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Auf Gleis 8 fährt ein: Die Hoffnung

Bild: X02784

Hunderte Flüchtlinge, viele von ihnen Syrer, reisen momentan mit Zügen aus Budapest nach Deutschland. Der Ostbahnhof der ungarischen Hauptstadt ist für die Menschen das letzte Nadelöhr auf dem Weg in ein besseres Leben. Sie sind am Ende ihrer Kraft.

01.09.15, 08:43 01.09.15, 09:57

Stephan Orth, budapest / Spiegel online 

Ein Artikel von

Auf Gleis 8 stehen die Waggons bereit für den EuroNight 462 nach München, doch der Zugang zum Bahnsteig wird von gut 20 Polizisten mit Schlagstöcken und roten Kappen bewacht.

Eine Durchsage auf Arabisch verlangt von den mehreren hundert Wartenden, sich nicht mit der Staatsgewalt anzulegen und Ruhe zu bewahren.

«Die werden wieder nicht in den Zug gelassen», stöhnt Zsuzsanna Zsohar, 36, schwarzes T-Shirt, lilafarbener Rock, sie ist Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Migration Aid. Vor dem Gleis geht nichts voran. «Das wird heftig», sagt Zsohar, sie ist schon seit Wochen ständig hier und hat erlebt, wie der Bahnhof täglich mehr und mehr in den Ausnahmezustand geriet. «Let them pass», lasst sie vorbei, murmelt sie vor sich hin.

Auf dünnen Matten, löchrigen Matratzen und manchmal nur Kartonstücken hocken und liegen Menschen, nur einige haben Zelte.

20 Minuten Verspätung hat der Zug laut der riesigen Anzeigetafel bereits. «Györ – Hegyeshalom – Wien – Salzburg – MÜNCHEN HBF», steht dort in weissen Leuchtbuchstaben, mit dem Zielort in Versalien, als wäre sein Name allein nicht schon Verheissung genug.

Warum verschwanden die Polizisten so plötzlich?

Am Montagmorgen waren die Polizisten plötzlich weg. Die Polizisten, die seit zehn Tagen keinen Syrer, Iraker, Afghanen oder Eriträer in Züge Richtung Salzburg und München gelassen hatten.

Bild: BERNADETT SZABO/REUTERS

Über die Gründe ihres Verschwindens gibt es verschiedene Mutmassungen, vielleicht wurde es einfach zu voll am Kopfbahnhof Budapest-Keleti. Der Prachtbau im Neorenaissance-Stil, 130 Jahre alt und laut Reiseführer einer der «grössten und schönsten Bahnhöfe seiner Zeit», hatte sich in diesen zehn Tagen zu einem der neuralgischen Punkte der europäischen Flüchtlingskrise entwickelt, einem Ort wie Kos oder Calais, einer Station, in der viele feststecken und nicht mehr weiterkommen.

Dabei ist Ungarn ein Land, das Flüchtlinge am liebsten schnell hinter sich lassen würden. Die rechtskonservative Regierung unter Viktor Orbán setzt auf Härte und hat gerade in Windeseile einen 175 Kilometer langen Zaun aus Nato-Draht an der Grenze zu Serbien hochgezogen. Schon bald will sie Notstandsgesetze erlassen, die ein noch massiveres Vorgehen gegen Flüchtlinge erlauben. Im Jahr 2014 wurden in Ungarn gerade mal neun Prozent der Asylbewerber anerkannt, während es in Deutschland 42 Prozent waren und in Schweden 77 Prozent.

Die Menschen schlafen auf einem Stück Karton

Am Bahnsteig tut sich nichts, deshalb hat Zsohar Zeit für eine Führung durch die Unterwelt von Budapest-Keleti: die «Transit Zone», nur ein paar Treppenstufen von Gleis 9 entfernt. Im Tunnel zwischen Hauptbahnhof und den U-Bahn-Linien 2 und 4 ist ein behelfsmässiges Camp entstanden. Auf dünnen Matten, löchrigen Matratzen und manchmal nur Kartonstücken hocken und liegen Menschen, nur einige haben Zelte.

«Und seit einigen Tagen kommen immer mehr mit Verletzungen vom Nato-Draht an der Grenze zu Serbien.»

Noch immer sind es viele hundert, obwohl seit Montag endlich die Kleinlaster der Schlepper nicht mehr der einzige Weg von Budapest nach Österreich und Deutschland sind. Zsohar ruft die Facebook-Seite von Migration Aid auf, gerade haben fünf Syrer ein Bild aus Wien gepostet. «Die ersten sind angekommen», ruft sie und strahlt. Es gebe bereits Gerüchte, dass die Grenze nach Österreich nur für 48 Stunden geöffnet sein werde, von Montagfrüh an gerechnet. Gerüchte verbreiten sich leicht, der Flurfunk funktioniert gut in der Transit Zone.

Bild: EPA/MTI

Auf dem Boden liegen Tetrapaks, Zigarettenschachteln und Mandarinenschalen, es riecht nach Unrat und Schweiss. Ein paar afghanische Teenager kehren den Boden. «Die haben wir als Freiwillige rekrutiert», sagt Zsohar.

Eine Wasserversorgung aus fünf Hähnen

Vom ungarischen Staat dagegen könne man hier wenig Hilfe erwarten. Migration Aid begann vor zwei Monaten als Facebook-Gruppe, nun versucht die Organisation quasi alleine, das Chaos von Budapest-Keleti in Zaum zu halten. Eine Wasserversorgung mit fünf Hähnen haben die Freiwilligen installiert, ausserdem haben sie eine Station eingerichtet, wo sie Spendengüter verteilen. Direkt daneben, in einem leerstehenden Ladengeschäft, ist eine kleine Ambulanz, die Fenster sind notdürftig mit weissem Papier blickdicht verklebt.

Hier arbeitet Adri Schmid, 22, die eine Krankenschwesterausbildung macht und ihren Kellnerjob aufgab, um nur noch zu helfen. Was die häufigsten Beschwerden der Flüchtlinge sind? «Viele kämpfen mit Folgen der Dehydrierung oder sind einfach erschöpft von der langen Reise», berichtet sie. «Und seit einigen Tagen kommen immer mehr mit Verletzungen vom Nato-Draht an der Grenze zu Serbien.» So wie ein junger Mann aus Syrien, der neben dem Eingang sitzt und Pflaster auf offene Wunden am Schienbein und Ellenbogen bekommt. «Von dem Zaun?», fragt Schmid. Er nickt zur Antwort.

Bild: BERNADETT SZABO/REUTERS

«Wir hoffen auf eine Zukunft in Deutschland»

Viele Syrer stehen auch ein Stockwerk höher in der Warteschlange vor Gleis 9. Seit einigen Tagen haben sie so etwas wie eine Sonderstellung. Oder zumindest besonders grosse Hoffnung, tatsächlich in München oder Passau oder Rosenheim aufgenommen zu werden. Weil Deutschland verkündete, es bei Syrern nicht so genau mit der Dublin-Verordnung zu nehmen, also auch Menschen Asyl zu gewähren, die zuvor schon in einem anderen EU-Land registriert wurden.

«Wir hoffen auf eine Zukunft in Deutschland», sagen Mohammed und Abdullah aus Aleppo, 36 und 26 Jahre alt, beide tragen blaue Sportschuhe und Polohemden. Seit 21 Tagen sind sie unterwegs, an die Daten ihrer Odyssee auf der Balkanroute können sie sich genau erinnern: Start am 9. August um fünf Uhr morgens. Über die Grenze nach Libanon, nach Beirut, dann per Schiff in die Türkei nach Mersin, von dort nach Istanbul und per Boot auf die griechische Insel Lesbos.

«Ein Polizist hat mir gesagt, die müssen nur noch mehr Waggons herschaffen, dann kann der Zug nach München losfahren.»

«1200 US-Dollar hat die Überfahrt gekostet, obwohl sie nur eine Stunde und 20 Minuten dauert», sagt Abdullah. Auf einem Motorboot, «das für 30 Leute zugelassen war, aber wir waren mindestens 50». Dann fiel auch noch auf halber Strecke der Motor aus. «Zum Glück war jemand dabei, der sich mit Technik auskannte. Er hat das repariert. Als die Maschine wieder lief, haben wir laut gejubelt.»

Zeugnisse, Diplom, Uni-Dokumente – auf einem USB-Stick

Lesbos. Kavala im Norden der Ägäis. Thessaloniki. Dann Mazedonien, Serbien und schliesslich am Sonntagmorgen unter dem neuen Grenzzaun durch nach Ungarn.

Bild: BERNADETT SZABO/REUTERS

Mohammed hat als Mathematik-Dozent an der Uni von Aleppo gearbeitet und hofft darauf, in Deutschland weiter studieren zu können, um dann einen Job zu finden. Er holt einen weissen Philips-USB-Stick aus seiner Bauchtasche, 256 Megabyte, mit Klebeband umwickelt als notdürftigen Schutz vor Wasser. «Da sind alle meine Zeugnisse drauf, mein Diplom, meine Uni-Dokumente», sagt er.

Wer in Budapest ankommt, ist dem Ziel zumindest geographisch schon sehr nah. Von Budapest nach Salzburg sind es 450 Kilometer Luftlinie, nach München 561, keine acht Stunden dauert die Zugfahrt. Aleppo dagegen liegt 1950 Kilometer weg, Tikrit im Irak 2500, Kabul in Afghanistan 4300.

Zsohar hat gute Neuigkeiten: «Ein Polizist hat mir gesagt, die müssen nur noch mehr Waggons herschaffen, dann kann der Zug nach München losfahren», sagt sie. Und tatsächlich setzt sich bald die Menschenschlange vor dem Gleis in Bewegung, nur noch eine letzte Hürde trennt sie von Österreich und Deutschland, den Zielpunkten einer Reise, die wie eine Wette mit dem grösstmöglichen Einsatz ist: Geld und Leben.

Mohammed und Abdullah dürfen heute nicht mehr mit, zu viele standen vor ihnen, der Zug ist voll. Doch ihre Tickets sind vier Tage gültig. «Wir probieren es morgen wieder, der erste Zug geht um fünf», sagt Mohammed.

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 01.09.2015 09:46
    Highlight Die Massen, die gegenwärtig nach Europa strömen, kann man nicht mehr integrieren, zumal diese Leute meist kulturelle Wertvorstellungen haben, die den hiesigen Gesellschaftsnormen diametral entgegen gesetzt sind.
    Da laut "Refugee welcome"-Fraktion die halbe Welt vom Maghreb, Subsahara, Balkan, Kaukasus sowie dem nahen Osten bis nach Pakistan hier herkommen soll, handelt es sich um ein Reservoir von geschätzt 3-4 Milliarden Menschen, das bis Ende des Jahrhunderts auf 6-8 Milliarden ansteigen dürfte.
    16 13 Melden
    • zombie1969 01.09.2015 11:51
      Highlight 2)
      Die knappe Million, die man dieses Jahr an Migranten hat, ist nur die Overtüre für das, was bei diesem Bevölkerungswachstum auf Europa zukommt. Das werden hohe zweistellige Millionenzahlen binnen weniger Jahre sein und dafür hat man weder Wohnungen, noch Jobs, noch Geld.
      Man braucht kein Phantast zu sein, um zu sehen, wohin diese unkontrollierte Zuwanderung führt, wenn die Grenzen nicht umhehend dicht gemacht werden.
      15 10 Melden
    • Caprice 01.09.2015 12:21
      Highlight Woher nehmen Sie die Aussage "kann man nicht integrieren"?! Wissenschaftlich belegt? Haben Sie da schon Erfahrungen gemacht mit den Syrern, den Irakern, den Iranern? Ich will Flüchtlinge nicht klassifizieren, aber gerade die Menschen die momentan aus Syrien oder dem Irak kommen sind oft gebildete Leute der Mittelschicht, Sie fliehen vor dem Krieg und kämpfen um das nackte Überleben. Checken Sie mal YouTube wenn Sie bisher verpasst haben was dort abgeht. Und für die wollen Sie die Grenzen "dicht" machen? Was sind Sie für ein Mensch?
      8 7 Melden
    • Gelöschter Benutzer 01.09.2015 13:29
      Highlight Erfahrungen mit Irakern, Eritreern, u.a.? Ja.
      Sie leben nur daheim Teile ihrer Kultur aus, z.B. das Essen. Sie arbeiten als Arzt, Altenpfleger, Nothelfer, Taxi, etc. Sie sind froh, hier leben zu dürfen, haben nicht das Bedürfnis uns etwas aufzuzwingen, was wir nicht wollen. Fast alle gingen sofort heim, wenn es sicher wär.
      Eine eritreeische Kollegin z.B. hat hier Medizin studiert, um später daheim helfen zu können. Sie flüchtete als man ihr zum Baby auf dem Arm ein Maschinengewehr in die andere Hand zwang. Sobald es daheim sicher ist, wird sie heimreisen. Bis dahin heilt sie Schweizer.
      6 1 Melden
    • Hagl 01.09.2015 14:21
      Highlight @zombie1969 und was darfst du hier wohnen und die anderen nicht?
      3 2 Melden

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