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Faton Topalli beim Wahlkampfabschluss in Ferizaj. Bild: facebook.com/vetevendosje/

Dieser Schaffhauser könnte schon bald die drittgrösste Stadt im Kosovo regieren

Faton Topalli wohnt im beschaulichen Dörflingen im Kanton Schaffhausen. Gleichzeitig sitzt er seit vier Jahren im Parlament des Kosovo – wo er auch schon mal eine Tränengas-Petarde zündete. Am Sonntag könnte Topalli Bürgermeister von Ferizaj werden, einer Stadt mit über 100'000 Einwohnern.  

19.10.17, 15:43 21.10.17, 19:57

Mehrere Hundert Menschen versammelten sich am Dienstagabend im Stadtzentrum von Ferizaj im Süden des Kosovo. Die Oppositionspartei «Lëvizja Vetëvendosje» (Bewegung für Selbstbestimmung) hatte zur Abschlusskundgebung des Lokalwahlkampfs gerufen. Angereist waren die Granden der Bewegung: Visar Ymeri, der Parteivorsitzende, und Albin Kurti, ihr Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten.

Doch der eigentliche Star des Abends war ein 53-jähriger, im Kanton Schaffhausen wohnhafter, schweizerisch-kosovarischer Doppelbürger: Faton Topalli. Seit 4 Jahren sitzt er im Parlament in Pristina. Er pendelt wochenweise zwischen seinen Aufgaben als stellvertretender Wohngruppenleiter in einem Zürcher Jugendheim und als Parlamentarier in Pristina hin und her.

Die letzten Wochen verbrachte er ausschliesslich im Kosovo. Topalli ist im Kampagnenmodus: «Ich bin sehr zufrieden mit dem bisherigen Wahlkampf», sagt er watson am Telefon. Umfragen sehen ihn auf einem Spitzenrang.

Kommt es wie erwartet zu einer Stichwahl am 19. November und geht Topalli daraus als Sieger hervor, könnte der Schaffhauser bald schon die Geschicke einer Stadt lenken, die mehr Einwohner hat als Luzern oder St.Gallen.

Topalli ist in Ferizaj aufgewachsen und kam 1983 mit 20 Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz. In seiner Heimat drohte ihm das Gefängnis, weil er Demonstrationen für mehr Autonomie für den Kosovo innerhalb der Jugoslawischen Föderation organisierte.

Faton Topalli (Mitte, mit Brille) inmitten von Parteigrössen. Bild: facebook.com/vetevendosje/

In der Schweiz studierte er Soziale Arbeit und erwarb an der Fachhochschule ZHAW einen Master-Abschluss. Er blieb in der albanischen Diaspora politisch aktiv, trat der SP bei und gründete den Verein «Pro Integra», der sich für die Interessen und Integration von Migranten einsetzt.

Wird Topalli Bürgermeister, will er vor Ort einiges zu verändern. Ferizaj ist eine der 38 Grossgemeinden des Kosovo. Sie umfasst 45 Ortschaften mit insgesamt 108’000 Einwohnern (Zahlen von 2011). Topalli will auch auf seine Erfahrungen in der Schweiz zurückgreifen.

«Wie in der Schweiz möchte ich als Politiker ein ganz normaler Mensch sein, der sich ohne Bodyguards bewegt», sagt Topalli. Er wolle Ferizaj zusammen mit den Bürgern entwickeln und diese in die Politik miteinbeziehen, wie das in der Schweiz geschehe.

Es gebe viel zu tun: In den Spitälern und Arztpraxen mangle es aufgrund schlechter Planung an Medikamenten, es fehle an Instrumenten und Labors, Ärzte seien nicht anwesend, weil sie auf privater Basis ein Zusatzeinkommen verdienen wollten: «Mit besserer Planung ist hier viel zu erreichen».

Wahlkampfbesuch in einer Brotfabrik. Bild: facebook.com/faton.topalli.1

Topalli will die illegale Bautätigkeit beenden. Heute würden Planungsvorgaben und Bauvorschriften nicht eingehalten, weil die Stadtregierung mit der «lokalen Baumafia» unter einer Decke steckten. Es fehle an Grünräumen, Trottoirs, Parkmöglichkeiten: «Ferizaj ist eine Stadt aus Asphalt und Beton», sagt er.

In der Bildungspolitik will Topalli unter anderem mit der Praxis aufräumen, Schuldirektoren aufgrund ihres Parteibuchs einzusetzen, wie es bisher geschehe. Ausserdem hat sich Topalli vom dualen Bildungssystem in der Schweiz inspirieren lassen: «Wir wollen Firmen dazu ermuntern, Jugendlichen vor dem Sprung auf den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, bei ihnen Praxiserfahrung zu sammeln.» Langfristig brauche es hier aber eine nationale Reform.

Seine Gegner versuchten ihn im Wahlkampf mit dem Vorwurf zu schwächen, da er gar nicht in Ferizaj lebe, sei er zu weit weg von den Bürgern, sagt Topalli: «Dabei belegen Studien von unabhängigen NGOs, dass ich in den letzten Jahren einer der aktivsten Parlamentarier war.»

Topalli beim Marktbesuch in Dardani, einer ländlich geprägten Siedlung auf dem Stadtgebiet von Ferizaj. Bild: .facebook.com/faton.topalli.1

Topalli sieht in seinem Schweizer Background keinen Nachteil: Sein ausländischer Masterabschluss und seine Berufserfahrung in Privatwirtschaft und Behörden kommen bei den Wählern gut an. «Ausserdem haben sie Respekt dafür, dass ich bereit bin, in den Kosovo zurückzukehren und mich zu engagieren.»

Für den Schlussspurt seines Wahlkampfs haben sich Schweizer Freunde von Faton Topalli als Besucher angemeldet. Einer davon ist Andi Kunz, ehemaliger Stadtparlamentarier der Alternativen Liste (AL) in Schaffhausen. Er hatte Topalli schon während dessen erfolglosen Anlauf auf das Bürgermeisteramt 2013 besucht.

«Wir hoffen natürlich, dass wir dieses Mal etwas zu feiern haben am Wahlsonntag», sagt Kunz. Er sei optimistisch, dass es dieses Mal klappe. Wenn es dafür einen zweiten Wahlgang brauche, sei das auch nicht tragisch. Dann reise die Gruppe halt in vier Wochen noch einmal nach Ferizaj, sagt Kunz: «Wenn Faton zum Bürgermeister gewählt wird, wollen wir auf jeden Fall mit ihm darauf anstossen.»

Sitzung lahmgelegt: Tränengas im kosovarischen Parlament. Bild: AP/AP

Faton Topalli, der «Petarden-Politiker»

Im Herbst vor zwei Jahren erreicht Faton Topalli kurzfristig Bekanntheit in der Schweiz. Der Auslöser: Wie andere Abgeordnete auch hatte er während einer Sitzung des Parlaments eine Tränengas-Petarde gezündet.

«Das Doppelleben des Doppelbürgers», titelte der «Blick» in grossen Lettern: In der Schweiz säusle Topalli von Demokratie, im Kosovo zünde er Petarden, warf ihm das Boulevardblatt vor und bezeichnete ihn in einer Bildunterschrift mit «Der Täter». Für seine Aktion sass Topalli während einem Tag im Gefängnis. Eine Anklage ist weiterhin hängig.

Auf die Episode angesprochen meint Topalli lediglich, der Gerichtsprozess sei zwar noch ausstehend,  politisch habe sich die Episode im Kosovo hingegen längst erledigt.

Auch der heutige Premier beteiligt

Im Parlament ging es damals einerseits um die Ratifizierung eines Grenzabkommens mit Montenegro, andererseits um den politischen Status der Gemeinden der serbischen Minderheit. Während das Abkommen mit Montenegro neuverhandelt wird, hielt das oberste Gericht fest, dass das Gesetz über den Status der serbischen Gemeinden in 24 Punkten verfassungswidrig sei.

Er und weitere Abgeordnete hätten lediglich versucht, zu verhindern, dass die Regierung «die Verfassung weiterhin mit Füssen tritt» und beide Vorhaben ohne Ratifizierung durchs Parlament umsetzt.

Topalli weist darauf hin, dass auch zwei Minister aus der Partei des neuen Premierministers, Ramush Haradinaj zu den angeklagten Petarden-Werfern gehören. Haradinaj ist unterdessen eine Koalition mit denjenigen Parteien eingegangen, welche damals die beiden Projekte vorangetrieben hatten. (cbe)

Wie Jugoslawien zerbrach: Vom Ende des Kommunismus bis Kosovo

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • DeadSerious 20.10.2017 13:21
    Highlight ..ist eine politische Partei im Kosovo. Sie strebt das Recht an, das Land mit Albanien vereinigen zu dürfen. Na super.
    Genau der richtige Weg für Frieden im Kosovo..
    9 13 Melden
  • Ty€uro$ign 20.10.2017 10:26
    Highlight Wieder einmal ein Guter Artikel.
    Danke @Christoph Bernet
    7 11 Melden
  • axantas 19.10.2017 16:52
    Highlight Das zünden einer Tränengaspetarde im Parlamemt betrachte ich jetzt nicht speziell als demokratische Auszeichnung...
    77 13 Melden
    • ElAlbanese 19.10.2017 18:22
      Highlight Stimm ich dir zu..
      Jedoch hatte es seine wirklichen Gründe warum das gemacht wurde..
      23 30 Melden
    • axantas 19.10.2017 19:13
      Highlight Nun: man wirft in keinem demokratischen Parlament Tränengaspetarden rum. Sonst ist man nämlich genau so undemokratisch wie diejenigen, nach denen man die Petarde wirft.

      Also die alte Sache vom Teufel, den man mit dem Beelzebuben austreiben will.
      30 10 Melden
  • Gelöschter Benutzer 19.10.2017 16:32
    Highlight Toll, wenigstens ein "Engagement" zu Hause.

    34 7 Melden
  • Beri_sha_24a 19.10.2017 16:21
    Highlight Ich bin mir sicher, dass 90% der Kosovaren hier nicht wissen, dass am Sonntag im Kosovo Kommunalwahlen anstehen. Herr Bernet hat gefühlt 50 Artikel über den Kosovo verfasst in den letzten 3 Monaten. Feedback war sehr negativ, verständlicherweise hats niemanden interessiert. Aber was solls, nur so viel: es geht mir sowas von auf den Sack. Will gar nicht wissen, wie es denen ohne kosovarischen Migrationshintergrund geht.
    36 59 Melden
    • Christoph Bernet 19.10.2017 16:27
      Highlight @Beri_sha_24a: Es waren acht Artikel im letzten halben Jahr, die jeweils gut gelesen und fleissig geteilt wurden. Ich kann natürlich verstehen, dass das nicht alle interessiert, aber wir zwingen ja schliesslich keinen, drauf zu klicken. Ich wünsche Ihnen trotz der für Sie unerfreulichen Lektüre einen angenehmen Abend!
      83 20 Melden
    • Beri_sha_24a 19.10.2017 17:11
      Highlight So wie Sie das Recht dazu haben, so viele Artikel über den Kosovo zu schreiben wie sie wollen, habe ich das Recht, mich darüber zu äussern... ob positiv oder negativ. Will nicht näher darauf eingehen, aber ich will Ihnen etwas auf den Weg geben: Ich finde es äusserts bedenklich, das Sie als Medium sich auf die Heimat derer fokussieren, die sich hier integrieren und sich mit der hiesigen Politik auseinandersetzen sollten. Wenn Sie alle Kosovaren ständig darauf hinweisen, woher sie kommen, dann bleibt die Integration, wie Ihre bisherigen Artikel, doch nur ein Teilerfolg.
      44 71 Melden
    • Tepesch 19.10.2017 17:53
      Highlight @Beri_sha_24a
      Und viel zu Zürich lastig ist Watson auch, warum werden nicht mehr Artikel über meinen Heimatkanton - das schöne Thurgau - geschrieben. Ich will garnicht wissen, wie sich die ganzen nicht Zürcher fühlen. Was im Kanton Zürich abgeht, dass interessiert mich einfach nicht. Wie soll man patriotische Gefühle für seinen Kanton entwickeln, wenn man nur immer über Zürich liest. Echt, dami nomol.
      44 19 Melden
    • Scenario 19.10.2017 18:00
      Highlight @Berisha: ich verstehe zwar was du meinst, aber um auf so eine Schlussfolgerung zu kommen, muss man wohl schon ziemlich deftiges Zeug geraucht haben.
      Wenn du dich nicht für deine zweite Heimat interessierst... sei's drum. Es gibt andere, die interessiert es sehr wohl, was in der zweiten Heimat passiert. Dass ein Medium wie watson über die Wahlen im Kosovo schreibt ist ebenfalls nicht verkehrt, da ein nicht irrelevanter Anteil der Schweizer Bevölkerung aus dem Kosovo stammt... wo du nun das Problem mit der Integration siehst bleibt mir jedoch schleierhaft.
      40 13 Melden
    • Pisti 19.10.2017 19:27
      Highlight Wieso sollten schweizer Medien nicht über den Kosovo schreiben dürfen? Schliesslich fliessen Millionen an Steuergelder von uns in den Kosovo, da dürfen die Schweizer schon etwas über das Land erfahren. Es dürfte wohl auch einige Albaner interessieren was in der alten Heimat abgeht.
      26 12 Melden
  • Mikki 19.10.2017 15:58
    Highlight Und wen interessierts?
    48 98 Melden
    • meine senf 19.10.2017 16:20
      Highlight Andere als dich.
      87 23 Melden
  • Hussain Bolt 19.10.2017 15:57
    Highlight Sorry wollte mehr schreiben, Topali geht zurück und versucht sein Land aufzubauen, diesen Schritt sollten die Albanischen „Patrioten“ hier genauso tun.
    84 20 Melden
  • Wehrli 19.10.2017 15:48
    Highlight Wieso schreibt Bernet den Artikel und nicht Ludmila?
    11 54 Melden
    • Beri_sha_24a 19.10.2017 16:03
      Highlight Wieso überhaupt darüber geschrieben wird ist die weitaus bessere Frage.
      35 81 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.10.2017 16:04
      Highlight Wieso lesen Sie Watson und nicht Weltwoche? *facepalm*
      83 28 Melden
    • Hochen 19.10.2017 16:15
      Highlight @ Beri die noch bessere Frage ist warum jemand einen Kommentar zu einem Artikel schreibt der gar nicht interessiert!? 😒
      74 11 Melden

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