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Ein Besuch an Ungarns hässlichem Grenzzaun

Bild: Getty Images Europe

Ungarn ist für viele Flüchtlinge eine wichtige Durchgangsstation auf dem Weg nach Westeuropa. Doch die Regierung baut jetzt einen Zaun an der Grenze zu Serbien. Das treibt die Preise der Schleuser in die Höhe.

Raniah Salloum, an der serbisch-ungarischen grenze



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wenn es dämmert in Subotica und Kanjiza, wird es in den kleinen nordserbischen Städten besonders lebendig. Kleine Gruppen bepackt mit Rucksäcken und Isomatten huschen durch die Dunkelheit. Ihr Ziel: die ungarische Grenze, die nur wenige Kilometer entfernt ist.

Täglich kommen zwischen 1000 und 1500 Menschen auf den griechischen Inseln an, die meisten derzeit aus Syrien, auch viele Iraker, Afghanen und Pakistaner. Fast alle wollen so schnell wie möglich weiter über den Balkan nach Westeuropa. Dort, so hoffen sie, haben sie die Chance auf einen Job, ein besseres Leben.

Flüchtlingskrise auf der griechischen Ferieninsel Kos

Ungarn ist nach Griechenland für viele das Tor zur Europäischen Union und gleichzeitig auch zur Schengenzone, wo man man ohne Grenzkontrollen reisen kann. Haben sie es also erst einmal nach Ungarn geschafft, sind sie fast am Ziel. Doch die Flüchtlinge müssen heimlich einreisen, es gibt für sie keinen legalen Weg. Deswegen möchte kaum einer von ihnen fotografiert oder namentlich genannt werden.

«Ich weiss nicht genau, wie ich nach Ungarn kommen werde»

Ein afghanischer Junge schläft in Jeans und buntem Hemd im Schilf vor einer verlassenen Ziegelei am Rande von Subotica. Er ist 14 und stammt aus Kabul. Die Ziegelei dient den ärmsten der Flüchtlinge und Arbeitsmigranten als Zwischenstation: Ein, zwei Tage ruhen sie sich hier aus von den Strapazen der Reise, bevor es nach Ungarn weitergehen soll.

SZEGED, HUNGARY - AUGUST 13:  Migrants who have just crossed the border from Serbia into Hungary wait for a bus organised by the police to take them to the nearby Roszke transit centre on August 13, 2015 near Szeged, Hungary. Hungarian Prime Minister Victor Orban has ordered Hungary's army to build a steel and barbed wire security barrier along its entire border with Serbia, after more than 100,000 asylum seekers from various countries entered the country so far this year. Although very few asylum seekers choose to stay in Hungary, preferring to move onto northern European countries, under EU law they can be returned to Hungary if they are later detained in another EU state.  (Photo by Matt Cardy/Getty Images)

Flüchtlinge, die es nach Ungarn geschafft haben. Aber was nun? Bild: Getty Images Europe

Viele von ihnen sind so arm, dass es selbst für die billigen Balkan-Züge nicht reicht. Der afghanische Junge hat sich vor einem Monat in der Türkei auf den Weg gemacht. Griechenland, Mazedonien und Serbien durchwanderte er grösstenteils zu Fuss. Manche meiden die serbischen Züge auch: Mehrere Flüchtlinge berichteten, dort von korrupten Polizisten erpresst und bestohlen worden zu sein.

SZEGED, HUNGARY - AUGUST 12:  A migrant family from Syria who have just crossed the border from Serbia into Hungary sit in the shade as they wait for a bus organised by the police to take to them to the nearby Roszke transit centre from the village of Asotthalom on August 12, 2015 near Szeged, Hungary. Hungarian Prime Minister Victor Orban has ordered Hungary's army to build a steel and barbed wire security barrier along its entire border with Serbia as more than 100,000 asylum seekers from a variety of countries and war zones have entered the country so far this year. Although very few asylum seekers choose to stay in Hungary, preferring to move on to northern European countries, under EU law they can be returned to Hungary if they are later detained in another EU state.  (Photo by Matt Cardy/Getty Images)

Blick in eine ungewisse Zukunft: Auch diese syrische Familie hat es über den Zaun nach Ungarn geschafft. Bild: Getty Images Europe

Die Einheimischen nennen das Gelände um die Fabrik «den Dschungel»: Das Schilf ist so hoch, dass man sich auf den Wegen dazwischen gut verstecken kann. Die Migranten wollen nicht auffallen, denn die Einreise nach Ungarn ist ja illegal. Zudem wollen sie sich vor einheimischen Banden verstecken, die die Flüchtlinge überfallen und bestehlen.

SZEGED, HUNGARY - AUGUST 12:  Clothes and rubbish left by migrants in a wood close to the border with Serbia and Hungary is seen near to the village of Asotthalom on August 12, 2015 near Szeged, Hungary. Hungarian Prime Minister Victor Orban has ordered HungaryÕs army to build a steel and barbed wire security barrier along its entire border with Serbia, after more than 100,000 asylum seekers from a variety of countries and war zones entered the country so far this year. 
Although very few asylum seekers choose to stay in Hungary, preferring to move onto northern European countries, under EU law they can be returned to Hungary if they are later detained in another EU state.  (Photo by Matt Cardy/Getty Images)

Überbleibsel einer langen Reise an der serbisch-ungarischen Grenze. Bild: Getty Images Europe

«Ich weiss nicht genau, wie ich nach Ungarn kommen werde», sagt der 14-Jährige. Er will am nächsten Abend in der Dunkelheit loslaufen und orientiert sich mit Google Map auf seinem Smartphone.

1500 Euro kostet die Reise von Belgrad nach Ungarn

Mit Smartphone-GPS bei Nacht durch die Büsche, so machen es derzeit viele. Am einfachsten wäre es, den Bahngleisen oder dem Fluss Tisza zu folgen, die von Serbien nach Ungarn führen. Aber dort läuft man mit grosser Wahrscheinlichkeit der ungarischen Polizei in die Hände. Nur wer in einer grossen Gruppe unterwegs ist, hat Chancen anzukommen - wenn er schneller läuft als die anderen.

In this photo taken Tuesday, Aug. 11, 2015, a Serbian border stone at the Serbian-Hungarian border in Hajdukovo, Serbia. Some 1,000 migrants per day tried to cross into Hungary from Serbia before Hungary announced plans for the razor-wire fence a few months ago. That number has shot up to 1,500.   (AP Photo/Darko Vojinovic)

Nur ein Stacheldrahtzaun trennt hier Serbien von Ungarn. Bild: Darko Vojinovic/AP/KEYSTONE

Die sicherste Option ist es, einen Schleuser zu bezahlen. Doch die verlangen immer mehr für die Reise. In Serbien wird erzählt, dass das Geschäft mit den Flüchtlingen so gut laufe, dass nun die grossen Mafia-Banden aus Montenegro einsteigen. 1500 Euro kostet es derzeit, sich von Belgrad über Ungarn nach Österreich schmuggeln zu lassen. Rund 100 Euro muss schon zahlen, wer sich per Auto von einer serbischen Grenzstadt aus fahren lässt. Doch oft fahren diese Autos gar nicht bis nach Ungarn, die Fahrer werfen ihre Passagiere noch vor der Grenze hinaus.

Ungarn verschärft die Vorkehrungen im Grenzgebiet

Die Schmugglerpreise auf dem Balkan steigen wegen der grossen Nachfrage der Flüchtlinge ständig. Gleichzeitig werden die Schleuser zunehmend zur einzigen Möglichkeit, unentdeckt nach Ungarn zu gelangen: Das Land baut seine Grenzkontrollen aus. Ungarn errichtet derzeit einen Zaun an seiner 175 Kilometer langen Grenze zu Serbien. Der ist noch kein ernstzunehmendes Hindernis, doch Ende August soll er stehen, den gesamten Grenzverlauf abdecken und dann nach und nach verstärkt werden. Ausserdem sollen zusätzliche Polizisten in der Grenzregion eingesetzt werden.

In this photo taken Tuesday, Aug. 11, 2015, migrants hide in a corn field meters away from the Serbian-Hungarian border in Horgos, Serbia. Serbia's border with EU-member Hungary has become a major crossing point for tens of thousands of migrants from the Middle East, Asia and Africa who are using the so-called Balkan route to enter the EU while fleeing poverty and wars in their home countries. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Flüchtlinge verstecken sich im Maisfeld an der serbisch-ungarischen Grenze. Bild: Darko Vojinovic/AP/KEYSTONE

Schon jetzt ist es schwierig, ohne Hilfe heimlich nach Ungarn zu kommen. Denn im ungarischen Grenzgebiet gibt es oft plötzlich weder GPS noch Internet. «Auf einmal funktionierten unsere Handys nicht mehr», erzählt eine 42-jährige Syrerin aus Aleppo. Sie liegt völlig erschöpft auf der ungarischen Seite der Grenze auf einem Acker, um sie herum ihre Reisegruppe: ein gutes Dutzend Syrer, drei Familien aus Aleppo und Damaskus. Die Männer, Frauen und Kinder liegen kraftlos im Gras, die Beine und Arme von sich gestreckt.

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Der bau des ungarischen Grenzzauns. YouTube/BBC News

Die ungarische Polizei hat die Syrer aufgegriffen, nachdem sie drei Tage im Grenzgebiet umher geirrt waren und endlich einen Weg gefunden hatten. Das Wasser ging ihnen aus und das Essen. Nirgendwo gab es einen Kiosk. Neben ihnen sitzt eine Gruppe Männer aus Bangladesch im Schatten. Sie wurden ebenfalls von der ungarischen Polizei aufgegriffen und zu der kleinen Wiese gebracht.

«Ich verstehe nicht, warum man uns in Ungarn festhält»

Die Syrer sind zutiefst enttäuscht. Sie glauben, dass sie nun nicht an ihr Ziel kommen werden: Deutschland. Die ungarischen Polizisten stellen sie vor die Wahl - entweder ins Gefängnis und nach ein paar Wochen die Abschiebung oder in Ungarn Asyl beantragen.

«Wir kommen aus dem Krieg. Ich verstehe nicht, warum man uns in Ungarn festhält. Wir wollen hier doch gar nicht bleiben»

Syrische Flüchtlingsfrau.

Auf serbischer Seite finden sich einige Flüchtlinge, die die erste Option gewählt haben: Sie wurden abgeschoben und wollen es nun erneut versuchen. Die meisten wissen nicht, dass sie weiterreisen können, auch wenn sie in Ungarn Asyl beantragen: Deutsche Gerichte haben immer wieder Abschiebungen nach Ungarn gestoppt, weil die Zustände für Flüchtlinge dort so verheerend sind. Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Einen grundsätzlichen Abschiebestopp gibt es bisher jedoch nicht.

«Wir kommen aus dem Krieg. Ich verstehe nicht, warum man uns in Ungarn festhält. Wir wollen hier doch gar nicht bleiben», sagt die 42-jährige Syrerin. Ihr Haus in Aleppo steht noch. Doch in ihrem Stadtteil toben die Gefechte. Zwei Tanten sind bereits durch Kriegsverletzungen ums Leben gekommen. Drei Nichten und Neffen sind ebenfalls tot: Sie wurden krank und konnten nicht behandelt werden, Syriens Gesundheitssystem ist nahezu komplett zusammengebrochen.

«Deutschland ist besser als Ungarn. Wir werden es so lange versuchen, bis wir dort sind»

Syrischer Flüchtling in Ungarn.

Die ungarischen Polizisten warten stundenlang in der Sonne mit den erschöpften Syrern und Bangladescher auf der kleinen Wiese. Ein paar Stunden später liefern andere Polizisten noch vier Iraker ab - eine weitere Gruppe, die in diesem Grenzstück aufgegriffen wurde.

Die Syrer haben sich noch nicht entschieden, ob sie Asyl in Ungarn beantragen wollen oder die Abschiebung bevorzugen. Eines wissen sie jedoch sicher: «Deutschland ist besser als Ungarn. Wir werden es so lange versuchen, bis wir dort sind», sagt die 42-Jährige.

Kinder auf der Flucht

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