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Wenn sich im Jemen zwei streiten, freut sich der Dritte – leider heisst dieser Dritte al-Kaida

20.04.15, 18:28 21.04.15, 14:18

Bürger-/Stellvertreterkrieg im Jemen: Houthi-Rebellen gegen Regierungstruppen, Ex-Präsident Saleh gegen amtierenden Präsident Hadi, Schiiten gegen Sunniten, Iran gegen Saudi-Arabien. Doch soll keiner sagen, bewaffnete Konflikte brächten nur Verlierer hervor. Während das Land im Chaos versinkt, floriert die dort ansässige al-Kaida-Zelle (al-Qaida on the Arabian Peninsula, AQAP).

Bereits im April eroberten AQAP-Kämpfer die Hafenstadt Mukalla, plünderten die dortige Zweigstelle der jemenitischen Zentralbank, befreiten Kameraden aus dem Gefängnis und nahmen einen nahegelgenen Flughafen, Erdöl-Terminal sowie einen Militärstützpunkt inklusive Waffendepot ein.

Frontverlauf im Jemen

Grün: unter der Kontrolle der schiitischen Houthi-Rebellen sowie Verbündeten von Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh; Rot: unter Kontrolle von Abed Rabbo Mansour Hadi, dem gewählten Präsidenten Jemens; Grau: unter Kontrolle von al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) karte: wikipedia/banak

Bevor der Bürgerkrieg im Jemen Anfang Jahr eskalierte, wurde AQAP von zwei Seiten in Schach gehalten: den verfeindeten schiitischen Huthi-Rebellen und amerikanischen Spezialeinheiten. Erstere sind momentan mit der Abwehr saudischer Luftangriffe beschäftigt und letztere mussten bereits im April den Luftwaffenstützpunkt al-Annad evakuieren, was ihre Möglichkeiten im Jemen einzugreifen deutlich einschränkt.

Die USA unterstützen ihre saudischen Verbündeten im Kampf gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen, gleichzeitig bereitet ihnen das Erstarken al-Kaidas in der Region Kopfzerbrechen: «Sie machen genau das, was wir erwartet hatten, nämlich das Chaos ausnutzen», sagte ein ungenannter US-Regierungsvertreter laut der Los Angeles Times. «Sobald die Käfigtür aufgeht, geraten sie ausser Kontrolle.» 

Den Westen im Fokus

AQAP gilt als gefährlichste al-Kaida-Zelle weltweit und soll hinter zahlreichen Anschlägen auf westliche Ziele stehen, darunter das Blutbad in der Redaktion der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Es wird vermutet, dass die Attentäter Chérif und Said Kouachi in einem al-Kaida-Terrorcamp im Jemen ausgebildet wurden.

Dschochar und Tamerlan Zarnajew, die beiden Attentäter des Boston-Marathons, bauten ihre Bomben gemäss einer Anleitung aus dem Dschihadisten-Magazin «Inspire», das von AQAP produziert und verbreitet wird.

Aus ihren Reihen stammt auch der gefürchtete Bombenexperte Ibrahim Hassan Asiri. Dieser baute die «Unterhosen-Bombe», welche der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab 2009 beim Landeanflug auf Detroit erfolglos zu zünden versuchte. Ein Jahr später startete Asiri einen neuen Versuch, diesmal mit Sprengstoff in Druckerpatronen, um ein Frachtflugzeug über den USA zum Absturz zu bringen. Auch dieser Anschlag konnte zum Glück vereitelt werden.

Wird Jemen zu einem zweiten Syrien?

Ob die neuen Freiräume der AQAP für den Westen zur Gefahr werden, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wie lange Saudi-Arabien seinen Luftkrieg weiterführt. Sollte das Bürgerkriegschaos im Jemen zur einzigen Konstante werden, könnten die Terroristen in den eroberten Gebieten dauerhaft neue Rückzugsgebiete einrichten.

Unmittelbare Gefahr droht ihnen derzeit nur von ihren Terror-Rivalen des Islamischen Staats (IS). Der Vormarsch schiitischer Rebellen, welche der IS als Ungläubige betrachtet, macht Jemen in ihrer Optik zu einem idealen Kriegsschauplatz. Die Terrormiliz bekannte sich im März zu einem blutigen Doppelanschlag auf zwei Moscheen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. AQAP hingegen distanzierte sich ausdrücklich von dem Anschlag, bei dem über 140 Menschen getötet wurden.

Die al-Hashahush-Moschee in Sanaa nach dem Anschlag, zu dem sich der IS bekannte (20.03.2015). Bild: YAHYA ARHAB/EPA/KEYSTONE

Al-Kaida als kleineres Übel im Vergleich zum IS? Wem das bekannt vorkommt, denkt wahrscheinlich an Syrien. Auch dort eskalierte der Bürgerkrieg einstmals entlang sunnitisch-schiitischen Konfessionslinien und auch dort gilt der al-Kaida-Ableger, die al-Nusra-Front, im Vergleich zu den IS-Barbaren als gemässigt. Dass Jemen zu einem zweiten Syrien wird, daran kann ausser dem IS niemand ein Interesse haben. Iran und Saudi-Arabien, die beiden Regionalmächte in dem Stellvertreterkrieg, miteingeschlossen.

Machtkampf im Jemen

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