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Angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen: So schüren russische Medien Angst vor Flüchtlingen

Im Netz kursieren Gerüchte, eine 13-Jährige sei von einer Gruppe Flüchtlinge in Berlin vergewaltigt worden. Die Polizei dementiert. Doch in Russland wird die Geschichte offenbar zu einer Kampagne genutzt.

21.01.16, 22:13 22.01.16, 09:29

Benjamin Bidder, Frank Patalong und Ansgar Siemens



Ein Artikel von

Supporters of anti-immigration right-wing movement PEGIDA (Patriotic Europeans Against the Islamisation of the West) carry various versions of the Imperial War Flag (Reichskriegsflagge) during a demonstration march, in reaction to mass assaults on women on New Year's Eve, in Cologne, Germany January 9, 2016. Picture taken January 9, 2016.     REUTERS/Wolfgang Rattay

Auf einer Linie: Russische und deutsche Neonazis. Letztere im Bild auf einer Demonstration am 9. Januar in Köln.
Bild: WOLFGANG RATTAY/REUTERS

Der TV-Sender Swesda wusste von einer «schockierenden Nachricht» aus Deutschland zu berichten: «Eine 13-jährige Russin wurde in Berlin Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch Flüchtlinge.» Die Rede war im Beitrag von quälenden Stunden in «Sex-Gefangenschaft», gesendet wurde sogar ein angebliches Beweisvideo. Darin geben angeblich Migranten zu verstehen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt.

Ähnlich berichten seit einigen Tagen viele reichweitenstarke Medien in Russland: Im staatlichen TV-Sender Erster Kanal kam eine Tante des Mädchens zu Wort. Das Kind sei von drei Männern über Stunden vergewaltigt worden, an anderer Stelle ist von fünf Männern die Rede.

Die russischen Berichte vermitteln den Eindruck, die Stimmung in der russischsprachigen Gemeinde in Berlin sei explosiv. Der Erste Kanal zitiert einen Mann, der droht, man werde «mit Gewalt auf Gewalt antworten».

Beeinflussung des Deutschlandbilds in Russland

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation in Deutschland werden in sozialen Netzwerken vermehrt Gerüchte gestreut, um Menschen zu verunsichern. Dabei handelt es sich in der Regel um Falschmeldungen, in denen Flüchtlingen Straftaten vorgeworfen werden.

Der Fall des Berliner Mädchens, das aus einer russlanddeutschen Familie stammt, hat eine neue Dimension, weil er das Deutschlandbild in Russland beeinflusst und die Gemüter in der grossen russlanddeutschen Community erhitzt.

Was ist tatsächlich passiert?

Die 13-Jährige war vom 11. bis zum 12. Januar verschwunden. Nachdem sie wieder aufgetaucht war, erzählte sie offenbar zunächst von einer Gruppenvergewaltigung. Bei der Polizei verneinte sie nach Informationen von «Spiegel Online» eine Vergewaltigung. Die Polizei teilte mit, es habe weder eine Vergewaltigung noch eine Entführung gegeben. Details nenne man aus Rücksicht auf das Mädchen nicht.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilte mit, man prüfe «die verschiedenen teils widersprüchlichen Versionen». Ein Verfahren laufe wegen eines möglichen Missbrauchsdelikts. Gegen wen es sich richtet, sagte der Sprecher nicht. Generell ist Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen auch dann strafbar, wenn es sich nicht um eine Vergewaltigung handelt.

Was wird in Russland behauptet?

Die Aufnahme stammt bereits aus dem Jahr 2009.

Anonymous Kollektiv verbreitet seit Jahren rechtsextremes Gedankengut und Aufrufe zur Gewalt gegen Politiker und Journalisten. Die Gruppe ist nicht zu verwechseln mit den Hackern von Anonymous.

Die Nähe zwischen russischen Medien und rechtsextremen Aktivisten fällt im Fall der 13-Jährigen auch an anderer Stelle auf. Der Sender Ren-TV, im Besitz des Putin-Vertrauten Jurij Kowaltschuk, zeigte Bilder von einer NPD-Kundgebung in Berlin, auf der am vorigen Samstag den Behörden Vertuschung vorgeworfen wurde.

Zu Wort kommt in dem Beitrag eine junge Frau, die als Schwester der 13-Jährigen vorgestellt wird. «Sie haben sie ausgelacht, gesagt, niemand werde ihr glauben, dass sie lüge und es selbst gewollt habe», ruft die junge Frau. «Denkt selbst nach, das Mädchen ist 13 Jahre, und sie soll das selbst gewollt haben.» Neben der Rednerin flattert ein Banner der rechtsextremistischen NPD.

File photo of far-right National Democratic Party (NPD) supporters protesting against a refugee asylum in the Hellersdorf district of Berlin, August 24, 2013. Germany's constitutional court said December 7, 2015, it would open proceedings in March on whether to ban the far-right National Democratic Party (NPD), which critics have branded as neo-Nazi.  REUTERS/Fabrizio Bensch/Files

NPD-Aufmarsch am 7. Dezember in Berlin.
Bild: FABRIZIO BENSCH/REUTERS

NPD-Funktionäre bei Protestkundgebung

NPD-Anhänger waren auch bei einer weiteren Protestkundgebung in Berlin-Marzahn dabei. Dort versammelten sich am Montag 250 bis 300 russischsprachige Menschen. Die Beamten lösten die Veranstaltung auf, weil sie nicht angemeldet war. Der Polizeibericht vermerkt namentlich die Anwesenheit der NPD-Funktionäre Sebastian Schmidtke und René Uttke.

In der Flüchtlingskrise üben russische Medien massiv Kritik an der deutschen Regierung – und sympathisieren offen mit Pegida und AfD. «Deutschland ist am Ende», meldete am 12. Januar das Millionenblatt «Komsomolskaja Prawda». Im Zentrum Münchens gebe es keine «bayrischen Bierstuben» mehr, sondern nur noch islamische «Halal-Läden und Kebab-Verkäufer».

Russlands Propaganda nutzt die Flüchtlingskrise, um Schreckbilder von Europa zu verbreiten und Russland positiv abzuheben. Präsident Putin bot Russland jüngst als Zuflucht für europäische Juden an, die vor Islamisten in Deutschland und anderswo fliehen müssten. «Wir sind bereit», sagte der Präsident.

Die häufigsten Desinformationen rechter Demagogen

AfD-Mann Uwe Wappler fantasiert von Vergewaltigungen.
YouTube/leftsideharz

Typ 1: Die Vergewaltigungs-Meldung

Typ 2: Deutschland als Selbstbedienungsladen für Fremde

FILE - In this Nov. 10, 2015 file picture Syrian refugee Reem Habashieh goes shopping in a Arabian shop in Zwickau, eastern Germany. The Habashieh family are among an unprecedented wave of asylum seekers - more than one million this year - who have come to this rich country seeking a fresh start. Like hundreds of thousands of other Syrians refugees, they fled the brutal civil war that destroyed their Damascus home and left many relatives dead. Settling in Germany has raised new challenges. They have struggled with the country’s bureaucracy, overcrowded asylum shelters and at times the residents’ open hostility.  (AP Photo/Jens Meyer, file)

Sie bezahlt: Eine Syrerin kauft in Zwickau ein.
Bild: Jens Meyer/AP/KEYSTONE

Typ 3: Die Sache mit den toten Tieren

Des personnes regardent des chevres lors de la manifestation

Bild: KEYSTONE

Typ 4: Bevorzugung von Flüchtlingen

epa04968244 A police officer cordons off an area in front of a former hotel, which is now used to house refugees, in Ingolstadt, Germany, 08 October 2015. A fire broke out at the centre, which is occupied by around 100 refugees. The cause of the fire is unknown. Four people were hospitalized. Despite growing criticism of her open policy toward accepting refugees, German Chancellor Angela Merkel said 07 October during a rare appearance on a television talk show that she intends to maintain the course she has chosen.  EPA/STEFAN PUCHNER

Ein Hotel in Ingolstadt in Bayern, auf das ein Brandanschlag verübt wurde.
Bild: EPA/DPA

Typ 5: Warum wir von all dem nichts erfahren

epa04586990 A protester holds up a banner reading 'Truth instead of liar press!' during a rally of the anti-Islamic Pegida (Patriotic Europeans against the Islamization of the West) movement in Villingen-Schwenningen, Germany, 26 January 2015. Several rallies were held against the Pegida movement and its local offshoots.  EPA/DANIEL NAUPOLD

Pegida-Demonstration.
Bild: EPA/DPA

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Go-away 22.01.2016 09:05
    Highlight Und das machen nur die russischen Medien? Die westlichen natürlich nie. Nein, sicher nicht.
    26 15 Melden
  • Dingsda 22.01.2016 00:44
    Highlight Der Titel des Artikels könnte auch anders heissen: "Angebliche vergewaltigung einer 13-Jährigen: Wie der Spiegel die Angst vor Russischen Medien schürt"
    Auch wenn ich mir immer gerne die Meinung von allen Seiten anhöre um mir eine eigene, möglichst objektive zu bilden, muss ich sagen dass der Spiegel eine grössere Hetze gegen russische Medien betreibt als die russischen Medien gegen die Flüchtlinge, und desswegen bei mir ihre Sicht der Dinge immer mehr an Gewicht verliert. Ich hoffe Watson distanziert sich eines Tages von Spiegel oder wird integer genug um einige ihrer Artikel zu hinterfragen.
    62 65 Melden
    • Hierundjetzt 22.01.2016 07:07
      Highlight Jaaa, wenn Sie jetzt auch noch den Artikel gelesen hätten... Aber ich verstehs, man muss Prioritäten setzten.

      Überschrift lesen- Inhalt zusammenreimen, Das muss genügen.
      44 15 Melden
    • Yolo 22.01.2016 08:55
      Highlight Hierundjetzt: So wird heute unsere erfolgreiche Angstpolitik gemacht
      22 6 Melden
  • Toni K. 22.01.2016 00:21
    Highlight Danke, Watson, für diese ausgezeichnete Analyse! Leider lesen solches vorwiegend die Falschen: jene nämlich, die es zumindest ansatzweise eh schon wissen. Wie die dumme Niedertracht der Gerüchteküche, so dreht sich halt auch die Aufklärung darüber im Kreis. Was euch nicht davon abhalten soll, weiterhin auch Gescheites zu publizieren. Irgendwas bleibt schon hängen ...
    49 45 Melden

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