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Der in Deutschland lebende Autor Wladimir Kaminer denkt auf watson laut über seine Heimat nach. grafik: Danny Frede

«Darum können wir Russen die Demokratie nicht ernst nehmen» 

Er stammt aus Russland und kennt die russische Seele: Bestseller-Autor Wladimir Kaminer («Russendisko»). Mit einem Augenzwinkern und 5 Körnern Wahrheit analysiert er, warum Russland so ist, wie es ist. 

13.04.15, 22:25 14.04.15, 17:41

Wladimir Kaminer

Es war eine verbreitete Meinung in den Ländern, die sich vom Sozialismus befreiten, man kann nicht alles auf einmal haben: Freier Markt, Demokratie und Stabilität. Auf eins von drei «Essentials» muss man verzichten. Auf den freien Markt wollte niemand verzichten, Geld verdienen und ausgeben ist im Kapitalismus der grösste Spass. Die Stabilität war heilig, die Angst vor der Zukunft hatte die Offiziere der Staatssicherheit an die Macht gebracht. Aber Demokratie, was ist das schon? 

Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten … Dem standen die Russen schon immer sehr skeptisch gegenüber, ob es so etwas wie Freiheit überhaupt geben kann. Demokratie ist bloss ein leeres Gerede, von Politikern des Westens erfunden, damit sie vor ihrem Wahlvolk eine gute Figur abgeben können. Freie Presse? Gibt es nicht, die Journalisten werden doch von der Wirtschaft bezahlt. Unabhängige Gerichte, gesellschaftliche Institutionen, die angeblich die Machthabenden kontrollieren können, alles Lächerlichkeiten. 

Leichten Herzens haben die Russen auf die Demokratie verzichtet. Kurz danach stellten sie fest, ohne Demokratie verschmelzt sich die Wirtschaft mit der Macht, der freie Markt und die Stabilität gehen kaputt. Das Land verarmt, der Rubel fällt. Ich habe alles richtig gemacht, wenn irgendetwas schief läuft, ist Obama daran schuld, sagte der russische Präsident. Die Bürger glauben ihm, es ist immer einfacher, jemand anderem die Schuld für den eigenen Blödsinn zu geben. 

In den Restaurants in Moskau hängen Werbeplakate: «Sag ‹Obama ist ein Arsch›, und du bekommst 10% Rabatt auf alle Pelmenis». «Sag es zu Putin und du bekommst 10 Jahre Knast», witzeln die russischen Oppositionellen.

Sind ein russisches Nationalgericht: Pelmenis, in Wasser oder Brühe gekochte und mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. 

Damit ist die russische Führung sauber aus jedem Problem raus: Wenn dem Bürger etwas nicht gefällt, soll er über die Amerikaner schimpfen, vor der amerikanischen Botschaft ist das Demonstrieren immer erlaubt. 

Anstatt zur Botschaft zu gehen, haben die Russen kürzlich vor ihren Banken gestanden – die enttäuschten Hypothekenbesitzer, die ihre Kredite in Dollars genommen haben, um in Rubel Zinsen zu zahlen, das war vor ein paar Jahren ein sicherer Hafen. Durch den Sinkflug der russischen Währung sind ihre Kredite nun unbezahlbar geworden. Im Fernsehen wurde ihnen erklärt: «Obama ist ein Arsch, ihr bekommt in der Kantine auf alle Pelmenis 10% Rabatt». 

Die Menschen stehen trotzdem vor den Banken. Sie wundern sich, dass keiner zu ihnen kommt. Wo ist die freie Presse? Diese Journalisten, die unsere Sorgen und Nöte an die Öffentlichkeit bringen sollen? Sie sind nicht da. Als die letzten Journalisten gekündigt und vertrieben worden waren, habt ihr doch Putins Pelmenis gegessen mit 10% Rabatt. Und es kommt noch härter. 

Der russische Präsident Wladimir Putin bei einer Rede zu einem Jahr «Wiedereingliederung» der Krim. Bild: AP/POOL EPA

Der Präsident spricht bei jeder Gelegenheit vom kollektiven Sterben. «Wir müssen jetzt alle für die Vergrösserung unserer Heimat zahlen und es ist schon immer des Russen Stärke gewesen, zusammen zu sterben, wenn es um die Heimat geht.» Äh? fragen sich Millionen Zuschauer, wieso sterben, jetzt? Wir wollten eigentlich ins Kino, wir hatten doch für morgen ganz andere Pläne. 

Lass uns das klären: Was für eine Vergrösserung? Wir müssen doch gegen diesen Unfug klagen können, wo sind die unabhängigen Gerichte, die bürgerlichen Institutionen, das Parlament, die Opposition? Ihr habt sie doch selbst für unwichtig erklärt, sagen die Pelmenis vom Plakat, ihr habt vor 15 Jahren alle Macht im Land dem Ex-Oberst und seinen Freunden gegeben und allem zugestimmt, was er vorhatte. Jetzt kann er mit euch tun und lassen was er will. Wenn es unerträglich wird, könnt ihr sagen «Obama ist ein Arsch», dann gibt es eine Teigtasche umsonst.

Über den Autor

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Bereits seit 1990 lebt Wladimir Kaminer mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Er ist Autor mehrerer erfolgreicher Erzählsammlungen wie «Russendisko» oder «Liebesgrüsse aus Deutschland». Sein neuestes Buch heisst «Coole Eltern leben länger» (August 2014). Mehr zum Buch>> 

Obiger Text erschien erstmal als Beitrag auf seinem Blog >> 

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    Alle Leser-Kommentare
  • The oder ich 14.04.2015 12:10
    Highlight Sie freuten sich so auf die Spaghetti alla puttanesca und kriegen jetzt nur Pelmenis alla Putinesca.

    Leid können sie einem eigentlich schon tun; aber weder beim Zaren noch bei Lenin/Stalin/Chrutschtschov/Breschnew etc. konnten sie Demokratie lernen und nun macht man ihnen das auch noch zum Vorwurf.

    https://carlgibsongermany.files.wordpress.com/2012/02/russischeundsowjetischestaatschefs.jpg
    4 1 Melden
  • The Destiny 14.04.2015 05:19
    Highlight WoW schon wieder so ein subjektiver Artikel über Russland.

    Wer eine Hypothek in einer fremdwährung aufnimmt sollte sich schon der Risiken des Wechselkurses bewusst sein.

    Hatten wir das nicht kürzlich auch in Polen mit eur-chf Hypotheken?
    8 25 Melden
    • Hand-Solo 14.04.2015 08:14
      Highlight Das ist auch kein Artikel, sondern ein Kommentar, die sind per se IMMER Subjektiv und gibt die persönliche Meinung des Autors wieder, das ist der Sinn eines Kommentars (Siehe Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Kommentar_(Journalismus) )
      Aber Freunde Putins kennen sich mit freiem Journalismus halt nicht so aus ;-)
      24 6 Melden
    • The Destiny 14.04.2015 11:25
      Highlight @Adrian Zollet,was mein Kommentar mit freiem Journalismus zu tun hat oder der dieses Autors ist mir leider nicht ersichtlich,noch ist Journalismus ein Fach in der Schule oder war es.

      Wie ihr verlinkter Artikel sagt sollte ein Kommentar "...wägt unterschiedliche Auffassungen ab,setzt sich mit anderen Standpunkten auseinander und verhilft dem Leser dazu, sich ein abgerundetes Bild über das Ereignis zu machen.“

      Was hier nicht gegeben ist,darum habe ich mich genötigt gefühlt meinen Kommentar dazuzugeben.
      Meine erste Zeile war unnötig,aber die anderen zwei Zeilen haben ihre Daseinsberechtigung

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    • Hand-Solo 14.04.2015 13:00
      Highlight Also was Journalismus ist, und was der Unterschied zwischen einem Kommentar und einem Artikel ist habe ich in der Schule gelernt. Genau das tut er auch, er zeigt den Standpunkt eines emigrierten, gebürtigen Russen auf. Er zeigt hier seine Meinung auf. Nicht mehr, nicht weniger. Von dem her gegeben.
      Ausserdem (Damit komme ich zu den anderen zwei Zeilen) Verurteilt er, dass sie die Schuld für die Hypothek in Fremdwährung dem Westen un die Schuhe schieben, es aber im Grunde deren eigener Fehler ist. Von daher: Keine Daseinsberechtigung ihrer zwei Zeilen, da sie den Inhalt nicht verstanden haben.
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