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Putin unter Verdacht

Wer befahl den Tod von Alexander Litwinenko? Britische Ermittler haben Russlands Präsident Putin im Visier. Er habe die Ermordung des Überläufers mindestens gebilligt. Sie legen einen 329-Seiten-Bericht vor. Beweise aber fehlen.

Benjamin Bidder, Moskau



Ein Artikel von

Spiegel Online

329 Seiten dick ist der Bericht, der endlich Licht bringen soll in die rätselhafte Ermordung von Alexander Litwinenko. Der russische Ex-Agent starb einen qualvollen, langsamen Tod. Sein letztes Foto ging um die Welt. Es zeigt einen vom Sterben gezeichneten Mann in einem Londonern Krankenbett mit kahlem Schädel, die Haare sind ihm ausgefallen.

Alexander Litvinenko, former KGB spy and author of the book

Wer steckt hinter dem Tod von Alexander Litwinenko?
Bild: AP

Kurz bevor Litwinenko starb, liess er die Öffentlichkeit wissen, wen er für seinen Mörder hielt: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. «Sie werden mich vielleicht zum Schweigen bringen, doch der Aufschrei des Protests von überall auf der Welt wird Ihnen den Rest Ihres Lebens nachhallen, Herr Putin.»

Mord «wahrscheinlich von Putin gebilligt»

Nun, fast zehn Jahre nach der Tat, erhebt Grossbritanniens Justiz zum ersten Mal schwere Vorwürfe gegen den russischen Staatschef und seinen Vertrauten Nikolaij Patruschew, 2006 Leiter des russischen Geheimdienstes FSB. Der Mord an Litwinenko sei «wahrscheinlich von Patruschew und auch von Putin gebilligt worden».

Mit Litwinenko starb ein lautstarker Kritiker des russischen Präsidenten. Der ehemalige Geheimdienstler hatte im Londoner Exil Enthüllungsbücher über den Kreml-Chef verfasst. Darin warf er Putin vor, dass mehrere Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland mit Hunderten Toten 1999 von der Staatsmacht selbst organisiert worden seien. So habe Putin – damals noch Premierminister – sein Profil als Anti-Terror-Kämpfer schärfen wollen.

Marina Litvinenko, widow of murdered ex-KGB agent Alexander Litvinenko, reads a statement outside of the Royal Courts of Justice in London, Britain, January 21, 2016.    REUTERS/Toby Melville

Marina Litwinenko stellte sich am 21. Januar in London der Presse.
Bild: TOBY MELVILLE/REUTERS

Codename «D3»

Litwinenko, so viel ist heute unstrittig, wurde am 1. November 2006 im Londoner Millenium-Hotel von zwei Gästen aus Moskau vergiftet. Ihre Gesichter finden sich auf den Aufnahmen mehrerer Überwachungskameras, ihre Namen lauten Andrej Lugowoi und Dmitrij Kowtun. Britische Ermittler fanden Poloniumspuren im Abfluss eines Hotelzimmers der beiden und auch auf einem WC nahe der Hotellobby, die beide kurz vor ihrem Treffen mit Litwinenko aufgesucht hatten. Auf der Toilette, davon gehen britische Behörden aus, bereiteten sie das radioaktive Gift vor, das sie Litwinenko wenig später in den grünen Tee mischten.

Im Untersuchungsbericht findet sich auch ein Verweis auf einen Zeugen. Er ist bekannt geworden unter dem Codenamen «D3» und hat mit Kowtun gemeinsam als Kellner in einem Hamburger Restaurant gearbeitet. Kurz vor der Tat habe der Russe ihm anvertraut, er werde einen «Verräter» aus dem Weg schaffen, sagte «D3» der Polizei. Sein Mittäter Lugowoi wiederum war jahrelang Mitarbeiter russischer Geheimdienste. Beide bestreiten bis heute, mit dem Mord zu tun zu haben.

Moskau verweigert konsequent ihre Auslieferung. Ermittler durften nicht einmal das russische Flugzeug auf radioaktive Rückstände untersuchen, mit dem Kowtun und Lugowoi nach Russland zurückkehrten.

epa05115408 (FILE) A file photo dated 17 December 2015 showing Russian President Vladimir Putin during his annual news conference at the World Trade Center in Moscow, Russia. Findings of a public inquiry into the killing of former Russian spy Alexander Litvinenko were released by a British judge in London on 21 January 2016. Opponent of Russian President Vladimir Putin, Alexander Litvinenko, died 2006 in London from radioactive poisoning. The British judge on 21 January 2016 ruled that ex-Russian spy Alexander Litvinenko, murdered by two Russian government secret agents in 2006, committed the crime on orders that 'probably' were approved by Russia's President Vladimir Putin.  EPA/YURI KOCHETKOV

Putins Feinde haben nichts zu lachen.
Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Diese Blockadehaltung hat den Verdacht weiter geschürt, den schon der sterbende Litwinenko selbst geäussert hatte: Sitzen die Drahtzieher für den Mordanschlag ganz oben in russischen Behörden, womöglich sogar im Präsidentenbüro selbst?

Belastbare Beweise für Putins Schuld fehlen

Der britische Untersuchungsbericht führt mögliche Motive auf. Zum einen sehe Putin – selbst früher Offizier des KGB – Überläufer wie Litwinenko als Verräter, die bestraft werden müssten. Zweitens hatte Litwinenko im britischen Exil Material gesammelt, um Verbindungen zwischen Putins Führungsmannschaft und der russischen Mafia zu belegen. Von Litwinenkos Arbeit an einer solchen Enthüllung hatte auch Lugowoi Kenntnis, wie er in einem Interview 2007 bestätigte.

In der britischen Untersuchung ist die Rede von einem Iwanow-Bericht. Gemeint ist Wiktor Iwanow, langjähriger Weggefährte Putins und heute Chef der staatlichen Anti-Drogen-Polizei. Litwinenko bezichtigte Iwanow, in den Neunzigerjahren enge Beziehungen zu einer Mafia-Gruppe in St.Petersburg unterhalten zu haben, dem berüchtigten Tambow-Syndikat. Putin war damals Vizebürgermeister in St.Petersburg.

FILE - In this Wednesday, June 5, 2013 file photo, Russian President Vladimir Putin, left, shakes hands with Drug Control Agency Chief Viktor Ivanov at the International Anti-Drug Forum in Moscow, Russia. One day in 2006, a former KGB agent who claimed to know dark Kremlin secrets had tea with two Russian men at a London hotel. Three weeks later, he died of radioactive poisoning — after making a deathbed claim that Putin had ordered his killing. Moscow has always denied involvement, and almost a decade on, no one has been brought to justice. On Thursday, Jan. 21, 2016, British judge Robert Owen will release the long-awaited findings of a public inquiry into the killing of Alexander Litvinenko — and is likely to point a finger at elements in the Russian state. (AP Photo/Ivan Sekretarev, File)

Putin und Iwanow.
Bild: Ivan Sekretarev/AP/KEYSTONE

Eine Spur führt nach Spanien, dorthin weitete die Organisation 1996 ihre Geschäfte aus. José Grinda, ein spanischer Ermittler, nahm 2006 Kontakt zu Litwinenko in London auf. Musste der russische Überläufer also sterben, weil er zu viel über die kriminelle Vergangenheit der heutigen russischen Machthaber wusste?

2008 ging den spanischen Behörden Gennadij Petrow ins Netz. Er war ein hochrangiger Pate des Tambow-Clans, in den Neunzigerjahren aber auch Anteilseigner der russischen Bank Rossija, die von den Putin-Vertrauten Jurij Kowaltschuk und Wladimir Jakunin gegründet wurde. Kowaltschuk ist heute Milliardär, Jakunin diente Putin lange Zeit als Chef der staatlichen Eisenbahn.

Putin und seine Leute hätten also ein Motiv. Allerdings legt der britische Bericht keine Beweise dafür vor, dass der Mordbefehl tatsächlich vom russischen Staat erteilt wurde. Geschweige denn von Präsident Putin persönlich.

Der Chef der Untersuchung, Sir Robert Owen, stützt sich stattdessen auf Plausibilitätsüberlegungen:

Es könnte so gewesen sein. Juristisch belastbare Beweise der Schuld Putins enthält der Bericht aber nicht.

So tickt Putin – privat wie politisch

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    Alle Leser-Kommentare
  • MaxM 22.01.2016 08:45
    Highlight Highlight "Moskau verweigert konsequent ihre Auslieferung"
    Wenn ich mich nicht irre, kennen die meisten Länder der Welt die Regelung, dass sie eigene Staatsbürger nicht ausliefern.
    Die Schweiz gehört übrigens auch zu solchen Ländern.
    14 1 Melden
  • seventhinkingsteps 22.01.2016 00:09
    Highlight Highlight
    Play Icon
    .be&t=7
    6 1 Melden
    • Triumvir 22.01.2016 08:45
      Highlight Highlight Sehr gut. Das passt perfekt zu dieser üblen Geschichte ;-P
      1 2 Melden
  • Mr. Kr 21.01.2016 23:30
    Highlight Highlight Das Bashing gegen Putin ist schon krass in der letzten Zeit.. Der Mossad lässt auch ständig leute umbringen, aber interessieren tut es kaum jemanden!
    25 15 Melden
    • rolf.iller 22.01.2016 03:03
      Highlight Highlight Hmmm, also weil der Mossad ständig Leute umbringt, darf jetzt der Putin auch ein paar umlegen? Und weil ständig Leute im Migros was klauen, darf ich auch hie und da mal was mitgehen lassen? Irgendwie gefällt mir die Logik nicht.
      12 17 Melden
    • Mafi 22.01.2016 08:26
      Highlight Highlight Der Artikel ist an sich gut geschrieben, erwähnt immer dass es nur Vermutungen und keine Beweise sind.

      Ich finde den Artikel gar kein Bashing.
      10 3 Melden
    • MARC AUREL 22.01.2016 12:23
      Highlight Highlight Das hat nichts mit bashing zu tun.. Putin ist ein Diktator!
      5 9 Melden
  • Beobachter24 21.01.2016 22:25
    Highlight Highlight Ich "verfolge" Putins politisches Wirken seit 2004. Am Anfang fand ich ihn "gut"; v.a. darum, weil ihn viele Russen in jener Zeit sehr positiv sahen; er hatte damals u.a. das Rentensystem eingeführt.
    Später habe ich ihn immer negativer wahrgenommen. Am übelsten fand ich ihn, als er nach Medwedew wieder Präsident wurde.
    Seit kurzem lese ich und schaue ich viel Interviews von und über ihm. Und meine Meinung über ihn wird immer positiver.
    Hört ihn euch im Original an (oder z.B. in der Simultanübersetzung der UNO).
    Putin ist sehr weise und ein wahrer Staatsmann. PUNKT.
    20 17 Melden
    • rolf.iller 22.01.2016 03:11
      Highlight Highlight Ja, der Putin ist sehr weise. Wenns zuhause mal nicht so rund läuft, dann geht man halt was erobern - ähhhh verteidigt ein paar arme Landsleute, vor ganz fiesen Feinden. Das ist gut für die Moral. Die Opposition macht man platt und man sorgt dafür dass es keine kritischen Medien mehr gibt. Hie und da so eine Olympiade oder so ist auch ganz nett, dann können die Freunde auch noch was abkassieren. Toller Staatsmann ist das.
      12 18 Melden
  • maxi 21.01.2016 21:11
    Highlight Highlight was er hat es in auftrag gegeben? 😳😳

    ich dachte er hätte es selbst getan 😂
    29 2 Melden
  • Dä Brändon 21.01.2016 20:24
    Highlight Highlight Ich mag Herrn Putin auch nicht, aber ich sage euch eins, sollte Russland fallen werden wir die Hölle auf Erden erleben! Dieses Gleichgewicht zwischen Ost und West MUSS bestehen bleiben. So absurd es auch klingen sollte, die Russen sind unsere letzte Hoffnung auf. Frieden in Europa!
    45 38 Melden
    • FrancoL 21.01.2016 21:31
      Highlight Highlight Nein so absurd klingt es nicht;
      Nicht wenig Experten sind der Meinung dass selbst das alte Gleichgewicht mit dem Eisernen Vorhang nicht weniger stabil war als das was wir heute haben. Und das ist NICHT ironisch gemeint.
      Es wäre ein Trugschluss zu meinen dass nach 50 Jahren Diktaturen in knapp 20 Jahren gewachsene Demokratien entstehen können. Das braucht 1- 2 Generationen zusätzlich.
      19 3 Melden
    • NWO Schwanzus Longus 21.01.2016 21:44
      Highlight Highlight Die USA werden eher Fallen, ihre überschuldung ist unglaublich Hoch sowie die Bevölkerung verarmt immer mehr. Der American Dream ist ausgeträumt. Die EU wird aber zuerst Fallen, Deutschland wird es am allerschlimmsten Treffen.
      24 20 Melden
    • panaap 21.01.2016 22:34
      Highlight Highlight @südländischer Nacho: echt jetzt? Ohne Ironie? Ist dir bewusst wie es um der russischen Wirtschsfts steht? Weisst du wie hoch die Renten sind? Was für Auswahl es in Russischen Läden hat? Wann warst du das letzte mal dort?
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