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epa06669431 A handout photo made available by Russian Defense Ministry showing Chief of the Main Operational Directorate of the General Staff of the Russian Armed Forces, Lieut. Gen. Sergei Rudskoy addressing the media during a briefing on the situation in Syria at the Russian National Defense Management Center in Moscow, Russia, 14 April 2018. The US, France, and Britain launched strikes against Syria early 14 April in response to Syria's suspected chemical weapons attack.  EPA/VADIM SAVITSKY HANDOUT MANDATORY CREDIT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Putin liess den Westen in Syrien gewähren – General Sergej Rudskoy an einer Medienkonferenz am Samstag.  Bild: EPA/RUSSIAN DEFENSE MINISTRY

Keine roten Linien überschritten: Warum Putin die USA in Syrien gewähren liess

Die USA haben mit Grossbritannien und Frankreich Ziele des syrischen Diktators Assad mit Kampflugzeugen angegriffen. Dessen Schutzherr Wladimir Putin liess den Westen gewähren, in Russland wird der Militärschlag kleingeredet.

14.04.18, 21:55

Christina Hebel, Moskau / spiegel online



Ein Artikel von

>> Hier findest du die aktuellen Entwicklungen.

Wer in Russland einen der staatlichen TV-Kanäle anschaltete oder eine der kremlnahen Zeitungen aufschlug, dem konnte angst und bange werden: «Beginnt Macho Trump den Dritten Weltkrieg?», fragte das Massenblatt «Komsomolskaja Prawda» vor wenigen Tagen. Im Staatsfernsehen wurde erklärt, welche Lebensmittel – und vor allem Wasser – man horten solle. Man sei nur einen Schritt entfernt vom Krieg, liess auch die Regierungszeitung «Rossijskaja Gazeta» ihre Leser wissen: «Wird Amerika sich für einen Schlag gegen Syrien entscheiden und einen ernsthaften Konflikt mit Russland riskieren?»

Die USA haben sich nun entschieden: Als Vergeltung für einen mutmasslichen Giftgasangriff auf die Stadt Duma führten sie mit ihren Verbündeten Grossbritannien und Frankreich am frühen Samstagmorgen einen Militärschlag gegen Einrichtungen und Stellungen des Militärs von Präsident Baschar al-Assad aus.

Und Präsident Wladimir Putin liess sie gewähren.

Zwar handelte es sich um einen stärkeren Luftschlag im Vergleich zu jenem vor einem Jahr. Im April 2017 liess US-Präsident Donald Trump in Reaktion auf einen Angriff mit dem Nervenkampfstoff Sarin auf den Ort Khan Scheikhun knapp 60 Marschflugkörper auf das Flugfeld Schayrat abfeuern. Nun trafen etwa doppelt so viele Marschflugkörper und Raketen, abgefeuert von drei US-Kriegsschiffen, einem britischen U-Boot und Kampfflugzeugen der beteiligten Staaten mehrere Ziele, darunter auch eine Produktionsstätte für Sarin.

USA und Verbündete greifen Syrien an

Aber die von Russland gesetzte rote Linie wurde nicht überschritten:

Putin hat somit keinen Grund, die Lage militärisch eskalieren zu lassen, zumal der russische Syrien-Einsatz im Land nicht gerade beliebt ist. Einen direkten militärischen Zusammenstoss konnten Russland und die USA auch dieses Mal in Syrien vermeiden. Beide – Trump, der mit seinem Raketen-Tweet vorgeprescht war, und Putin – können so ihr Gesicht wahren.

Die Frage ist, wie lange das noch gut gehen kann. Der Syrienkrieg, aus dem sich Trump eigentlich rausziehen will, aber nicht kann, was der Luftangriff noch einmal demonstriert hat, wird sich womöglich endlos ziehen. Eine politische Lösung, wie sie Moskau mit militärischen Mitteln versucht zu erzwingen, ist fern. Auch eine Friedenskonferenz in Sotschi hat kaum Fortschritte erbracht. Ein Treffen von Trump und Putin, das man sich in Moskau irgendwie immer noch erhofft, scheint angesichts der Ermittlungen zur russischen Rolle während des US-Wahlkampfs und den neuen Sanktionen Washingtons in der kommenden Zeit kaum realistisch.

Putin sorgt sich um die internationalen Beziehungen

Die politische Konfrontation hatte sich in den vergangenen Wochen durch den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und die gegenseitigen Strafmassnahmen verschärft. Putin verurteilte in einer vom Kreml veröffentlichen Erklärung am Samstag die Luftangriffe scharf. Er sprach von einem «Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat», den er mit Vorgehen der westlichen Staaten gegen Jugoslawien, Irak und Libyen verglich.

Marschflugkörper, Bomber, Schiffe:

Gleichzeitig versucht er sich nun in Kontrast zu Trump als besonnenen Staatsführer zu inszenieren, der sich auf das internationale Recht beruft und um die internationalen Beziehungen sorgt. Ein Schritt, der sich vor allem innenpolitisch erklären lässt, präsentiert sich Putin doch als der Anführer, der dem feindlichen Westen die Stirn bietet.

Im Westen aber sorgen solche Erklärungen angesichts der Unterstützung von Assad, dem die UNO-Untersuchungskommission für Syrien 27 Chemiewaffenangriffe seit Beginn des Syrienkrieges zulasten legt, der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine überwiegend für Kopfschütteln.

«Die aktuelle Eskalation der Situation rund um Syrien wirkt sich zerstörerisch auf das gesamte System der internationalen Beziehungen aus», liess Putin erklären. Die USA verschärften das Leid der Bevölkerung im Land, was zu noch mehr Flüchtlingen führe. Als zynisch verurteilte der russische Präsident den Umstand, dass die Experten der Organisation für das Verbot der Chemiewaffen noch gar nicht in Duma zu arbeiten begonnen hätten.

Putin forderte eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrats, der noch am Samstag tagte. Der Sicherheitsrat lehnte die Resolution Russlands aber ab.

Moskaus sich widersprechende Erklärungen

Schrille Töne überliess Putin am Samstag den Vertretern der zweiten und dritten Reihe. Maria Sacharowa, Sprecherin des Aussenministeriums, warf den drei westlichen Staaten vor, den Friedensprozess in Syrien zu gefährden. Der Angriff sei zu einem Zeitpunkt geschehen, als Syrien endlich eine echte Chance auf Frieden bekommen habe. Allerdings fragt man sich, was Sacharowa angesichts der Bombardements von Assads Truppen in Ghuta mit Frieden genau meint. Für den mutmasslichen Giftgasangriff auf Duma gebe es nach wie vor keine Beweise nur Medienberichte, sagte sie. 

Moskau hatte den Chemiewaffeneinsatz erst einen «Fake» genannt, um dann andere Erklärungen nachzulegen.

Am Freitag sprach Aussenminister Sergej Lawrow dann von erdrückenden Beweisen, die belegen würden, dass der Chemiewaffenangriff eine Inszenierung des Geheimdienstes eines Landes gewesen sei – es handele sich um den Staat, der derzeit eine russophobe Kampagne anführe. Später nannte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dann Grossbritannien beim Namen.

Militärschlag kleinreden

Russlands Botschafter in Washington, Anatolij Antonow, meldete sich am Samstag als Erstes nach dem Ende des etwa einstündigen Militärschlags zu Wort, er drohte mit Konsequenzen. Eine Erklärung, die aber im Staatsfernsehen später kaum eine Rolle spielte.

Dort bemühte man sich den Militärschlag kleinzureden, auch um deutlich zu machen, dass es sich allenfalls um einen symbolischen Angriff gehandelt habe, auf den es nicht wert sei zu reagieren, wie der Moskauer Aussenpolitik-Experte und Publizist Wladimir Frolow es zusammenfasste.

Das musst du über die aktuelle Eskalation wissen:

Bilder von Erdkratern und Trümmern von Militäranlagen aus Syrien wurden gezeigt. Tote habe es nicht gegeben, erklärte ein Reporter bei Rossija 24, nur fünf verletzte Zivilisten in Homs. General Sergej Rudskoj erklärte in Moskau, dass von den 103 abgefeuerten Marschflugkörpern und Raketen 71 vom syrischen Militär abgefangen worden seien – und das mit ihrer Luftabwehr noch aus Sowjetzeiten. Inwieweit das stimmt, ist unklar. Das Pentagon erklärte, die syrische Systeme seien weitgehend ineffektiv gewesen. Die in die Jahre gekommene Luftabwehr ist zum Beispiel nicht in der Lage, relativ tief fliegende Cruise Missiles abzufangen.

Auf dem Bildschirm hinter Rudskoj zeigte das russische Militär Bilder vom Verkehr aus Damaskus – ganz so, als ob nichts geschehen wäre.

Zusammengefasst: Mit Grossbritannien und Frankreich haben die USA Ziele des syrischen Diktators Baschar al-Assad angegriffen. Moskau, das die Kontrolle über den syrischen Luftraum hält, liess den begrenzten Militärschlag zu. Russische Basen oder Infrastruktur wurden nicht attackiert. Präsident Wladimir Putin verurteilte den Luftangriff als «Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat». In den Staatsmedien versuchte man die Bedeutung der Attacke runterzuspielen.

Mitarbeit: Matthias Gebauer

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • redeye70 15.04.2018 09:52
    Highlight Militärisch ist Russland den USA unterlegen. Im Kampf auf offenem Feld läuft man deren Feuerkraft direkt in den Hammer. Putin weiss das haargenau. Seine stärkste Waffe ist die Desinformation, die Atomwaffen seine Lebensversicherung. Als Stratege ist er schlicht brilliant und seinen Gegnern meist einen Schritt voraus.
    9 6 Melden
    • Sebastian Wendelspiess 15.04.2018 15:06
      Highlight Seine beste Waffe ist die Zeit, der Westen zerstört sich in den nächsten Jahre selber, ganz allein durch sein dekadentes System.
      4 4 Melden
  • blaubar 15.04.2018 09:13
    Highlight Die Russen verstehen eben mehr von ROTEN Linien als die Amis.
    3 2 Melden
  • Beat Galli 15.04.2018 07:24
    Highlight Mit amerikanischen Steuergelder Syrisches Volkseigentum Zerstört. Kein einziger Syrer habe ich bislang vernommen der in den Medien um amerikanische türckische iranische russische Einmischung gebeten hat. Niemand der bislang gesagt hat „befreit und“ Es sind Anlagen die mit oder ohne Asaad den Syrern gehören. Alle wollen einen starken Partner der ein Bollwerk errichtet gegen die bösen.
    Zuerst mal alles zu Brei schlagen, und dann jammern dass die Region einfach nicht ruhig wird.
    Alles scheinheiliges Gewäsch.
    36 21 Melden
    • Enzasa 15.04.2018 12:06
      Highlight Wenn du bisher keinen einzigen Syrier gehört hast, der um Hilfe rief, schaust du einfach die falschen Medien.
      7 5 Melden
  • Mafi 14.04.2018 23:47
    Highlight Putin will definitiv keinen offenen Krieg. Das ist im zu riskant. Er spielt nur mit den Grenzen von dem, was der Westen ihm erlaubt, und übertritt es jeweils ganz leicht, um diese Grenzen mehr und mehr zu verschieben.
    58 21 Melden
    • Siebenstein 14.04.2018 23:55
      Highlight Da bin ich nicht ganz sicher. Es ist durchaus denkbar, dass ihm der offene Krieg recht ist, aber er will vorher erst erreichen, dass ihm die westliche Zivilbevölkerung dazu Beifall klatscht...
      29 28 Melden
    • Pafeld 15.04.2018 02:15
      Highlight Der russische Rüstungsetat ist ein Bruchteil des amerikanischen. Nein, Putin will keinen offenen Krieg. Die russischen Streitkräfte befinden sich schon lange nicht mehr auf dem Niveau des kalten Krieges. Und wenn die Rebellen im Falle eines Putsches den russischen Marinehafen in Damaskus in Ruhe lassen, wird sich Putin irgendwann mal gut überlegen, ob er sein Gesicht gegenüber dem Westen für Assad opfern will.
      18 5 Melden
    • DerTaran 15.04.2018 03:28
      Highlight Ein offener Schlagabtausch mit dem Westen besonders mit den USA wäre politischer Selbstmord, weil Russland dabei, immer noch, gnadenlos unterlegen wäre, trotz horrender Ausgaben für die Rüstung. Den ganzen Stolz den man sich mühsam wieder erarbeitet hätte, wäre mit einem Schlag wieder weg.
      20 10 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Siebenstein 14.04.2018 23:46
    Highlight Die Inszenierung Putins als besonnener Staatsführer kommt ja offensichtlich auch bei vielen hier gut an, die Propaganda wirkt...
    88 65 Melden
    • Siebenstein 15.04.2018 11:47
      Highlight Manchmal verwirrt mich die Verteilung der Herzen und Blitze 🤔
      3 5 Melden
    • Sebastian Wendelspiess 15.04.2018 15:09
      Highlight Warum? Dein Kommentar ist BS. Er „inszeniert“ sich ja nicht als besonnen, er ist es, sonst hätten wir seit 5 Jahren und den dauernden Provokationen des Westens bereits eine agressive Antwort von Putin erhalteb. Das „agressivste“ war die Rückholung der Krim, ohne ein Schuss ab zu geben.
      2 4 Melden
    • Mandelbrot 15.04.2018 18:54
      Highlight Die Besonnenheit Putins ist sicher nicht "inszeniert". Das wäre eine Unterstellung.Dieselbe Besonneheit stellt man auch fest in den Kommentaren von SANA (Syrian Arab News Agency), in den Kommentaren des syr.UNO-Botschafters Al-Jaafari und vor allem in der syrischen Bevölkerung. Im Unterschied zu den oft provokativen und aggressiven Äusserung westl.Medien, dominiert hier Sachlichkeit in einer eher nüchternen Sprache. Warum stört soviel Gelassnheit den Westen ? Diesbezüglich hat er die rote Linie längst überschritten.
      1 0 Melden

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