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Wie geht es weiter mit der FIFA?
Bild: Arnd Wiegmann/REUTERS

Wer bringt Ordnung in den Stall? Vier Szenarien für die Zukunft der FIFA

Wie geht es weiter bei der FIFA? Nach der Suspendierung von Joseph Blatter und seinem designierten Nachfolger Michel Platini steckt der Weltverband in einer Führungskrise. Vier Optionen für die Zukunft der Organisation.

12.10.15, 20:53 13.10.15, 08:28

Christian Teevs / Spiegel Online

Ein Artikel von

Der Mann, der 17 Jahre an der Spitze der FIFA stand, ist unerschütterlich. Am vergangenen Donnerstag wurde Joseph Blatter suspendiert, der Präsident darf die Zentrale des Fussballweltverbands nicht mehr betreten. In Interviews gibt er sich dennoch kämpferisch. «Mich kann man zerstören», sagte der 79-Jährige der «Schweiz am Sonntag», «aber mein Lebenswerk kann man nicht zerstören.»

Doch so realitätsfern er auch auftritt – Blatter ist nicht mehr das grösste Problem der FIFA. Drängender ist derzeit die Frage, wer sein Nachfolger wird und ob dieser in der Lage ist, den Korruptionsskandal aufzuarbeiten.

Bis vor wenigen Tagen schien alles klar zu sein: UEFA-Chef Michel Platini sollte an die Spitze des Weltverbands wechseln. Auch wenn der französische Ex-Profi keineswegs unbelastet ins Rennen ging, galt er als Favorit auf die Blatter-Nachfolge. Vor allem weil die Chefs der europäischen Nationalverbände ihm frühzeitig ihre Unterstützung versicherten. Dazu zählte auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der als Belohnung den Posten als UEFA-Chef bekommen sollte.

Doch seit bekannt wurde, dass Platini 2011 zwei Millionen Franken von Blatter kassierte, ist alles wieder offen. Der Franzose konnte bislang keinen nachvollziehbaren Grund für die Zahlung nennen und wurde wie Blatter für 90 Tage suspendiert. Damit müsste er eigentlich aus dem Rennen sein.

Eigentlich. Doch es geht hier um die FIFA, daher könnte auch alles anders kommen. Wie geht es weiter an der Spitze des milliardenschweren, skandalumtosten Fussballweltverbands? Vier Szenarien.

Szenario 1: Platini feiert ein Comeback

Der UEFA-Chef will sich mit seiner Suspendierung nicht abfinden und hat Einspruch gegen die Entscheidung der Ethikkommission eingelegt. Die Berufung dürfte in der kommenden Woche abgelehnt werden, doch selbst dann wird Platini weiterkämpfen. Als nächstes könnte er vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) ziehen und die Aufhebung der Sperre verlangen.

UEFA-Chef Platini: Wurde wie Blatter für mindestens 90 Tage suspendiert.
Bild: Claude Paris/AP/KEYSTONE

Der Streit dürfte Monate dauern und damit zu lange, als dass Platini für das Amt des FIFA-Präsidenten kandidieren könnte. Während seiner Suspendierung sind ihm alle offiziellen Handlungen für UEFA und FIFA untersagt. Und am 26. Oktober endet die Bewerbungsfrist für die Präsidentenwahl, Blatters Nachfolger soll am 26. Februar in Zürich gekürt werden.

Platinis Unterstützer haben jedoch bereits eine neue Idee. Sie wollen den FIFA-Kongress verschieben und damit ihrem Kandidaten mehr Zeit verschaffen. Dafür müssen sie im Exekutivkomitee eine Mehrheit organisieren. Sollte das gelingen, drohen der FIFA ein weiterer Vertrauensverlust und eine monatelange Hängepartie. Platinis Comeback ist also das verheerendste Szenario.

Tendenz: unwahrscheinlich.

Szenario 2: Ein Prinz, ein Scheich oder ein Diamantenhändler

Derzeit gibt es neben dem chancenlosen Brasilianer Zico offiziell nur einen ernsthaften Kandidaten für die Blatter-Nachfolge: Prinz Ali Bin Al-Hussein. Dem 39-jährigen Jordanier gelang Ende Mai ein Achtungserfolg, als er Blatter einen zweiten Wahlgang abtrotzte. Zu diesem trat er zwar nicht mehr an, dennoch hatte er mit 73 von 206 Stimmen die Erwartungen übertroffen.

Insider halten Hussein dennoch für chancenlos. Im Mai war er der Kandidat der UEFA, da Platini die Konfrontation mit Blatter noch scheute. Bis auf wenige Ausnahmen bekam Hussein alle Stimmen der europäischen Verbände. Das dürfte sich kaum wiederholen, die UEFA wird einen eigenen Kandidaten aufstellen. Damit fehlt dem Prinzen die Hausmacht, zumal er selbst in seiner eigenen asiatischen Konföderation umstritten ist.

Scheich Al-Sabah: Mächtiger Strippenzieher aus Kuwait.
Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

Mehr Chancen werden einem Scheich eingeräumt: Ahmad Al-Fahad Al-Sabah. Der 52-jährige Funktionär aus Kuwait gilt als mächtiger Strippenzieher. Er sitzt nicht nur im Exekutivkomitee der FIFA, sondern mischt auch beim IOC mit, als Präsident des asiatischen Olympiarates (OCA) und der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees (ANOC).

Al-Sabah zählte zu den wichtigsten Unterstützern von Platini, mit dem er das Interesse teilt, die Fussball-WM 2022 in Katar stattfinden zu lassen. Sollte Platinis Kandidatur aus den genannten Gründen scheitern, könnte der Scheich selbst antreten. Und seine Chancen, gewählt zu werden, dürften gut sein.

Ein weiterer Kandidat ist der Südafrikaner Tokyo Sexwale. Franz Beckenbauer hat den Diamantenhändler ins Spiel gebracht, dessen Vermögen auf mehr als hundert Millionen Dollar geschätzt wird. Sexwale sei «sehr intelligent und sehr gut vernetzt», so Beckenbauer.

Ein offenes Geheimnis ist, dass auch Blatter den Südafrikaner unterstützt. Das könnte Sexwales Chancen allerdings schmälern, viele Verbände dürften angesichts der Eskalation des Korruptionsskandals davor zurückschrecken, einen von Blatter protegierten Kandidaten zu wählen.

Tendenz: durchaus wahrscheinlich.

Szenario 3: Deutschland übernimmt die Führung

Diese Option wurde von mehreren deutschen Medien ins Spiel gebracht. Die «Bild»-Zeitung feiert DFB-Chef Wolfgang Niersbach als «unverbraucht», «kompetent» und «unbelastet». Seine mögliche Wahl zum Platini-Nachfolger an der Spitze der UEFA könne «ein Anfang bei der Rettung unseres schönen Fussballs» sein. Gemunkelt wird, dass sogar noch mehr drin sein könnte, sprich: die Blatter-Nachfolge.

Niersbach, Rauball: DFB-Chef und Liga-Präsident mit Aussenseiterchancen.
Bild: Bongarts

Niersbachs Problem ist, dass er eng mit Platini verbandelt ist. Er hat die Kandidatur des Franzosen unterstützt und sollte dafür den UEFA-Chefposten erben. Nun muss Niersbach sich von Platini distanzieren, was ihm sichtlich schwerfällt. Eine Verschiebung der FIFA-Wahl etwa will er nicht ausschliessen, am Samstag sagte er: «Wenn man wirklich an den Punkt käme, das ist noch nicht besprochen, also im Konjunktiv gesprochen, wir müssten eventuell noch ein mal verschieben, dann kann das auf keinen Fall ein langes Herausschieben sein, weil einfach Druck auf dem Kessel ist.» Ein ziemliches Herumeiern des DFB-Präsidenten.

Aussenseiterchancen könnte Reinhard Rauball haben, sollte er sich zu einer Kandidatur entschliessen. Der Präsident der DFL hat sich früher als Niersbach von Blatter distanziert und sich auch zu Platini kritisch geäussert. Dieser müsse «glaubwürdig erklären, wie die Zahlungen an ihn zu bewerten sind», sagte Rauball der «Süddeutschen Zeitung». Es dürfe «nicht der geringste Verdacht von Korruption bestehen bleiben».

Klar ist aber auch: Rauball ist im aktuellen FIFA-Skandal zwar unbelastet, mit besonders brillanten Reformideen fiel der Liga-Präsident jedoch bislang nicht auf. So forderte er etwa, dass die UEFA aus der FIFA austreten solle – ohne zu erwähnen, dass es die Europäer waren, die die minimalen Reformvorschläge des Weltverbands blockiert haben.

Tendenz: eher unwahrscheinlich.

Szenario 4: Ein Notvorstand übernimmt

Es ist die sinnvollste, aber auch die unwahrscheinlichste Option: Das FIFA-Exekutivkomitee wird durch einen Notvorstand abgelöst, dessen einzige Aufgaben es wären, die Geschäfte zu führen und eine Reform umzusetzen, die den Namen auch verdient. «Erst müssen die Strukturen verändert werden und dann kann eine neue Führung gewählt werden», sagt einer, der sich in den Gremien des Verbands gut auskennt. Die FIFA habe sich eingemauert, kritisiert er, das Motto sei: «Wir sind eine Familie, hört doch nicht darauf, was die bösen Journalisten sagen.»

Zwei Möglichkeiten gäbe es, einen Notvorstand einzurichten: Entweder eine ausreichende Zahl von Mitgliedern des Exekutivkomitees tritt freiwillig zurück. Oder die Schweizer Justiz sorgt für die Entmachtung des FIFA-Vorstands. Da ein freiwilliger Abtritt der Funktionäre kaum vorstellbar ist, müssten die Schweizer Behörden ernst machen.

FIFA-Chefaufseher Scala: Legte Reformplan vor.
Bild: AMA

Sollte dies geschehen, könnten zwei Männer ins Rampenlicht treten, die unter normalen Umständen keine Chance auf die Blatter-Nachfolge haben: Domenico Scala, seit 2012 Chef der Compliance-Kommission der FIFA, und der Antikorruptionsexperte Mark Pieth.

Beide sind in der Krise als besonnene Experten aufgetreten, Scala hat zudem bereits einen Plan vorgelegt, wie die FIFA grundlegend reformiert werden kann. Ein wichtiger Punkt darin ist, dass die Mitglieder des Exekutivkomitees künftig vom Kongress gewählt werden müssten – und nicht mehr von den Konföderationen bestimmt werden. Für viele Experten ist die Macht der Kontinentalverbände eine Wurzel der Korruption in der FIFA.

Tendenz: nahezu ausgeschlossen.

Fazit: Die Zukunft des Fussballweltverbands ist unsicherer denn je. Man muss befürchten, dass die Funktionäre immer noch nicht bereit sind, einen ernsthaften Umbruch zuzulassen. Die einzige Hoffnung ruht daher auf den Behörden in der Schweiz und den USA: Sie müssen eingreifen und die FIFA-Bosse entmachten.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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