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Ein Mitarbeiter des «JIT»-Teams bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse. Bild: SERGEI ILNITSKY/EPA/KEYSTONE

Verzweifelte Angehörige: Es wird wohl nie geklärt werden, wer den MH17-Abschuss befahl

Ermittler haben einen umfangreichen Bericht zum Absturz von Flug MH17 vorgelegt. Wichtige Fragen sind geklärt. Doch wer den Befehl zum Abschuss des Flugzeugs über der Ukraine gab, werden die Angehörigen wohl nie erfahren.

28.09.16, 20:01

Christina Hebel

Ein Artikel von

Wer ist Schuld? Mehr als zwei Jahre schon quält diese Frage die Angehörigen der 298 Opfer von Flug MH17. Sie wollen verstehen, warum ihre Familienmitglieder und Freunde am 17. Juli 2014 über der Ostukraine in der Boeing 777 der Malaysia Airlines sterben mussten - und damit in den Ukrainekrieg hineingezogen wurden. Doch eine Antwort wird es wohl nicht geben, die Verzweiflung bleibt. Die Ukraine, die mit Moskau verbundenen Separatisten und Russland kämpfen nicht nur am Boden, sie ringen auch um die Deutungshoheit über dieses Unglück.

Der Unglücksflug #MH17 – eine Chronik

Das wurde bereits zu Beginn der Woche deutlich, als Russland eine neue Version zum Abschuss von MH17 veröffentlichte - und sich damit selbst widersprach. Das internationale Ermittlerteam unter der Führung der niederländischen Staatsanwaltschaft verfolge eine falsche Spur, sagte der Luftwaffengeneral Andrej Koban. Man habe zufällig Radardaten gefunden, die beweisen würden, dass die Rakete von ukrainischem Gebiet abgefeuert worden sei. Von einem ukrainischen Kampfflugzeug, das laut früheren Angaben aus Moskau für das Unglück verantwortlich gewesen sein sollte, war nun keine Rede mehr.

Video: watson.ch

Dass auch dieser neue Erklärungsversuch nicht lange Bestand haben würde, müsste eigentlich auch den Verantwortlichen im russischen Verteidigungsministerium klar gewesen sein. Am Mittwoch präsentierte das Joint Investigation Team (JIT), eine internationale Kommission unter Leitung der Niederlande, Ergebnisse ihren enorm aufwendigen Ermittlungen:

Im Video: Animation zeigt Details zu MH17-Abschuss

Die präsentierten Belege erhöhen den Druck auf Russland, nicht nur weil sie alle Versionen Moskaus über den Abschuss der Malaysia-Maschine widerlegen. Die Ermittler stützen sich ausdrücklich auch auf Radardaten der Ukrainer. Zwar hätten diese ein neues Radarsystem mit eingeschränkter Reichweite getestet, man habe die Informationen aber auswerten können, sagte der Leiter des Ermittlerteams, Fred Westerbeke. Zudem habe man Fluglotsen befragt. Moskau hatte immer wieder kritisiert, dass Kiew seine Daten nicht zur Verfügung gestellt habe.

Die am Montag von den Russen veröffentlichten Radardaten, die Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow bereits vor der Vorstellung des Reports «unwiderlegbar» nannte, haben die internationalen Staatsanwälte nach eigenen Angaben noch nicht erhalten. Ohnehin nennt das Moskauer Aussenministerium die Ergebnisse «voreingenommen und politisch motiviert».

Die Ermittler bezeichneten ihren Bericht als Zwischenschritt. Es seien weitere Untersuchungen notwendig. Hundert Personen seien identifiziert, die mit dem Absturz in Verbindung gebracht werden könnten, heisst es aus dem Ermittlerteam. Namen nannte es nicht, man wolle die weiteren Untersuchungen nicht gefährden. Allerdings veröffentlichte es am Mittwoch neue Zeugenaufrufe.

Die Angehörigen dürfte das kaum zufriedenstellen. Für sie bringt der Bericht allenfalls ein bisschen mehr Gewissheit. Viele fragen sich, ob das Passagierflugzeug bewusst abgeschossen wurde, oder ob es ein Versehen war, weil die Schützen von einer ukrainischen Maschine am Himmel ausgingen.

Das allein können nur die Verantwortlichen erklären. Doch auf Namen von Schuldigen werden die Angehörigen wohl noch lange warten müssen. Und selbst wenn sich die Teilnahme von russischen Soldaten beweisen liesse, wäre eine Verurteilung schwierig. Vor einem Jahr blockierte Moskau bereits mit seinem Veto im Uno-Sicherheitsrat ein internationales Tribunal zu dem Abschuss von MH17. Russland wird auch diese Ermittlungen nicht anerkennen. Die Täter werden vermutlich nie verurteilt werden, die Verzweiflung bleibt.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Jagr 28.09.2016 21:53
    Highlight Was könnte das Motiv für Russland sein eine Passagiermaschine abzuschiessen? Es gibt kein plausibles Motiv.
    Die Ukrainer/der Westen hätte eines mit dem Überflug Putins.
    Können wir mit einer neutralen Untersuchung rechnen? Kaum, wenn ein NATO Land die Untersuchung führt. Ich lass mich nicht aufhetzen. Bin nur besorgt über solch aggressiven Kräfte...
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    • zialo 28.09.2016 22:46
      Highlight Es braucht keine Absicht wenn der Soldar den Radar nicht korrekt ablesen kann. Es spricht alles gegen die ukrainische Armee. Dort hätte man gewusst, dass man irrsinnig auf ein Linienflugzeug mit Zivilisten zielt.
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    • Maett 28.09.2016 23:03
      Highlight @zialo: naja, die ukrainische Armee hat es auch schon geschafft, ein Zivilflugzeug abzuschiessen, ausserdem hatten sie das oben (und von mir unten) erwähnte Motiv, wohingegen Russland tatsächlich keins hat. Auch die "prorussischen" (eigentlich antiukrainischen, denn immerhin hat die Ukraine ihnen die Grundrechte entzogen - das war übrigens VOR der Rebellion) Rebellen haben keines, sollten sie jemals in Besitz solcher Waffen gewesen sein.

      Ausserdem erfolgt die Zieleinstellung bei Tage auch optisch, eine Verwechslung kann also nur vorliegen, wenn man Putin hätte treffen wollen.
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  • Maett 28.09.2016 20:49
    Highlight Das Verhalten der russ. Regierung ist nicht gerade vertrauenserweckend oder einfach ungeschickt.

    Einen der Hauptverdächtigen an dieser Untersuchung teilhaben zu lassen aber auch. Denn das einzige reale Motiv (wenn es denn eines gab; also kein Versehen vorliegt) hatte die Ukraine (die auch BUKs besitzt): einerseits flog Putin einige Minuten zuvor über dasselbe Gebiet (auch eine weisse Maschine mit roten Seitenstreifen, wie die die MH17), ausserdem wird die UA registriert haben dass die Russen BUKs an der Grenze transportieren und der "Westen" diesen Vorfall automatisch ihnen zuschieben wird.
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    • zialo 28.09.2016 23:04
      Highlight Ihre Argumente überzeugen nicht. Wieso sollte die Ukraine Putin umbringen? Dann hätte sich doch der Westen gegen die Ukraine gestellt und die Ukraine hätte alles verloren.

      Immerhin geben sie zu, dass auch sie denken, dass die Russen BUKs dort herumtransportiert haben. Die haben dort nicht hingehört!
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    • Maett 29.09.2016 01:56
      Highlight @zialo: was für eine blöde Frage: die einflussreiche Timoschenko hat umlängst ihren Willen zum Ausdruck gebracht, ihn (Putin) um die Ecke zu bringen, auch Poroschenko hat eher feindliche Absichten geäussert, um sich dem "Westen" anzubiedern.

      Und den Abschuss hätten sie ja wie gehabt (und bereits erwähnt) den antiukrainischen Rebellen in die Schuhe schieben können.

      Und Russland kann an seinen Landesgrenzen BUKs rumschieben, wie es lustig ist. Da die Ukraine feindliche Verlautbarungen traf und in dieser Region ständig mit Jets unterwegs war, war das sogar eine ziemlich logische Handlung.
      3 2 Melden

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