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Bild: RIA NOVOSTI/REUTERS

Obama und Putin beim UNO-Gipfel: Sie reden – und die Welt schöpft Hoffnung

45 Minuten für die Ukraine, 45 Minuten für Syrien: US-Präsident Barack Obama und Russlands Präsident Wladimir Putin haben nach langer Zeit wieder miteinander geredet. Herzlich war das Gespräch wahrlich nicht – gibt es trotzdem Hoffnung für Syrien?

29.09.15, 06:50 29.09.15, 07:15

Veit Medick und Marc Pitzke, New York / Spiegel Online

Ein Artikel von

Wladimir Putin wirkt müde, aber aufgekratzt. Schweiss lässt sein Gesicht glänzen, die Stirn juckt, die Augenlider sind schwer. Seine Worte jedoch klingen vorsichtig positiv: «Das Gespräch, das wir heute hatten, war sehr konstruktiv», sagt er. «Sachlich und sehr offen.»

Besagtes Gespräch war der Höhepunkt des Tages am Rande des New Yorker UNO-Gipfels: Eineinhalb Stunden lang redeten der russische Präsident und sein US-Amtskollege Barack Obama. Es war ihr erstes richtiges Treffen seit 2013, von informellen Kontakten abgesehen.

Hochspannung am East River, wo mehr als 150 Staatschefs zum 70. UNO-Jubiläum zusammenkamen. Syrien und die Ukraine standen ganz oben auf der Tagesordnung – würden Washington und Moskau darüber zueinander finden?

Jedenfalls stehen die Zeichen auf Entspannung, als Putin im Anschluss – allerdings alleine – vor die Presse tritt. Er versucht den Streit herunterzuspielen. Man habe Gemeinsamkeiten und Differenzen, wie jeder eben. Aber: «Ich glaube, dass es trotzdem einen Weg gibt, die Probleme, denen wir gegenüberstehen, gemeinsam anzugehen.»

«Wir halten es für einen enormen Fehler, die Zusammenarbeit mit der syrischen Regierung zu verweigern.»

Wladimir Putin

Ähnliches von der anderen Seite, wiewohl etwas gedämpfter. «Ein geschäftsmässiges Hin und Her», so umschrieb ein hochrangiger Obama-Berater das Treffen. «Es gab ein gemeinsames Verlangen, einen Weg zu finden, wie man die Situation in Syrien angehen kann.»

Ein Rededuell am Morgen

Immerhin: Nette Worte nach einem langen Tag, dem es an scharfen Tönen nicht mangelte. Das begann morgens mit dem Rededuell. Obama sprach als erster, als Putin noch auf dem Weg zur UNO-Zentrale am East River war. Er trat knapp eine Stunde später ans Pult, zum ersten Mal seit zehn Jahren.

Nüchterne Atmosphäre: Obama, Putin und ihre Berater während des Gesprächs
Bild: RIA NOVOSTI/REUTERS

Die diplomatischen Kaffeesatzleser analysierten prompt jeden Satz. Wer kritisierte wen am meisten? Wer war kompromissbereiter? Und was sagten sie übers Schicksal des syrischen Machthabers Baschar al-Assad – Hauptstreitpunkt im Kampf gegen den «Islamischem Staat»?

Alles beim Alten, so schien es zunächst. Obama nannte Assad einen Tyrannen, der beseitigt werden müsse. Putin unterstützte Assad, wenn auch nicht namentlich: «Wir halten es für einen enormen Fehler, die Zusammenarbeit mit der syrischen Regierung zu verweigern.»

Optimisten bei der Arbeit

Zwischen den Zeilen jedoch glaubten Diplomaten Anzeichen des Wandels herauszuhören. Beispiel Putin: Auf den UNO-Fluren wurde darauf verwiesen, dass der weit davon entfernt gewesen sei, Assad einen echten Treueschwur zu leisten. War das ein Hinweis, dass auch Putin sich mit der Idee einer Übergangslösung anfreunden könnte?

Im Falle Obamas nahmen die Optimisten ähnliche Signale wahr – nur andersherum: In der Tat schloss Obama Gespräche ebensowenig aus wie eine Übergangslösung mit Assad. Könnte das vielleicht der erste, kleine, gemeinsame Nenner zwischen Washington und Moskau sein?

Die Deutungsversuche gingen beim Mittagessen weiter, das UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon gab. In der Delegiertenlounge, bei geräucherter Forelle mit Gurke und Sellerie, hatte der die Platzordnung manipuliert: Obama zu seiner Rechten, Putin zur Linken – und als Ban dann zum Trinkspruch ans Pult trat, waren sie plötzlich Sitznachbarn.

Vor verhängten Fenstern sassen sie sich an einem hufeisenförmigen Tisch gegenüber, flankiert von je sechs Beratern. Viele Zeugen, wenig Spontaneität. Und doch: Man redete miteinander.

Würden sie miteinander anstossen? Es war schwer zu sehen, erst ein Pressefoto klärte die Frage auf: Ja, die Gläser klirrten, Putin lächelte, Obama nicht. Der Russe bestätigte die kurze Geste später amüsiert: «Da war nichts dabei, ein protokollarischer Moment, nichts mehr.»

Die Feinanalyse der Tischsitten ging dennoch weiter, als sich das Duo dann offiziell traf. Obama und Putin posierten vor ihren Flaggen, ein US-Adlatus hatte das Sternenbanner schnell noch zurechtgezupft. Handschlag, Blitzlicht, und sie verschwanden hinter der Tür.

Doch wer dachte, das Treffen sei eine gemütliche Vier-Augen-Sitzung, der irrte sich. Vor verhängten Fenstern sassen sie sich an einem hufeisenförmigen Tisch gegenüber, flankiert von je sechs Beratern. Viele Zeugen, wenig Spontaneität. Und doch: Man redete miteinander.

Hier sieht es zwar noch nicht danach aus, aber: Obama und Putin haben sich die Hand geschüttelt.
Bild: KEVIN LAMARQUE/REUTERS

«Es war ein sehr gutes Meeting», sagt Putin danach. Die Amerikaner waren zurückhaltender. «Sie arbeiteten sich durch viele verschiedene Themen», hiess es. 45 Minuten Ukraine, 45 Minuten Syrien. Die USA sähen in Russlands Militäraufmarsch in Syrien keine Gefahr, über die Zukunft Assads aber sei man «fundamental unterschiedlicher Ansicht».

Häuten der Zwiebel

Aber letztlich geht es ja um mehr als nur Assad. Die Lage in Syrien verschlechtert sich täglich, und in New York herrscht unter vielen Diplomaten nun die Hoffnung, dass sich Russland und die USA nach diesem Treffen auf konkrete Schritte einigen – auch wenn das heisst, dass die Zukunft des Diktators vielleicht erstmal ausgeklammert bleibt.

Anknüpfungspunkte für eine stärkere Kooperation gibt es genug. Sie sind in jenen Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats skizziert, die Russland im Verlauf der letzten zwei Jahre stützte. Dazu gehört etwa, Helfern freien Zugang ins Krisengebiet zu gewähren oder die Verantwortlichen von Chemiewaffeneinsätzen juristisch zu belangen.

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, der selbst mitten im UNO-Trubel mitmischte, hat dafür eine Formel. Er spricht vom Prinzip der umgekehrten Häutung einer Zwiebel: Erst ist der Kern dran, also Russland und die USA. Dann erst kommen die weiteren Schichten.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • meliert 29.09.2015 12:30
    Highlight Assad ist ein grosses Problem und er verursacht viel Leid, aber ist er nicht das kleinere Übel für Syrien? Man hört immer wieder, die arabischen Länder brauchen starke Führer (Diktatoren) und das es nicht funktioniert mit der Demokratie, ist da nicht etwas wahres dran?
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