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Von hier sollen die Daten stammen: Sitz der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama.
Bild: EPA/EFE

«Wir wurden gehackt. Das ist ein Verbrechen»: Riesiges Leak zu Briefkastenfirmen auf Panama

Unbekannte haben der «Süddeutschen Zeitung» Millionen Dokumente über rund 215'000 Briefkastenfirmen in Panama übergeben. Die Enthüllung bringt Spitzenpolitiker, Sportstars und weitere Persönlichkeiten in Erklärungsnot.

04.04.16, 01:11 04.04.16, 09:17

Was wir wissen:

Die Recherchen unter dem Titel Panama Papers basieren auf einem Datenleck bei der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca. Deren Chef Ramón Fonseca Mora bestätigte im Fernsehsender TVN: «Wir wurden gehackt. Das ist ein Verbrechen.»

Auf einen Schlag weltberühmt: Anwaltskanzlei Mossack Fonseca.
Bild: CARLOS JASSO/REUTERS

Sein Unternehmen helfe aber nicht bei Geldwäscherei oder Steuerhinterziehung. Die Kanzlei gründe lediglich Firmen und verkaufe sie dann an Banken, Vermögensverwalter oder Anwälte. Eine Geschäftsbeziehung zu den Endkunden bestehe nicht.

Der Finanzplatz Panama

Panama ist einer der wichtigsten Finanzplätze in Lateinamerika. Ein äusserst liberales Bankengesetz hat zahlreiche Kreditinstitute nach Mittelamerika gelockt. Derzeit sollen etwa 90 Banken Einlagen in Höhe von rund 65 Milliarden US-Dollar verwalten. Die Finanzkrise ging an Panama weitgehend vorbei und brachte dem Finanzplatz sogar zusätzliche Investitionen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) lobt in seinem jüngsten Bericht die Stabilität des Bankensektors. Nachdem sich die Schweiz zuletzt von ihrem Bankgeheimnis verabschiedet hatte, galt Panama vielen als neue Steueroase. Immer wieder gibt es Berichte über illegale Transaktionen. In den 1980er Jahren war das Land das Bankenzentrum der kolumbianischen Drogenkartelle. Zuletzt bemühte sich Panama allerdings darum, dieses Image loszuwerden und sich als seriöser Finanzplatz zu positionieren. So erliess die Regierung eine Reihe neuer Richtlinien für Banken, Versicherungen, Immobilienfirmen sowie Wertpapier- und Edelsteinbörsen. Im Februar strich der OECD-Arbeitskreis für Massnahmen zur Geldwäschebekämpfung (Gafi) Panama von der grauen Liste, auf der Staaten geführt werden, die beim internationalen Austausch von Finanz- und Steuerinformationen noch hinterherhinken. (sda/dpa)

Zu den Profiteuren der Offshore-Dienste zählen den Berichten von Medien aus rund 80 Staaten zufolge zwölf frühere und amtierende Staats- und Regierungschefs sowie 128 weitere Politiker. Auch internationale Finanzinstitute – nicht wenige mit Schweizer Bezug – sind beteiligt.

«Briefkastenfirmen spielen auch eine wichtige Rolle bei Geldwäsche-Aktivitäten im grossen Massstab.»

Igor Angelini, Chef der Finanzermittlungseinheit von Europol

Bestätigungen oder konkrete Stellungnahmen gibt es von den wenigsten Fällen. Generell gilt: «Der Besitz einer solchen Offshore-Firma ist für sich nicht illegal», schreibt die «Süddeutsche». «Aber wer sich in den Panama Papers umsieht, stellt sehr schnell fest, dass es bei den meisten Fällen vor allem um eines geht: zu verschleiern, wem die Firma in Wahrheit gehört.»

Europol-Finanzermittlungs-Chef sieht Briefkastenfirmen als wichtiges Vehikel bei Geldwäscherei-Aktivitäten im grossen Massstab.
Bild: Peter Dejong/AP/KEYSTONE

Die Daten belegten, wie die globale Offshore-Industrie im Verbund mit grossen Banken, Anwaltskanzleien und Vermögensverwaltern in aller Verschwiegenheit die Besitztümer von Prominenten verwalte.

Die Medien betonen, dass es viele legale Einsatzmöglichkeiten von Offshorefirmen, Trusts und Stiftungen gebe. Grundsätzlich sei festzuhalten: «Es gilt in jedem Fall bei den hier genannten Personen die Unschuldsvermutung.»

Igor Angelini, Chef der Finanzermittlungseinheit von Europol, erklärt dem Bericht zufolge, dass Briefkastenfirmen auch eine «wichtige Rolle bei Geldwäscherei-Aktivitäten im grossen Massstab» spielen. Gleiches gelte für Korruption: Offshore-Firmen würden besonders genutzt, «um die Bestechungsgelder weiterzuleiten».

Der Enthüller des NSA-Skandals, Edward Snowden, sprach auf Twitter vom «grössten Leck in der Geschichte des Daten-Journalismus, und es geht um Korruption.» Der deutsche Grünen-Europapolitiker Sven Giegold forderte mehr Transparenz. »Es ist eine Schande, dass wir im Kampf gegen die elendige Steuerflucht auf solche Datenlecks angewiesen sind«, erklärte Giegold.

Gegen FIFA-Ethikkommissions-Mitglied Juan Pedro Damiani wird eine Vorermittlung in der Sache geführt.
Bild: EPA/EFE

Die Ethikkommission des Fussball-Weltverbandes FIFA bestätigte der Nachrichtenagentur dpa interne Vorermittlungen gegen ihr eigenes Mitglied Juan Pedro Damiani aus Uruguay.

«Ja, der Bericht ist richtig. Ich kann bestätigen, dass wir eine sogenannte Voruntersuchung in die Wege geleitet haben», sagte der Sprecher der ermittelnden Kammer der Ethikkommission, Roman Geiser. Weitere Details nannte er nicht.

Erhebliche Sprengkraft

Der Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und «Süddeutscher Zeitung», Georg Mascolo, sagte am Sonntagabend in der ARD-Sendung «Anne Will», er gehe davon aus, dass von dem Einblick in das Geschäft in Steueroasen «ganz erhebliche» Sprengkraft ausgehe.

Mascolo kündigte weitere Veröffentlichungen an. «Das, was da in den nächsten Tagen zu lesen und zu hören sein wird, in der ‹Süddeutschen Zeitung›, in der ARD und auch anderswo, halte ich für sehr bemerkenswert, weil wir einen solchen Einblick in das Geschäft dieser Steueroasen bisher in diesem Umfang nicht gehabt haben.»

(kad/sda/dpa)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 04.04.2016 11:54
    Highlight Deren Chef Ramón Fonseca Mora bestätigte im Fernsehsender TVN: «Wir wurden gehackt. Das ist ein Verbrechen.» Das was sie getan haben Herr Mora ist ein Verbrechen. Sie haben Diktatoren, Kriegsverbrechern, organisierten kriminellen Gruppen, Drogen Kartellen usw. geholfen Gelder zu waschen, Steuerhinterziehung zu begehen etc. Leider waren sie ein bischen schlauer als unsere CH Banken und haben keine US Amerikanern geholfen (bis jetzt noch keine US Namen aufgetaucht). Ich hoffe sie werden von jedem Land, Organisation und Menschen angezeigt, damit sie den Rest ihres Lebens in gefangenschaft sind.
    7 0 Melden
  • Töfflifahrer 04.04.2016 08:44
    Highlight Haben wir das nicht bereits hinter uns? Nun kommen wohl einfach einer nach dem anderen dran!
    Ich bin gespannt wann Guernsey, Delaware etc. endlich drankommen.
    Mich beschleicht jedoch der Verdacht, dass die Politik nicht wirklich Interesse daran hat das alles auszumisten. Sonst konnten ja ihre Sponsoren und sie selbst ihr Geld nicht steueroptimiert anlegen.
    10 0 Melden
  • Wilhelm Dingo 04.04.2016 07:50
    Highlight Es gibt noch einige Geldwäscher- und Steuerparadiese: Guernsey, Cayman Islands, Dubai, Monaco, Delaware...
    26 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 04.04.2016 09:12
      Highlight Ich meine, ich hab auf den Listen mehrfach Monaco gelesen. Aber an die anderen von dir erwähnten Namen kann ich mich nicht erinnern.
      1 1 Melden
    • Wilhelm Dingo 04.04.2016 10:36
      Highlight @Rhabarber: Welche Listen meinst Du? Ich will nur sagen, dass auch noch weitere Geldwäscher- und Steuerparadiese betrachtet werden müssen.
      3 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 04.04.2016 11:15
      Highlight Na ich hab nicht nur die Artikel auf Watson zum Thema gelesen, sondern biz quer durch andere, auch deutsche Medien. Dort erscheint öfter auch Monaco auf den Sünderlisten.
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  • URSS 04.04.2016 07:41
    Highlight " wir wurden gehackt, das ist ein Verbrechen "... Ja leider stimmt das. Aber auch ein Verbrechen ist, riesige Summen verbrecherisch am Fiskus gierig vorbeizuschleusen. Dieses Leak wird sicher nicht das letzte sein.
    37 4 Melden
    • saukaibli 04.04.2016 08:37
      Highlight Für mich ein Verbrechen ohne Opfer.
      12 12 Melden
    • Gelöschter Benutzer 04.04.2016 09:14
      Highlight Dass das ein Verbrechen ohne Opfer ist, erklärst du am Besten all denen, die durch diese Vermögensumteilung von Unten nach Oben verarmen, Heim und Job verlieren oder ihre Kinder und sich selbst nicht mehr ernähren können. Das betrifft die ganze Welt.
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    • Olaf! 04.04.2016 09:15
      Highlight Verbrechen ohne Opfer, nicht wirklich. Wenn die Reichen die eh schon genügend Kohle haben, diese am Fiskus vorbeischmuggeln und keine bzw. zu wenig Steuern zahlen, dann zahlen halt andere mehr Steuern. Die anderen sind in diesem Fall, alle anderen Leute welche brav ihre Steuern zahlen. Dies ist ein Bereichern der Superreichen auf Kosten von allen anderen.
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    • Gelöschter Benutzer 04.04.2016 09:51
      Highlight "Verbrechen ohne Opfer". Ganz schön blauäugig so eine Meinung, sorry. Da hat Watson grad was gebracht.

      http://www.watson.ch/International/Wirtschaft/542930883-Deshalb-sind-die-Panama-Papers-so-wichtig--Video-zeigt-Opfer-des-Offshore-Business
      6 1 Melden
  • pamayer 04.04.2016 07:08
    Highlight "wir wurden gehackt. das ist ein Verbrechen."
    donnerwetter!
    I 💛 it!
    sagt die magdici zum hassan: "sie jaben uns gefunden. das ist ein Verbrechen."
    sagt clyde zu bonnie: "sie haben uns gefunden. das ist ein Verbrechen."
    etc
    etc
    27 8 Melden
  • TheRabbit 04.04.2016 07:02
    Highlight Trauriger Weise gibt es sicherlich noch andere Firmen in diesem Bereich.

    Wäre mal schön eine Liste zu sehen mit den verschiedenen Kanzleien welche dies anbietet.
    17 1 Melden
    • Soulrider 04.04.2016 10:40
      Highlight Naja, das dürften noch einige tausend andere sein.. Das ist schliesslich eines der Kerngeschäfte von Banken und Treuhändern..
      4 0 Melden
  • The fine Laird 04.04.2016 06:53
    Highlight Ja das Panama-passieren😁
    29 1 Melden
  • Yolo 04.04.2016 06:53
    Highlight "Sein Unternehmen helfe aber nicht bei Geldwäscherei oder Steuerhinterziehung." Wer's glaubt! Die Herren und Damen in der Anwaltskanzlei wussten genau was sie taten, so naiv kann kein Mensch auf der Welt sein und vor allem kein Advokat!
    29 2 Melden

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