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«Gutes Flugwetter»: Selbst die Meteorologen des Staatsfernsehens zeigen sich kriegstrunken.
Bild: AP/Russian Defense Ministry Press Service

Moskauer Propaganda: Russische Medien melden «gutes Flugwetter» über Syrien

Kampfjets werden als «Kräfte des Himmels» gefeiert, Bombenvideos sogar im Wetterbericht gezeigt: Russlands Propaganda feiert die Luftschläge in Syrien als grossen Erfolg – und sagt Europa eine Terrorwelle voraus.

05.10.15, 15:52 06.10.15, 08:10

Benjamin Bidder und Raniah Salloum

Ein Artikel von

Über den Ukrainekonflikt wird in diesen Tagen in Russland viel weniger berichtet als sonst. Das hat einen ganz einfachen Grund: Viele Medien, die dem Kreml nahestehen, haben ihre Korrespondenten schon vor Wochen vom Donbass abgezogen – und nach Syrien geschickt. Das Nachrichtenportal Lifenews.ru und das Millionenblatt «Komsomolskaja Prawda» (KP) sind Beispiele dafür. Die KP-Korrespondenten Dmitrij Steschin und Andrej Koz etwa waren lange im Osten der Ukraine stationiert. Jetzt schildern sie ihren Lesern, Assads Regierungstruppen bereiteten ihre nächste Offensive geradezu fürsorglich vor: Die Zivilbevölkerung werde seit Tagen durch Flugblätter gewarnt, abgeworfen aus Maschinen der Regierungstruppen.

Syriens Staatsfernsehen eifert dabei ausgerechnet den Kollegen aus den USA nach – und zeigt, wie die Amerikaner 2003 beim Einmarsch in den Irak, sterile Luftaufnahmen von Bombenexplosionen. Die Moskauer Regierungszeitung «Rossiskaja Gaseta» wiederum preist Russlands Kampfjet-Kontingent in Syrien als «Kräfte des Himmels». Die Medien in Syrien und Russland suggerieren zusammen mit den Behörden die Aussicht auf einen schnellen und mühelosen Sieg.

Aus russischer Sicht sind «alle zum IS übergelaufen»: Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) tragen einen Verwundeten weg. 
Bild: KHALIL ASHAWI/REUTERS

Doch Russland fliegt die Luftangriffe gerade erst seit einer knappen Woche. Bisher wurden im Gegensatz zu den USA kaum Ziele des Islamischen Staates bombardiert. Der russische Generalstab meldet aber schon, Moskau habe Ziele erreicht, die der Westen trotz seines monatelangen Bombardements verfehlte: Dadurch sei die «materielle Basis der Terroristen verwüstet» und ihre «Kampfkraft signifikant gesenkt» worden.

Umfrage zeigt kritische Haltung im Volk

Die demonstrative Kriegsbegeisterung macht auch vor Meteorologen nicht halt. Der Wetterbericht des Staatskanals «Rossija24» zeigte noch einmal die Bombenvideos und behauptete, aus meteorologischer Sicht sei der Zeitpunkt für die Angriffe «sehr treffend» gewählt: Im Oktober sei in Syrien «gutes Flugwetter».

Die Mehrheit der Russen beurteilt das Eingreifen des Militärs in Syrien bislang kritisch. Laut einer Umfrage des angesehenen Lewada-Instituts sprachen sich zuletzt 69 Prozent dagegen aus, nur 14 Prozent waren dafür.

Militärflugzeuge im Angriffsmodus: Bilder, die russische Staatskanäle verbreiten. 
YouTube/Ruptly TV

Seit Beginn der Luftangriffe dürfte sich das Stimmungsbild allerdings gewandelt haben. Denn die Kreml-Medien berichten über eine breite gesellschaftliche Unterstützung für die Entsendung russischer Truppen nach Syrien. Kritische Stimmen kommen kaum zu Wort.

«FSA-Kämpfer sind alle zum IS übergelaufen»

Präsident Wladimir Putin machte sich über Berichte lustig, seine Bomber hätten womöglich auch Zivilisten getötet. «Die ersten Meldungen über zivile Berichte tauchten schon auf, bevor unsere Flugzeuge starteten», behauptet der Staatschef. Meldungen über zivile Opfer bürstet der Kreml als Mittel des Informationskriegs des Westens ab.

Doch die Berichte darüber stammen von den Syrern selbst. Einheimische Journalisten und Menschenrechtler dokumentieren die Luftangriffe und ihre Folgen unabhängig davon, wer bombardiert: Russen, Amerikaner oder das syrische Regime. International am bekanntesten ist die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), deren Angaben sich oft als zuverlässig erwiesen haben.

So bestritt Putins Sprecher Dmitri Peskow Berichte, russische Jets hätten Stellungen der Freien Syrischen Armee (FSA) bombardiert: die FSA-Kämpfer seien doch ohnehin alle «zum Islamischen Staat übergelaufen», behauptete er. Tatsächlich gehören die syrischen Rebellen jedoch zusammen mit dem syrischen Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu den schlagkräftigsten Gegnern des IS in Syrien.

Orthodoxe Kirche stützt Luftschläge 

Rückendeckung bekommt der Kreml auch von der einflussreichen Orthodoxen Kirche: Russland habe die Pflicht, Christen im Nahen Osten zu schützen. Im Übrigen sei «jeder Kampf gegen Terrorismus moralisch», sagte der Sprecher des Moskauer Patriarchats, Wsewolod Tschaplin. Mehr noch, man könne sogar «von einem Heiligen Krieg» sprechen.

Die Erfolgsmeldungen schüren bei den Russen allerdings auch die Erwartung auf ein schnelles Ende der Operation. «Die Terroristen fliehen und ergeben sich massenhaft», berichtete deshalb Russlands Erster Kanal. Sprecher Andrej Kartapolow meldete schon Panik in den Reihen des Islamischen Staats: «Rund 600 Kämpfer haben ihre Stellungen verlassen und versuchen, nach Europa zu entkommen.»

Zusammenfassung: Russlands und Syriens Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren: In Berichten wird bereits suggeriert, die Terrormiliz IS sei nach einer Woche Luftangriffe schon am Ende. So wollen sie in der Bevölkerung für eine gute Bewertung des Attacken sorgen.

Russische Luftangriffe in Syrien

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Brikne, 20.7.2017
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Roger Gruber 05.10.2015 17:07
    Highlight Bin gespannt, wie sich unsere "Qualitätsmedien" herausreden wollen, wenn denn der russische Einsatz tatsächlich erfolgreich sein wird (was wir doch alle hoffen sollten, oder etwa nicht, watson?!?) und der IS vernichtet wird. Jedenfalls werde ich den Eindruck nicht los, dass unsere Medien gar nicht wünschen, dass der IS von den Russen ausgeschaltet wird. Die Frage dabei: warum wünschen sie das nicht?
    11 12 Melden
    • AL:BM 05.10.2015 20:49
      Highlight Das Problem ist, dass die Russen ganz nebenbei HAUPTSÄCHLICH StaO der Anti Assad Rebellen angreifen.
      Wäre das nicht so, würde ich Ihnen zustimmen.
      3 4 Melden
    • Openyourmind 05.10.2015 21:47
      Highlight Es ist halt ein Salloum-Artikel, daher easy, nichts neues (ist immer schlecht recherchiert und seeeeeehr einseitig) 😇
      4 5 Melden

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