International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Russland/ Tatjana Seifert

Seit Sommer 2012 in U-Haft: Angeklagte Exrichterin Tatjana Seifert.

Sie hatte die falschen Leute als Feinde: Russische Anwältin in Haft

Eine russische Abgeordnete streitet sich mit ihrem mächtigen Vater und behauptet, er habe ihr das Kind entzogen. Sie flieht, dann werden ihre Anwältin und fünf weitere Mitarbeiter angeklagt oder eingesperrt. Nur Zufall?

Annette Langer 



Ein Artikel von

Spiegel Online

Am Anfang ging es wohl nur um einen Familienstreit. Einen einflussreichen Vater, eine verwöhnte, rebellische Tochter. Jahrelang hatte Wladimir Litwinenko die Karriere seiner Tochter Olga vorangetrieben. Sie wurde Juristin, Mitglied der Partei «Gerechtes Russland» und zog als Abgeordnete ins Stadtparlament von Sankt Petersburg ein.

Litwinenko ist Rektor der dortigen Bergbauuniversität. Er ist reich und kennt wichtige Leute – selbst den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der 1997 unter Litwinenkos Ägide promovierte und ihn später gleich mehrfach als Wahlkampfleiter beschäftigte.

Mit der Zeit gerieten Vater und Tochter immer häufiger aneinander, schliesslich überwarfen sie sich 2010 endgültig. Er soll ihr die Tochter entzogen haben, sie floh daraufhin aus dem Land. Doch die Geschichte endet nicht bei Olga Litwinenko: Mehrere Menschen, die mit ihr arbeiteten, wurden inzwischen angezeigt, verklagt oder zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt.

Die Geschichte zeigt laut ihrem Umfeld auch, was in Russland passieren kann, wenn man die falschen Männer zum Feind hat. Für die Betroffenen ist der Fall noch immer nicht ausgestanden. Eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung spielen Tatjana Seifert, Anwältin und ehemalige Richterin aus Sankt Petersburg, sowie einige ihrer Kollegen, die ebenfalls im Abgeordnetenbüro von Olga Litwinenko arbeiteten.

«Diese Personen haben meine Tochter gegen mich und meine Frau aufgebracht. Olga hat sich von uns entfernt.»

Litwinenko senior

«Diese Personen haben meine Tochter gegen mich und meine Frau aufgebracht. Olga hat sich von uns entfernt», sagte Litwinenko Senior am 14. Juli 2011 in einer knapp dreistündigen Anhörung bei der Staatsanwaltschaft. Das Protokoll der Aussage liegt Spiegel Online vor. Olga habe erklärt, die Eltern würden sie nicht verstehen, dies gelänge nur Tatjana Seifert, die ihre «wahre Mutter» sei.

«Riesige Summen»

Wladimir Litwinenko warf seiner Tochter vor, sensible Dokumente zu seinen Geschäften «an einem sicheren Ort» versteckt zu haben – angeblich bei ihrer Anwältin Seifert. Dokumente, die man «in erpresserischer Weise gegen mich hätte verwenden können». Laut der Forbes-Liste der reichsten Russen besitzt er ein geschätztes Vermögen von 450 Millionen Dollar. Demnach hält er fast zehn Prozent der Aktien an dem Chemieunternehmen «FosAgro», dem grössten Phosphat-Düngemittelhersteller in Europa. Er fürchte, so Litwinenko damals bei der Anhörung, dass Informationen über seine Beratertätigkeit «als Experte im Brennstoff- und Energiebereich» an Konkurrenten gelangen könnten. «Die Summen dieser Geschäfte waren riesig.»

ST. PETERSBURG, RUSSIA. JANUARY 26, 2015. Russia s president Vladimir Putin (L) and Vladimir Litvinenko, rector of the National Mineral Resources University, at the National Mineral Resources University in St Petersburg. Mikahil Klimentyev/Russian presidential press service/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY RE15A648

St Petersburg Russia January 26 2015 Russia S President Vladimir Putin l and Vladimir Litvinenko Rector of The National Mineral Resources University AT The National Mineral Resources University in St Petersburg Mikahil  Russian Presidential Press Service TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY RE15A648

Präsident Putin im Januar bei einem Besuch der Bergbauuniversität von St. Petersburg (mit Rektor Litwinenko). Bild: russian press service

Als Litwinenko diese Aussagen bei der Staatsanwaltschaft machte, hatte seine Tochter schon das Land verlassen. Glaubt man ihren Worten, soll sich ihr Vater zuvor schrecklich für den angeblichen Vertrauensbruch gerächt haben: Als sie 2010 nach der Geburt ihres zweiten Kindes die einjährige Tochter Ester-Maria bei den Grosseltern abholen wollte, hätten diese das Kind nicht herausgegeben. Olga bettelte, drohte, rief die Polizei und alarmierte die Kinderschutzbehörden – ohne Erfolg. Man habe ihr zu verstehen gegeben, «dass da nichts zu machen ist». Auch die damalige Petersburger Gouverneurin Walentina Matwijenko – eine Putin-Vertraute, deren Wahlkampf einst ebenfalls von Olgas Vater geleitet wurde – habe angeblich nicht helfen können.

Litwinenko entzog Olga die Tochter, liess alle Konten sperren und konfiszierte ihren Besitz. So geht ihre Version der Geschichte. Vor lauter Angst, auch den neugeborenen Sohn zu verlieren, floh sie 2011 nach Polen. Im selben Jahr wurde sie aus ihrer Partei ausgeschlossen. Ihr Vater meldete sie als entführt, daher seine Aussage bei der Staatsanwaltschaft. Olga Litwinenko wiederum betonte vor laufenden Kameras, dass niemand sie entführt habe, sondern dass sie mit ihrem Mann und dem zweiten Kind in Polen lebe.

«Mann der Mächtigen und damit unantastbar»

«Mein Vater ist das Produkt des heute in Russland herrschenden Systems.»

«Mein Vater ist das Produkt des heute in Russland herrschenden Systems», sagte sie im Mai 2012 in einem Video-Interview. Wladimir Litwinenko sei ein Mann der Mächtigen und damit unantastbar. «Für ihn existieren keine Gesetze, nur das eine: Er ist ein Freund Putins.»

Play Icon

Olga Litwinenko über das System Putin (russ.). video: youtube/roishoresh

Ein unschönes Familiendrama russischer Spielart, könnte man denken. Doch dann wurden innerhalb kürzester Zeit gleich sechs Mitarbeiter der ungehorsamen Tochter angeklagt und zwischen 2012 und 2014 wegen versuchten oder vollendeten Betrugs, Urkundenfälschung oder Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt – unter ihnen die Anwältin Tatjana Seifert.

Seifert war im Verfahren wegen Kindesentzugs in St. Petersburg als Bevollmächtige Olga Litwinenkos aufgetreten. Der mächtige Vater habe ihr schon damals gedroht, man werde belastendes Material gegen sie auftreiben, sagte Seifert der regierungskritischen «Nowaja Gazeta» kurz vor ihrer Verhaftung: «Noch haben wir nichts gefunden, aber wir werden weitersuchen», soll er gesagt haben. Kurz darauf hätten die Hausdurchsuchungen begonnen, die Verfolgungen auf der Strasse, die Belästigungen, die Drohungen. «Irgendjemand brach in meine Wohnung ein, auch in die meiner Mutter. Später haben wir dort ein Abhörgerät gefunden», sagte Seifert.

Handelt es sich um einen Racheakt?

Im August 2012 wurde Seifert verhaftet und schliesslich wegen versuchten Betrugs in einem besonders schweren Fall angeklagt. Es ging um einen Auftrag aus dem Jahr 2010: Mandanten von ihr wollten eine Dachgeschosswohnung in Sankt Petersburg verkaufen, die Juristin sollte die entsprechenden Unterlagen überprüfen. Wert der Immobilie: Umgerechnet etwa 221'000 Euro.

Seifert, so heisst es im erstinstanzlichen Urteil vom 13. März 2014, habe gewusst, dass ihre Mandanten sich unrechtmässig der Wohnung bemächtigt hätten und der vorgelegte Kaufvertrag gefälscht gewesen sei. Mehr noch: Sie soll bei dem Betrugsversuch eine führende Rolle gespielt haben.

«Ich hatte keine Ahnung, dass die Geschäfte dieser Leute illegal waren»

Tatjana Seifert Rosbalt.ru

Seifert wies jede Schuld von sich: «Ich hatte keine Ahnung, dass die Geschäfte dieser Leute illegal waren», sagte sie dem Internetportal «Rosbalt.ru». Der wahre Grund für den Prozess gegen sie sei ihr Engagement für Olga Litwinenko, deren mächtiger Vater es auf sie abgesehen habe. «Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Racheakt handelt.»

Die Richter des Petersburger Gerichts sahen das anders: Sie verurteilten Seifert zu drei Jahren und sechs Monaten Haft, einen angeblichen Komplizen zu drei Jahren. Zwei Mitangeklagte hatten sich schuldig bekannt, mit dem Gericht kooperiert und kamen mit einer Bewährungsstrafe davon.

Fingierte Anklagen?

Die Vorwürfe gegen ihre Ex-Angestellten seien aus der Luft gegriffen, sagte Olga Litwinenko dem Sender Pik-TV. Die Prozesse zeigten, wie das Recht in Russland mit fingierten Anklagen gebeugt werde. Auch einige wenige nicht regierungstreue Medien meldeten diesen Verdacht an.

Wladimir Litwinenko äusserte sich auf Anfrage nicht persönlich zu den Vorwürfen. Seine Anwältin Swetlana Sawina sagte Spiegel Online: «Der Rektor hat mit den Verfahren gegen die Mitarbeiter seiner Tochter nicht das Geringste zu tun, schliesslich ist er kein Staatsanwalt.» Mit der negativen Berichterstattung solle Druck auf die Strafverfolgungsbehörden ausgeübt werden, mutmasst die Juristin. Ihr Mandant habe Tatjana Seifert in seinem Leben nur zweimal kurz getroffen. Die kleine Ester-Maria lebt laut Sawina inzwischen bei ihrem leiblichen Vater, dies sei der Tatsache zu verdanken, dass Olga Litwinenko sich einfach aus Russland abgesetzt habe.

Seit Sommer 2012 sitzt Tatjana Seifert in Untersuchungshaft. Die 55-Jährige ist herzkrank, sie leidet unter Arteriosklerose und Bluthochdruck. Die Haftbedingungen sind schlecht, die 85-jährige Mutter Nina Iwanowna fürchtet um das Leben ihrer Tochter.

Am Montag geht der Prozess in die zweite Instanz. Die Staatsanwaltschaft hatte Berufung eingelegt, weil ihr das Strafmass zu gering erschien.

Tatjana Seifert beteuert noch immer ihre Unschuld. Olga Litwinenko ist verschwunden. Und Wladimir Litwinenko wurde inzwischen von der sächsischen TU Bergakademie Freiberg die Ehrendoktorwürde überreicht.

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Trump drückt in der Russland-Affäre den Panik-Knopf

Donald Trump fordert Justizminister Jeff Sessions auf, die Untersuchungen des Sonderermittlers Robert Mueller «unverzüglich» zu beenden. Die Nervosität im Umfeld des US-Präsidenten nimmt zu.

Hat sich Russland zugunsten von Donald Trump in die US-Wahl 2016 eingemischt? Gab es Absprachen zwischen Trumps Wahlkampfteam und Moskau? Seit mehr als einem Jahr untersucht der frühere FBI-Direktor Robert Mueller als Sonderermittler die mögliche Russland-Connection. Trump hat seinen Ärger über die «Hexenjagd» wiederholt zum Ausdruck gebracht.

Nun hat der Präsident weiter an der Eskalationsschraube gedreht und so deutlich wie nie zuvor das Ende der Mueller-Ermittlungen gefordert. Am Mittwoch …

Artikel lesen
Link to Article