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Verbote, Anzeigen und Hasskampagnen: Wie die Türkei internationale Pressevertreter in Angst versetzt

Die Türkei setzt internationale Pressevertreter unter Druck, mit Einreiseverboten, Anzeigen und Hasskampagnen im Internet. Die Reporter spüren jetzt die Angst, die ihre einheimischen Kollegen schon lange kennen.

26.04.16, 18:40 27.04.16, 08:07

Hasnain Kazim

Ein Artikel von

Eigentlich wollte sie jetzt mit ihrem Verlobten für zwei Wochen in die USA reisen, ein Roadtrip entlang der Ostküste war geplant. In letzter Sekunde hat sie den Urlaub abgeblasen. «Wir bleiben in der Türkei und verlassen auf keinen Fall das Land», sagt die Journalistin. Sie lebt in Istanbul und schreibt für mehrere britische und US-Zeitungen. «Ich befürchte, dass die türkischen Grenzbeamten mich nicht wieder reinlassen.»

Solidaritätskundgebung für die Zeitung «Zaman» im März in Istanbul.
Bild: Emrah Gurel/AP/KEYSTONE

Mehrere ausländische Journalisten wurden in den vergangenen Tagen am Atatürk-Flughafen aufgegriffen und zurück in ihre Heimatländer geschickt, darunter selbst einige, die gar nicht in der Türkei bleiben, sondern Istanbul nur als Transit nutzen wollten.

Warnung vor «schwarzer Liste»

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnt die Regierung in Ankara, «schwarze Listen» mit Namen unerwünschter Berichterstatter anzulegen.«Listen mit Journalistennamen haben in Demokratien nichts zu suchen», sagte er der «Bild»-Zeitung.

«Mit dieser Einschüchterungstaktik schlägt die türkische Regierung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe», sagt ein deutscher Korrespondent mit Sitz in Istanbul. Er möchte wie alle anderen Gesprächspartner lieber nicht namentlich genannt werden.

«Einerseits behindert sie die Arbeit der anreisenden Kollegen, die aus türkischer Sicht zu kritisch ist. Und andererseits setzt sie damit uns dauerhaft hier lebenden Journalisten unter Druck. Wann immer wir nun die Türkei verlassen, müssen wir damit rechnen, dass uns die Rückkehr verweigert wird. Dabei leben wir hier, viele mit Familien.»

Ein weiteres Bild von den Protesten im März. Bild: Emrah Gurel/AP/KEYSTONE

«Die Angst, die unsere türkischen Kollegen seit Jahren verspüren»

Eine britische Reporterin, die auch in Istanbul wohnt, sagt: «Jedes Mal, wenn ich aus dem Ausland am Atatürk-Flughafen in Istanbul ankomme, habe ich Schweissperlen auf der Stirn und Herzklopfen aus Angst, dass man mich in die Abschiebezelle sperrt und wieder zurückschickt. So schlimm habe ich es noch nicht erlebt, und ich lebe schon seit vielen Jahren hier.»

Nichts geht mehr: Flughafen Atatürk in Istanbul.
Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Eine wirklich freie, kritische Berichterstattung sei in dieser Atmosphäre der Angst nicht mehr möglich, sagt ein Kollege: «Jetzt lernen wir ausländischen Korrespondenten die Angst kennen, die unsere türkischen Kollegen schon seit Jahren verspüren, weil sie bei jedem kritischen Artikel mit Jobverlust oder Gefängnis rechnen müssen.»

Viele Themen sind tabu, besonders Erdogan selber

Tabuthemen sind die Gewalt an den Armeniern vor einem Jahrhundert, die man nicht Völkermord oder Genozid nennen darf und die man, ginge es nach der türkischen Regierung, am besten gar nicht thematisieren sollte.

Ebenso sind Berichte über den Krieg gegen die Kurden im Südosten des Landes unerwünscht. Die Regierung nennt ihr Vorgehen einen «Kampf gegen Terroristen» und meint damit die kurdische Arbeiterpartei PKK, die die Türkei zuletzt erneut mit Anschlägen überzogen hat. Tatsächlich bekämpfen die Sicherheitskräfte aber auch die kurdische Zivilbevölkerung. Ankara versucht zu verhindern, dass Journalisten überhaupt in diese Gebiete reisen, aus «Sicherheitsgründen», wie es offiziell heisst.

Türkei verhaftet Journalisten

Faktisch verboten sind auch kritische Artikel über Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. So wurde ein Nachrichtenportal gesperrt, das über Korruptionsvorwürfe gegen Erdogans Sohn Bilal geschrieben hatte – mit der Begründung, das verletze die «Ehre des Sohns des Staatspräsidenten».

Erdogan: Widerspruch unerwünscht.
Bild: AP/Pool Presidential Press Service

Werden die türkischen Drohungen erfolgreich sein?

Auch der in internationalen Medien geäusserte Verdacht, die Türkei liefere Waffen an Islamisten in Syrien, ist tabu. Weil die Journalisten Can Dündar und Erdem Gül von der regierungskritischen Zeitung «Cumhuriyet» darüber berichtet hatten, wird ihnen derzeit der Prozess gemacht unter anderem wegen «Spionage» und «Unterstützung einer terroristischen Organisation».

Sie seien «Spione», «Provokateure», «Terroristenhelfer», «von einer fremden Macht gesteuert» – das sind Vorwürfe, die kritische Journalisten, inzwischen auch die ausländischen, zu hören bekommen, von staatlicher Seite, aber auch von regierungsnahen Medien und Regierungsanhängern im Internet. Nach jedem Artikel, nach jeder Sendung bricht eine Welle der Drohungen und Beschimpfungen über Journalisten herein. Auch mehrere westliche Medien sind schon zum Ziel solcher Kampagnen geworden.

Die amerikanische Journalistin, die auf ihren Urlaub an der US-Ostküste verzichtet, sagt, sie habe die Türkei seit Jahresanfang schon nicht mehr verlassen. «Dabei bin ich auch für einige andere Länder zuständig und müsste unbedingt ausserhalb der Türkei reisen.» Mit ihrer aggressiven Haltung gegenüber Journalisten werde die Türkei auf lange Sicht sogar erfolgreich sein, glaubt sie. «Irgendwann verweigern sie mir die Erneuerung meines Presseausweises, und spätestens dann muss ich sowieso wegziehen.»

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • NWO Schwanzus Longus 26.04.2016 20:13
    Highlight Die Türkei ist in einer Falle wo sie nicht mehr wieder Rauskommt. Das Ende des Staates in diesen Grenzen wird bald kommen, das Land wird geteilt werden.
    23 4 Melden
    • strieler 26.04.2016 20:19
      Highlight In welche teile denn?
      11 1 Melden
    • Kibar Feyzo 26.04.2016 21:38
      Highlight Feuchte Träume
      7 3 Melden
  • Vespa 26.04.2016 20:13
    Highlight Jetzt zeigt er sein wahres Gesicht. Ich hoffe, dass Europa den Mut hat, nicht mehr mit diesem Despoten zu verhandeln und Geschäfte zu treiben.
    47 1 Melden
  • manolo 26.04.2016 20:08
    Highlight So wie sie es mit den Armenier gemacht haben, so macht es Erdogan nun mit den Kurden, und die Welt schaut zu!
    44 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.04.2016 19:58
    Highlight Der Mann ist krank und gehört dringend in Behandlung.
    54 0 Melden
  • StealthPanda 26.04.2016 19:45
    Highlight Das EDA+EU soll die Türkei auf die schwarze Liste setzten mit dem vermerk " Nicht empfohlen aufgrund hoher Terror gefahr" Das würde einerseits Erdogan beschwichtigen da man ihn ernst nimmt, und gleichzeitig wird aufgrund fehlender Tourismus einkommen ein riesenloch in die Staatskasse gerissen. Gleichzeitig und das ist der Geniestreich wird er bloss gestellt als einer der die Sicherheitspolitik nicht im Griff hat. Danach warten bis das Militär den sold nicht mehr entrichten kann und an dieser stelle wird geputscht durch die eigene Armee.
    31 2 Melden
    • barmi 26.04.2016 22:20
      Highlight ... Und dann hat die Türkei nebst allen anderen Problemen auch noch Machtkämpfe und versinkt im totalen Chaos. Bürgerkrieg vorprogrammiert.

      Naja Putin würde es wohl freuen ;)
      5 1 Melden
    • Thinkerer 27.04.2016 01:15
      Highlight Genau. Einen Bürgerkrieg in der Türkei können wir unmöglich wollen!
      1 0 Melden
    • StealthPanda 27.04.2016 09:54
      Highlight Das muss nicht sein. Wenn Geheimdienste und die EU Staaten gut kooperieren währe es gut möglich eine Demokratische Marionette zu Installieren. Schlussendlich hat der zerfall der Türkei schon begonnen wir würden nur ein bisschen nachhelfen. Weiss nicht ob jemand Arma 3 kennt( PC Spiel) dort gibt es das recht realistische Szenario dass die Türkei durch innere unruhe und Naturkatastrophen geschwächt wird. Der Iran nutzt dies um eine Marionette zu Installieren und besetzt Griechenland. Das Mittelmeer und damit der zugang zur EU sind gesichert...es kommt zum Konflikt mit der NATO...
      0 1 Melden
  • Pius C. Bünzli 26.04.2016 19:18
    Highlight Stellt euch mal die Situation für die Medien in der Türkei vor...
    40 0 Melden
  • Fritzeli 26.04.2016 19:04
    Highlight Diese Haltung von Erdogan gleicht einem verwöhnten 12 jährigen Buben, der kritik nicht akzeptieren kann.
    51 2 Melden
  • Petrum 26.04.2016 19:04
    Highlight Die sollten sich mal treffen :)
    59 1 Melden
  • Scaros_2 26.04.2016 19:03
    Highlight Viel schlimmer als das was Erdogan in seinem Wahn tut finde ich wie die Internationale Gemeinschaft reagiert. Diese ZURÜCKHALTUNG ist doch noch schlimmer. Samthandschuhe, Sätze à là "Das hat in der Demokratie nichts zu suchen" - Sry aber WEN JUCKT das in der Türkei was so ein Politiker in Europa poltert. Hier muss doch konsequenter Druck aufgebaut werden. Hier wird die Mediale Kraft komplett zerstört. Ich meine wenn die Russen bischen in der Ukraine mitspielen hagelt es im Liveticker Sachen aber hier? Was tut die Gemeinschaft gegen Erdogan? Man lässt ihn förmlich gewähren und wir schauen zu.
    58 2 Melden
    • Pius C. Bünzli 26.04.2016 19:21
      Highlight Länder mit Druckmitteln à la Türkei (Flüchtline) oder USA (Finanzielle Abhängigkeit) werden leider niemals für ihre Verbrechen sanktioniert werden...isso
      24 4 Melden
    • Dä Brändon 26.04.2016 20:12
      Highlight Die EU und USA schützen jeden Diktator und Massenmörder solange der etwas gegen Russland hat. Das Ziel sind die Rohstoffe Russlands, nicht "Menschenrechte"
      10 17 Melden

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