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Balkanroute: Bis zu minus 3 Grad Celsius.

Schnee, minus 3 Grad: Es ist nicht nur politisch kälter geworden für die Flüchtlinge

Letzte Woche hat Slowenien entschieden, nur noch Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan durchreisen zu lassen. Das hat zu einer Kettenreaktion auf der Balkanroute geführt und setzt den Migranten zu. Auch das Wetter ist garstig geworden. Eine Übersicht.

26.11.15, 18:06 27.11.15, 12:07

Slowenien löste mit einer eher unscheinbaren Massnahme eine eigentliche Kettenreaktion aus: In der vergangenen Woche setzten slowenische Polizisten an der Grenze zu Kroatien 162 Marokkaner fest und verweigerten ihnen die Weiterreise nach Österreich. Begründung: Sie seien Wirtschaftsmigranten und hätten keine Chance auf Asyl in Europa, daher werde man sie wieder nach Kroatien abschieben. 

Sloweniens südlicher Nachbar Kroatien wie auch Serbien und Mazedonien, zusammen mit Griechenland die derzeitigen Transitländer der Balkanroute für Flüchtlinge, reagierten noch am selben Tag und liessen unter Berufung auf das slowenische Beispiel ihrerseits nur noch Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan weiterreisen. Das hat Folgen an den Grenzen. Eine Übersicht:

Griechenland

Lesbos, Griechenland, 25. November 2015: Flüchtlinge aus der Türkei

Bild: Santi Palacios/AP/KEYSTONE

Die Zahl der Flüchtlinge, die von der Türkei aus über das Mittelmeer nach Griechenland kommen, ist am Wochenende stark zurückgegangen. Am Sonntag zählte die Internationale Organisation für Migration (IOM) auf den griechischen Inseln lediglich 155 neue Flüchtlinge – am Tag zuvor waren es noch knapp 3000 Menschen gewesen. Seit Anfang November seien rund 100'000 Flüchtlinge nach Griechenland gelangt, durchschnittlich also 4500 Menschen.

Zahlen des UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zeigen ebenfalls den Einbruch am Sonntag. Bereits am Dienstag, 24. November ist die Zahl der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge aber bereits wieder auf über 3000 gestiegen.

Anzahl Grenzübertritte nach Griechenland am 24. Nov.: 3380

Statistik vom 24. November: 3380 Flüchtlinge kamen an diesem Tag in Griechenland an (Linie unten: Verlauf seit Oktober)
Quelle: UNHCR

Idomeni, Griechenland, 25. November 2015: Grenze zu Mazedonien

Hungerstreik eines abgewiesenen Flüchtlings in Idomeni.
Bild: YANNIS BEHRAKIS/REUTERS

Mazedonien

Gevgelija, Mazedonien, 26. November 2015

Bild: STOYAN NENOV/REUTERS

Die Stimmung an der griechisch-mazedonischen Grenze ist angespannt. Mazedonien lässt seit der vergangenen Woche nur mehr Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan ins Land. Andere Asylsuchende werden an der Grenze pauschal abgewiesen.

Auf der griechischen Seite der Grenze in Idomeni bildete sich bereits ein Rückstau. Die Gestrandeten würden zum Grossteil im Freien schlafen, berichteten Aktivisten auf der Facebook-Seite «Forgotten in Idomeni». Die Menschen seien zunehmend winterlichen Wetterverhältnissen ausgesetzt. Am Donnerstag versuchten Hunderte, den Grenzzaun niederzureissen und die Grenze zu überqueren.

Etwa 200 Menschen, darunter viele aus dem Iran, Bangladesch und Pakistan, sind deswegen in einen Hungerstreik getreten und blockieren eine Eisenbahnstrecke.

Mazedoniens Regierung hat ihrerseits den Grenzübergang zu Griechenland bei Gevgelija mit einem Stacheldrahtzaun abgesperrt. Das Auffanglager auf der griechischen Seite der Grenze ist nach Angaben der IOM überfüllt.

Anzahl Grenzübertritte nach Mazedonien am 24. Nov.: 2347

Die blaue Linie unten zeigt: Die Zahl der Grenzübertritte ist in den letzten Tagen deutlich gesunken. 
Quelle: UNHCR

Viele Flüchtlinge suchen inzwischen offenbar nach Alternativrouten: Im Süden Bulgariens beispielsweise griff die Polizei in den letzten Tagen vermehrt Gruppen von Flüchtlingen mit Schleppern auf. Mitarbeiter des UNHCR und der IOM warnen davor, dass Flüchtlinge künftig schwierigere und gefährlichere Routen über Bulgarien oder Albanien nehmen könnten.

Tabanovce, Mazedonien, 20. November 2015: Grenze zu Serbien

Bild: Boris Grdanoski/AP/KEYSTONE

Serbien

Presevo, Serbien, 22. November 2015

Bild: Djordje Savic/EPA/KEYSTONE

Serbien lässt derzeit ebenfalls nur noch Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan weiterreisen. UNHCR und IOM kritisieren diesen Kurs scharf. Mit der Entscheidung werde das Recht von Flüchtlingen auf individuelle Prüfung von Asylgesuchen missachtet.

Anzahl Grenzübertritte nach Serbien am 24. Nov.: 2335

Die blaue Linie unten zeigt: Die Zahl der Grenzübertritte ist in den letzten Tagen deutlich zurückgegangen.
Quelle: UNHCR

Sid, Serbien, 6. November 2015: Grenze zu Kroatien

Bild: Manu Brabo/AP/KEYSTONE

Kroatien

Flüchtlingslager Slavonski Brod, Kroatien, 3. November 2015

Bild: ANTONIO BRONIC/REUTERS

Auch Kroatien hält das Transitverbot für Flüchtlinge, die nicht aus Syrien, Irak und Afghanistan stammen, aufrecht. Den Flüchtlingen macht zudem die Kälte zu schaffen. Am Sonntag hat es in Kroatien zum ersten Mal in diesem Winter geschneit.

Anzahl Grenzübertritte nach Kroatien am 24. Nov.: 4203

Die blaue Linie unten zeigt: Der Flüchtlingsstrom nach Kroatien ist in den letzten Tagen zurückgegangen.
Quelle: UNHCR

Harmica, Kroatien, 12. November: Grenze zu Slowenien

Bild: ANTONIO BRONIC/REUTERS

Slowenien

Dobova, Slowenien, 27. Oktober

Flüchtlinge werden nach der Ankunft aus Kroatien am Bahnhof in Dobova kontrolliert.
Bild: Darko Bandic/AP/KEYSTONE

Anzahl Grenzübertritte nach Kroatien am 24. Nov.: 6297

Die blaue Linie unten zeigt: Die Zahl der Grenzübertritte ist in den letzten Tagen angestiegen.
Quelle: UNHCR

Sentilj, Slowenien, 18. November 2015: Grenze zu Österreich

Bild: LEONHARD FOEGER/REUTERS

Österreich

Hanging, Österreich, 22. November 2015: Grenze zu Deutschland

Bild: EPA/DPA

Der Winter setzt den Flüchtlingen auch in Österreich zu. In Hanging an der Grenze zu Deutschland warten sie in einem Transitzelt geschützt vor dem Schneefall auf die Weiterreise. Ein neuer Standplatz soll Anfang Dezember drei Kilometer entfernt in der Gemeinde Nebelberg entstehen. Von dort aus sollen die Flüchtlinge dann mit Bussen direkt über die Grenze zur Registrierstelle nach Deutschland gebracht werden.

(meg)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • ferox77 09.12.2015 13:06
    Highlight Wenn nicht umgehend Recht, europäisches und UN-Recht, durchgesetzt wird, ist das alles erst der Anfang von schlimmen Zuständen, die weiterhin den Dünger für gefährliche politische Entwicklungen in Europa darstellen. Wenn Flüchtlinge sich weigern in einem demokratischen europäischen Staat sich registrieren zu lassen, Gewalt gegen Grenzbeamte oder Vertreter von Hilfsorganisationen anwenden, weil sie darauf bestehen, in ein bestimmtes Land zu wollen, obwohl sie nicht mehr in Lebensgefahr sind, haben sie ihr Recht auf Bearbeitung eines Asylantrages verwirkt.
    1 0 Melden
    • ferox77 09.12.2015 13:54
      Highlight 2)
      Es bleibt nicht nachvollziehbar, warum ein Gemeinwesen wie die EU nicht in der Lage ist wie die USA, Kanada, Australien, Neuserland, die innerhalb von 5 Tagen klären, wessen Antrag überhaupt prüfungsberechtigt ist, sofortige Rückführungen zu veranlassen.
      0 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.11.2015 22:58
    Highlight Wieso flüchten Marokkaner aus ihrem Heimatland? Die müssen sich nicht wundern, wenn sie als Wirtschaftsflüchtlinge wieder abgeschoben werden.
    3 1 Melden
  • M@ Di11on (亚光狄龙) 26.11.2015 21:45
    Highlight Es wäre fair wenn man den "Flüchtlingen" frühzeitig erklären würde, dass sie hier nicht mehr willkommen sind.
    15 5 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.11.2015 18:17
    Highlight ich seh die headlines schon: "Europa lässt Flüchtlingskinder erfrieren" - der Winter wird richtig übel x_x
    16 6 Melden

Immer wieder krass: Diese Luftaufnahmen zeigen, wie ein Flüchtlingsproblem wirklich aussieht 

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