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Ein Freiwilliger während einer Giftgas-Übung 2013 in Aleppo. 
Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

«Islamischer Staat», Chemie- und Nuklear-Waffen: Wie real ist die Gefahr?

Der sogenannte «Islamische Staat» hat im Nahen Osten mehrfach Chemiewaffen eingesetzt – und kann wohl selbstständig Senfgas herstellen. Die Terrormiliz könnte sich auch für den Erwerb radioaktiver Kampfstoffe interessieren. Wie ernst ist die Gefahr?

30.03.16, 09:33 30.03.16, 09:52

Markus Becker, Brüssel / spiegel online



Ein Artikel von

Es war ein gespenstischer Fund, der Ermittlern im November 2015 gelang: ein Überwachungsvideo, das sich auf nur eine Person konzentriert. Und zwar auf den Direktor des belgischen Nuklearforschungszentrums SCK-CEN. Unbekannte hatten offenbar in einem Wäldchen gegenüber seinem Wohnhaus eine Kamera versteckt.

Das Video, zehn Stunden lang, wurde in der Wohnung der Ehefrau von Mohamed Bakkali gefunden. Bakkali soll an der Vorbereitung der Attentate von Paris am 13. November beteiligt gewesen sein: In seiner Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeck fand sich auch ein Sprengstoffgürtel mit DNA von Salah Abdeslam, des kürzlich festgenommenen mutmasslichen Drahtziehers der Anschläge.

«Der Einsatz von Giftgas ist gar nicht so schwierig – und produziert mächtige Bilder.»

Das SCK-CEN deckt nach eigenen Angaben 20 bis 25 Prozent des weltweiten Bedarfs an medizinischen Radionukliden ab. Diese teils stark strahlenden Stoffe könnten von Terroristen für den Bau schmutziger Bomben genutzt werden – herkömmlicher Sprengsätze, die radioaktives Material über ein weites Gebiet verteilen. Möglicherweise, sagte eine Sprecherin der belgischen Atomaufsicht, habe Bakkali den Forscher erpressen wollen, um an radioaktives Material zu kommen.

«Das Gefahrenpotenzial eines Anschlags mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Waffen wird von der Bundesregierung sehr ernst genommen», hiess es schon Ende Dezember in einer Antwort der Deutschen Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion, die Spiegel online vorliegt.

Zwar gebe es derzeit keine Informationen über konkrete Anschlagspläne in Deutschland. Aber islamistische Terrorgruppen dürften «grundsätzlich in der Lage sein, Anschläge mit leicht herstell- oder beschaffbaren Chemikalien, Toxinen oder radioaktiven Substanzen durchzuführen». Nach den Ereignissen von Brüssel rückt die Gefahr eines Anschlags mit Massenvernichtungswaffen wieder stärker in den Fokus der Anti-Terror-Einheiten.

Machen die Terrorgruppen Fortschritte bei der Beschaffung solcher Waffen?

Chemische und biologische Kampfstoffe

Als ein Fanal gilt unter westlichen Chemiewaffen-Experten der Sarin-Angriff auf Ghuta bei Damaskus, verübt durch Anhänger des Machthabers Baschar al-Assad, bei dem im August 2013 Hunderte Menschen starben. «Seitdem sind die Anleitungen zur Chemiewaffen-Herstellung im Internet qualitativ deutlich besser geworden», sagt ein europäischer Fachmann, der nicht namentlich genannt werden möchte. «Ein solches Video ist etwas anderes als ein schriftliches Rezept, das nur ein Spezialist versteht», so der Experte. Selbst für den Nervenkampfstoff Sarin, der wesentlich schwieriger zu produzieren sei als Senfgas, existierten derartige Videos.

Früher hätten Fachkreise den Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch Terroristen als unwahrscheinlich abgetan: zu schwierig herzustellen, zu unsicher in der Wirkung. Doch der Angriff auf Ghuta habe Islamisten gezeigt, «dass der Einsatz von Giftgas gar nicht so schwierig ist und mächtige Bilder produziert». Die Fotos der toten Kinder dominierten tagelang die Beriche westlicher Medien. Für die Multimedia-Propaganda des «IS» wäre ein solcher Angriff wohl von ungeheurem Wert.

«Bedenkt man, wie leicht Senf- und Chlorgas zu schmuggeln sind und dass diese Barbaren immer mehr auf Terror auch im Westen setzen, dann ist das alarmierend.»

Dass der Ghuta-Angriff beim «IS» Schule gemacht hat, gilt inzwischen als gut belegt. So habe die Terrormiliz im Frühjahr und Sommer 2015 «nachweislich mit chemischen Kampfstoffen gefüllte Granaten auf Stellungen der kurdischen Peschmerga abgeschossen», schreibt die Bundesregierung. Blutproben verletzter Kämpfer zeigten später Rückstände von Senfgas. In einem vertraulichen Dokument von Mitte Januar bezeichnet das deutsche Auswärtige Amt den Senfgas-Angriff des «IS» auf Marea im August 2015 als «äusserst besorgniserregend».

US-Luftwaffe fliegt Angriffe auf Chemiewaffen-Labore des «IS»

Seinerzeit war nicht klar, ob die Islamisten den Kampfstoff aus Assad-Beständen erbeutet oder anderweitig beschafft hatten. Zwar gelten die Chemiewaffen des Regimes inzwischen als vernichtet. Doch wie mehrere Insider berichten, geht die Bundesregierung davon aus, dass der «IS» mittlerweile selbst Senfgas herstellen kann. Auch die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW), CIA-Chef John Brennan und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper hatten sich kürzlich ähnlich geäussert. Zudem soll der «IS» auch schon Chlorgas eingesetzt haben.

Eine Giftgasübung in Aleppo aus dem Jahr 2013.
Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

Wie sehr die Sorge des Westens angesichts möglicher Chemiewaffen-Produktion durch den «IS» gewachsen ist, zeigte sich Anfang März, als die US-Luftwaffe Angriffe auf mehrere Chemiewaffen-Produktionsstätten des «IS» flog. Die Informationen über die Ziele stammten laut Pentagon von Suleiman Daoud al-Afari, der als Chef des «IS»-Chemiewaffenprogramms gilt. Er soll früher in der Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein gedient haben und wurde laut Medienberichten im Februar bei Mossul von US-Spezialeinheiten gefasst.

Die zur Herstellung mancher Chemiewaffen notwendigen Substanzen gelten als relativ leicht beschaffbar. Die Bundesregierung geht davon aus, dass in Syrien und im Irak ein etablierter Schwarzmarkt existiert. In Libyen – wo der «IS» inzwischen ebenfalls aktiv ist – lagern grosse Mengen völlig unzulänglich gesicherter Kampfstoffe, wie die Briten kürzlich warnten.

Ein Ermittler gab sich als Vertreter des «IS» aus und bekam radioaktives Cäsium für 2.5 Millionen Euro angeboten, angeblich um eine schmutzige Bombe herzustellen.

Laut Stefan Mogl vom Labor Spiez im Schweizerischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz sind die für die Senfgas-Herstellung notwendigen Grundstoffe auch in Hochschul-Chemielaboren zu finden. Bei der Herstellung von Farben, Dünger oder Insektiziden würden ebenfalls Stoffe genutzt, die sich nach Anpassungen für Senfgas eigneten. «Jemand mit den notwendigen Kenntnissen könnte damit Senfgas herstellen und in kleineren Mengen auch sicher transportieren», so Mogl.

Im Westen führt das zu Besorgnis. «Bedenkt man, wie leicht Senf- und Chlorgas zu schmuggeln sind und dass diese Barbaren immer mehr auf Terror auch im Westen setzen, dann ist das alarmierend», meint der deutsche Grünen-Sicherheitspolitiker Omid Nouripour. Auch bei der NATO gibt es derartige Befürchtungen. Wolfgang Rudischhauser, Direktor des NATO-Zentrums für die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, warnte nach dem Anschlag auf die Pariser «Charlie Hebdo»-Redaktion vor einem ein «sehr realen Risiko», dass «IS»-Kämpfer chemische, biologische, radiologische oder sogar nukleare Materialien – kurz – CBRN  «als Terrorwaffen gegen den Westen verwenden».

Radiologisches und nukleares Material

Auch nach Informationen der deutschen Regierung haben es Islamisten nicht nur auf Chemiewaffen, sondern auf alle CBRN-Materialien abgesehen. Ein Interesse «islamistisch geprägter terroristischer Strukturen» an solchen Stoffen sei bereits seit Ende der 90er Jahre feststellbar, heisst es auf die kleine Anfrage der deutschen Linksfraktion.

Dass Terroristen radiologisches oder nukleares Material in Osteuropa kaufen könnten, legte etwa eine verdeckte Ermittlung in Moldawien Anfang 2015 nahe, die in Fachkreisen weithin bekannt ist. Ein Ermittler gab sich als Vertreter des «IS» aus und bekam radioaktives Cäsium für 2.5 Millionen Euro angeboten, angeblich um eine schmutzige Bombe herzustellen. Im Juni 2011 hatte ein Moldawier sogar versucht, hochangereichertes Uran-235 zu verkaufen.

Im Nahen Osten selbst sorgte der Diebstahl von Atommaterial zuletzt Mitte Februar für Schlagzeilen. Unbekannte hatten bereits 2015 bis zu zehn Gramm des radioaktiven Iridium-192 vom Gelände einer US-Ölfirma bei Basra gestohlen. Ein irakischer Beamter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, man habe Sorge, der «Islamische Staat» könne das Material für eine schmutzige Bombe verwenden. Die Internationale Atomenergie-Agentur IAEA fahnde seit November erfolglos nach dem Material.

Sicherheits- und Abrüstungsexperten fordern vehement, die Schutzvorkehrungen zu verbessern. «Sollte eine radiologische Waffe in einer Grossstadt eingesetzt werden, würde sie zwar nur wenige Menschen unmittelbar töten», sagt der ehemalige britische Verteidigungsminister Desmond Browne zu Spiegel Online. «Aber die psychologische Wirkung wäre absolut verheerend. Und der Schaden würde in die Milliarden gehen.»

Westliche Sicherheits- und Rettungskräfte bereiten sich inzwischen auf derartige Katastrophen vor. In Deutschland etwa wurde 2014, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, die «CBRN Info-Plattform Bund» eingeführt. Sollte es Hinweise auf Anschläge mit Massenvernichtungswaffen geben oder eine solche Attacke bereits erfolgt sein, «werden die teilnehmenden Behörden unverzüglich unterrichtet», so die deutsche Regierung. 

Zwar wisse niemand genau, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Terroranschlag mit Massenvernichtungswaffen sei, sagt Browne. Allerdings wächst unter Experten die Sorge darüber, dass der «IS» wegen der Serie von Niederlagen im Nahen Osten aus Verzweiflung zu Massenvernichtungswaffen greifen könnte. «Wir müssen nicht nur darauf vorbereitet sein, was wahrscheinlich ist», sagt Browne, «sondern darauf, was möglich ist.»

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17
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    Alle Leser-Kommentare
  • Human 30.03.2016 13:29
    Highlight Nu dachte ich gerade nachdem ich heute morgen auf Spiegel einen Artikel gelesen hab "mal schauen was Watson dazu schreibt"... - muss ich das verstehen das ihr Artikel einfach von Spiegel übernehmt? Ich kann selbst Spiegel.de öffnen und sonst kann ich auf Google News wenn ich eine Übersicht über verschiedene Newsseiten will... ist doch doof
    5 6 Melden
    • Anna Rothenfluh 30.03.2016 13:37
      Highlight @Human: Das hast du richtig gesehen. Wir haben schon seit unseren Anfängen eine Kooperation mit Spiegel. Wir übernehmen einfach gewisse Artikel, vor allem die Auslandberichterstattung betreffend. Die grosse Mehrheit unserer Artikel kommt jedoch aus der eigenen Redaktionsstube.
      9 3 Melden
    • Human 30.03.2016 13:41
      Highlight Hab ich schon mitbekommen das Watson und der Spiegel Buddys sind :D aber wie soll ich den mein Tag rumbringen? Wenn ich bei euch alles les und dann auf Spiegel und Stern und dann wieder zu euch komm und das gleiche dann nochmal lesen kann is irgendwie doof :D Ihr müsst auch mal an die Berufstätigen denken die den ganzen Tag beschäftigt aussehen müssen, das geht nich mit ein und dem selben Artikel den ganzen Tag Anna ;P
      5 7 Melden
    • Anna Rothenfluh 30.03.2016 13:44
      6 1 Melden
    • Human 30.03.2016 13:47
      Highlight Den hab ich grad beendet *schnief* Muss ich nun etwa arbeiten? Ist doch doof echt :`(
      5 6 Melden
  • Chris_ 30.03.2016 11:23
    Highlight bezüglich sarin angriff ist dies auch noch sehr interessant.

    http://s3.amazonaws.com/s3.documentcloud.org/documents/1006045/possible-implications-of-bad-intelligence.pdf
    3 6 Melden
  • Chris_ 30.03.2016 11:18
    Highlight Bezüglich Sarin Angriff und mögliche Abschussorte ist dies auc noch erwähnenswert.

    http://s3.amazonaws.com/s3.documentcloud.org/documents/1006045/possible-implications-of-bad-intelligence.pdf
    2 6 Melden
  • Kiyoaki 30.03.2016 09:54
    Highlight Würde mich schon wundern, woher der IS diese chemischen Waffen hat...
    19 5 Melden
  • kleiner_Schurke 30.03.2016 09:49
    Highlight Unter Massenvernichtungswaffe verstehe ich eine Bombe im Stile der Atombombe die in Hiroshima 100'000 Menschen in einer Sekunde tötete. Von Solchen Waffen ist der IS so weit entfernt wie ein Waschbär von der Relativitätstheorie. Die Produktion von Sarin mag wohl theoretisch möglich sein, ist in der Praxis jedoch extrem heikel. Liegt das Produkt erst mal vor, muss man auch damit umgehen können, sonst -> Abflug. Sarin ist eine instabile Verbindung und müsste rel. schnell zum Einsatz kommen, sonst zerfällt es. Biologisch Waffen hat der IS mit Sicherheit nicht.
    24 12 Melden
    • miaumiau 30.03.2016 11:56
      Highlight Was Du unter Massenvernichtungswaffen verstehst, ist ziemlich egal. Massenvernichtungswaffen "bezeichnet eine Kategorie bestimmter Waffen, die als besonders zerstörerisch angesehen werden und gravierende Auswirkungen auf Leben, Gegenstände und Umwelt haben" (wikipedia).

      Deine Behauptung wie, dass der IS mit Sicherheit keine biologischen Waffen besitze, ist auch "interessant".
      10 1 Melden
    • ramonke 30.03.2016 12:20
      Highlight senfgas kann jeder mit ein wenig wissen selber herstellen. nicht gerade schwierig und verheerende wirkung vieleicht nicht in der anzahl der toten aber in der der verletzten und die panik die danach ausbrechen würde
      9 0 Melden
    • kleiner_Schurke 30.03.2016 13:20
      Highlight @miaumiau
      Nein es ist nicht egal. Und die Wikipedia ist nicht sakrosankt. Eine Massenvernichtungswaffe müsste ja auch massenhaft Menschen vernichten können. Mit einem Maschinengewehr könnte man tausende Menschen töten, es gilt dennoch nicht als Massenvernichtungswaffe. Senfgas tötet auch viele Menschen (vielleicht ein paar 100) deshalb ist das noch lange keine Massenvernichtungswaffe. Man kann solche Begriffe auch einfach falsch verwenden. Wie ein paar Deppen in der Wüste Ebola handhaben wollen... naja geschenkt.
      4 5 Melden
    • ramonke 30.03.2016 17:00
      Highlight @kleier_schurke
      auf welche quellen beziehen sie denn ihre aussagen?
      Senfgas ist übrigens in der westlichen welt viel gefährlicher als zb ebola. ebola könnte zwar durchaus auch hier als biowaffe verwendet werden, aber es würde wohl "nur" die menschen invizieren die bei der erstfreisetzung durch die täter anwesend sind. da ein invizierter erst nach auftreten der symptome anstecken ist, und die infektion nur durch direkten kontakt mit körperflüssigkeiten übertragbar ist, wäre die zahl der invizierten sehr gering. die invizierung ist mit aids gleichzusetzen und kann schnell eingedämmt werden.
      2 0 Melden

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