wenn sich herumspricht, wie leicht man in Italien in eine juristische Ermittlung stolpern kann, könnte das Investoren und Anleger verschrecken. Und die Zinsen für die Staatsschulden könnten wieder steigen. Auch ohne Komplott.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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