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epa04729937 Ukrainian soldiers stand next to coffins containing recently discovered remains of Dutch victims of the MH17 plane crash, as they are loaded onto a Hercules C130 transport aircraft of the Royal Dutch Air Force prior to its departure from Kharkiv, Ukraine, 02 May 2015. Malaysia Airlines flight MH17, with 298 people aboard, was presumably shot down over eastern Ukraine on 17 July 2014.  EPA/EVERT-JAN DANIELS

Das Investigativ-Portal Bellingcat.com hat in einer Recherche aufgezeigt, wie Russland Satellitenfotos zum Abschuss der Passagiermaschine gefälscht hat – Leichenteile der MH17-Passagiere werden von der Ukraine in die Niederlande überführt. 298 Menschen kamen bei dem Absturz ums Leben. Bild: EPA/ANP

Foto-Analyse zum Absturz: So manipulierte Russland die MH17-Beweise 

Wolken wurden hinzugefügt, Datierungen geändert: Moskau hat offenbar Satellitenfotos zum Abschuss von Flug MH17 gefälscht. Experten decken nun auf, wie die Russen vorgingen, um der Ukraine die Schuld am Absturz zuzuschieben.

01.06.15, 14:04 01.06.15, 14:22


Ein Artikel von

298 Menschen sind tot. Sie starben am 17. Juli 2014 in einer Boeing 777 der Malaysia Airlines über der Ostukraine. Sie waren auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, als die Maschine attackiert wurde. Wer ist für den Tod der Menschen verantwortlich?

Nach russischer Lesart ist es Kiew: Die Ukrainer hätten Flug MH17 abgeschossen, hiess es kurz nach dem Unglück aus dem Kreml. Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte vier Tage später mehrere Satellitenbilder, um angebliche Aktivitäten der ukrainischen Luftabwehr in der Region zu belegen. Kiew weist die Anschuldigungen zurück.

Jetzt hat die unabhängige Investigativplattform Bellingcat zwei der präsentierten Fotos analysiert. Das Ergebnis der Experten ist eindeutig – in ihrem Bericht (lesen Sie hier den gesamten Untersuchungsbericht als PDF) heisst es:

«Die forensische Analyse durch das Bellingcat-Untersuchungsteam hat eindeutig und unzweifelhaft nachgewiesen, dass diese Satellitenfotos falsch datiert und durch die Software Adobe Photoshop CS5 digital verändert wurden.» 

Zehn Experten des Investigativteams haben zwei der Bilder untersucht, die Russland am 21. Juli veröffentlichte. Um die Echtheit der Satellitenfotos zu überprüfen, haben sie deren Quellen und Metadaten analysiert. Ausserdem haben die Autoren die beiden Aufnahmen einer sogenannten Fehlerstufen- und Referenzanalyse der Bildinhalte unterzogen, um deren Plausibilität abzuklären. Um diese Bilder geht es:

Die erste Satellitenaufnahme:

Bild 4
Dateiname: „mh17_brief_05-900.jpg”

datiert auf 17 Juli 2014 um 11:32 Uhr

Foto des russischen Verteidigungsministeriums, datiert auf den 17. Juli 2014, 11.32 Uhr: Gebiet nördlich von Donezk.  bild: bellingcat.com

Dieses Bild soll laut Moskauer Verteidigungsministerium das ukrainische Flugabwehr-Raketen-Bataillon A-1428 nördlich von Donezk bei Avdeevka zeigen. Den russischen Angaben zufolge sollen mindestens ein selbstfahrender Buk-Raketenwerfer und drei Fahrzeuge der technischen Unterstützung am 17. Juli 2014 nicht mehr auf dem Militärstützpunkt nördlich von Donezk vorhanden sein – anders als drei Tage zuvor. Ein entsprechendes, auf den 14. Juli 2014 datiertes Bild wurde ebenfalls von den Russen präsentiert.

Doch nach Angaben der Bellingcat-Autoren ist die Satellitenaufnahme vom 17. Juli 2014 vor der Veröffentlichung mit Photoshop manipuliert worden. Das verdeutliche die Fehlerstufenanalyse. (Die Details lesen Sie dazu ab Seite 10 des Untersuchungsberichts.)

Die Fehlerstufenanalyse zeigt fünf Bereiche mit signifikant unterschiedlichem Fehlerniveau.

Bellingcat-Fehlerstufenanalyse des russischen Fotos.  bild: bellingcat.com

Die farbige Linie im Bereich B zeige, schreiben die Experten, dass das Foto unten mit einem Streifen überdeckt worden sei. «Oben wurde dieser Streifen an das Foto angesetzt. Der dunkle Bereich E ist wahrscheinlich durch eine Aufhellung bzw. Kontrastverstärkung des Fotos entstanden. Dieser Bereich ist sozusagen überbelichtet.»

Die Fehlerstufenanalyse zeigt fünf Bereiche mit signifikant unterschiedlichem Fehlerniveau.

Bellingcat-Analyse: Vergleich mit ähnlicher Bewölkung. bild: bellingcat.com

Die Satellitenaufnahme sei «unzweifelhaft im Zeitraum zwischen dem 1. Juni 2014 und dem 18. Juni 2014 entstanden» – also einen Monat vor dem Abschuss von MH17.

Das Rechercheteam hat auch die Wolken auf dem Foto näher untersucht – dazu zog es ein Bild von Google Earth mit ähnlicher Bewölkung (rechte Aufnahme) hinzu. Daraus lasse sich «mit hoher Wahrscheinlichkeit» ableiten, dass die Bewölkung auf dem russischen Satellitenfoto «kein Teil des ursprünglichen Bildinhaltes» ist. In dem Bericht heisst es:

«Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Wolken im linken und rechten Bildbereich digital hinzugefügt. Dadurch wurden weitere Details zum Vergleich mit anderen Bildern verdeckt», schreiben die Bellingcat-Experten. 

Die Bellingcat-Autoren prüften auch das Datum des veröffentlichten Fotos. Sie verglichen die Bildinhalte mit historischen Satellitenbildern von Google Earth. (Die Details der sogenannten Referenzanalyse lesen Sie ab Seite 12 des Berichts.) Das Ergebnis: Die Satellitenaufnahme sei «unzweifelhaft im Zeitraum zwischen dem 1. Juni 2014 und dem 18. Juni 2014 entstanden» – also einen Monat vor dem Abschuss von MH17. Das lässt sich unter anderem anhand von veränderten Bodenstrukturen und Veränderungen der Vegetation auf den Bildern erkennen.

Die zweite Satellitenaufnahme:

Die Fehlerstufenanalyse zeigt fünf Bereiche mit signifikant unterschiedlichem Fehlerniveau.

Foto des russischen Verteidigungsministeriums, datiert auf den 17. Juli 2014, 11.32 Uhr: Gebiet um Saroschenskoje. Bild: bellingcat.com

Das zweite Foto des russischen Verteidigungsministeriums soll eine Buk-Batterie der ukrainischen Armee am 17. Juli 2014 in der Nähe des Dorfes Saroschenskoje zeigen – in diesem Gebiet wurde MH17 an jenem Tag abgeschossen.

Auch hier kommt das Bellingcat-Team zu dem Schluss, dass das Satellitenfoto mit Photoshop verändert wurde. (Die Details der sogenannten Referenzanalyse lesen Sie ab Seite 19 des Berichts.) Dazu haben die Experten unter anderem die Bodenstruktur auf dem Bild mit einer anderen veröffentlichten Aufnahme verglichen. Ausserdem haben Bildervergleiche ergeben, «dass das Satellitenfoto ohne jeden Zweifel vor dem 15. Juli 2014 entstanden ist».

Die Fehlerstufenanalyse zeigt fünf Bereiche mit signifikant unterschiedlichem Fehlerniveau.

Forensische Vergleichsanalyse des russischen Fotos von Bellingcat.  Bild: bellingcat.com

Bellingcat entkräftet auch die Theorie, die Anfang Mai die Moskauer Zeitung «Nowaja Gaseta» darlegte: «Es war eine Buk», titelte das Blatt plötzlich (lesen Sie hier die Analyse). Auf vier Seiten veröffentlichte die Zeitung einen ausführlichen Untersuchungsbericht von russischen Ingenieuren aus den Reihen des «militärisch-industriellen Komplexes». Demnach sei MH17 von einer Buk abgeschossen worden – aber von einer ukrainischen Stellung aus. Der Bericht stützte sich massgeblich auf das Satellitenbild von der angeblichen Flugabwehrbatterie nahe dem Dorf Saroschenskoje. Doch auch diese Aufnahme enttarnen die Experten von Bellingcat als Fälschung.

Sie schliessen in ihrem Bericht aus, dass die russischen Aufnahmen versehentlich falsch datiert wurden – ebenso die Möglichkeit, dass eine dritte Partei die Bildinhalte verändert haben könnte. Ihre Schlussfolgerung lautet:

«Das russische Verteidigungsministerium hat der internationalen Öffentlichkeit am 21. Juli 2014 digital modifizierte und falsch datierte Satellitenfotos präsentiert, um die Anwesenheit ukrainischer Buk-Raketenwerfer in einer Abschussposition zu MH17 zu belegen.» 

(heb)

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Nosgar 03.06.2015 11:31
    Highlight http://www.stefan-niggemeier.de/blog/21225/falschen-wolken-ueber-der-ukraine-die-photoshop-arbeiten-des-kreml-und-die-fehler-der-bellingcat-analyse/
    1 0 Melden
  • Tubel500 01.06.2015 15:23
    Highlight Bla Bla. Wieso werden nicht die Daten des Flugschreibers veröffentlicht. Dieses Propaganda-Gemetzel geht auf die Nüsse!
    19 23 Melden
    • MartinK 01.06.2015 18:56
      Highlight Der Flugschreiber hat kaum aufgezeichnet, wer das Flugzeug abgeschossen hat. Falls es wirklich abgeschossen wurde. Wenn wir hier Propaganda lesen, was wären dann gefälschte Satelitenbilder?
      9 0 Melden
    • Anded 01.06.2015 19:19
      Highlight Weil so ziemlich niemand bestreitet, dass die Maschine abgeschossen wurde. Die Streitfrage - zumindest für einige - ist von wem und warum. Das zeichnet der Flugschreiber nicht auf.
      7 0 Melden
    • goschi 01.06.2015 19:21
      Highlight wurden sie doch, Flugzeug fliegt, alles in Ordnung, Aufnahme bricht ab, weil Flugzeug vom Himmel stürzt.

      Was sagt uns dies?
      Nichts, ausser, dass das Flugzeug in der Luft zerstört wurde.

      Was erwarten Sie denn davon?
      6 2 Melden

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