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Der neue Londoner Bürgermeister nimmt auf offener Strasse Gratulationen entgegen.
Bild: PETER NICHOLLS/REUTERS

London hat gewählt: Ein Sieg über den Islamhass

Good News von der Insel: Sadiq Khan wird Londons neuer Bürgermeister. Der Sohn pakistanischer Einwanderer setzt sich gegen einen konservativen Multimillionär durch – und dessen persönliche Attacken.

07.05.16, 16:33 07.05.16, 16:56

Christoph Scheuermann, London



Ein Artikel von

Es dauerte bis nach Mitternacht, bis Sadiq Khan seine Siegesrede halten konnte. Ein «ernster Fehler bei der Auszählung» hatte die Wahlbehörde zögern lassen, den Labour-Politiker zum künftigen Bürgermeister Londons zu erklären. Dabei war es nicht mal knapp gewesen: Mehr als 300'000 Stimmen Vorsprung hatte Khan am Ende vor seinem konservativen Kontrahenten Zac Goldsmith.

Es war das Duell der Ungleichen: der Sohn eines pakistanischen Busfahrers gegen den Sohn eines Milliardärs. Nur in London kann ein Underdog wie Sadiq Khan gewinnen. «Ich verspreche, ein Bürgermeister für alle Londoner zu sein», sagte Khan in der Nacht.

Erstmals in der Geschichte wird die britische Hauptstadt einen muslimischen Bürgermeister bekommen, als erste Hauptstadt in der EU überhaupt – und das in einer Zeit, in der in vielen Ländern des Kontinents der Fremden- und Islamhass bedrohliche Ausmasse annimmt.

Darauf hatten auch die Strategen von Goldsmith gesetzt: Mit rassistischen Untertönen versuchten sie, Stimmung gegen den Labour-Konkurrenten zu machen. Selbst seine Arbeit als Menschenrechtsanwalt war Khan als Unterstützung von Terroristen vorgeworfen worden. Offenbar vergeblich.

Die Bürgermeisterwahl zeigt, dass London liberaler, schlauer, toleranter ist, als die Schlammwerfer der Konservativen wahrhaben wollten. Die britische Hauptstadt spielt auch hier eine Vorreiterrolle in Europa, Khans Wahlsieg öffnet Einwanderern der zweiten Generation die Tür zu politischen Spitzenämtern.

Sohn eines Busfahrers und einer Näherin

Khans Geschichte handelt von dem Ehrgeiz und dem Aufstiegswillen eines Arbeitersohns, sie ähnelt der vieler Immigrantenfamilien. Er wurde in Tooting geboren, im Südwesten der Hauptstadt, als fünftes von acht Kindern. Khans Eltern stammen aus Pakistan, sein Vater steuerte in London den Bus der Linie 44, seine Mutter arbeitete als Näherin. In seiner Dankesrede erzählte Khan von der «Sozialwohnung, wenige Meilen von hier», in der ihn seine Eltern aufgezogen haben.

Wie die meisten Immigranten konnte sich die Familie eine private Ausbildung nicht leisten, ihr Sohn besuchte staatliche Schulen. Später studierte er Jura, arbeitete sich nach oben und praktizierte als Anwalt, bevor er 2005 Labour-Abgeordneter wurde.

Im Rathaus warten schwierige Aufgaben auf Khan. Er muss die notorische Wohnungsnot in der Stadt lindern, die wachsende Ungerechtigkeit zwischen arm und reich bekämpfen, sowie eine Acht-Millionen-Metropole nach aussen vertreten. Und das, obwohl er kaum etwas zu sagen hat. Als Londoner Bürgermeister verfügt er zwar über ein 16 Milliarden Pfund grosses Budget, hat aber abgesehen von der Aufsicht über Polizei, Verkehr und grössere Bauprojekte wenig Spielraum.

Boris Johnson tritt nach acht Jahren ab. Bild: STEFAN WERMUTH/REUTERS

Sein Vorgänger Boris Johnson nutzte die repräsentative Rolle zur Selbstdarstellung, Khan wird eher ein leiser Bürgermeister werden. Für London wäre das nach den turbulenten Johnson-Jahren durchaus erholsam. Unter anderem hat Kahn zugesichert, die Preise für Bus- und U-Bahn-Tickets vier Jahre lang stabil zu halten, was besonders Pendlern und ärmeren Familien zugutekommt.

Schottische Nationalpartei erhält Dämpfer

Auch die Europäer können vorerst aufatmen. Khan hat immer wieder betont, dass ein EU-Austritt für London eine wirtschaftliche Katastrophe sei – noch ein Unterschied zu Goldsmith, einem Brexit-Befürworter. London hat mit der Wahl daher zugleich ein wichtiges Signal für das EU-Referendum am 23. Juni gesetzt. Die Chancen stehen zumindest nicht schlecht, dass die Hauptstadt eher europafreundlich gesonnen ist.

Die Haltung wird allerdings nicht überall im Land geteilt. Bei Wahlen in Wales konnte die europafeindliche Unabhängigkeitspartei Ukip sieben Mandate für das Regionalparlament in Cardiff erringen. Ukip wurde damit aus dem Stand zur viertstärksten Partei im Westen der Insel. Auch bei den Lokalwahlen in England, die gleichzeitig stattfanden, legte Ukip zu.

Überraschungen aus Schottland

Die beiden Überraschungen des Wahltages kommen allerdings aus Schottland. Erstens konnte die Schottische Nationalpartei von Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon wider Erwarten ihre absolute Mehrheit nicht verteidigen. Sturgeon muss jetzt eine Minderheitsregierung bilden. Das wird auch der Debatte um ein neues Unabhängigkeitsreferendum im Norden einen Dämpfer geben.

Zweitens wurde Labour in Schottland von den Konservativen auf den dritten Platz verdrängt. Das ist nicht nur eine kleine Katastrophe für den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, der zugleich mit ansehen musste, wie seine Partei in England nicht über das Ergebnis der vorigen Lokalwahl hinauskam. Zwar liegt Labour landesweit gerechnet leicht vor den Tories, um etwa einen Prozentpunkt. Den Druck wird Corbyn damit aber nicht los, seiner Partei endlich den ersehnten Kraftschub zu verpassen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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46Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Kubod 08.05.2016 01:17
    Highlight In Sachen Islam seid Ihr und viele Kommentatoren manchmal so richtig naiv: Es klappt einfach nicht, sich die Realität schönzureden. Der neue Bürgermeister ist laut einem einflussreichen Imam kein Moslem mehr, da er sich zu sehr von der reinen Lehre inklusive Sharia entfernt hat. Khans Beispiel zeigt, dass man es schaffen kann, wenn man bereit ist, Religion und Staat zu trennen. Leider kann das die Mehrheit der Moslems in London nicht, wenn man den Umfragen Glauben schenken kann.
    Das schönzureden ist unterdessen hier im Forum Standard geworden.
    Leider hilft das niemandem.
    9 5 Melden
    • Citation Needed 10.05.2016 13:30
      Highlight Es gibt hier ja z.B. das Forum für einen fortschrittlichen Islam. Das sind Muslime, die ihren Glauben auf eine Art praktizieren wollen, die mit dem 21. JH kompatibel ist.
      Die nennen sich Muslime, rückständigere Imame hingegen würden sagen, die seien keine.
      Viele, die sich heute Christen nennen, wären von der Inquisition als Häretiker verbrannt worden..
      Wer hat Recht? Die Extremisten?
      Kein Wunder wird der Islam verteufelt, wenn sogar Aussenstehende Gemässigte als Nicht-Muslime betrachten.
      2 0 Melden
  • Ignorans 07.05.2016 21:54
    Highlight Eher optimistisch... Obama konnte den US-Minderheiten auch nicht gross in politische Ämter verhelfen.
    2 2 Melden
  • bangawow 07.05.2016 21:07
    Highlight Man stelle sich jetzt den Stress der Menschenhasser vor: Angst vor einem muslimischen Bürgermeister, Kommentare schreiben und immerzu den Scheitel kämmen. Die haben wohl bald Islam-Burnout.

    PS: Schön, dass er es, aus diesen Verhältnissen heraus, zum Bürgermeister geschafft hat.
    16 11 Melden
    • Citation Needed 10.05.2016 13:32
      Highlight Tja, Menschenhass war auch schon einfacher!
      😜
      0 1 Melden
  • AskLee 07.05.2016 19:57
    Highlight Irgendwas wird er richtig gemacht und sich vorher des Amtes würdig gezeigt haben. Menschen schaffen Vertrauen, nicht Religionen. In dem Fall der neue Bürgermeister von London. Hut ab Mr Sadiq.
    18 5 Melden
  • Spooky 07.05.2016 19:24
    Highlight "Ein Sieg über den Islamhass".

    So ist das also! Nicht gewusst! Und ich Esel habe immer gemeint, dass es umgekehrt sei: Dass die Muslime alle Ungläubigen derart hassen, dass es ihnen sogar per Koran erlaubt ist, sie zu töten und auszurotten.

    Aber okay, es stimmt schon: Die Opfer von Charlie Hebdo hassten die Muslime. Und die zufälligen Opfer in Brüssel hatten auch alle etwas gegen Muslime. Wie konnte ich auch so blöd sein, etwas anderes zu denken! Danke für die Aufklärung, Herr Scheuermann. Ich war total bescheuert.
    33 28 Melden
    • Spooky 07.05.2016 22:28
      Highlight @Wurst
      Das differenzierte Menschenbild des Islam haben die Opfer von Charlie Hebdo und die Opfer von Brüssel am eigenen Leib erfahren.

      Und die Mörder haben durch den heiligen Koran die Erlaubnis für ihre Massaker erhalten.

      Aber dir, Wurst, in deiner "einfachen und überschaubaren Welt" sind diese Opfer natürlich Wurst. Schon klar.
      6 15 Melden
    • Alle haben bessere Namen als ich. 08.05.2016 00:27
      Highlight Aber Wurst jetzt willst du mir sagen das nicht alle junkies kriminell sind? Habe ich was verpasst?
      5 4 Melden
    • AdiB 08.05.2016 12:09
      Highlight @spooky hahaha...was ust mit den tausenden von unschuldigen menschen die durch westliche drohnen getötet worden sind und man es nur als koleteralschaden bezeichnet.
      was ist mit koni in afrika der kinder entführt und misshandelt, ganze dörfer abbrent und das alles im namen der bibel und des kreuzes. was ist mit breyvik der über 70 jugendliche also kinder auf den gewiessen hat und das im namen der bibel?
      du siehst das es überall psychos hat. mich würde aber nicht wundern wenn das alles helden für dich sind.
      3 3 Melden
    • Spooky 08.05.2016 23:16
      Highlight @AdiB
      Du hast natürlich recht. Aber ich kann in einem Kommentar mit begrenztem Zeilenanschlag (oder wie heisst das?) nicht auf den Zustand und die Probleme unseres ganzen Planeten eingehen. Darum habe ich mich in meinem Kommentar auf das konzentriert, was in diesem Artikel erörtert wird.
      1 1 Melden
  • Elsie 07.05.2016 19:18
    Highlight Da kann ich Maxx nur zustimmen
    8 8 Melden
  • Maxx 07.05.2016 18:25
    Highlight Ein Sieg über den Islamhass: Nun ja, es ist halt nun mal so, liebe Watsons, dass es in letzter Zeit vor allem Probleme gab und mit dem Islam immer noch gibt. Nicht mit Juden und nicht mit Christen. Vor allem mit Muslimen. Auch wenn ihr das nicht wahrhaben wollt.
    34 22 Melden
    • Fabio74 07.05.2016 19:28
      Highlight Es gibt Probleme mit Extremisten die im Namen des Islams morden und brandschatzen.
      25 15 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 07.05.2016 19:50
      Highlight Im Islam liegt auch die Motivation für die Extremisten.
      13 13 Melden
    • Citation Needed 07.05.2016 21:44
      Highlight Tja Maxx, die Gefängnisse sind voller Männer, wieso wollt ihr nicht wahrhaben, dass Männer kriminell sind? Augenroll**
      Es ist zutreffend, dass sich Extremisten gern auf den Islam berufen, aber diese Beziehung lässt sich nicht einfach umkehren.
      Fremdenhass (oder Islamhass) ist m.E. eine massiv grössere Bedrohung für uns als das Fremde oder der Islam.. Nur checken das unsere rechten Wirrköpfe nicht.. Die denken, sie retten das (Abend-)Land, während sie's in Tat und Wahrheit von innen vergiften.
      14 6 Melden
  • Spooky 07.05.2016 18:11
    Highlight Darf man jetzt wieder lustige Cartoons vom Propheten zeichnen, ohne dass man gleich erschossen wird?
    25 12 Melden
    • AdiB 07.05.2016 19:50
      Highlight Das erste was dir hier einfällt ist, wie beleidige ich eine ganze Gruppe von Menschen.
      Schäm dich!
      13 15 Melden
  • NWO Schwanzus Longus 07.05.2016 17:42
    Highlight Muslimische Migranten wie Sadiq Khan sind doch eher grosse Ausnahmen. Aber gerade in den wenigen Ausnahmen kann man hinaufschauen. Schade, dass er wie fast alle Linkspolitiker in Europa Pro-EU ist, da ist Johnson ihm weit voraus.
    29 53 Melden
    • Fabio74 07.05.2016 19:00
      Highlight Du kennst natürlich sämtliche Muslime Europas um so einen Kommentar zu hinterlassen. Widerlich.
      25 16 Melden
    • phreko 07.05.2016 19:02
      Highlight Zusammenarbeit ist die Zukunft und nicht die Vergangenheit.
      15 8 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 07.05.2016 19:48
      Highlight Fabio, geh mal in muslimische Einwandererviertel in Westeuropa wie z.B Banlieus in Frankreich, oder gerade wo wir beim Thema sind ins East-End, deutsche Grossstädte usw. Dann weisst du, warum Muslime wie Sadiq Khan seltene Ausnahmen sind.
      11 14 Melden
    • Citation Needed 07.05.2016 21:32
      Highlight Terror, gerade Frankreich und England haben eine miese Einwanderungspolitik hingelegt und beklagen, wie Belgien auch, Parallelgesellschaften und andere soziale Brandherde. Wer nun den gemeinsamen Nenner Islam als Root of all Evil annimmt, fällt in die gleiche Falle wie jene, die behaupten, Grund für Vergewaltigung sei das Mann sein, also seien alle Männer... You catch my drift.. Oder bestreitest Du etwa, dass die Knaste voller Männer sind? Darum bitte nicht nur beim Geschlecht differenzieren, sondern auch bei der Religion. Die Ü98% friedlichen Männer, äh, Muslime gehören nicht in denselben Topf!
      11 4 Melden
    • phreko 07.05.2016 23:24
      Highlight Geh mal zu den einfachen Schweizern, dann findest du das rassistisch-religiös-nationalistische Ebenbild das du beschreibst. Ein Ghetto das sich abschottet und sich nicht anpassen will. Hab eben heute wieder "white pride"shirts an der BEA gesehen. Waren wohl kaum asoziale Muslime...
      7 3 Melden
  • Der Rückbauer 07.05.2016 17:22
    Highlight Der Bürgermeister von London ist nur der Hampelmann oder eben das Feigenblatt des "Lord Mayor of London", welcher die Square Mile, die "City of London", beherrscht. Weshalb hat London immer solche Pausenclowns als Bürgermeister? Weil die nichts zu sagen haben. Die Square Mile bestimmt in London, was läuft. Nicht der Bürgermeister. Ein muslimischer Bürgermeister ist Aushängeschild für ein offenes, soziales London, aber auch nicht mehr. Die Macht liegt bei der "Square Mile". Und die ist alles andere als muslimisch. Die ist neokapitalistisch christlich. "Domine, dirige nos", Herr, leite uns.
    21 23 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 07.05.2016 17:49
      Highlight Stimmt auch wieder was du sagst.
      11 3 Melden
    • Kian 07.05.2016 20:05
      Highlight Na, wenn es so ist, bin ich dafür, dass nur noch weisse 60+ alte Männer Bürgermeister von London werden. Ist doch alles egal. Wer braucht schon Frauen, Junge oder Vertreter irgendwelcher Minoritäten?
      13 8 Melden

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