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Putins Härtefall – ein Anschlag im dümmsten Moment

Nach der Bombenattacke in Sankt Petersburg trauert Russland. Präsident Putin geht es darum, Stärke zu beweisen. Seinem Land stehen Grossereignisse bevor – da kann er keinen neuen Terror brauchen.

Christina Hebel



epa05886779 Russian President Vladimir Putin (C) lays flowers outside Tekhnologicheskiy Institut metro station after an explosion took place earlier in the day, in Saint Petersburg, Russia, 03 April 2017. According to reports, at least 11 people were killed and dozens were injured in an explosion in the city's metro system. Russia's National Anti-Terrorist Committee said that an explosion hit a train between Sennaya Ploshchad and Tekhnologichesky Institut stations, media added. An anti-terror investigation is underway.  EPA/ANATOLY MALTSEV

Putin am Tatort. Bild: ANATOLY MALTSEV/EPA/KEYSTONE

Ein Artikel von

Spiegel Online

Walerij Arichwow schaut lange auf die vielen roten Nelken, die Petersburger zur Metrostation Technologisches Institut bringen. «Unschuldige Menschen mussten hier sterben, es ist schrecklich», sagt der 59-Jährige. Neben ihm wischt sich eine ältere Dame Tränen aus dem Gesicht. «Wir lassen uns keine Angst machen», gibt sich Arichwow kämpferisch. Natürlich fahre er wieder U-Bahn.

Er ist einer von vielen, die am Dienstag einige Minuten innehalten. Sie zünden Kerzen an, gedenken der 14 Menschen, die eine Bombe in einem U-Bahn-Waggon tötete. Der Fahrer stoppte den Zug hier in der Station. Auch hier legen Menschen Blumen nieder, viele bekreuzigen sich, als sie vorbeigehen. Noch immer riecht es schwach nach Rauch.

Das Staatsfernsehen zeigt am Dienstag Listen mit 49 Namen. Es sind die Verletzten, die in den Krankenhäusern von Sankt Petersburg behandelt werden. Metallkugeln, die aus der Bombe stammen sollen, werden gezeigt. Am Nachmittag dann die Meldung: Der 22-jährige, in Kirgisien geborene Russe Akbarschon Jalilow soll den Selbstmordanschlag verübt haben. Auf den Resten der explodierten Tasche seien seine DNA-Spuren gefunden worden, hiess es vom Ermittlungskommitee.

«Herausforderung für jeden Russen»

Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow äussert sich nur kurz am Dienstag: «Ein jeder Anschlag ist eine Herausforderung für jeden Russen, auch für den Präsidenten», sagt er.

epa05886221 A handout photo made available by megapolisonline.ru via VKontakte (VK) shows a damaged train station shortly after an explosion in a metro of Saint Petersburg, Russia, 03 April 2017. According to reports, at least 10 people were killed and dozens injured in an explosion in the city's metro system. The cause of the blast was not immediately known. Russia's National Anti-Terrorist Committee said that the explosions hit a train between Sennaya Ploshchad and Tekhnologichesky Institut stations, media added.  EPA/megapolisonline.ru HANDOUT -- BEST QUALITY AVAILABLE -- HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES/NO ARCHIVES

Aufnahme kurz nach dem Attentat. Bild: EPA/VKONTAKTE/SPB_TODAY

Dieser Anschlag ist jedoch bemerkenswert, weil er die Heimatstadt von Wladimir Putin getroffen hat – zu einem Zeitpunkt, als der Präsident sogar in der Stadt war. Seit Putin Russland regiert, seit 17 Jahren, hatte es in Sankt Petersburg keinen grösseren Terrorakt mehr gegeben.

Anschläge trafen meist die Hauptstadt Moskau: die Geiselnahme im Dubrowka-Theater 2002, die mit einem Blutbad mit mindestens 170 Toten endete; die Bombenanschläge auf die Moskauer Metro 2004 und 2010 mit mehr als 30 Toten; das Selbstmordattentat im Flughafen Domodedowo 2011, bei dem 36 Menschen starben. Die Bilder dieser Attentate haben sich tief in das Gedächtnis vieler Russen gegraben.

Kontrollen in allen grösseren Bahnhöfen, in Museen oder Einkaufszentren gehören in Russland zum Alltag, auch in Sankt Petersburg. In den Metro-Stationen muss man durch den Metalldetektor gehen, manchmal auch seine Tasche vorzeigen.

Die Sicherheitslage schien sich in den vergangenen Jahren beruhigt zu haben, Putins Versprechen von Stabilität im Land schien aufzugehen, auch wenn viele nur wenig Vertrauen in die Integrität der Sicherheitskräfte haben. Dabei gab es immer wieder Meldungen von Festnahmen angeblicher islamistischer Terroristen in Russland, insbesondere im Süden, im Kaukasus. Doch nicht immer ist klar, wer diese Täter sind und welcher terroristischer Verbrechen sie genau beschuldigt werden. Zuletzt war vergangene Woche in Tschetschenien ein russischer Militärstützpunkt angegriffen worden.

Experten warnen vor einer Radikalisierung der Islamisten im Land, auch weil Russland in Syrien militärisch eingreift und sich damit zum Ziel mache. Offiziell nennt Putin diese Operation einen Anti-Terror-Einsatz gegen den «Islamischen Staat».

Stärke demonstrieren

Russland steht vor wichtigen Grossereignissen, im Juni soll in Sankt Petersburg der Confederations Cup eröffnet werden, die Generalprobe für die Fussball-WM ein Jahr später im Land. Im März will sich Putin wieder zum Präsidenten wählen lassen.

Putin, selbst ein Mann des Geheimdienstes, kann sich keine Schwächen leisten. Er ist bekannt für seine deutlichen Worte, wenn es um den Kampf gegen Terroristen geht: «Man muss die Höhlen finden und sie wie Ratten vernichten», sagte er etwa 2006. Nach dem Attentat in Sankt Petersburg äusserte er sich bisher nur zurückhaltend, am Montag liess er sich lediglich im Kreis von Sicherheitsleuten zeigen: Er studierte Bilder aus der Metro.

So tickt Putin – privat wie politisch

Der Sicherheitsapparat versucht, Stärke zu demonstrieren: An den Flughäfen und Bahnhöfen Russlands wurden die Kontrollen noch einmal verstärkt, auch in der Metro in Sankt Petersburg. «Der Präsident wird nun sicher die richtigen Entscheidungen treffen», sagt Wjatscheslaw, Offizier im Ruhestand. Der 56-Jährige legt mit seiner Frau Blumen vor der Metrostation ab. Am Dienstag fuhren zahlreiche Politiker im übrigen demonstrativ und medienwirksam mit der Metro.

Andere wissen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Sie kritisieren die bisherigen Kontrollen in der U-Bahn. Die seien «zu lax» gewesen, sagt etwa der 19-jährige Pawel. Taschen würden wenn nur selten durchleuchtet.

«Die Metalldetektoren bringen doch nichts bei so vielen Menschen», sagt Jekaterina, 41 Jahre. 2011 hatte Dimitrij Medwedew, damals noch Präsident, angeordnet, die Detektoren an den Bahnhöfen zu installieren. Verkehrsexperten hatten bereits damals gewarnt, dass dies nicht unbedingt die Sicherheit gewährleisten könne, bei so vielen Fahrgästen.

Jekaterina hat Angst um ihren Sohn, der mit der Metro zur Schule fahren muss. Sie ist nicht die einzige, die am Dienstag mehr Polizei in der Stadt fordert.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 05.04.2017 08:00
    Highlight Highlight Auf dem Bild sieht Putin "knautschig" aus.
    Auch ein Macho-Rambo wie er wird mit der Zeit alt...
    Und dann kommen jüngere, kräftigere Leitwölfe, die ihm seine Führungs-Position streitig machen.
    Ich höre sie schon heulen: Nawalni, Chodorkowski, und wer noch?
    und durch die Weiten der Russischen Taiga streift auch ein Tiger, wie in dem denkwürdigen Film mit der denkwürdigen Filmmusik (Wie hiess der noch gleich?):
    Naa naanaa nananaanananaaa naaananananananaaaa!
    Naananaa nananaaa naanananaaa naaananananananaaa! usw.
    1 2 Melden
  • Stojan 04.04.2017 22:47
    Highlight Highlight Gibt es auch gute Momente für einen Anschlag?!?! Was ist das für ein Titel... Schämt ihr euch nicht?
    23 8 Melden
    • Ralph Steiner 04.04.2017 22:53
      Highlight Highlight Natürlich gibt es die nicht, Stojan. Der Titel dieses Textes bezieht sich jedoch direkt auf die Situation, in welcher sich Putin derzeit befindet. Deshalb kann man dies durchaus so formulieren.
      14 20 Melden
  • blondkoala 04.04.2017 20:06
    Highlight Highlight mir tut es für alle verstorbenen sowie den betroffenen famillien wirklich sehr leid..niemand verdient so etwas.
    aber, aaaaber: wenn man in andere länder fliegt, ziellos ganze dörfer bombardiert, unschuldige kinder, frauen und männer tötet (ein bisschen mehr als diese tote bei diesem anschlag), welches ist genau die erwartung von putin? tztztz immer dasselbe...
    17 39 Melden
    • Pitsch K. Matter 04.04.2017 20:56
      Highlight Highlight Du hast recht, aber sagst du das auch zu den Anschlägen in der USA, Frankreich und Deutschland? Alle diese Länder bombardieren ziellos unschuldige Kinder, Frauen und Männer. Genau wie Russland und die Türkei auch.
      48 10 Melden
    • blondkoala 04.04.2017 20:59
      Highlight Highlight absolut!!!! ich nahm russland als beispiel weil es sehr aktuell ist..
      28 5 Melden
    • MaxHeiri 04.04.2017 22:54
      Highlight Highlight Auge um Auge, Zahn um Zahn... Finde ich weniger weise Worte von dir!
      6 5 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Maett 04.04.2017 19:50
    Highlight Highlight "auch in Sankt Petersburg. In den Metro-Stationen muss man durch den Metalldetektor gehen" - man kann auch neben ihnen vorbeigehen, denn aktiv sind die normalerweise sowieso nicht und Sicherheitskräfte hat es auch keine.

    Die sind einfach fix installiert und werden jeweils in Betrieb genommen, wenn eine erhöhte Gefährdungslage vorliegt.

    Letztendlich war es ein Terroranschlag, wie er in jeder Stadt der Welt vorkommen kann. Wenn da vorgängig keine Kommunikation herrscht, ist es schwer, dagegen vorzugehen.

    Mein herzliches Beileid den Betroffenen und Angehörigen.
    22 3 Melden
    • Neruda 04.04.2017 21:54
      Highlight Highlight War im Herbst 2015 dort und Kontrollen fanden in der Metro keine statt. An Metalldetektoren kann ich mich nicht mehr erinnern. Im Finnischen Bahnhof musste man durch Metalldetektoren durchgehen, aber die Polizei, wenn sie da war, hat es nicht interessiert ob diese dauernd piepsten.
      8 1 Melden
  • RETO1 04.04.2017 19:34
    Highlight Highlight ..und heute kamen in Syrien 100 Personen zu Tode durch einen Giftgaseinsatz
    jeder mache sich seine Gedanken!
    10 23 Melden
    • The Destiny // Team Telegram 04.04.2017 21:02
      Highlight Highlight LOL Hier einmal einen Aluhut.
      16 14 Melden
  • AJACIED 04.04.2017 19:01
    Highlight Highlight Ihr steht das durch liebe Genossen/-innen. 🙏👍👍
    17 23 Melden

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