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Allein die Liste der 250 Zeugen nimmt sich aus wie das Who is Who der Hauptstadt, es sind Minister darunter, Staatssekretäre, Präfekten, Stadträte, Richter und Unternehmer.
Bild: EPA/ANSA

Riesenprozess gegen die «Mafia Capitale» in Rom: «Die Stadträte müssen unseren Befehlen folgen»

In Italien hat ein riesiger Prozess gegen die Hauptstadtmafia begonnen: 250 Zeugen sollen gehört werden, 46 Angeklagte stehen vor Gericht. Im Mittelpunkt steht Massimo «der Schwarze» Carminati, selbsternannter König von Rom.

05.11.15, 21:04

Annette Langer

Ein Artikel von

«Die Stadträte müssen unseren Befehlen folgen», massregelt ein Mann seinen Gesprächspartner in breitem römischen Dialekt. «Wieso sollte ich also deinen Befehlen folgen? Ich bezahle dich, leck mich am Arsch!» Womit die Verhältnisse geklärt wären.

Es spricht Massimo Carminati, Chef der berüchtigten «Mafia Capitale», Hauptangeklagter in einem Prozess, der nun in Italien begonnen hat. Die Carabinieri haben das Telefonat aufgezeichnet, es ist eine von Tausenden Aufnahmen, die als Beweismittel vorliegen und von italienischen Medien publiziert wurden.

Das Verfahren gilt schon jetzt als «die Mutter aller Prozesse»: Der römischen Hauptstadtmafia soll das Handwerk gelegt werden. 46 Angeklagte stehen vor Gericht, sie müssen sich wegen Bildung einer mafiösen Vereinigung, Korruption, Wucher, irregulärer Auftragsvergabe oder Erpressung verantworten.

Dokumente zum Prozess in Rom.
Bild: EPA/ANSA

Allein die Liste der 250 Zeugen nimmt sich aus wie das Who is Who der Hauptstadt, es sind Minister darunter, Staatssekretäre, Präfekten, Stadträte, Richter und Unternehmer.

136 Verhandlungstage, drei bis vier Sitzungen pro Woche hat die Vorsitzende Richterin Rosanna Ianniello angesetzt - eine ehrgeizige Agenda, die schon vor Beginn des Prozesses von den Verteidigern boykottiert wurde. Sie kündigten an, ab kommende Woche mehrere Tage zu streiken. Verzögerungstaktik ist also angesagt, bei den in der Regel ohnehin grotesk langen Prozessen in Italien kein gutes Zeichen.

Die «Geschäftsfelder», in denen die «Mafia Capitale» und ihre Helfer in Politik und Verwaltung tätig waren, sind klassisch korruptionsanfällige Bereiche wie Müllentsorgung, Strassenbau und öffentliche Ausschreibungen. So wurde ausgerechnet der Auftrag für die Restaurierung des römischen Gemeinderatssaals auf dem Kapitol an ein mit der Mafia assoziiertes Unternehmen vergeben - es sollen jede Menge Schmiergelder geflossen sein.

Fette Gewinne mit Flüchtlingen und Alten

Doch auch neuere Marktsegmente sind für die Mafia interessant: Altenheime und Flüchtlingsunterkünfte etwa. «Hast du eine Ahnung, was man mit Migranten verdienen kann, na?», fragte der ebenfalls angeklagte Salvatore Buzzi einen Bekannten. «Der Drogenhandel bringt weniger», so die Antwort.

«Das Gesetz ist für alle gleich»: Prozessraum in Rom.
Bild: EPA/ANSA

Dazu könnte eventuell auch Luca Odevaine etwas sagen. Das Ex-Mitglied der nationalen Koordinationsgruppe für Asylsuchende war bereits elf Monate in Haft und steht jetzt unter Hausarrest. Er muss sich wegen schwerer Korruption im Zusammenhang mit dem sizilianischen Flüchtlingszentrum Cara di Mineo verantworten. Die «Mafia Capitale» soll über Firmen Auffangzentren in mehreren Regionen Italiens betrieben haben, auch das europaweit grösste in Mineo.

Odevaine sagte zu Journalisten: «Ich stehe zu meiner Verantwortung, was Geldzahlungen betrifft und arbeite mit dem Gericht zusammen. Ich habe Fehler gemacht.» Aber er habe nichts mit Carminati zu tun, und es gebe in Rom auch kein mafiöses System, das die Stadt verwalte. «In Rom lässt man die Dinge schleifen.»

Leugnen, Verschleppen, Verzögern

Schon bevor der Prozess richtig begonnen hat, scheinen also die üblichen Reflexe zu greifen: Leugnen, Verschleppen, Verzögern. Wer sind die Protagonisten in dem «Maxi-Prozess»?

Massimo Carminati, 57, ehemaliges Mitglied der neofaschistischen Terrorgruppe Nuclei Armati Rivoluzionari (Nar). Carminati nennt sich selbst den «König von Rom» und war schon Mitglied der berüchtigten römischen «Banda della Magliana», der alten, seit Ende der Siebzigerjahre in Rom agierenden Mafia.

Verhaftung von Massimo Carminati.
Bild: AP/Italian Carabinieri

Bei einer Schiesserei mit der Polizei verlor er Anfang der Achtzigerjahre ein Auge, weshalb er auch «Einauge», zumeist aber nur «Il Nero» genannt wird: «Der Schwarze». Carminati beherrscht den Mitschnitten der Polizei zufolge die Mafia-Klaviatur perfekt. Er kann schmeicheln, drohen und eiskalt seine Pläne durchziehen. Sein Mitarbeiter und «Inkassobeauftragter» Matteo Calvio, genannt «Daumenbrecher», sagte über ihn: «Massimo hat mich gefressen und wieder ausgekackt.» Carminati sitzt in einem Gefängnis in Parma und wird dem Prozess per Video zugeschaltet.

Salvatore Buzzi, knapp 60, Unternehmer und die rechte Hand Carminatis. Buzzi ist Vorsitzender der Kooperative «29. Juni», einer Struktur, die das korrupte System der «Mafia Capitale» am Laufen hielt. Buzzi bezeichnete monatliche Zahlungen von 5000 Euro Bestechungsgeld an Beamte als Peanuts: «5000 Euro? Das kommt alles wieder rein», zitierten ihn italienische Zeitungen. «Im letzten Jahr haben wir 40 Millionen Umsatz gemacht.»

«Mafia Capitale»

Buzzi wurde bereits 1983 zu 30 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt, in Haft machte er einen Abschluss in Literaturwissenschaften, später wurde er begnadigt. Sein Anwalt will sich in dem jetzt beginnenden Verfahren auf einen gerichtlichen Vergleich unter Auslassung des Anklagepunkts Mafiazugehörigkeit einigen - auf ein Strafmass von drei Jahren und neun Monaten. Buzzi wird ebenfalls per Video dem Prozess zugeschaltet.

Riccardo Brugia, 56, sitzt unter verschärften Sicherheitsbedingungen in Haft. Er ist ebenfalls ein Ex-Nar-Mitglied und gilt innerhalb der Hauptstadtmafia als Waffenverwalter und Organisator. Es sei Brugia, so die Staatsanwaltschaft, der die Aktivitäten koordiniere und Investitionsmöglichkeiten auslote. Er soll ausserdem Verbindungen zu anderen kriminellen Gruppierungen pflegen - und natürlich zu Politik und Stadtverwaltung. Brugia muss sich wegen Mafiazugehörigkeit verantworten. Sein Anwalt Giosuè Naso hat eine Aussage angekündigt.

Mächtig geworden ist die «Mafia Capitale» zwischen 2008 und 2013, während der Amtszeit des postfaschistischen römischen Bürgermeisters Gianni Alemanno, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Korruption und illegalen Finanzierungen Anklage erhoben hat. Zwar geht die nationale Antimafiabehörde DIA davon aus, dass die «Mafia Capitale» keine Koalitionen mit den grossen Mafiagruppierungen aus Süditalien pflegt. Ein Gericht, das in Rom über die vorzeitige Haftentlassung zweier Mittelsmänner entscheiden musste, sah das aber anders. «Der Clan von Massimo Carminati betreibt seit Jahren Geschäfte mit dem 'Ndrangheta-Clan Mancuso aus Limbadi», zitiert die Zeitung «Fatto Quotidiano» die Richter.

In Rom agieren Experten zufolge Dutzende Mafia-Clans verschiedener Herkunft. Ndrangheta, Camorra Cosa Nostra, aber auch rumänische, albanische oder russische Gruppierungen teilen sich den Markt. Konflikte kommen vor, aber es wird auch zusammengearbeitet, wo es profitabel ist.

Macht und Geld - nur daran orientiert sich das kriminelle Gebaren der Mafia. Auch das lehrt der Prozess gegen die «Mafia Capitale» schon jetzt: Das Verfahren steht nicht exemplarisch für die Korruption der Rechten. Politische Leitlinien spielten keine Rolle: Auch Mitglieder anderer Parteien, linke Unternehmer und liberale Stadträte waren involviert.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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