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Abtreibung und Euthanasie werden nicht thematisiert, andere Religionen als das Christentum kommen nicht vor – der Religionsunterricht in Spanien weist einen Trend zum Fundamentalismus auf. Bild: SUSANA VERA/REUTERS

«Der Mensch kann ohne Gott nicht glücklich werden» – Spanien verschärft Religionslehre

In Spaniens neuem Lehrplan für katholische Religionslehre werden Abtreibung und Sterbehilfe ausgeklammert, andere Weltreligionen sind kein Thema mehr. Kritiker werfen dem Staat vor, sich der Kirche zu unterwerfen.

17.03.15, 07:54 17.03.15, 08:34

Ein Artikel von

«Der Kosmos hat einen göttlichen Ursprung» heisst es im neuen spanischen Lehrplan für den Religionsunterricht oder «Der Mensch ist auf sich allein gestellt und kann ohne Gott nicht glücklich werden.» Die Zeitung El País berichtet, andere Religionen als das Christentum würden zudem nicht mehr behandelt, Themen wie Abtreibung und Euthanasie seien auch nicht mehr vorgesehen.

Die Verordnung der konservativen Regierung zum Fach Religion, die das Amtsblatt Boletín Oficial del Estado Ende Februar veröffentlicht hatte, hat in Spanien zu Protesten geführt.

«Der Staat unterwirft sich der katholischen Kirche», heisst es von den Sozialisten, die in der konservativen Regierung von Mariano Rajoy die Opposition bilden. Der Theologe und Kirchenkritiker Juan José Tamayo sagte: «Die Inhalte des Religionsunterrichts weisen einen Trend zum Fundamentalismus auf.» Die Zeitung El Periódico bezeichnete das Konzept als «völlig veraltet». Und sogar die Gewerkschaft der Religionslehrer kritisierte, die Kinder würden in unzulässiger Weise indoktriniert.

Das Fach Religion wurde aufgewertet

Bildungsminister José Ignacio Wert wies jede Verantwortung von sich. Er habe die Verordnung lediglich ins Amtsblatt gestellt. Die katholische Kirche bestimmt, was im Fach Religion an den spanischen Schulen unterrichtet wird. So sieht es das Konkordat zwischen Spanien und dem Vatikan aus dem Jahr 1979 vor. Allerdings hatte die Regierung das Fach vor mehr als einem Jahr in einer Bildungsreform stark aufgewertet: Religion ist seitdem ein Hauptfach und die Noten zählen so viel wie die für Mathematik, Spanisch oder Englisch.

Die Regierung will durch die Aufwertung des Unterrichts mehr Schüler dazu bewegen, Religion zu belegen. In den vergangenen Jahren hatten immer weniger Schüler das Fach gewählt. Nach einem Bericht des Radiosenders Cadena Ser sank der Anteil der Grundschüler, die sich für das Fach Religion entschieden, von 79 auf 65 Prozent. An weiterführenden Schulen ging der Anteil von 56 Prozent auf 38 Prozent zurück.

Experten meinten allerdings, dass damit auch das Gegenteil bewirkt werden könnte. Nach Umfragen sei die grosse Mehrheit der jungen Leute in Spanien der Meinung, dass die Religion in den Bereich der Privatsphäre gehöre, sagte der Soziologe Juan González-Anleo. Einige Familien und Schüler könnten die Reform als eine Bevorzugung der Kirche sehen und in einer Gegenreaktion das Fach Religion abwählen.

Die Regierung schaffte das Fach Staatsbürgerkunde ersatzlos ab

Schulen müssen Religionsunterricht anbieten, es ist aber kein Pflichtfach für Schüler. Als Alternative können sie das Fach «soziale und bürgerliche Werte» wählen. Die von den Sozialisten eingeführte Staatsbürgerkunde, die etwa das Thema gleichgeschlechtliche Ehen behandelte, schaffte die Regierung ersatzlos ab.

In der Region Katalonien empfahl der Elternverband Fapac, aus Protest gegen die von der Bischofskonferenz erstellten Lehrpläne den Religionsunterricht zu boykottieren und das Alternativfach «soziale und bürgerliche Werte» zu wählen.

Die katholische Kirche wies die Kritik gegen die Lehrpläne zurück. «Die Angriffe sind ein Versuch, die Kirche im öffentlichen Leben an den Rand zu drängen», sagte José Miguel García, Direktor des Sekretariats der Bischofskonferenz, der Zeitung «ABC». (Hubert Kahl/dpa/kha)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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17
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    Alle Leser-Kommentare
  • thompson 17.03.2015 10:26
    Highlight Bravo Spanien! (Tradition, Gott, Vaterland) Für eine katholische Nation wie Polen und Kroatien!
    Ökumene ist eh für die Katz. Beste Nachricht der Woche. Faul sind dort nur die Linken sicher keine Katholiken
    3 38 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 14:53
      Highlight Gratulation zum wirrsten Post der Woche.
      1 0 Melden
  • Kastigator 17.03.2015 10:12
    Highlight 25% Arbeitslosigkeit - kein Wunder, soll mit dem religiösen Guguus einmal mehr abgelenkt werden; während sich die Banken sanieren.
    Marx: Religion ist Opium für das Volk. Und die Stierkämpfe kosten neu wohl auch keinen Eintritt mehr.
    26 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 09:29
    Highlight Religionen....da kann man nur den Kopf schütteln.
    25 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 09:26
    Highlight Also Euthanasie sollte seit der Nazizeit eigentlich gegessen sein. Zu fast keinem Zeitpunkt ausser eben bei den Deutschen war dies je ein Thema. Aber ich hoffe doch sie haben einfach nur ein Wort falsch gewählt. Wahrscheinlich geht es um Sterbehilfe und nicht um Tötung an Behinderten!
    13 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 11:16
      Highlight @HPeters: Euthanasie ist ja nur im deutschen Sprachraum so negativ behaftet, grundsätzlich kommt es ja aus dem griechischen und heisst "guter (eu) Tod (thanatos)" (und wird hierzulande etwa in der Veterinärmedizin auch als Fachbegriff für die Einschläferung verwendet). Ist aber interessant, wie die Gegner Euthanasie verwenden und die Befürworter Sterbehilfe/Freitodbegleitung/assisted suicide.
      12 1 Melden
  • Zeit_Genosse 17.03.2015 09:14
    Highlight Ob mit einer verordneten Religionslehre und zementiertem katholischen Glaubensbild die Menschen gestärkt und glücklich werden, lässt zweifeln. Um gegen den "Islamismus" anzutreten braucht es Aufklärung und kein neuer Fundamentalismus. Es ist ein Signal das zeigt, dass auf Druck folglich Gegendruck entsteht. Wenn der Druck von aussen kommt, dann wird der Nationalismus zusätzlich genährt.
    26 0 Melden
  • Der Tom 17.03.2015 09:09
    Highlight Lernen wie Blumen wachsen, der Mensch aufgebaut ist oder wie WLAN funktioniert wäre sehr viel nützlicher. Dazu noch irgendwie Anstand, Respekt usw lernen. Religion sollte nur noch ein Verein sein.
    28 3 Melden
  • unkretkau 17.03.2015 08:42
    Highlight Vielleicht kann Gott ohne Mensch glücklich sein.
    31 1 Melden
    • Adonis 17.03.2015 09:08
      Highlight Ha, haaaaaaa Reto! Richtig! Ich finde Gott in der Natur, in meiner lieben Frau (sind seit Jahren krachlos) und lebe die 10 Gebote. All dies ohne "gschnorr" und Auflagen der Kirche:-)
      16 3 Melden
    • Zeit_Genosse 17.03.2015 09:19
      Highlight Wenn Gott den Menschen erschaffen hat, dann müsste er mit dieser Schöpfung todunglücklich sein. Und wenn wir nach seinem Ebenbild geschaffen wurden, dann sollten wir den Schöpfer kritisch hinterfragen.
      22 4 Melden
    • saukaibli 17.03.2015 09:30
      Highlight @ Adonis: Du lebst die 10 Gebote? Das ist aber doch schon ein wenig krass. Das würde ja heissen, dass du z.B. gegen Religionsfreiheit bist oder dass du Leute die am Sonntag arbeiten als Sünder siehst. Nicht umsonst sind lediglich zwei der Gebote (5 und 7) in unserem Gesetz wiederzufinden.
      12 3 Melden
    • Adonis 17.03.2015 10:22
      Highlight Ja Reto, ich nehm's nicht so genau:-) Ichmeine: Ich klaue nicht, töte nicht, nehme keinem die Frau weg, mache keine falschen Zeugnisse..., so in dieser Art o.a. wie man in etwa Leben sollte, dass die Gemeinschaft für mich nicht zahlen muss.
      11 0 Melden
    • Der Tom 17.03.2015 10:44
      Highlight Ich glaube wirklich nicht denn jeder und jede und auch jeder Gott braucht etwas worüber er jammern kann.
      1 2 Melden
    • smoe 17.03.2015 13:20
      Highlight @Zeit_Genosse
      Vielleicht wollte Gott die Menschen nach seinem Ebenbild schaffen und ist gescheitert. Erst mit den Bonobos ist es ihm endlich gelungen. Die wohl friedfertigsten aller Menschenaffen, die soziale Spannungen unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rangstufe bevorzugt mit Sex statt Gewalt lösen.

      Er bringt es nur nicht übers Herz, seine vorherige Schöpfung zum Teufel zu jagen.
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    • Zeit_Genosse 17.03.2015 17:51
      Highlight @smoe
      Mit der Sintflut ist er gescheitert und jetzt sind wir die herrschende Rasse die selbst zerstört. Mit unserer Inzelligenz schaffen wir Maschinen, Software, Vernetzung, künstliche Intelligenz und geben damit die Herrschaft weiter. Mit ungeahnten Folgen für uns. In der Zwischenzeit halte ich es wie die Bonobos;)
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    • smoe 17.03.2015 19:11
      Highlight @Zeit_Genosse
      Eine dieser Folgen könnte sein, dass wir selbst nur die Simulation einer Menschheit sind, die gerade zum x-ten Mal volle künstliche Intelligenz neu entwickelt. Wenn Simulationen ala Matrix jemals möglich sind, könnte man schliessen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einer solchen leben grösser ist, als in der richtigen Welt.
      http://www.simulation-argument.com/computer.pdf

      Stellt sich nur die Frage ob wir nun Produkt zukünftiger menschlicher, künstlicher oder bonoboscher Intelligenz sind :)
      0 0 Melden

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