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Demonstrantin am Klimagipfel in Paris.
Bild: ETIENNE LAURENT/EPA/KEYSTONE

Freut euch! Ein bisschen. Der Klimavertrag ist gut – gerettet ist die Welt damit aber noch nicht

«Ein Tag für die Geschichtsbücher», «Meilenstein», «historisches Ereignis». Der Klimavertrag von Paris verdient solches Lob. Aber klar ist auch: Die Erderwärmung wird die Welt weiter grundlegend ändern.

13.12.15, 02:52 13.12.15, 08:19

Christoph Seidler, Paris / spiegel online

Ein Artikel von

Ach, wenn Neil Armstrong das noch erleben könnte! Der Klimavertrag von Paris werde «ein grosser Schritt für die ganze Menschheit sein» – so hatte es Frankreichs Aussenminister Laurent Fabius den Reportern vor der entscheidenden Nachtsitzung in Blöcke, Mikrofone und Kameras diktiert. Das klang verdammt nach Mondlandung. Und auf eine Art stimmt das auch: In Paris ist Geschichte geschrieben worden, auch dank Fabius und seinen Leuten. Zum ersten Mal überhaupt gibt es einen umfassenden Vertrag, der alle Staaten der Welt auf den Klimaschutz verpflichtet.

Zur Erinnerung: Das Kyoto-Protokoll von 1997 legte nur Industrieländern Ziele auf – ausserdem hatten die USA den Text nicht ratifiziert, andere Staaten wie Kanada stiegen später einfach aus. Jetzt stehen wir am Beginn einer neuen Weltordnung. Das rechtfertigt auch all die pathetischen Reden, die zum Abschluss des Gipfels im Plenum gehalten wurden. Die Klimadiplomaten der Welt können stolz auf sich sein. Nach all den Jahren der Frustration sei es ihnen von Herzen gegönnt.

Nun aber zu einer eher unangenehmen Wahrheit: Trotz Paris wird sich unsere Welt wahrscheinlich tiefgreifend verändern. Und erst einmal nicht zum besseren. Das CO2, das wir bereits ausgestossen haben – und das wir auch in den Jahren nach dem Gipfel noch munter aus unseren Kraftwerken, Fabriken, Autos, Schiffen und Flugzeugen blasen werden – bleibt lange in der Atmosphäre.

TV-Bericht: Die Welt feiert den Klimavertrag

YouTube/Associated Press

Korallenriffe haben kaum eine Chance

Die Erderwärmung lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag abstellen. Es ist nicht wie zu Hause, wo man notfalls mal schnell durchlüften kann, wenn es im Wohnzimmer zu warm ist.

Die Beschlüsse von Paris führen nach Berechnungen zu einem Plus bei der Durchschnittstemperatur von ungefähr 2,7 Grad, verglichen mit der Zeit vor der Industrialisierung – immerhin mit Chancen auf Besserung, weil die Klimazusagen der Staaten nun alle fünf Jahre nachgeschärft werden sollen.

Paris hat noch einmal klar gemacht: Wenn die verabschiedeten Ziele ernst gemeint sind, dann muss sich die Menschheit schnell von Kohle, Gas und Erdöl verabschieden.

Aber: Schon bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad haben viele Korallenriffe in den Weltmeeren wohl kaum eine Chance zu überleben, sagen Experten. Selbst bei 1,5 Grad sieht es vielerorts nicht gut aus. Auch das sommerliche Meereis in der Arktis wird nach Ansicht der Wissenschaftler bei einem Temperaturplus von zwei Grad mit grosser Wahrscheinlichkeit komplett verschwinden. Die Region erwärmt sich deutlich schneller als alle anderen Gegenden der Erde.

Erderwärmung

Ozeanversauerung durch das CO2, Meeresspiegelanstieg durch tauende Gletscher und Eisschelfe – all das wird auf lange Sicht weitergehen. Menschen werden sich eine neue Heimat suchen, die Flüchtlingsbewegungen zunehmen. Forscher diskutieren darüber, ob gar das Eis der Westantarktis womöglich inzwischen instabil geworden ist. Falls ja, würde das über Jahrhunderte die Pegel steigen lassen. Vielleicht um insgesamt drei Meter, vielleicht auch mehr. Und dann ist da auch noch Grönland – auch dort taut es massiv.

Aktives Entfernen von CO2 aus der Luft kann niemand wollen

Paris hat noch einmal klar gemacht: Wenn die verabschiedeten Ziele ernst gemeint sind, dann muss sich die Menschheit schnell von Kohle, Gas und Erdöl verabschieden. Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in verschiedenen Teilen der Welt, das sollte man fairerweise auch sagen. Stichwort: Armutsbekämpfung. Für uns in den reichen Ländern heisst das aber auch: Wir müssen besonders schnell von lieb gewonnenen Energieträgern lassen.

Das aktive Entfernen von CO2 aus der Luft, wie es vor allem nötig sein dürfte, um ein Temperaturziel von 1,5 Grad zu erreichen, kann kaum jemand ernsthaft wollen. Zu gross sind die technischen und politischen Unsicherheiten.

Als Pessimist könnte man sagen, dass der Deal von Paris nicht ausreicht, um das Klima zu retten. Wegen all der Veränderungen, die trotzdem zu erwarten sind. Wegen der Frage, ob sich alle Staaten an ihre selbstauferlegten Verpflichtungen halten werden.

Als Optimist wiederum könnte man anführen, dass der Gipfel die Welt auch gar nicht retten musste. Natürlich könnten sich die Staaten auch von sich aus mehr für den Klimaschutz anstrengen – und vielleicht werden die Kräfte des Marktes sie auch eher früher als später genau dazu bringen. Wenn Erneuerbare Energien weiter mit dem Tempo der vergangenen Jahre billiger werden, wenn zum Beispiel China die Vorteile des Klimaschutzes auch für die Luftreinheit erkennt, dann passiert die Umstellung auf eine kohlenstofffreie Wirtschaft vielleicht tatsächlich schneller, als sich die meisten hier in Paris vorstellen konnten.

Das wäre dann tatsächlich beinahe wie eine Mondlandung. So kompliziert. So faszinierend. Und sogar noch ein bisschen historischer.

Wer will was beim Klimagipfel in Paris?

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    Alle Leser-Kommentare
  • Skeagle 14.12.2015 00:14
    Highlight Ich hoffe daraus wird auch was. In der Vergangenheit hat sich nach solchen Verträgen nie gross was verändert. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
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