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Moskau

Moskau – Millionen-Moloch im Herzen Russlands.  Bild: Mario Heller

Hinter den Fassaden – so wohnt man in Moskau

Hübsch waren die Plattenbauten Russlands nie. Aber sie linderten die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie sind längst am Verfallen und werden in Moskau unter Bürgermeister Sergej Sobjanin nun abgerissen. Wir stellen drei Bewohner vor, bevor sie ausziehen müssen.

06.11.17, 20:22 06.11.17, 21:52

Thorsten Gutmann (Text) und Mario Heller (Bilder)



Zuckerbäckerstil – und überhaupt zu wenig Wohnraum. Das Thema beschäftigt die russische Gesellschaft schon lange. Im Jahr 2017 steht die Wohnungsfrage in Russland immer noch im Mittelpunkt. Die aktuellen Entwicklungen in der Hauptstadt Moskau sind ein Spiegelbild der Probleme, die seit einem Jahrhundert das Verhältnis zwischen Mensch und Lebensraum prägen. Auch hundert Jahre nach der Oktoberrevolution bewegen Themen wie Eigentum und Privatsphäre das Land. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg hausten viele Familien im städtischen Raum in Baracken. Durch die Landflucht waren die sogenannten Kommunalkas überfüllt wie nie. Als Nikita Chruschtschow nach Stalins Tod im März 1953 zum Parteichef aufstieg, liess er überall grosse Mehrfamilienhäuser entstehen. Eine Rede Ende 1954 an einem Moskauer Baukongress veränderte die Baupolitik nicht nur in Russland, sondern im gesamten Ostblock. Chruschtschow ebnete den Weg von prunkvollen Stalin-Bauten zu uniformen, einfachen, aus Bauelementen gefertigten Wohnhäusern. Es war der Beginn der Tauwetterperiode und eines wirtschaftlichen Aufschwungs, der zumindest bis zum Ende der 1950er-Jahre anhalten sollte.

Gigantisches Abrissprogramm

In Moskau werden nun rund 4500 Plattenbauten aus der Ära Chruschtschow abgerissen. Eigentlich hätte dies vor Jahrzehnten schon passieren müssen. Eine Vielzahl der Wohnhäuser, die zumeist fünf Stockwerke haben, sind in einem baufälligen Zustand. Doch erst Bürgermeister Sergej Sobjanin hat die Entscheidung getroffen, das historische Projekt an die Hand zu nehmen. Das Abrissprogramm gehört zu den gigantischsten der Geschichte und kostet voraussichtlich 3,5 Billionen Rubel, umgerechnet 51 Milliarden Euro. Bis zu einer Million Bewohner müssen umgesiedelt werden. 

Die Pläne stossen in der Bevölkerung nicht überall auf Gegenliebe. Mitte Mai strömten über 20'000 Moskauer zu einer Demonstration gegen die geplanten Abrisse. Viele Menschen haben Angst, zugunsten der Baubranche an die Ringautobahn MKAD gedrängt zu werden. 

Heute sind die als «Chruschtschowka» bekannten Gebäude kaum aus dem Stadtbild wegzudenken. Während die niedrigen Decken und engen Zimmer für viele ein Gräuel sind, gehören sie für andere Russen zu ihrer Identität.

Chruschtschowka

«Chruschtschowka» in Moskau. Bild: Mario Heller

Wohnungen fürs Kollektiv

Wer die Wohnungsfrage in Moskau jedoch nur anhand des Abrissprogramms bewertet, erfasst nur einen Bruchteil ihrer Vielfältigkeit. In der Vergangenheit wurde die Wohnungsfrage durch den sozialistischen Wohnungsbau beantwortet, bei dessen Entscheidungen das Individuum kein Mitspracherecht hatte. Doch das enge Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Milieus in Kommunalwohnungen war eine grosse Belastung, die bis heute Auswirkungen auf die russische Kultur hat.

Erst die von Chruschtschow beauftragten und in Windeseile produzierten Plattenbauten ermöglichten dem sowjetischen Bürger, Rückzug und einen Hauch von Freiheit zu finden. Im modernen Russland gibt es nun endlich auch als Individuum die Möglichkeit, die Wohnungsfrage zu beantworten. Doch wie im Kapitalismus üblich, ist sie vor allem eine Geldfrage. Wer kein Geld hat, um in einem modernen Bau zu wohnen, ist auf das Erbe der sowjetischen Vergangenheit angewiesen – oder auf eigene Kreativität. Es gibt Menschen, denen es trotz widriger Umstände gelungen ist, eine originelle und gemütliche Antwort auf die quälende Wohnungsfrage zu finden.

Tanja

Tanja

Bild: Mario Heller

Tanja (34) lebt in einem fünfstöckigen Plattenbau aus der Chruschtschow-Ära, der in zwei bis drei Jahren abgerissen werden soll. Die junge Frau mit Kurzhaarschnitt und grünen Strähnen träumt von einem Leben in Europa. «Dort gibt es Menschenrechte, eine starke Wirtschaft, soziale Garantien und Toleranz. In Russland läuft alles in umgekehrter Richtung», sagt sie. Eine hellbraune Hauskatze fläzt sich aufs Bett. Tanja vergleicht ihre Wohnung wegen der Grösse mit einem Wandschrank. Die Einrichtung wirkt sauber und gemütlich zugleich. Obwohl sie winzige 28 Quadratmeter mit ihrer Lebenspartnerin teilen muss, fühlt sie sich wohl. Sie arbeitet als Texterin bei einer Werbeagentur und kommt gut über die Runden.

Obwohl es den Russen im Vergleich zu den 1990er-Jahren besser gehe, bereite ihr die gesellschaftliche Entwicklung Bauchschmerzen. Dies liege an den Medien. «Der Normalverbraucher schaut Fernsehen, sprich Staatspropaganda», erklärt sie. Auch das gross angelegte Abrissprogramm der Stadt sieht sie kritisch. Zwar befürwortet sie, dass baufällige Häuser erneuert werden, doch die Politik versage. Sie glaubt nicht, dass die Eigentümer einen adäquaten Ersatz erhalten. Ein Aktivist aus dem Bekanntenkreis, welcher die Petitionen gegen das Abrissprogramm organisiert hatte, wurde in einer Nacht auf dem Nachhauseweg erstochen. Die Hintergründe des Vorfalls sind ungeklärt.

Uljana

Uljana

Bild: Mario Heller

Uljana (44) lebt in einem Haus, das 1951, zum Ende der Stalinzeit, erbaut wurde. Ihre 1-Zimmer-Wohnung ist hell und freundlich. Obwohl das Haus nicht aus der Chruschtschow-Ära stammt, ist es nachträglich in das Abrissprogramm der Stadt Moskau aufgenommen worden. Doch Uljana und ihr Ehemann sind gegen den Abriss. «Wir wollen nicht ausziehen, uns geht es hier sehr gut», erklärt sie. Sie kauften die Wohnung im November 2015 für fünf Millionen Rubel – beim damaligen Wechselkurs ungefähr 71'500 Euro. «Die Stadtverwaltung hatte uns damals versprochen, dass das Haus bestimmt nicht abgerissen wird», sagt Uljana. Sie und ihr Ehemann sind davon überzeugt, dass die Abstimmung über das Abrissprogramm mit unlauteren Mitteln zustande kam. «Es gibt eine Frau in der Verwaltung, die offenbar ein finanzielles Interesse am Programm hat», erklärt sie. «Sie hat bei allen Omas im Haus geklingelt und sie dazu überredet, für den Abriss zu stimmen.»

In der Wohnung zieren Akustik- und Elektrogitarren die Wände, da ihr Ehemann Musiklehrer ist. Unverputztes Mauerwerk gibt dem Raum eine warme Atmosphäre. Ein heller Holzboden, Sitzkissen, eine hohe Decke und Schiebetüren strahlen Leichtigkeit aus. Uljana stammt aus dem südrussischen Krasnodar, hat schwarze Haare, dunkle Haut und ein kluges Gesicht. Verärgert spricht sie über die undurchsichtige Kommunikation der Stadt. «Wir haben keine Ahnung, wohin sie uns umsiedeln.» Für Investoren könnte das Grundstück tatsächlich von Interesse sein. Es sind bloss 5 Minuten Fussweg zur Metro, 15 Minuten Fahrt bis ins Stadtzentrum und es gibt üppige Parkanlagen.

Generell findet es Uljana gut, dass die baufälligen fünfstöckigen Plattenbauten, die als «Chruschtschowka» bekannt sind, abgerissen werden. Doch sie versteht nicht, was ihre «Stalinka» damit zu tun hat. «Bei einer alten Frau ist wohl der Fussboden kaputt. Das ist doch kein Grund, um das ganze Haus abzureissen. Lasst uns doch der alten Frau helfen!», erklärt sie kämpferisch. Nun will Uljana gemeinsam mit ihren Nachbarn eine Sammelklage organisieren und vor Gericht ziehen. Ob die Aktion erfolgreich sein wird, ist ungewiss – doch ihre Hoffnung ist nicht erloschen.

Iwan

Iwan (29) lebt in einem Plattenbau in Moskau und teilt sich die Wohnung mit seiner Partnerin und seiner Mutter.

Bild: Mario Heller

Iwan (29) lebt in einem Plattenbau in Moskau und teilt sich die Wohnung mit seiner Partnerin und seiner Mutter. Die Möbel in der Wohnung des jungen Mannes, der wegen eines Traumas im Rollstuhl sitzt, sind alle speziell. Rund anderthalb Jahre arbeitete Iwan an einem Konzept für sein Zimmer und besorgte Hölzer, Stoffe und andere Materialien im Baumarkt. Danach schliff, hämmerte, bohrte, lackierte und sägte er. Das Ergebnis ist beeindruckend. Das Bett aus Nussholz mit 12 Schubladen lässt sich ohne grosse Mühe zu einem Tisch umfunktionieren.

Iwan wirkt schüchtern. Erst nach Fragen zu seinem zweiten Hobby taut er auf – dem Sport. «Ich spiele Rollstuhl-Basketball und bin in der Nationalmannschaft», berichtet er mit Stolz. Auf einem Marathon entdeckte er das Handbike. Kein Wunder, hat Iwan auffällig markante Oberarme und breite Schultern. «Ich bin zweifacher russischer Meister», erzählt er beiläufig. Ein Foto seines Idols verdeckt den Computerbildschirm: Alessandro Zanardi, mehrfacher paralympischer Sieger im Handbike.

Iwan erhält Rückendeckung von der russischen Regierung, die Kosten wie Miete und Training übernimmt. «Ich habe alles, um Weltmeister zu werden», sagt er überzeugt. In Moskau fühlt er sich wohl, obwohl die U-Bahn für Rollstuhlfahrer nicht geeignet ist. Früher lebte er in einem Dorf, in dem er Holz für den Winter hacken und Wasser aus dem Brunnen holen musste.

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    Alle Leser-Kommentare
  • PaLve! 07.11.2017 00:28
    Highlight Abreissen finde ich gar ein bisschen radikal, da die Plattenbauten qualitativ mal recht gut waren, so lassen aber ist auf keinen Fall gut, in dem Zustand in dem sie sich befinden. Ich finde die Berliner haben aus ihren zum Teil echt schöne Bauten gemacht nach der Wende, da würde ich in so einem wohl lieber wohnen als in einem Altbau. Bei diesen gibt es des öfteren Probleme mit der Heizung oder der Ringhörigkeit, was bei Plattenbauten nicht der Fall ist.
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