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Syrian man Ahmed sits next to his daughter Reem, who is suffering disabilities due to injuries sustained in government shelling, at their home in Daraa, Syria, 30 May 2016. According to local sources, the father is taking care after two daughters suffering disabilities due to injuries they sustained in government shelling two years before.  EPA/MAHMOUD AL-HAMZA

Daraa, wo alles begann: Ein Vater mit seinem Kind, dass bei Bombenangriffen der Regierung verletzt wurde. Bild: EPA/EPA

2011 löste ein Graffiti in Daraa den Syrien-Krieg aus – jetzt greift Assad die Stadt an

Ost-Ghuta ist gefallen, nun dürfte Syriens Machthaber Baschar al-Assad die letzten Rebellenhochburgen angreifen: Idlib - und Daraa, wo der Aufstand 2011 begann. Jordanien und Israel sind alarmiert.

17.04.18, 18:10 18.04.18, 08:51

Dominik Peters



Ein Artikel von

Die Schuljungen, die im Februar 2011 in Daraa das Graffiti «Das Volk will den Sturz des Regimes» auf eine Häuserwand sprühten, konnten nicht ahnen, was dieser Satz auslösen würde.

Erst verhaftete das Regime von Baschar al-Assad die Kinder und folterte sie, dann gingen die Menschen in der südsyrischen Stadt auf die Strasse, um gegen den Diktator von Damaskus zu protestieren – und der erklärte schliesslich: «Wer die Schlacht haben will, kann sie haben».

FILE - In this Wednesday, March 23, 2011 file photo, anti-Syrian government protesters flash victory signs during a protest in the southern city of Daraa, Syria. It was sparked by an act of brutality, the detention and torture of schoolchildren who spray-painted anti-government graffiti in a southern city. In the three years since, the brutality of Syria’s civil war has seemed to reach new levels every day. (AP Photo/Hussein Malla, File)

Proteste in Daraaa, eine Aufnahme vom März 2011. Bild: AP/AP

Syrien, wie es einmal war, existiert nicht mehr. Wie viele Menschen in dem Bürgerkrieg getötet wurden, weiss niemand ganz genau, auch die Vereinten Nationen nicht. Schätzungen zufolge kamen bislang 500'000 Menschen ums Leben, Millionen wurden innerhalb Syriens vertrieben oder sind geflüchtet.

Iran hofft auf Einnahme Idlibs

Zu ihnen gehören auch die – mehrheitlich islamistischen – Milizionäre aus Ost-Ghuta, der einstigen Rebellenhochburg vor den Toren der Hauptstadt. Viele von ihnen befinden sich nun in der Provinz Idlib, der syrischen Westprovinz an der Grenze zur Türkei.

Die von Iran und Russland unterstützte syrische Armee hat die zu Ost-Ghuta gehörende Satellitenstadt Duma unter ihre Kontrolle gebracht – auch als Resultat des mutmasslichen Chemiewaffeneinsatzes. Nun dürfte das Militär Idlib in den Fokus nehmen.

Aktuelle Karte zur Situation in Syrien

Ali Akbar Velajati, einer der wichtigsten Berater von Irans Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei, erklärte bereits in der vergangenen Woche, er hoffe, Idlib werde bald wieder von Syriens Machthaber Assad kontrolliert. Wie ein solch gross angelegter Feldzug aussehen könnte, sagte er nicht.

Fest steht: Leicht zu gewinnen wäre die Schlacht um die Provinz Idlib nicht, denn dort ist besonders die von der Türkei protegierte Freie Syrische Armee (FSA) stark. Vielmehr würde - wieder einmal – einer der etlichen Vielfrontenkonflikte in Syrien eskalieren.

Jordanien schaut alarmiert auf Daraa

Eine zweite Option für Assad wäre eine Offensive gegen die Rebellen in Daraa, die Stadt und die gleichnamige Südprovinz an der Grenze zu Jordanien. Etwa 70 Prozent des Gebietes, das offiziell eine sogenannte «Deeskalationszone» ist, sind in der Hand verschiedener Rebellengruppen.

This frame grab from video provided on Monday, June 12, 2017, by Nabaa Media, a Syrian opposition media outlet that is consistent with independent AP reporting, shows smoke rising over buildings that were hit by Syrian government forces bombardment, in Daraa city, southern Syria. Syrian opposition activists said Monday that government forces have intensified their bombardment of the contested city of Daraa, which connects Damascus to the Jordanian border.
 (Nabaa Media, via AP)

Bomben über Daraa, Aufnahme aus dem Jahr 2017 Bild: AP/Nabaa Media

Jordanien, das nach Angaben der Uno etwa eine halbe Million Syrer aufgenommen hat, versucht bislang, sich aus dem blutigen Bürgerkrieg herauszuhalten. In Amman ist man alarmiert, denn es scheint ausgeschlossen zu sein, dass die dezimierte syrische Armee allein gegen die Rebellen vorgehen könnte.

Wie zuvor dürfte Assad auch bei einer möglichen Bodenoffensive auf Daraa von proiranischen schiitischen Milizen unterstützt werden. Bereits am 12. März soll das syrische Regime nach Rebellenangaben Ziele in der Provinz aus der Luft angegriffen – und damit die fragile Waffenruhe gebrochen haben.

Der Süden Syriens grenzt aber auch an Israel – und die Regierung in Jerusalem hat klargemacht, dass sie Irans Vormarsch an seiner Nordgrenze verhindern werde. Wie angespannt die Lage ist, wurde erst in der vergangenen Woche deutlich, als bei einem Angriff auf die syrische Militärbasis T4 nahe der antiken Oasenstadt Palmyra iranische Soldaten getötet wurden. Teheran und Moskau machten dafür Israel verantwortlich.

Direkte Konfrontation zwischen Israel und Iran

Jerusalem äusserte sich zunächst nicht, ein ranghoher israelischer Militär bestätigte der «New York Times» aber den Angriff und erklärte, es sei das erste Mal gewesen, dass der jüdische Staat «lebende iranische Ziele» angegriffen habe.

Nach Medienberichten handelte es sich dabei um sieben iranische Militärberater. Sie sollen mitverantwortlich für den iranischen Drohnenflug nach Israel im Februar gewesen sein. Das Fluggerät konnte damals erst nach dem Eintritt in den israelischen Luftraum abgefangen werden und soll - wie Israel am vergangenen Freitag erstmals bekannt gab - mit Sprengstoff bestückt gewesen sein.

Diese jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Israel und Iran ging in den Meldungen über den Militärschlag der USA, Frankreichs und Grossbritanniens auf das Assad-Regime fast unter.

Die jordanischen Sicherheitsbehörden dürften die Entwicklung aber genau beobachten. Eine mögliche Offensive des syrischen Militärs und seiner schiitischen Verbündeten in der Provinz Daraa würde nicht nur die Spannungen zwischen Jerusalem und Teheran verstärken, sondern auch Amman destabilisieren. In Folge möglicher Kampfhandlungen könnten noch mehr Syrer versuchen nach Jordanien zu flüchten, doch das Land ist bereits jetzt überfordert.

USA und Verbündete greifen Syrien an

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32Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Urs Minder 18.04.2018 20:42
    Highlight Trotzdem die EU, vorab Frankreich, an diese pro westliche Minderheit Waffen lieferte und militärisch unterstützte, ist die Gruppe bedeutungslos. Eine Minderheit wie die Pseudo- Regierung in Lybien, die ein paar Strassenzüge kontrolliert. Es ist halt Pech wenn man den Menschenrechtsheuchlern nicht in den Kram passt. Vermutlich sollte Assad auch dereinst vom Mob auf der Strasse gemeuchelt werden, wie einst Ghadafi. Diese ungeahndeten Rechtsbrüche, die Ignoranz der Gerichte und Arroganz gegenüber der Bevölkerung im nahen Osten entspricht offenbar dem Euro- Rechtssystem.
    1 0 Melden
  • Snowy 18.04.2018 14:28
    Highlight Sehr spannend: https://www.zerohedge.com/news/2018-04-17/famed-war-reporter-robert-fisk-reaches-syrian-chemical-attack-site-concludes-they

    Vor allem weil Fisk nicht irgendein beeinflussbarer no-name Reporter ist, sondern DER westliche (und arabisch sprechende) Nahostreporter schlechthin...

    Vorerst ist aber noch Skepsis angebracht, weil sein Arbeitgeber der Independent selber die Geschichte noch nicht gebracht hat.

    Aus wikipedia:

    Fisk wurde siebenmal mit dem British Press Awards' International Journalist of the Year ausgezeichnet und gewann den "Reporter of the Year-Award" zweimal
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  • Liselote Meier 18.04.2018 08:50
    Highlight Ach was ist denn mit den geleakte Depeschen aus der US-Botschaft in Damaskus aus dem Jahre 2006? Sprich Strategien zum Umsturz des syrischen Staates?

    Seymour Hersh hat dazu im Jahre 2007 die Allianz von Saudi-Arabien, Israel und den USA aufgedeckt sowie der Ausbildung von "Aufständischen".

    Aber klar begann alles im Jahre 2011, mit einer Geschichte die nicht mal verifiziert ist (gefolterte Kinder)
    12 4 Melden
  • Kraken 17.04.2018 23:00
    Highlight Es geht nicht um die Menschen in Syrien sondern um geopolitische Interessen. Nur eins ist wichtig Russland war schon vorher da (vor dem Krieg) und der Westen versucht das seine Interessen durchzusetzen.
    22 14 Melden
  • felixJongleur 17.04.2018 21:57
    Highlight Sei es dieser Artikel oder alle weiteren zum Syrienkonflikt, wer alles etwas besser einordnen möchte dem muss ich diese Sendung empfehlen:

    https://m.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/eine-diplomatische-loesung-fuer-syrien

    Michael Lüders ist einfach klasse, bin schwer beeindruckt, topp und verständlich das grössere Bild gezeichnet, kannte ihn vorher nicht. Hörtipp, auch für die Watson Redaktion.
    28 5 Melden
    • Posersalami 18.04.2018 08:25
      Highlight Vor allem die Bücher sind lesenswert!
      5 3 Melden
    • Snowy 18.04.2018 10:04
      Highlight Danke vielmals für den Hinweis.
      4 3 Melden
    • PaLve! 18.04.2018 12:13
      Highlight Seine zwei Bücher über den nahen Osten (''Wer den Wind säht'' und ''Die den Sturm ernten'') sind Pflichtlektüren, für Leute die sich für das Thema interessieren.
      5 1 Melden
  • Patho 17.04.2018 21:53
    Highlight Ich mag den Gedanken zwar nicht und viele werden mich dafür wohl anfeinden, aber ich denke es wäre die nachhaltigste Lösung, wenn Assad wieder das ganze Land unter Kontrolle bringt und abgewartet wird, wie es sich entwickeln wird, bzw. bis ein Nachfolger (sein Sohn) die Macht übernimmt. Vielleicht ist dieser dann vernünftiger als sein Vorgänger und schafft demokratische Züge. Aber solange es keine andere Person gibt, die eine Mehrheit in diesem Land hinter sich hat, wird es wohl keinen Frieden im eigentlich wunderschönen Syrien geben. Und auch nicht durch das unkontrollierte absetzen von Assad
    33 10 Melden
    • TheRealSnakePlissken 18.04.2018 00:23
      Highlight Und die ach so "wunderschönen" Folter Keller des Assad-Regimes?
      13 32 Melden
    • Posersalami 18.04.2018 08:29
      Highlight Im Vergleich zu seinem Vater ist dieser Assad ja schon sehr gemässigt.

      Es ist mir immer noch ein Rätsel wieso der weg soll. Die EU war sogar kurz davor ein Assoziierungsabkommen zu schliessen.
      https://www.euractiv.de/section/prioritaten-der-eu-fur-2020/news/verwirrung-um-assoziierungsabkommen-mit-syrien/

      Israel hatte von Syrien auch nichts zu befürchten, seit dem Antritt Assads ist kein einziger Schuss an der Grenze gefallen. Gut, Assad wollte den Golan nicht herschenken, aber das ist ja auch irgendwie verständlich.
      8 1 Melden
    • Posersalami 18.04.2018 08:31
      Highlight @ TheRealSnakePlissken: Wunderschöne Folterkeller haben auch andere, zum Beispiel die Friedensmacht USA. Die haben auch diese grossartige Tradition, Menschen aus aller Herren Länder zu verschleppen und irgendwo in ein Loch zu stecken.

      Funfact: Immerhin waren die Keller in Syrien auch mal für die USA gut genug, ihre Gefangenen foltern zu lassen. https://www.amnesty.ch/de/ueber-amnesty/publikationen/magazin-amnesty/2008-4/usa-lassen-in-syrien-foltern
      10 2 Melden
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  • Oberon 17.04.2018 18:57
    Highlight Wortwörtlich ein Pulverfass.
    Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf das irgendwann in jedem Land die Menschen ohne Unterdrückung leben können.
    69 4 Melden
    • RETO1 17.04.2018 20:12
      Highlight Da wünsche ich dir viel Geduld, sehr viel
      8 4 Melden
  • Snowy 17.04.2018 18:40
    Highlight Der Chemiewaffeneinsatz soll syrischen Truppen in Duma den entscheidenden Vorteil gebracht haben?

    Sagt wer? Quellen? Wird dieser offene Punkt* nun einfach schleichend von den Medien als Fakt übernommen? "Mutmasslich" hin oder her...

    * Fakt ist, Stand heute kommt jeder als Täter in Frage. Alle Kriegsparteien hatten Motive chemische Kampfstoffe einzusetzen.
    119 29 Melden
    • Watson=Propagandahuren 17.04.2018 20:07
      Highlight Immer auf die Propaganda-Warnwörter wie "SOLL", "vermutet", "befürchtet" usw. achten :)
      Und der Trick ist tatsächlich so billig: Zuerst die Behauptung in den Raum stellen, bitzli stehen lassen und dann einen Fakt daraus zaubern.
      31 11 Melden
    • Weisnidman 17.04.2018 21:56
      Highlight Hat man genug Einfluss dann braucht man auch keine Beweise. Hauptsache man setzt seine eigene Interessen durch...
      31 9 Melden
    • Snowy 18.04.2018 10:15
      Highlight @Weisnidman: Und genau darum - um die Wahrung von Interessen - geht es auch in Syrien und um nichts anderes. Mich kotzt es so an, wie uns jeder Krieg als Wahrung von irgendwelchen Menschenrechten verkauft wird.

      Als ob die USA, Russland, Iran Milliarden ausgeben würden um in einem Land Zivilisten zu schützen...

      Es geht um Geopolitik und um nichts anders - wie in jedem verdammten Krieg!

      4 3 Melden
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  • Watson=Propagandahuren 17.04.2018 18:30
    Highlight Israel ist alarmiert?
    Vielleicht sollten die israelischen Gangster einfach weniger völkerrechtswidrige Angriffe auf Syrien starten?
    86 63 Melden
    • RETO1 17.04.2018 20:12
      Highlight Israel soll sich verteidigen,mit allen Mitteln und zwar massiv
      Assad und seine Schergen verstossen täglich gegen das Völkerrecht
      13 39 Melden
    • Weisnidman 17.04.2018 21:59
      Highlight Die können eh alles machen was sie wollen, keiner hat den Mut mit dem Finger auf Israel zu zeigen geschweige was anderes
      29 13 Melden
    • Watson=Propagandahuren 17.04.2018 23:07
      Highlight "mit allen Mitteln" also auch chemischen wie auch schon unsanktioniert passiert?

      Und Völkerrecht gilt für alle Völker Reto, auch für das "auserwählte"
      16 10 Melden
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