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Das brennende Spital in Kundus.
Bild: EPA/MSF

US-Angriff auf Spital in Kundus: «Die Patienten brannten in ihren Betten»

Der Krankenpfleger Lajos Zoltan Jecs hatte Glück. Als sein Spital in Kundus während eines US-Luftangriffs getroffen wurde, war er in einem Bunker. Hier beschreibt er die schrecklichen Szenen danach.

04.10.15, 04:29 04.10.15, 09:03


Ein Artikel von

Nach dem US-Luftangriff auf das Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) in der nordafghanischen Stadt Kundus äussert sich erstmals ein Augenzeuge. In einem schriftlichen Bericht, den MSF veröffentlicht hat, beschreibt der Krankenpfleger Lajos Zoltan Jecs die Momente, als das Krankenhaus am frühen Samstagmorgen mehrfach aus der Luft getroffen wurde.

«Es war absolut entsetzlich. Ich schlief gerade in einem unserer sicheren Räume in dem Krankenhaus. Es war gegen 2 Uhr morgens, als ich vom dem Knall einer grossen Explosion aufwachte. Erstmal verstand ich nicht, was passierte. Über die letzten Tage hatten wir immer wieder Explosionen gehört, aber die waren immer viel weiter entfernt. Diese war anders, sie war sehr nah und ohrenbetäubend laut.

Zerstörter Teil des Spitals in Kundus.
Bild: EPA/MSF

Erstmal waren wir alle durcheinander, doch dann legte sich die Aufregung. Als wir versuchten, zu verstehen, was sich abspielte, gab es neue Einschläge. Nach 20 oder 30 Minuten hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Es war eine unserer Pfleger aus der Notaufnahme. Er stolperte mit einer grossen Wunde am Arm in den Schutzraum, er war blutüberströmt, überall am Körper hatte er Wunden.

Ban Ki Moon fordert Untersuchung

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat den Luftangriff scharf verurteilt. Wie sein Büro am Samstag mitteilte, forderte er zugleich eine «gründliche und unabhängige Untersuchung». Damit soll festgestellt werden, wer verantwortlich sei.
Nach Einschätzung der Gruppe deutet bislang alles daraufhin, dass die Bombardements auf die von den USA geführte Militärallianz zurückgehen. Das US-Militär hat erklärt, «in der Umgebung» der Klinik einen Luftangriff geflogen zu haben. Ziel seien Taliban-Kämpfer gewesen, die direkt auf amerikanische Militärangehörige geschossen hätten.

dwi/sda/reu

In diesem Moment konnte mein Gehirn nicht verstehen, was passierte, ich stand einfach still, schockiert. Er schrie um Hilfe. In dem Schutzraum haben wir eine kleine Notfallversorgung, aber kein Morphium, um seine Schmerzen zu stoppen. Wir haben für ihn getan, was wir konnten.

«In diesem Moment konnte mein Gehirn nicht verstehen, was passierte, ich stand einfach still, schockiert.»

Ich weiss es nicht mehr genau, aber wohl eine halbe Stunde später gab es keine Einschläge mehr. Ich ging mit unserem Projektleiter aus dem Schutzraum, wir wollten sehen, was passiert war. Wir sahen, wie das Krankenhaus in Flammen stand, es war komplett zerstört. Ich weiss nicht mehr, was ich gefühlt hatte, ich war wie taub, in einem Schockzustand.

«Dann versuchten wir, einen Blick in das brennende Gebäude zu werfen. Ich kann eigentlich nicht beschreiben, was sich dort abspielte, es gibt keine Worte für so etwas.»

Wir wollten nach Überlebenden suchen. Einige wenige hatten es zu den Schutzräumen geschafft. Nacheinander taumelten sie hinein, verwundet, dabei waren einige unserer Kollegen und Pfleger der Patienten.

Dann versuchten wir, einen Blick in das brennende Gebäude zu werfen. Ich kann eigentlich nicht beschreiben, was sich dort abspielte, es gibt keine Worte für so etwas: Auf der Intensivstation brannten sechs Patienten in ihrem Betten. Wir sahen nach unseren Kollegen, die im Operationsraum sein sollten. Es war schrecklich. Ein Patient lag auf dem OP-Tisch, tot, inmitten der totalen Zerstörung. Wir konnten unsere Kollegen nicht finden. Glücklicherweise fanden wir später heraus, dass sie noch fliehen und sich retten konnten.

Gleich nebenan schauten wir in die Bettenstation, glücklicherweise nicht getroffen, wir checkten nur schnell, ob alle OK waren. Auch in einem Bunker nebenan waren alle wohlauf.

Danach fingen wir wieder mit der Arbeit an und rannten zum Büro – es war voll mit Patienten, schwer verletzt, schreiend, sie waren überall.» (mgb)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • frankyfourfingers 04.10.2015 08:52
    Highlight Stellt euch mal vor z.b. der iran würde in den rocky mountains jagd auf kkk-mitglieder machen und dabei ein krankenhaus treffen. Die menschen müssen endlich erkennen, wer die waren kriegsverbrecher sind!
    37 4 Melden
  • Pater Noster 04.10.2015 06:57
    Highlight Das ist dann wohl das, was man gemeinhin als "Kollateralschaden" bezeichnet. Normalerweise wird dies nur in einem Nebensatz erwähnt.

    Ich bin einfach nur traurig ab all der Gewalt die auf der Welt herrscht. Und es hinterlässt bei mir ein Gefühl der Ohnmacht.
    35 1 Melden
    • Baba 04.10.2015 08:07
      Highlight ...wenn es die Erwähnung dann überhaupt in die Meldungen schafft. Von Abertausenden erfahren wir wohl gar nie etwas. Was für eine Tragödie 😢

      "Kollateralschaden", die Schande des Menschheit - immer und immer wieder...
      18 3 Melden
    • Radiochopf 04.10.2015 09:28
      Highlight Wieso wird bei solchen Kollateral-Schäden nie sofort der Name vom Kriegenobel.. ehh Friedensnobelpreisträgers Obama erwähnt in den Medien? Wenn Russland in Syrien eingreift sind Stunden später Fotos von zivilen Opfer zusehen obwohl noch kein russisches Kampfflugzeug in der Luft war und der Name Putin ist sofort in allen Medien zu finden.. Wer immer noch nicht merkt, dass eine extrem starke und einseitige US-Propaganda seit Jahren in unseren Medien regiert, der ist einfach nur blind oder naiv...
      20 5 Melden
    • AJACIED 04.10.2015 10:17
      Highlight Das ist ja klar wie Kloßbrühe. Den Amerikanern darf Mann doch nie was unterstellen!!
      Die werden doch NIE als Kriegsverbrecher angeklagt. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

      Immer sind Putin und die anderen d Tuble.
      Liebe Leute es kann doch nicht sein das in der Vergangenheit nur Putin, Assad, Ahmadinedschad, Sadam ect. Die einzigen auf der Welt sind oder waren auf denen Mann immer mit dem Finger zeigt.
      Seht doch endlich ein. Die Amis haben mehr Dreck am Stecken als wir wissen.
      12 1 Melden

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