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Die Bildersammlung des Charleston-Attentäters

Rassistisches Online-Manifest des Charleston-Mörders: «Jemand muss den Mut haben und es tun. Und dieser jemand bin ich.»

Der mutmassliche Neunfachmörder von Charleston ging womöglich davon aus, seine Tat nicht zu überleben. Im Netz hinterliess er offenbar ein Manifest, in dem er seine rassistische Ideologie beschrieb und seine Tat ankündigte.

20.06.15, 22:18

Christian Stöcker

Ein Artikel von

Der Text, der angeblich von dem Mann stammt, der in Charleston, North Carolina, neun Menschen getötet haben soll, lässt einen erschaudern. Da wird in gemessenen Worten und im Duktus eines besonnenen Denkers tiefer Hass formuliert, Verachtung und Aggression nicht nur gegenüber Schwarzen, sondern auch gegen Juden und Latinos. Da schreibt einer, der sich und seinesgleichen als Opfer wahrnimmt, als Unterdrückte, obwohl sie doch eigentlich über allen anderen zu stehen haben. Von Natur aus.

Die Startseite des mutmasslichen Manifestes des mutmasslichen Vielfachmörders von Charleston ziert ein Szenenbild aus einem Film. Ein Mann mit einem Hakenkreuzanstecker liegt am Boden, blutend, offenbar tot. Der Mann ist der Schauspieler Russell Crowe, das Bild stammt aus dem australischen Film «Romper Stomper», in dem er 1992 einen gewalttätigen Neonazi-Skinhead spielte. Neonazis mögen den Film angeblich bis heute. Und R., das kann man nach Durchsicht des Textes, den er offenbar hinterlassen wollte, sagen, ist ein Neonazi, ein menschenverachtender Rassist.

«Sie sind trotzdem unsere Feinde»

Der Text auf der Website beginnt mit dem Satz: «Ich bin nicht in einem rassistischen Heim oder einer rassistischen Umwelt grossgeworden.» Dann folgt eine verquere Erweckungsgeschichte, in deren Verlauf der Erzähler seine eigene Bewusstwerdung als Rassist beschreibt. Erst spät habe er begriffen, heisst es da beispielsweise, dass «die Situation» in Europa «noch schlimmer sei», «obwohl Europa doch das Heimatland der Weissen ist».

«Wenn wir irgendwie die jüdische Identität zerstören könnten, wären sie wahrscheinlich kein grosses Problem mehr.»

Dylann R.

Der Autor des Textes betrachtet sich und seinesgleichen als Opfer eines Meinungs-Mainstreams, der einfach nicht akzeptieren will, dass Weisse «tatsächlich überlegen sind». Die Argumentation erinnert vielerorts an die von Holocaust-Leugnern, die sich ebenfalls gern als Opfer einer Kampagne stilisieren, die nur geführt werde, um sie kleinzuhalten.

Es hätten doch gar nicht alle Einwohner des Südens Sklaven gehalten, heisst es da zum Beispiel, und viele der weissen Sklavenhalter hätten «ja auf ihren Plantagen nicht einmal das Auspeitschen erlaubt». Über Menschen aus Lateinamerika schreibt er, es gäbe darunter zwar auch solche mit «gutem weissem Blut», aber «sie sind trotzdem unsere Feinde». Über Juden: «Wenn wir irgendwie die jüdische Identität zerstören könnten, wären sie wahrscheinlich kein grosses Problem mehr.» Über Asiaten: «Sie sind von Natur aus sehr rassistisch und könnten grossartige Verbündete für die weisse Rasse sein.»

Der rassistische Anschlag

«Ich hasse den Anblick der amerikanischen Flagge»

Zum Thema «Patriotismus» heisst es in dem Text: «Ich hasse den Anblick der amerikanischen Flagge. Die Leute tun so, als ob es etwas gäbe, auf das man stolz sein kann, während tägliche weisse Menschen auf den Strassen umgebracht werden.»

Am Ende des Textes spricht der Autor von Charleston, begründet, warum er die Stadt «ausgewählt» habe: «Es ist die historischste Stadt in meinem Staat und hatte einmal das extremste Mengenverhältnis von Schwarzen zu Weissen im ganzen Land.» Und: «Wir haben keine Skinheads, keinen richtigen KKK (Ku-Klux-Klan, Anm. der Red.), niemand, der etwas tut, ausser im Internet zu sprechen. Jemand muss den Mut haben, die Sache in die echte Welt zu tragen. Und das bin wohl ich.»

Ein zweiter Link auf der Website führt zu einer komprimierten Archivdatei, darin 60 Fotos. Die Bilder zeigen einen jungen Mann, der eindeutig als Dylann R. zu erkennen ist, auf manchen hat er die mutmassliche Tatwaffe in der Hand. Einige davon wurden den Metadaten der Fotos zufolge direkt vor dem Mordanschlag in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston aufgenommen. Sie zeigen R., wie er vor Mangrovenbäumen posiert, in einem Bild hat er sich in einem Toilettenraum mit einer Kamera vor dem Spiegel selbst fotografiert, angetan mit der Jacke mit zwei Flaggen darauf.

Ein Bild R.'s mit dieser Jacke ging in den vergangenen Tagen schon durch die US-Medien - die beiden Flaggen verweisen auf Südafrika zur Hoch-Zeit der Apartheit und auf den auf einer rassistischen Ideologie aufgebauten, nie offiziell anerkannten afrikanischen Staat Rhodesien (1968 bis 1979) auf dem Gebiet des heutigen Simbabwe. Die Website trägt die Überschrift «Der letzte Rhodesier».

Brennende US-Fahne in der Hand

Die Bilder sprechen stark dafür, dass R. die Seite tatsächlich selbst aufgesetzt hat. Einige zeigen ihn, wie er eine US-Fahne bespuckt, auf einem anderen hält er eine brennende in der Hand, direkt gefolgt von einem Bild mit einer unbeschädigten «Konföderierten»-Flagge der US-Südstaaten zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Eine solche Flagge zierte auch das Auto, in dem er schliesslich verhaftet wurde. Auch dieses Auto ist auf einem der Fotos zu sehen. Auf anderen Bildern posiert er auf dem Gelände einer ehemaligen Plantage und vor einem Konföderierten-Museum.

Die Website existiert schon seit Februar 2015, registriert wurde sie über einen Anonymisierungsdienst. Der Screenshot aus dem Skinhead-Film mit Russell Crowe datiert auf den Tag vor der Registrierung der Seite.

Das Gesamtpaket lässt kaum einen Zweifel daran zu, dass es tatsächlich von R. selbst erstellt wurde, und dass er seine Tat schon seit Monaten geplant hatte. Wenn es sich als wahr herausstellt, dass er der Neunfachmörder von Charleston ist, folgte er einem ähnlichen Muster wie andere Vielfachmörder in den vergangenen Jahren: online ein Manifest zu hinterlassen, offenbar in der Annahme, die Tat nicht zu überleben.

R. aber wurde von der Polizei gefasst. Er wird sich für das, was in Charleston geschah, vor Gericht verantworten müssen. Und vor den Augen der Gesellschaft, die er selbst augenscheinlich so sehr verachtet.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sandokan 21.06.2015 10:08
    Highlight Rassismus wird immer mehr ein Problem für unsere Gesellschaft.
    4 1 Melden
  • G. Schmidt 21.06.2015 00:31
    Highlight Indem dieser Amokläufer zum Anti-Helden insziniert wird, wird jeder potenzielle Amokläufer dazu ermuntert seinen Namen ebenfalls bekannt zu machen.
    Ich wünschte die Medien würden das Thema Amoklauf ähnlich wie Meldungen über Selbstmorde behandeln oder zumindest die Opfer und nicht den Täter berühmt machen!
    7 2 Melden
    • Maria B. 21.06.2015 11:41
      Highlight Sowas ist schlicht nicht möglich, was man schon an den auf grosses Interesse gestossenen Manifesten des früheren US-Professors und sog. Unabombers Ted Kaczynski oder an jenes des Massenmörders Anders Behring Breivik erkennen konnte. Man (oder Frau) muss damit leben können....
      3 1 Melden
    • G. Schmidt 21.06.2015 14:17
      Highlight Bin absolut einverstanden.
      Das Publikumsinteresse ist immens, dennoch wäre ein bedachter Umgang im Hinblick zu anderen potenziellen Amokläufer wünschenswert.
      Komischerweise ist die Publikation von Adolf Hitlers Manifest in Deutschland verboten.
      1 1 Melden
  • Max Heiri 20.06.2015 23:56
    Highlight Bitte ignoriert diesen kranken Menschen. Je mehr wir solchen Sonderlingen eine Plattform präsentieren, umso eher wird ein potentieller Nachfolger auftauchen.
    6 5 Melden
    • Neemoo 21.06.2015 09:57
      Highlight Soll man den eine solche rassistische Tat verschweigen? Rassismus darf man nicht Totschweigen! Ich verstehe zwar ihr Hintergrund Max Heiri....
      6 0 Melden
  • I don't know what you heard about me 20.06.2015 22:33
    Highlight "Von Natur aus"... Wie wär's mit obligatorischem Philosophieunterricht?
    6 5 Melden
    • Neemoo 21.06.2015 09:58
      Highlight Wie muss/darf/soll man diese Aussage verstehen?
      3 0 Melden

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